Archive für September 2009

Arbeiten an der Leistungsgrenze

Hamburg setzt 15 zusätzliche Streifenwagen ein – hat jedoch 120 Polizisten zu wenig.

Ein Kommentar von Thomas Köhler, Hamburg

Peterwagen Nähe Hamburger Hauptbahnhof, Fotograf: Thomas Köhler Foto: Streifenwagen der Hamburger Polizei. (Thomas Köhler) 

Hamburg – Nachdem über 100 Pkw in Hamburg in Flammen aufgegangen sind, schlägt die Polizei zurück. Jetzt will sie 15 Streifenwagen mehr einsetzen. Mit ihnen will sie der zunehmenden Unsitte Herr werden, aus politischen oder rachsüchtigen Motiven heraus Eigentum anderer Menschen in Flammen aufgehen zu lassen. Das Ansinnen der Polizei ist löblich, sorgt doch die Häufung dieser Delikte in den zurückliegenden Wochen für spürbare Ängste bei den Hamburgern. Es ist richtig, mit mehr Beamten vor Ort zu sein, um dort schnell reagieren zu können.

In seinem Buch „Die deformierte Gesellschaft“ macht der renommierte Soziologe Meinhard Miegel ein mögliches Szenario so fest: „Ein Staat, der dieses zunehmende Sicherheitsbedürfnis nicht mehr zu befriedigen vermag, wird schonungsloser als bisher als Versager gebrandmarkt. Früher oder später werden die Bürger sein Gewaltmonopol infrage stellen und ihre Sicherheit selbst organisieren.“

Soweit darf es nicht kommen. Deshalb ist der Ansatz der Polizeiführung richtig. Leider sind die angesammelten Überstunden der Polizisten exorbitant hoch – stehen im Widerspruch zum erklärten Ziel. „Allein 900.000 haben sich bei der Hamburger Polizei angesammelt“, sagt Joachim Lenders von der Deutschen Polizeigewerkschaft. Sein Kollege Uwe Koßel von der Gewerkschaft der Polizei Hamburg sieht es gar drastischer: „Wir sind auf dem Weg in den Kollaps. Wir sind zu wenig, auch wenn die Politik etwas anderes behauptet.“ Der Polizei fehlen derzeit 120 Beamte. Wer soll da die 15 zusätzlichen Streifenwagen fahren? Oder saßen die dafür jetzt vorgesehenen Beamten vorher nur herum? Aufklärung ist angesagt. Den Beamten in den Revieren und Peterwagen braucht kein Vorwurf gemacht zu werden. Sie arbeiten an der Leistungsgrenze oder gar darüber hinaus.

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Alte Landwirtschaftstechnik in der Altmark

Deutz-Einzylinder-Verdampfermotor. Fotograf: Thomas Köhler Foto: Deutz-Einzylinder-Verdampfermotor. (Tom T.  Köhler)

Jeetze – Eine Kurbel steckt an einem großen metallenen Schwungrad. Starke Männerarme drehen sie kraftvoll, immer schneller. Alle Augen starren gespannt auf das schwarze Ungetüm, welches plötzlich aus seinem Schlaf erwacht. Es schnauft, qualmt aus dem rostigen Auspuff, rumpelt, stottert, braucht eine Weile, bis es rund läuft. Dieses ölige Monstrum nennt sich Deutz-Einzylinder-Verdampfermotor und ist bald 90 Jahre alt. Der Motor ist der Star unter den landwirtschaftlichen Geräten aus der Vorkriegszeit, die am zurückliegende Wochenende noch einmal in Jeetze in der nördlichen Altmark zum Leben erweckt werden.

Erntevorgang aus der Vorkriegszeit wird präsentiert

Bauer Wilhelm Sasse, den alle nur Willem nennen, hat seine Freunde vom Mühlenverein um sich geschart, um die aufwendige Technik im Betrieb zu zeigen. „Den Mähbinder haben wir nach 13 Jahren aus der Scheune gezogen, auf das Feld gebracht und er hat gearbeitet“, so Sasse vor den versammelten 25 Zuschauern, „es war nicht eine Garbe, die er nicht gebunden hat!“. Auf dem Mühlenberg wird der gesamte Vorgang der Ernte dargestellt. Dazu sind auch die entsprechenden Maschinen zu sehen. „Mein Vater war früher mit seiner Technik unterwegs. Leute, die keine Dreschmaschine besaßen beschäftigten ihn als Lohndrescher“, sagt Sasse, „nun wollen wir einen Riemen auf die Orgel schmeißen!“.

Dreschmaschine Erica, Baujahr 1923, aus Bevensen

Der Motor ist der schwergewichtige Antrieb für den Arbeitsgang nach der Mahd, dem Ernten des Getreides. Dieser treibt über einen langen Lederriemen die einige Meter entfernt stehende Dreschmaschine an. Über dem Motor sitzt ein ovaler Behälter, in den Wasser eingefüllt wird, welches zur Kühlung dient. Es  verdampft allmählich und wenn eine weiße Wolke aus dem Kühltank aufsteigt, ist es höchste Zeit, nachzufüllen. Der handbreite Lederriemen läuft in einer Höllenfahrt über ein Metallrad an der Dreschmaschine und setzt die aufwendige Mechanik in Bewegung. Die Dreschmaschine ist eine ehrwürdige Erscheinung in altrot, Baujahr 1923. Sie hört auf den Namen Erica und wurde in Bevensen gebaut. Das unförmige Dreschwerk nimmt sich riesig aus zu den zierlichen, handbemalten, hölzernen Speichen der metallbeschlagenen Räder. Diese sind mit Keilen gesichert, damit sich die Maschine beim Betrieb nicht fortbewegt.

Bei der Arbeit. Foto: Thomas Köhler Foto: Bei der Arbeit. Foto: Tom T. Köhler

Motor nach zehn Jahren wieder in Betrieb genommen

Die gebundenen Garben werden mit einer Forke vom Hänger gehoben und zwei Männer nehmen sie ab, verteilen sie gleichmäßig in den Trichter. Die Helfer haben zünftiges Blauzeug an, Strohhüte auf. Unter ihnen bewegt sich die umfangreiche Mechanik, die Rüttelplatten und Transporttücher dazu bringen, die ausgedroschenen Halme der Presse zuzuführen. Am anderen Ende der Maschine rieseln Körner unaufhörlich durch Trichter in angehangene Säcke. Der würzige Duft eines wogenden Feldes, kitzelt in der Nase. Die Helfer ölen die Lager des Motors, der vergnügt tuckert, nachdem er sich warmgelaufen hat. „Der frisst sogar Rohöl“, so Wilhelm Sasse. „Der Sprit, der drin war, ist noch vom letzten Mal. Und es ist zehn Jahre her, dass wir die Maschinen in Betrieb hatten“. Der Motor steht auf breiten, verölten Bohlen, die wie Schlittenkufen an den Enden geformt sind. Nur vier kräftige Männer schaffen es mit vereinten Kräften, diesen Brocken zu bewegen. Immer wieder sammeln sich technikbegeisterte Männer um den Veteranen der Landwirtschaft. „So schwer war die Arbeit damals, heute macht das ein einziger Mäher während der Fahrt“, so ein Besucher. Ein anderer: „Den Motor hätte ich auch gern, was könnte man damit alles antreiben.“

Strohballen wie von Hexenhand gebunden

Inzwischen hat sich der Morgennebel etwas gelichtet und die Sonne bescheint freundlich die Szenerie. An einem kleinen Stand gibt es Wurst vom Grill, gebrannten Korn und ein kühles Blondes. „So sieht man, was aus Getreide alles entstehen kann. Prost!“ Wilhelm Sasse stößt mit einem Korn auf die gelungene Vorführung an. Doch die Pflicht ruft. Aus der Dreschmaschine rutschen über ein Holzgitter die ausgedroschenen Halme in die metallene Bindemaschine. Sie ist im Gegensatz zur Dreschmaschine ungepflegt, rostig, teilweise sandgelb, ruht auf ihren verkeilten Metallrädern. Auch an ihrer Seite ein fast metergroßes Metallrad, auf dem der lederne Riemen läuft. In ihrem Inneren, insektengleich, ungezählte dünne Metallstäbe, die das ankommende Stroh kämmen und gleichmäßig fassen. Am anderen Ende schaufeln metallene Greifer die wie von Hexenhand gebundenen Ballen auf eine hölzerne Rutsche, schieben die Bunde immer höher auf der schiefen Bahn gen Himmel. Fachkundig erklärt Sasse den Besuchern die Technik: „Je mehr Ballen auf den Balken liegen, umso höher ist der Widerstand, den die Presse überwinden muss.  Umso fester werden die in der Maschine gepresst.“

Schaulustige bestaunen die alten Maschinen. Foto: Thomas Köhler Foto: Schaulustige bestaunen die alten Maschinen. Foto: Tom T. Köhler

Männer aus echtem Schrot und Korn

Seine Helfer, von der Sonne verwöhnt, rufen schon nach einer Unterbrechung. Auch sie haben sich ihr Bier redlich verdient, glauben sie zu diesem Zeitpunkt. Doch Sasse verweist auf die Ballen: „Ein paar brauchen wir noch. Den Rest machen wir nachmittags.“ Also heißt es noch mal Anpacken. Henry, ein Kerl wie ein Baum, schnappt sich die gepressten Ballen, schichtet sie akkurat aufeinander. Henry hat sich seinen Traum von einem Traktor Lanz Bulldog erfüllt. Er treckert nun mit dem Oldtimer durchs Dorf. Oben auf der Dreschmaschine schwitzen die Helfer inzwischen. Nicht nur die Arbeit, auch der Stand ist nicht leicht. Die ganze Maschine schwankt und rumpelt, gibt den Füßen keinen sicheren Halt. Da sind Männer aus echtem Schrot und Korn gefragt. Nichts für verwöhnte Städter. Die Männer verbindet die Liebe zur alten Technik, aber verschieden sind sie doch. Auf der Presse Malermeister Heinz, dessen Augenwinkel hinter der dünnrandigen Brille von Lachfalten gefurcht sind. Neben ihm Maik, schlank und durchtrainiert, der sich gerade ein kleines Häuschen ausgebaut hat.  Vom Hänger reicht Axel das Stroh zu. Er ist Schlosser und Leiter der Jugendfeuerwehr. Anführer der bunten Truppe ist Willem, freundlich und bestimmt zugleich. Ein kleiner Buckel zwingt ihn zu einer leicht gebeugten Haltung. Sein Herz ist auch nicht mehr das jüngste. Die schwere Arbeit muss er jüngeren überlassen. Axel: „Ohne Willem gäbe es wohl keine Vorführungen wie diese.“ Endlich ist Pause. Besucher und Helfer sammeln sich zur Stärkung am Partyzelt. Der Grill spendet verführerischen Duft, die Zapfanlage zischt und ein Lachen weht über den Mühlenberg. Willem spendiert eine Lage Bier für die Helfer, die mit lautem Hallo begrüßt wird. Arbeit macht hungrig. Dem hilft ein junger Mann ab, der sich mit Feuereifer am Grill zu schaffen macht.

Regenschauer beendet Vorführung

Am Nachmittag gibt es noch einmal eine Vorführung. Inzwischen schieben sich drohend dunkle Wolken zusammen. Jetzt heißt es aufpassen. Nach dem letzten Ballen fassen alle mit an, ziehen riesige Planen über die kostbaren Geräte. Die Dreschmaschine besteht zur Hälfte aus Holz, deshalb ist Willem ist wachsam. Kaum haben unzählige Hände geholfen, bricht sich der Himmel Bahn. Ein Guss wie aus Eimern wird von einem kräftigen Wind über den Berg getrieben. Eng beieinander sammeln sich die Getreuen unter dem Zelt. Die aufkommende Kühle wird durch die Glut des Grills gemindert. Ein Schauer kann die Jeetzer nicht erschüttern. Das machen wir wieder, so die einhellige Meinung der Technik-Enthusiasten.

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Tapfer geschlagen – Piratenpartei kämpft mit wenig Geld

Piratenparteiflagge ueber Brandenburger Tor. Fotograf: Olaf Haensel, Piratenpartei Foto: Piratenpartei zeigt Flagge am Brandenburger Tor. (Olaf Haensel, Piratenpartei)

Hamburg / Berlin – Im Hamburger Corvey-Gymnasium im Bezirk Eimsbüttel stürmen am Ende einer Podiumsdiskussion rund 200 Jungwähler zu den Werbegeschenken der anwesenden Parteien. Alle haben etwas mitgebracht: die SPD, die CDU, die FDP, die Grünen und Die Linke. Nur der Vertreter der sechsten Partei im Bunde, der sich tapfer der Diskussion in der Aula stellte, entschuldigt sich vorab. Der Bundesschatzmeister der Piratenpartei, Bernd Schlömer, sagt: „Unser Budget ist so eng bemessen, dass wir einfach keine Werbegeschenke verfügbar haben. Wir konzentrieren uns zurzeit mit Buttons, Kugelschreiber und Flyer auf die Infostände.“ Er habe jedoch noch ein paar wenige Flugblätter der Partei aus Berlin dabei. Ihm schallt darauf lautes Gelächter  der Oberstufenschüler entgegen.

Jungwähler nehmen Argumente an

Überhaupt macht Schlömer den jungen Leuten viel Spaß an diesem Donnerstagabend vor einer Woche. Immer wenn er zu Wort kommt, feixen, kichern oder lachen die Schüler. Doch je länger der 38-jährige Sozialwissenschaftler von der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr seine Argumente vorträgt, desto interessierter hören ihm die Jungwähler zu, umso ernster nehmen sie ihn. Am Ende gibt es meist einen langen Applaus für seine Ausführungen.

Ein-Themen-Partei

Dabei hat es Schlömer mit seinem stilechten rötlichen Piratenbart und in seinem schwarzen Anzug, unter dessen Jackett ein schwarzes Piraten-Partei-T-Shirt hervorschaut, anfangs nicht leicht. Viele nehmen ihn aufgrund der Optik nicht ernst. Zu einigen Themen sagt er: muss er erst einmal sagen, „dazu haben wir noch nichts im Programm stehen.“ Es geht an diesem Abend, der vom dritten Semester des Gemeinschaftskundeleistungskurses organisiert ist, um die Themen Außen-, Wirtschafts-, Bildungs- und Umweltpolitik. Schlömers Partei setzt sich als sogenannte Ein-Themen-Partei für die informelle Selbstbestimmung ein. „Es geht ihr um den freien Zugang zu Wissen und Kultur übers Internet sowie um die Wahrung der Privatsphäre und den Datenschutz“, so die Bundeszentrale für politische Bildung in ihrer Parteienanalyse im Internet.

Bordkapelle der Piratenpartei. Fotograf: Cornelius Bartke, Piratenpartei Foto: Bordkapelle der Piratenpartei. (Cornelius Bartke, Piratenpartei)

Piratenfloß auf der Spree

In Berlin fährt einige Tage später ein Holzfloß, angetrieben von einem Außenbordverbrennungsmotor über die Spree. Zwei Piratenflaggen hängen achtern an der Holzkonstruktion fast bis ins Wasser – eine ist orangefarben, die andere schwarz. Auf ihnen steht „Piratenpartei“. Immer wieder legt das Floß am Ufer an. Die Besatzungsmitglieder der wackligen Floßkonstruktion gehen an Land und verteilen Flugblätter der Partei an potentielle Wähler.

Kanzlerin Merkel schmunzelt über Piraten-Flashmob

„Wir machen mangels Geld einen kreativen Wahlkampf“, sagt Bundesschatzmeister Bernd Schlömer. Die Partei habe knapp 200000 Euro zur Verfügung. Doch das sei „wirklich sehr wenig“. Und noch profitierten die Piraten nicht von der staatlichen Parteienfinanzierung. Zwar sei bei der Europawahl und der Sachsenwahl die jeweilige Mindesthürde für die Staatszuschüsse von 0,5 beziehungsweise 1,0 Prozent genommen worden, doch Geld fließt deshalb noch nicht. Schlömer: „Wir haben es bisher versäumt, die Rechenschaftsberichte zu erstellen.“ Und weil das Geld knapp bemessen ist, sind die Parteimitglieder überall in der Republik mit ihren unkonventionellen Wahlkampfaktionen unterwegs. „Unsere Mitglieder gehen oft zu den Wahlkampfveranstaltungen der großen Parteien und zeigen dort Flagge“, sagt Anne Alter, Pressesprecherin des Hamburger Parteiablegers. Dort ist dann die meist orangefarbene Fahne mit dem stilisierten schwarzen Piratensegel zu sehen. Bei Angela Merkels Auftritt in Hamburg am vergangenen Freitag zeigten die Piraten Schilder in die Luft. Darauf stand einfach nur: „Yeah!“ Stiller Protest auf eine fast liebenswerte Art, organisiert im Internet als sogenannter Flashmob. Auch die Kanzlerin schmunzelte gelegentlich auf der Übertragungsleinwand über diese Aktion.

Entern von Großbankchefetagen

Eine andere Wahlkampfidee sieht so aus: Das stilisierte Segel wird von den Piraten nachts in Großstädten auf dunkle Hochhausfassaden projiziert. Jedermann sieht das Parteilogo, zum Beispiel auf den Türmen der Großbanken in Frankfurt. Die Aussage dahinter: Piraten erobern die Chefetagen der gierigen Manager. Auch mit Sprüchen, die an Piratenmythen erinnern, versucht die Partei zu punkten. So fordert sie: „Klarmachen zum Ändern“, in Anlehnung ans Entern, oder: „Jeder von Euch hat einen Änderhaken!“

Piratenparteilogo am Raiffeisenbank-Turm in Frankfurt am Main. Foto: Piratenpartei Hessen Foto: Das Piratenparteilogo auf dem Raiffeisenbank-Turm in Frankfurt. (Piratenpartei Hessen)

Piraten fordern eigenes Ministerium

Die Piratenpartei Deutschland ist im August drei Jahre alt geworden. Sie wurde 2006 nach dem Vorbild der schwedischen Piratpartiet gegründet. Dort erzielte die junge Partei bei der Europawahl mit sieben Prozent ein Überraschungsergebnis. Ein Pirat aus Schweden ist ins Europaparlament eingezogen. Auch in Deutschland ist die Kleinpartei seitdem auf der Erfolgsspur. Hatte sie im Mai dieses Jahres noch 936 Mitglieder, so waren es am 1. September 7000. Zum Vergleich: Die Grünen haben rund 45000, die FDP 66000 und die Linke 76000 Mitglieder. Doch die Piratenpartei hat inzwischen die rechtsextreme NPD mit 7000 Mitgliedern überholt. Am 21. September konnte die Piratenpartei auf einer Pressekonferenz mitteilen, dass sie inzwischen 8600 Mitglieder habe. Selbstbewusst fordert die Partei nun ein eigenes Ministerium für die Wissens- und Informationsgesellschaft, sollte sie an der Regierung beteiligt werden.

Bei Umfragen bisher keine Chance

Die Demoskopen sehen das zurzeit nicht. In Umfragen liegt die Partei bundesweit sehr deutlich unter fünf Prozent. Immerhin: In Sachsen erzielten die Piraten am 30. August 1,9 Prozent der abgegebenen Stimmen, in Aachen und Münster sind sie jetzt mit je einem Vertreter in die Stadtparlamente eingezogen. Doch noch sind viele Wähler unentschlossen – etwa ein Viertel. Das könnte den Piraten am Sonntag noch einen Überraschungscoup bescheren.

Bernd Schlömer, Bundesschatzmeister der Piratenpartei, bei Diskussion in HH. dest Foto: Bernd Schlömer, Bundesschatzmeister der Piratenpartei, bei Jungwählern in Hamburg. (dest)

Politiker sollen Beschlüsse transparent machen

In der offensichtlich lange nicht renovierten Aula des Corvey-Gymnasiums sitzen die Schülerinnen und Schüler auf alten Holzstühlen oder Tischen. Sie interessieren sich für Wirtschaftskrise und Opelrettung. Auch Schlömer wird befragt. Er sagt frei heraus: „Wir beschränken uns zurzeit darauf, unsere Kernziele zu vertreten und durchzusetzen. Wir werden uns immer nur dann programmatisch anderen Themen zuwenden, wenn die Zeit dafür gekommen ist.“ Wieder hörbares Kichern von den Mädchen und Gelächter von den Jungs. Doch dann kann Schlömer die Jugendlichen in Sachen Opel doch auf seine Seite ziehen. Er sagt mit seiner durchweg ruhigen, tiefen Stimme ins Mikrofon: „Wir haben von den derzeitigen Politikern erlebt, dass sie Steuermittel bereitstellen, ohne dass ersichtlich wird, wie sie die Beschlüsse dazu gefasst haben.“ Er kritisiert, dies geschehe meist hinter verschlossenen Türen. „In den USA sind die Bosse der Automobilkonzerne öffentlich angehört worden. Sie wurden gefragt, wie sie von Detroit nach Washington gekommen seien. Als sie sagten, sie seien mit Privatjets geflogen, gab es kein Geld von den US-Politikern.“ Tosender Applaus von den Gymnasiasten – zustimmendes Kopfnicken.

Freier Zugang zu Wissen und Bildung

Und auch beim Thema Bildungspolitik kann der Pirat mit Blick auf die Ausstattung des Gymnasiums punkten. „Schulen, Berufschulen, Hochschulen brauchen eine bessere Ausstattung. Alle Menschen haben ein Recht auf einen freien Zugang zu Wissen und Bildung. Deshalb sind wir gegen Studiengebühren.“ Wieder ein langer Beifall von Seiten der Jugend. „Wir sind gegen das Zwangsaussortieren von Kindern nach der vierten Schulklasse. Wir müssen ihnen länger eine Chance geben – mindestens sechs Jahre lang im gleichen Klassenverband. Und wir wollen nicht, dass sich junge Studenten verschulden müssen, wenn sie etwas lernen wollen“. Solche klaren Aussagen und Positionierungen sind an diesem Abend von den anderen Parteivertretern nicht zu hören. Sie streiten sich hingegen darüber, wer in den vergangenen Jahren verantwortlicher war, für die jetzige Bildungsmisere. Am Ende der Diskussion ist Schlömer dennoch bescheiden. Ob der Einzug in den Reichstag gelingt, vermag er nicht zu sagen. Doch bei der nächsten Wahl dürfte der Wahlkampf einfacher werden, sei er sich sicher. Dann verfügt die Partei über einen kleinen Piratenschatz: Geld aus der staatlichen Parteienfinanzierung.

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XXL-Brille gegen XXL-Kleidung eingetauscht

Strauchburg staunt. Ansichten eines Durchreisenden. Diesmal zu den Veränderungen im Osten der Republik 20 Jahre nach dem Fall der Mauer.

An dieser Stelle finden Sie in unregelmäßigen Abständen die Beiträge des Durchreisenden Heiko D. von der Strauchburg. Er glossiert einige seiner Erlebnisse aus ganz Deutschland. Lassen Sie sich von seiner Sicht der Dinge zum Nachdenken oder Diskutieren inspirieren.

Vorpommern – Am vergangenen Wochenende war ich in MeckPom unterwegs. Das ist keine neue Pommes-Marke, sondern ein inzwischen fast 19 Jahre altes Bundesland der Bundesrepublik Deutschland. Ausgeschrieben heißt das: Mecklenburg-Vorpommern. Wichtig, vor allem für unbelehrbare Besser-Wessis: Bei der Aussprache sagt der Kenner: Meeklenburg-Vorpommern und nicht: Mekklenburg-Vorpommern. Da trennt sich die Spreu vom Weizen! Das habe ich gleich nach der Wiedervereinigung lernen dürfen, als ich schon mal neugierig gen Nordosten gefahren bin, während der gute Besser-Wessi sagte: „Ich bleib’ hier! Auch hier kann ich die Ossis sehen, wenn sie das Begrüßungsgeld abholen und ausgeben – notfalls im Fernsehen.“

Damals fand ich übrigens, dass in Mecklenburg-Vorpommern die hübschesten Mädchen der Welt leben, obwohl sie diese merkwürdige Mode der real existierenden Deutschen Demokratischen Republik, genannt DDR, trugen. Die Brillen waren wirklich XXL – und die Dauerwellen auch, und die Jeansröcke ziemlich uncool. Die Bild-Zeitung schrieb DDR damals noch in Anführungszeichen. Doch für die Mode konnten die Mädels ja nichts, dachte ich mir seinerzeit – die Körpermaße überzeugten dafür um so mehr – und die waren nicht Folge einer Hungersnot, wie es sie seinerzeit schon in der UdSSR gab - und nur wenige Zeit später auch in der DDR gegeben hätte. Und, wie hieß es zu Erich Honeckers Zeiten: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“ Zum Glück lernten die DDR-Bürger irgendwie anders, eher vom Westfernsehen – lernten die Deutsche Mark verehren.

Jetzt war ich also wieder dort – habe mir ein Zimmer in Torgelow genommen und es mit Euro bezahlt. Sie wissen nicht, wo das liegt? Ich vorher auch nicht! Ich bin dort einfach nur mal hingefahren, und habe kurz vor der polnischen Grenze Halt gemacht, denn meine Tankfüllung ging zur Neige. An den neuen Autobahnen im Osten der Republik gibt es nämlich nur ganz wenige Tankstellen. Ich dachte mir: Aha, deshalb wird die A20 im Westen von den Grünen blockiert. Es wird wohl zu wenig Bio-Diesel verkauft an der neuen Ostseeautobahn.

In Torgelow konnte ich schließlich tanken. Dort gab es auch das freie Zimmer. Ich hatte freie Auswahl, denn an vielen Häusern stand: “Zimmer frei!”. Dort legte ich mich schlafen. Am nächsten Morgen wurde ich geweckt – jedoch nicht von meinem Wecker, den hatte ich gar nicht mit. Ein Nachbar hörte das Lied einer deutschsprachigen Sängerin. Bisher kannte ich nur Nicole und Andrea Berg. Jetzt weiß ich, es gibt wohl auch eine Annett. Und die sang von einer Rose für ihr Deutschland. Sie legte diese Rose auf die Erde und weinte Krokodilstränen, wegen all der Fremden in unserem schönen Land.

Dann fuhr ich bei Tageslicht die wunderschönen Alleen MeckPoms entlang. Überall an den Bäumen und Laternenpfählen sah ich DIN-A-1-große Wahlplakate hängen. Doch komisch, dachte ich mir, irgendwie waren die alle ziemlich rot und weiß – manche auch mit ein bisschen schwarz darin. „Poleninvasion stoppen!“, stand da, oder „Kämpft!“. Ziemlich rechts- beziehungsweise linksradikal, dachte ich mir. Und nirgendwo sah ich meine Kanzlerin oder meinen, ihr untergebenen Außenminister von den Plakaten lächeln. Dann kam ich an eine breite Kreuzung. Da sah ich beide, übermenschlich groß. Die Welt war wieder in Ordnung für mich, für den Augenblick.

Danach fuhr ich schnell in den Westen zurück, stoppte bei Stralsund – einer ehemals liberalen Hansestadt. Bei einem bekannten amerikanischen Schnellimbiss stieg ich aus, hatte großen Hunger. Dort traf ich unerwartet all die Mädchen von damals wieder. Sie mampften Burger, tranken zuckersüße Cola, hatten ihren Nachwuchs dabei. Fast 19 Jahre blühende Landschaften sowie Sozialhilfe und Hartz-IV-Förderung haben ihre Spuren hinterlassen. Dauerwellen und große Brillen sind jetzt verschwunden, dafür ist die Kleidergröße jetzt XXL geworden, bei Frauen und Kindern, bei den Männern sowieso. Darüber werde ich jetzt bis nach der Wahl nachdenken müssen, glaube ich.

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Zukunftswochen: Würstchen im Solarkocher

Hamburg - Während der Hamburger Zukunftswochen 2009 gibt es bis zum 4. Oktober auf verschiedenen Veranstaltungen Informationen über umweltfreundliches Verhalten im Alltag. Rund 30 der über 100 Angebote richten sich auch an Kinder. Was tut Hamburg abseits der Zukunftswochen für Kinder, die Nachhaltigkeitsgestalter von morgen? Frauke Frackenstein im Gespräch mit Regina Marek, Gestaltungsreferentin für Umwelterziehung in Hamburg:

Welche Projekte zum Thema Nachhaltigkeit gibt es an Hamburger Schulen?

Seit 15 Jahren gibt es die Ausschreibung „Umweltschule in Europa – Internationale Agendaschule“. Anfangs wurden acht Schulen ausgezeichnet, in diesem Jahr sind es 35. Besonders wichtig ist vielen das Thema Wasser und Wasser sparen. Am Alexander-von-Humboldt-Gymnasium gibt es zum Beispiel Trinkwasserbrunnen für die Schüler. Andere haben die Durchlaufmenge der Wasserhähne geprüft und richtig eingestellt. Viele haben sich mit Klimawandel und Klimaschutz beschäftigt: kurz und kräftig lüften, die Heizung einstellen, zu Fuß zur Schule gehen. 22 Schulen werden im Rahmen des neuen Projekts „Klimaschutz an Schulen“ gesucht, um einen Klimaschutzplan mit Kohlendioxid-Einsparungen zu erstellen und an ihrer Schule umzusetzen. Bis 2012 sollen 200 allgemeinbildende Schulen einen solchen Plan erstellt und umgesetzt haben.

Und die weiteren Themen der Zukunftswochen, wie fairer Handel, bewusstes Genießen, nachhaltiges Wirtschaften, Zukunftsgestaltung der Stadt?

All diese Themen sind verbindlich vorgesehen. „Fair & Öko“ ist ein Unterrichtsthema. Und in der Pause gibt’s Öko- und fair gehandelte Produkte. Oder Bio-Milch, aus „fifty/fifty“-Geldern finanziert. „fifty/fifty“ bedeutet: Wenn Schulen in den Bereichen Abfall, Energie, Wasser Einsparungen erzielen, gibt’s 50 Prozent davon auf das Selbstbewirtschaftungskonto der Schule. Damit können sie neue Projekte starten – vielleicht eine Solarstromanlage auf dem Dach. Wichtig ist bei all dem das „nachhaltige Lernen“: möglichst viele Sinne ansprechen, den Lehrstoff sinnlich mit Experimenten erfahren, Fragestellungen selbstständig bearbeiten, die Ergebnisse präsentieren – das kommt zu 90 Prozent im Kopf an.

Sind Kinder am Unterricht zu nachhaltigen Themen interessiert?

Ja. Wenn’s dazu Experimente gibt oder Exkursionen, die viele Sinne ansprechen.

Welche Hamburger Schulen haben sich dabei besonders hervorgetan?

Die Umweltschulen, die wir auszeichnen, sind über ganz Hamburg verteilt. Vorbildlich sind das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium und die Schule Lokstedter Damm, beide seit 15 Jahren Umweltschule. Aber es gibt auch Schulen, die jetzt zum ersten Mal prämiert wurden. Und es werden immer mehr.

Werden die Eltern miteinbezogen, damit nachhaltiges Verhalten auch in der Familie gelebt wird?

Am Zentrum für Schulbiologie und Umwelterziehung in Klein Flottbek gibt es Wochenend- und Geburtstags-Programme für Familien, die sehr gut angenommen werden. Da werden zum Beispiel Solarkocher gebaut. Das Wasser zu erhitzen, um Würstchen darin zu erwärmen, dauert zwei Stunden – aber dann haben die Kinder einen eigenen Solarkocher. Oder es werden Teiche untersucht – was lebt denn da drin? Oder Kresse und Pfefferminze von der Kräuterspirale gesammelt – das bleibt im Kopf! Kinder sind viel nachhaltiger als Erwachsene. Die kommen gern zu Fuß zur Schule. Und wenn sie hören, dass dem Gorilla der Lebensraum durch Abholzung geraubt wird, macht sie das betroffen. Dann wollen sie etwas dafür tun, unsere Umwelt zu erhalten – vielleicht ein Bachufer bepflanzen. In der Oberstufe kommen Partnerschaften mit anderen Ländern gut an. Zum Beispiel Hilfe beim Bau einer Solarstromanlage in einer Patenschule in Gambia. Wir sind auf einem guten Weg, denke ich.

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Nur ein Direktkandidat bei Jungwählern

Danial Ilkhanipour, SPD-Direktkandidat HH-Eimsbüttel. Foto: Danial Ilkhanipour (SPD) bei der Podiumsdiskussion. (dest)

Hamburg-Eimsbüttel – Als einziger von insgesamt sieben Direktkandidaten des Stadtbezirks Eimsbüttel kam am Donnerstagabend Danial Ilkhanipour (SPD) zu einer Podiumsdiskussion ins Corvey-Gymnasium. Alle anderen Bundestagskandidaten ließen sich vor den über 200 Jungwählern von Parteifreunden entschuldigen und vertreten – sie hätten andere Termine. Unter den Mitbewerbern Ilkhanipours sind immerhin die beiden Spitzenpolitiker Krista Sager (Grüne) und Burkhart Müller-Sönksen (FDP). So erfuhren die Gymnasiasten die Wahlversprechen ihrer Bezirkskandidaten nur aus zweiter Hand, konnten ihre möglichen Abgeordneten nicht zu Themen des Bezirks befragen. An der Diskussion nahmen neben Ilkhanipour Vertreter der CDU, FDP, Die Linke, Grüne und der Piratenpartei teil.

Ilkhanipour führt bürgernahen Wahlkampf

Deshalb konnte Ilkhanipour bei den jungen Leuten punkten. „Ich kenne die Probleme Eimsbüttels sehr genau. Ich bin hier aufgewachsen. Ich stehe jeden Tag zwei Stunden mit dem Auto im Stau. Deshalb weiß ich, was geändert werden muss“, sagte der 27-Jährige mit iranischem Migrationshintergrund. Der gebürtige Elmshorner führt in diesen Wochen aus seiner Sicht einen bürgernahen Wahlkampf, denn er wolle jeden Eimsbüttler bis zur Wahl mindestens einmal getroffen haben. „Dazu stehe ich morgens um 6.30 Uhr an den U-Bahn-Stationen.“ Jeder Wähler solle die Möglichkeit zu einem Gespräch erhalten, „damit sie sehen, dass ich viel netter bin, als sie es in der Zeitung über mich gelesen haben“.

SPD-Kandidat benötigt die meisten Erststimmen

Ilkhanipour hatte sich im November 2008 gegen den derzeitigen und bundesweit bekannten SPD-Bundestagsabgeordneten Niels Annen in einer geheimen Wahl mit 45:44 Stimmen durchgesetzt. Dies führte über Monate zu einem Streit in der Eimsbüttler SPD. Sie gilt seitdem bei vielen Parteimitgliedern und in der Öffentlichkeit als zerstritten. In den Bundestag wird Ilkhanipour nur als direkt gewählter Kandidat einziehen können, weil er keinen Platz auf der SPD-Landesliste erhalten hat.

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Stephen King, Vollstrecker einer Tradition

Bestseller-Autor Daniel Kehlmann und der Essayist Joachim Kalka widmen sich der Literatur des Schreckens. Ein Besuch beim neuen Literaturfestival Harbourfront.

Hamburg - Die Glocke des Michels schlägt; laut und deutlich ins Dunkle dieser Nacht hinein. Zum Glockenschlag um 20 Uhr herrscht Ruhe im Pressehaus - bei Gruner+Jahr an diesem Dienstagabend, 8. September 2009. Nach einer kurzen Eröffnungsrede, die einleitend das Thema der heutigen Veranstaltung vorstellt, nämlich „Stephen King und andere“, betreten die beiden Protagonisten Daniel Kehlmann und Joachim Kalka die Bühne. Angst als Thema, das wohlige Schauer beim Lesen von Horrorgeschichten auslöst. Daniel Kehlmann wirft entsprechend anfangs sofort die Frage auf, „wieso wir Lust haben an der Angst?“.

Genuss Horror

Um diese Frage und deren Beantwortung dreht sich das folgende Gespräch zwischen den beiden Schriftstellern, gewürzt mit Beispielen aus der vorher sorgsam ausgewählten Literatur. So folgt die Linie der Literaturzitate Blackwood, Lovecraft oder auch der Gebrüdern Grimm, um am Ende des Abends bei Stephen King zu landen. „Was treibt uns zum Genuss von Horror?“, nimmt Joachim Kalka die Eingangsfrage von Daniel Kehlmann wieder auf. Die Beiden einigen sich, dass nur die Distanz zum Unheimlichen als rettender Faktor diesen Genuss ermöglicht. Der Leser nimmt eine Dosis Entsetzen auf, kann sich aber gewiss sein, dass er im Gegensatz zu Personen eines Buchgeschehens am Ende überleben wird. Seine langweilige Welt wird aufgebrochen, wird belebt durch den Horror.

Dunkelheit manifestiert Angst und Schrecken

Der bildhafte Ausdruck des Horrors tritt indes in vielen möglichen Gestalten auf. Beispielhaft wirft Joachim Kalka die unbeantwortete Frage auf, „warum Tote und Gespenster uns zumeist Böses im Horror wollen? Warum ihr Handeln auf ein Erschlagen oder Verstümmeln ausgelegt ist?“. Neben Geistern existieren aber auch realitätsnähere Beispiele, die Horror ausdrücken können, wie exemplarisch genannt: alte Häuser. Oder einfach Erfahrungen von Angst und Schrecken, die schon als Kind gemacht wurden. Die manifestieren sich, wie Daniel Kehlmann anhand der Literaturbeispiele sagt, „besonders in der Dämonisierung der unentdeckten Natur“, wobei der Faktor des Unentdeckten heute auf Dunkelheit übertragbar wäre, die oftmals eine ähnliche Wirkung hat.

Warten auf den nächsten Schreck

Stephen King gilt den beiden Autoren als Bewahrer des Horrors, als „Vollstrecker einer Tradition“, so Kalka. King steht mit seinem Spektrum an Veröffentlichungen heute bereits als Chiffre für die Literatur des Horrors. Diese stelle er, so Daniel Kehlmann, mit großer Lust und Freude dar. Und seine Bekanntheit auf dem Gebiet der Horrorliteratur erzeugt selbst in den Momenten Spannung, in denen das Geschehen einer kingschen Handlung gar keine Spannung erzeugt. Man wartet förmlich auf den Moment, in dem etwas passiert, in dem wieder erschreckt wird. Besonders dann, wenn King in seinen Geschichten nicht jedes Geheimnis aufklärt, bleibe er unvergleichlich, wie die Redner bemerken.
Das Beide kein Geheimnis aus ihrer Begeisterung für das Thema Horror in der Literatur machen, wurde an diesem Abend deutlich, so deutlich, dass man den Wunsch nach einer Portion Entsetzen verspürt, Überlebensgarantie eingeschlossen.

Kontkat zum Autor: hier.

Behinderte kritisieren Abgeordnetenwatch

Hamburg / Jockgrim – Abgeordnetenwatch in der Kritik: Ein Behindertenverband bezichtigt das Internetportal aus Hamburg, Behinderte auszugrenzen und sie zu diskriminieren. Der Verein „Mobil mit Behinderung“ (MMB)  wirft Abgeordnetenwatch vor, Fragen seiner Mitglieder nicht an Abgeordnete und Bundestagskandidaten weiterzuleiten. „In den Fragen wollen unsere Mitglieder von ihren örtlichen Abgeordneten lediglich wissen, wie sich diese für die Mobilität von Menschen mit Behinderung einsetzen wollen“, sagt Heinrich Buschmann. Der 55 Jahre alte Vorsitzende des Vereins aus Jockgrim in Rheinland-Pfalz vertritt die Interessen von rund 2.100 Mitgliedern aus ganz Deutschland.

Abgeordnetenwatch sieht keine Diskriminierung

Gregor Hackmack, Vorstandsmitglied von Abgeordnetenwatch, weist die Vorwürfe zurück. Er sagt: „Unser Portal ist nicht dazu gedacht, Kampagnen von Organisationen zu bearbeiten. Das können wir nicht leisten.“ Seit dem 15. Juli moderiert Abgeordnetenwatch die diesjährige Bundestagswahl. Seitdem seien  bereits 4.516 Fragen eingegangen und einzeln bearbeitet worden. „Wenn jetzt auf einen Schlag gleichlautende Fragen an alle 2.185 Bundestagskandidaten dazukommen, können wir das nicht mehr bewältigen“, begründet Hackmack die Sperrung der identischen Anfrage der MMB-Mitglieder. Eine Diskriminierung von Behinderten sei das für ihn nicht.

Verband: „Behinderte sind in besonderer Situation“

Heinrich Buschmann vom MMB wehrt sich gegen den Vorwurf, eine Kampagne gestartet zu haben. Er sagt: „Diesen Vorwurf weise ich entschieden zurück.“ Er wirbt hingegen für die besondere Lebenssituation seiner Mitglieder: „Es gibt Behinderte, die sich nicht in geeigneter Form auszudrücken wissen. Deshalb haben wir einen Text ausgearbeitet, der die Problematik auf den Punkt bringt.  Es bleiben also letztlich einzelne Leute, die sich an ihren zuständigen Wahlkreiskandidaten wenden.“ Auf der vereinseigenen Homepage empören sich Behinderte über die aus ihrer Sicht vorgenommene Ausgrenzung von Seiten Abgeordnetenwatch.

Abgeordnetenwatch sperrt Kampagnen seit 2005

Das politische Internetportal aus Hamburg hat sich seit Dezember 2004 das Ziel gesetzt, einzelne Wähler bei der Befragung von Abgeordneten zu unterstützen. „Wir treten für die Transparenz der Arbeit der Abgeordneten ein“, sagt Vorstandsmitglied Gregor Hackmack. Er  bezeichnet sein Internetportal als ein „digitales Wählergedächtnis“, weil die Antworten der Kandidaten vor einer Wahl mit deren Abstimmungsverhalten im Parlament nach einer Wahl genau verglichen werden könnten. „Dabei werden von uns  alle Wähler gleich behandelt, auch Vereine und Organisationen“, so der 32-Jährige, „bereits im Jahr 2005 haben wir das grundsätzlich entschieden.“ Damals habe es eine Kampagne der Sportpilotenvereinigung zum neuen Luftraumüberwachungsgesetz gegeben. „Die damals gleichlautende Frage an alle Bundestagsabgeordneten haben wir auch nicht bearbeitet.“

Portal nur für Einzelpersonen da

Hackmack rät Organisationen und Vereinen wie dem MMB, die Politiker direkt zu bestimmten Positionen zu befragen. So könnte der MMB seine Mitglieder zum Beispiel anhand von sogenannten Wahlprüfsteinen über die Aussagen der Parteien zu bestimmten Fragen informieren. Genau das könnten Einzelpersonen nicht. Deshalb sei Abgeordnetenwatch für diese geschaffen worden. Der MMB ist enttäuscht, dass seine Mitglieder Abgeordnetenwatch nicht nutzen können. „Wir finden das Internetprojekt großartig und halten es für die ideale Plattform für alle Bürger. Doch wir werden nun darauf verzichten müssen“, so Buschmann enttäuscht.

Zum Internetauftritt Abgeordnetenwatch: hier.

Zum Internetauftritt des Vereins MMB: hier.

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Plakataussagen der Linken nur Ironie?

Wahlplakataussagen der Partei Die Linke. Lafontaine spricht von Ironie. Foto: Wahlplakate der Linken. Lafontaine spricht von Ironie. (dest)

Elmshorn – Oskar Lafontaine spricht über die Plakatkampagne seiner Partei Die Linke von Ironie. Nach einem Wahlkampfauftritt in Elmshorn am heutigen Sonnabend sagte er: „Das ist eine Ironie. Reichtum für alle soll heißen: Alle sollen am wachsenden Wohlstand beteiligt werden.“

Interviewfrage, gestellt von Detlef Struckhof: 090912_Lafontaine_mp3_dest

Oskar Lafontaine in Elmshorn am Rednerpult. Foto: Oskar Lafontaine spricht zu Elmshornern. (dest)

Können die Wähler jetzt etwa nicht sicher sein, ob die plakativen Wahlaussagen „Reichtum für alle!“ und „Reichtum besteuern!“ überhaupt ernst gemeint sind? Will Die Linke in Wirklichkeit vielleicht das Gegenteil erreichen, wenn Lafontaine meint, was er sagte? Denn Ironie bedeutet laut Fremdwörterlexikon „mit einem hinter Ernst versteckten Spott, das Gegenteil von dem auszudrücken, was man meint.“ Mit seiner knappen Aussage beantwortete Lafontaine die Frage nach dem Widerspruch der beiden Plakataussagen und entschwand.

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Geplanter A7-Deckel macht Stellinger wütend

Hamburg-Stellingen – Bei den Stellingern wächst die Sorge um den geplanten Ausbau der Bundesautobahn A7. Das Verkehrsprojekt hat eine Dimension angenommen, die es in Hamburg lange nicht gegeben hat. Vom Elbtunnel bis zum Dreieck Nordwest soll die A7 mit einem riesigen Deckel versehen werden. Er soll dem Lärmschutz dienen, denn die A7 wird auf mindestens acht Spuren ausgebaut. Kosten: rund 400 Millionen Euro. Bauzeit: fünf bis sechs Jahre.

100 Bürger bei Diskussion

Der Startschuss fällt 2011 in Stellingen. Welche Wellen das Mammutprojekt bei den Stellinger A7-Anwohnern schlägt, wurde am Mittwoch bei einer Veranstaltung deutlich. Ein eigens gegründetes Bürgerkomitee unter Führung der GAL-Bezirks­politi­kerin Cornelia Mertens hatte Hamburger Spitzenpolitiker aller Parteien zur Diskussion mit betroffenen Bürgern eingeladen. Rund 100 Stellinger nutzten die Chance, und machten ihrem Ärger Luft.

Anwohner fühlen sich im Unklaren gelassen

Kernforderung der A7-Anrainer: Politik und Behörden sollen sie endlich in die Planung einbeziehen. Denn in nicht einmal zwei Jahren ist Baubeginn. Von der zuständigen Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) fühlen sich die Stellinger alleingelassen. „Es ist völlig unklar, wie das Verkehrskonzept während der Bauphase aussieht“, beschwert sich Ernst-Günther Josefowsky, Chef der Bürgerinitiative Stellinger Deckel. Während der Bauzeit werden wichtige Durchgangsstraßen gesperrt, womöglich für Jahre. „Müssen wir dann mit dem Hubschrauber fliegen, um aus unserem Stadtteil rauszukommen?“, fragt sich eine Anwohnerin.

Bisher nur Vorentwürfe

Die Bürger fürchten ein Verkehrschaos während der Bauphase. Ohnehin gilt Stellingen als von der Verkehrsplanung benachteiligt: Neben der A7 zerschneidet die sechsspurige Kieler Straße, eine der Hauptein- und -ausfallstraßen, den Stadtteil. BSU-Sprecher Enno Isermann verweist darauf, dass das Planfeststellungsverfahren, das auch die Verkehrsführung regelt, erst Ende 2010 beginnt. Zurzeit gebe es nur Vorentwürfe, keine Entscheidungen.

Politiker werben um Verständnis

Die anwesenden Spitzenkandidaten wollten beruhigen. „Sie sind auf der sicheren Seite“, sagte GAL-Spitzenkandidatin Krista Sager. Sie sieht in dem Projekt eine „Riesenchance, die Wunde Autobahn ein Stück weit zu heilen“. Schließlich sollen auf dem Deckel Grünflächen und Sportanlagen entstehen. Die Politiker waren bemüht, Verständnis für die Sorgen der Bürger zu zeigen. Selbst CDU und Linke waren sich auf einmal einig, begrüßten das Engagement der Wähler. „Wir tragen Ihre Forderungen mit“, versicherte CDU-Bundestagskandidat Rüdiger Kruse.

Jahrelanger Baulärm befürchtet

Neben dem möglichen Verkehrschaos treibt die Anwohner der zu erwartende Baulärm um. „Viele meiner älteren Nachbarn werden den Stress nicht überleben, wenn jahrelang jeden Tag Bagger direkt vor ihrer Terrasse auf und ab fahren“, sorgt sich eine Stellingerin. Ein anderer Anwohner fürchtet gar die Enteignung. Seit drei Jahren wartet er auf ein Signal von der BSU. Ende Oktober soll die Entscheidung endlich fallen.

Erneute Treffen geplant

Wie soll es weitergehen? Cornelia Mertens vom Bürgerkomitee sieht „dringenden Gesprächsbedarf“, will sich möglichst bald mit Umweltsenatorin Anja Hajduk zusammensetzen. Die Mitglieder des Bürgerkomitees werden sich bereits in wenigen Tagen erneut treffen.

Hier PDF ansehen: Bebauungsplan_BAB7_Laermschutz-Deckel_Stellingen

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