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Alte Landwirtschaftstechnik in der Altmark

Dieser Eintrag stammt von Tom T. Köhler Am 26.9.2009 @ 15:24 In Technik | Keine Kommentare

[1] Deutz-Einzylinder-Verdampfermotor. Fotograf: Thomas Köhler Foto: Deutz-Einzylinder-Verdampfermotor. (Tom T.  Köhler)

Jeetze – Eine Kurbel steckt an einem großen metallenen Schwungrad. Starke Männerarme drehen sie kraftvoll, immer schneller. Alle Augen starren gespannt auf das schwarze Ungetüm, welches plötzlich aus seinem Schlaf erwacht. Es schnauft, qualmt aus dem rostigen Auspuff, rumpelt, stottert, braucht eine Weile, bis es rund läuft. Dieses ölige Monstrum nennt sich Deutz-Einzylinder-Verdampfermotor und ist bald 90 Jahre alt. Der Motor ist der Star unter den landwirtschaftlichen Geräten aus der Vorkriegszeit, die am zurückliegende Wochenende noch einmal in Jeetze in der nördlichen Altmark zum Leben erweckt werden.

Erntevorgang aus der Vorkriegszeit wird präsentiert

Bauer Wilhelm Sasse, den alle nur Willem nennen, hat seine Freunde vom Mühlenverein um sich geschart, um die aufwendige Technik im Betrieb zu zeigen. „Den Mähbinder haben wir nach 13 Jahren aus der Scheune gezogen, auf das Feld gebracht und er hat gearbeitet“, so Sasse vor den versammelten 25 Zuschauern, „es war nicht eine Garbe, die er nicht gebunden hat!“. Auf dem Mühlenberg wird der gesamte Vorgang der Ernte dargestellt. Dazu sind auch die entsprechenden Maschinen zu sehen. „Mein Vater war früher mit seiner Technik unterwegs. Leute, die keine Dreschmaschine besaßen beschäftigten ihn als Lohndrescher“, sagt Sasse, „nun wollen wir einen Riemen auf die Orgel schmeißen!“.

Dreschmaschine Erica, Baujahr 1923, aus Bevensen

Der Motor ist der schwergewichtige Antrieb für den Arbeitsgang nach der Mahd, dem Ernten des Getreides. Dieser treibt über einen langen Lederriemen die einige Meter entfernt stehende Dreschmaschine an. Über dem Motor sitzt ein ovaler Behälter, in den Wasser eingefüllt wird, welches zur Kühlung dient. Es  verdampft allmählich und wenn eine weiße Wolke aus dem Kühltank aufsteigt, ist es höchste Zeit, nachzufüllen. Der handbreite Lederriemen läuft in einer Höllenfahrt über ein Metallrad an der Dreschmaschine und setzt die aufwendige Mechanik in Bewegung. Die Dreschmaschine ist eine ehrwürdige Erscheinung in altrot, Baujahr 1923. Sie hört auf den Namen Erica und wurde in Bevensen gebaut. Das unförmige Dreschwerk nimmt sich riesig aus zu den zierlichen, handbemalten, hölzernen Speichen der metallbeschlagenen Räder. Diese sind mit Keilen gesichert, damit sich die Maschine beim Betrieb nicht fortbewegt.

[2] Bei der Arbeit. Foto: Thomas Köhler Foto: Bei der Arbeit. Foto: Tom T. Köhler

Motor nach zehn Jahren wieder in Betrieb genommen

Die gebundenen Garben werden mit einer Forke vom Hänger gehoben und zwei Männer nehmen sie ab, verteilen sie gleichmäßig in den Trichter. Die Helfer haben zünftiges Blauzeug an, Strohhüte auf. Unter ihnen bewegt sich die umfangreiche Mechanik, die Rüttelplatten und Transporttücher dazu bringen, die ausgedroschenen Halme der Presse zuzuführen. Am anderen Ende der Maschine rieseln Körner unaufhörlich durch Trichter in angehangene Säcke. Der würzige Duft eines wogenden Feldes, kitzelt in der Nase. Die Helfer ölen die Lager des Motors, der vergnügt tuckert, nachdem er sich warmgelaufen hat. „Der frisst sogar Rohöl“, so Wilhelm Sasse. „Der Sprit, der drin war, ist noch vom letzten Mal. Und es ist zehn Jahre her, dass wir die Maschinen in Betrieb hatten“. Der Motor steht auf breiten, verölten Bohlen, die wie Schlittenkufen an den Enden geformt sind. Nur vier kräftige Männer schaffen es mit vereinten Kräften, diesen Brocken zu bewegen. Immer wieder sammeln sich technikbegeisterte Männer um den Veteranen der Landwirtschaft. „So schwer war die Arbeit damals, heute macht das ein einziger Mäher während der Fahrt“, so ein Besucher. Ein anderer: „Den Motor hätte ich auch gern, was könnte man damit alles antreiben.“

Strohballen wie von Hexenhand gebunden

Inzwischen hat sich der Morgennebel etwas gelichtet und die Sonne bescheint freundlich die Szenerie. An einem kleinen Stand gibt es Wurst vom Grill, gebrannten Korn und ein kühles Blondes. „So sieht man, was aus Getreide alles entstehen kann. Prost!“ Wilhelm Sasse stößt mit einem Korn auf die gelungene Vorführung an. Doch die Pflicht ruft. Aus der Dreschmaschine rutschen über ein Holzgitter die ausgedroschenen Halme in die metallene Bindemaschine. Sie ist im Gegensatz zur Dreschmaschine ungepflegt, rostig, teilweise sandgelb, ruht auf ihren verkeilten Metallrädern. Auch an ihrer Seite ein fast metergroßes Metallrad, auf dem der lederne Riemen läuft. In ihrem Inneren, insektengleich, ungezählte dünne Metallstäbe, die das ankommende Stroh kämmen und gleichmäßig fassen. Am anderen Ende schaufeln metallene Greifer die wie von Hexenhand gebundenen Ballen auf eine hölzerne Rutsche, schieben die Bunde immer höher auf der schiefen Bahn gen Himmel. Fachkundig erklärt Sasse den Besuchern die Technik: „Je mehr Ballen auf den Balken liegen, umso höher ist der Widerstand, den die Presse überwinden muss.  Umso fester werden die in der Maschine gepresst.“

[3] Schaulustige bestaunen die alten Maschinen. Foto: Thomas Köhler Foto: Schaulustige bestaunen die alten Maschinen. Foto: Tom T. Köhler

Männer aus echtem Schrot und Korn

Seine Helfer, von der Sonne verwöhnt, rufen schon nach einer Unterbrechung. Auch sie haben sich ihr Bier redlich verdient, glauben sie zu diesem Zeitpunkt. Doch Sasse verweist auf die Ballen: „Ein paar brauchen wir noch. Den Rest machen wir nachmittags.“ Also heißt es noch mal Anpacken. Henry, ein Kerl wie ein Baum, schnappt sich die gepressten Ballen, schichtet sie akkurat aufeinander. Henry hat sich seinen Traum von einem Traktor Lanz Bulldog erfüllt. Er treckert nun mit dem Oldtimer durchs Dorf. Oben auf der Dreschmaschine schwitzen die Helfer inzwischen. Nicht nur die Arbeit, auch der Stand ist nicht leicht. Die ganze Maschine schwankt und rumpelt, gibt den Füßen keinen sicheren Halt. Da sind Männer aus echtem Schrot und Korn gefragt. Nichts für verwöhnte Städter. Die Männer verbindet die Liebe zur alten Technik, aber verschieden sind sie doch. Auf der Presse Malermeister Heinz, dessen Augenwinkel hinter der dünnrandigen Brille von Lachfalten gefurcht sind. Neben ihm Maik, schlank und durchtrainiert, der sich gerade ein kleines Häuschen ausgebaut hat.  Vom Hänger reicht Axel das Stroh zu. Er ist Schlosser und Leiter der Jugendfeuerwehr. Anführer der bunten Truppe ist Willem, freundlich und bestimmt zugleich. Ein kleiner Buckel zwingt ihn zu einer leicht gebeugten Haltung. Sein Herz ist auch nicht mehr das jüngste. Die schwere Arbeit muss er jüngeren überlassen. Axel: „Ohne Willem gäbe es wohl keine Vorführungen wie diese.“ Endlich ist Pause. Besucher und Helfer sammeln sich zur Stärkung am Partyzelt. Der Grill spendet verführerischen Duft, die Zapfanlage zischt und ein Lachen weht über den Mühlenberg. Willem spendiert eine Lage Bier für die Helfer, die mit lautem Hallo begrüßt wird. Arbeit macht hungrig. Dem hilft ein junger Mann ab, der sich mit Feuereifer am Grill zu schaffen macht.

Regenschauer beendet Vorführung

Am Nachmittag gibt es noch einmal eine Vorführung. Inzwischen schieben sich drohend dunkle Wolken zusammen. Jetzt heißt es aufpassen. Nach dem letzten Ballen fassen alle mit an, ziehen riesige Planen über die kostbaren Geräte. Die Dreschmaschine besteht zur Hälfte aus Holz, deshalb ist Willem ist wachsam. Kaum haben unzählige Hände geholfen, bricht sich der Himmel Bahn. Ein Guss wie aus Eimern wird von einem kräftigen Wind über den Berg getrieben. Eng beieinander sammeln sich die Getreuen unter dem Zelt. Die aufkommende Kühle wird durch die Glut des Grills gemindert. Ein Schauer kann die Jeetzer nicht erschüttern. Das machen wir wieder, so die einhellige Meinung der Technik-Enthusiasten.

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