Archive für 22.9.2009

XXL-Brille gegen XXL-Kleidung eingetauscht

Strauchburg staunt. Ansichten eines Durchreisenden. Diesmal zu den Veränderungen im Osten der Republik 20 Jahre nach dem Fall der Mauer.

An dieser Stelle finden Sie in unregelmäßigen Abständen die Beiträge des Durchreisenden Heiko D. von der Strauchburg. Er glossiert einige seiner Erlebnisse aus ganz Deutschland. Lassen Sie sich von seiner Sicht der Dinge zum Nachdenken oder Diskutieren inspirieren.

Vorpommern – Am vergangenen Wochenende war ich in MeckPom unterwegs. Das ist keine neue Pommes-Marke, sondern ein inzwischen fast 19 Jahre altes Bundesland der Bundesrepublik Deutschland. Ausgeschrieben heißt das: Mecklenburg-Vorpommern. Wichtig, vor allem für unbelehrbare Besser-Wessis: Bei der Aussprache sagt der Kenner: Meeklenburg-Vorpommern und nicht: Mekklenburg-Vorpommern. Da trennt sich die Spreu vom Weizen! Das habe ich gleich nach der Wiedervereinigung lernen dürfen, als ich schon mal neugierig gen Nordosten gefahren bin, während der gute Besser-Wessi sagte: „Ich bleib’ hier! Auch hier kann ich die Ossis sehen, wenn sie das Begrüßungsgeld abholen und ausgeben – notfalls im Fernsehen.“

Damals fand ich übrigens, dass in Mecklenburg-Vorpommern die hübschesten Mädchen der Welt leben, obwohl sie diese merkwürdige Mode der real existierenden Deutschen Demokratischen Republik, genannt DDR, trugen. Die Brillen waren wirklich XXL – und die Dauerwellen auch, und die Jeansröcke ziemlich uncool. Die Bild-Zeitung schrieb DDR damals noch in Anführungszeichen. Doch für die Mode konnten die Mädels ja nichts, dachte ich mir seinerzeit – die Körpermaße überzeugten dafür um so mehr – und die waren nicht Folge einer Hungersnot, wie es sie seinerzeit schon in der UdSSR gab - und nur wenige Zeit später auch in der DDR gegeben hätte. Und, wie hieß es zu Erich Honeckers Zeiten: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“ Zum Glück lernten die DDR-Bürger irgendwie anders, eher vom Westfernsehen – lernten die Deutsche Mark verehren.

Jetzt war ich also wieder dort – habe mir ein Zimmer in Torgelow genommen und es mit Euro bezahlt. Sie wissen nicht, wo das liegt? Ich vorher auch nicht! Ich bin dort einfach nur mal hingefahren, und habe kurz vor der polnischen Grenze Halt gemacht, denn meine Tankfüllung ging zur Neige. An den neuen Autobahnen im Osten der Republik gibt es nämlich nur ganz wenige Tankstellen. Ich dachte mir: Aha, deshalb wird die A20 im Westen von den Grünen blockiert. Es wird wohl zu wenig Bio-Diesel verkauft an der neuen Ostseeautobahn.

In Torgelow konnte ich schließlich tanken. Dort gab es auch das freie Zimmer. Ich hatte freie Auswahl, denn an vielen Häusern stand: “Zimmer frei!”. Dort legte ich mich schlafen. Am nächsten Morgen wurde ich geweckt – jedoch nicht von meinem Wecker, den hatte ich gar nicht mit. Ein Nachbar hörte das Lied einer deutschsprachigen Sängerin. Bisher kannte ich nur Nicole und Andrea Berg. Jetzt weiß ich, es gibt wohl auch eine Annett. Und die sang von einer Rose für ihr Deutschland. Sie legte diese Rose auf die Erde und weinte Krokodilstränen, wegen all der Fremden in unserem schönen Land.

Dann fuhr ich bei Tageslicht die wunderschönen Alleen MeckPoms entlang. Überall an den Bäumen und Laternenpfählen sah ich DIN-A-1-große Wahlplakate hängen. Doch komisch, dachte ich mir, irgendwie waren die alle ziemlich rot und weiß – manche auch mit ein bisschen schwarz darin. „Poleninvasion stoppen!“, stand da, oder „Kämpft!“. Ziemlich rechts- beziehungsweise linksradikal, dachte ich mir. Und nirgendwo sah ich meine Kanzlerin oder meinen, ihr untergebenen Außenminister von den Plakaten lächeln. Dann kam ich an eine breite Kreuzung. Da sah ich beide, übermenschlich groß. Die Welt war wieder in Ordnung für mich, für den Augenblick.

Danach fuhr ich schnell in den Westen zurück, stoppte bei Stralsund – einer ehemals liberalen Hansestadt. Bei einem bekannten amerikanischen Schnellimbiss stieg ich aus, hatte großen Hunger. Dort traf ich unerwartet all die Mädchen von damals wieder. Sie mampften Burger, tranken zuckersüße Cola, hatten ihren Nachwuchs dabei. Fast 19 Jahre blühende Landschaften sowie Sozialhilfe und Hartz-IV-Förderung haben ihre Spuren hinterlassen. Dauerwellen und große Brillen sind jetzt verschwunden, dafür ist die Kleidergröße jetzt XXL geworden, bei Frauen und Kindern, bei den Männern sowieso. Darüber werde ich jetzt bis nach der Wahl nachdenken müssen, glaube ich.

Kontakt zum Autor: hier.

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