Archive für Oktober 2009
„Internetnutzer wollen auch künftig nicht bezahlen“
30.10.2009 von Detlef Struckhof.
Yahoo-Chef Terry von Bibra will gemeinsam mit Medienkonzernen neue Erlösmodelle entwickeln. Er regt strategische Partnerschaften an. Damit sollen sich journalistische Beiträge auch für Medienkonzerne rechnen, denn Internetnutzer werden nur für exklusive Inhalte zahlen, glaubt von Bibra.
Foto: Terry von Bibra, Yahoo-Chef Deutschland. (Yahoo! Deutschland)
München – Bezahlkonzepte für Inhalte im Internet werden scheitern. Das glaubt Terry von Bibra, Geschäftsführer von Yahoo Deutschland. Er sagt: „Die Nutzer sind es gewohnt, dass sie im Web zu jeder Zeit ein riesiges Angebot an Top-Inhalten vorfinden.“ Verschiedenste Untersuchungen belegten, dass Internetnutzer nicht oder nur kaum bereit sind, für Inhalte im Netz zu bezahlen. Eine Ausnahme sehe er nur für Nischenthemen oder Spezialinhalte, die exklusiv im Internet verfügbar sind. Hier könne er sich vorstellen, dass Nutzer dafür bezahlen.
Online-Nutzer sollen für Berichte zahlen
Zuletzt hatte sich am Montag der Vorsitzende des bayrischen Zeitungsverleger-Verbandes (VBZV), Andreas Scherer, für Bezahlinhalte – Paid Content genannt – im Internet eingesetzt. Er will durchsetzen, dass künftig nur noch die Zeitungsabonnenten kostenfrei im Internet auf Zeitungsartikel zugreifen können. „Es ist nur fair und richtig, Online-User an unseren Aufwendungen zu beteiligen“, sagte Scherer, der auch Geschäftsführer der Augsburger Allgemeinen Zeitung ist.
Verschmelzung von traditionellen Medien und Internet unausweichlich
Yahoo prophezeit der Verlagsbrache, sie stehe vor weiteren Umbrüchen. Von Bibra plädiert für strategische Partnerschaften zwischen Medienkonzernen und Internetanbietern. Er sagt: „Eine noch intensivere Verschmelzung der traditionellen Medien mit dem Internet wird unausweichlich sein.“ In einer Pressemitteilung bietet er den Medienkonzernen an, „gemeinsam neue Erlösmodelle zu entwickeln“.
Verlagshäuser wollen Gemeinschaftsaktion für Paid Content
Die deutschen Verleger sind seit Jahren bemüht, ihre Internetauftritte profitabel zu gestalten. Bisher gelingt das nur wenigen Anbietern. Meist führten die kostenlosen Beiträge im Internet in der Vergangenheit zu einem verstärkten Rückgang bei den Abonnements. Die rückläufigen Anzeigenmärkte und die stagnierenden Verkaufszahlen erschweren den Verlagen immer häufiger positive Bilanzen zu präsentieren. Deshalb wollen immer mehr Verlagshäuser die Einführung von Bezahlkonzepten durchsetzen – möglichst in einer Gemeinschaftsaktion aller Medienkonzerne.
Kontakt zum Autor: hier.
Geschrieben in Wirtschaft (D) | Drucken | Keine Kommentare »
Bringen weniger Polizisten mehr Sicherheit?
28.10.2009 von Tom T. Köhler.
Hamburg schafft die sogenannte Präsenzschicht ab.
Kommentar von Tom T. Köhler
Foto: Polizeikommissariat 47 Hamburg-Neugraben. (Tom T. Köhler)
Hamburg-Harburg – Die Harburger Polizei muss jetzt Beamte an andere Wachen abgeben, damit die Kollegen dort Peterwagen besetzen können. Das klang vor der Wahl noch anders. Den Harburgern wurde versprochen, dass dort alles beim Alten bleibt. Die Folge der jetzigen Entscheidung: In Harburg bleibt einer der sechs Peterwagen unbesetzt. Die sogenannten Präsenzschichten werden in der ganzen Hansestadt aufgelöst. Schade! Diese Beamten waren gut informierte Ansprechpartner des Bürgers. Sie kannten sich aus, waren deshalb vorbeugend tätig. Sie hatten ihre Pappenheimer im Griff, waren bei Personalengpässen die „Feuerwehr“ bei personalintensiven Einsätzen.
Die Ankündigung vom September, die Präsenzschichten aufzulösen, sorgt bei den Menschen, aber auch bei den Beamten für Unmut. Nun sagt die Harburger CDU, sie habe eine Zusage des Parteifreundes und Innensenators Christoph Ahlhaus, dass Harburg keine Beamten abgeben müsse. Doch dem ist offensichtlich nicht so. Deshalb kam der Rückzieher von der Bezirks-CDU prompt. Statt „nicht abgeben müssen“ heißt es nunmehr „sie kommen bald wieder“. Einige sogar „schnell“ – was auch immer das heißen mag?
Das klingt nach kurzfristigen taktischen Erwägungen. Das mögen die meisten Bürger jedoch nicht. Sie wollen Vertrauen in die Sicherheit auf ihren Straßen haben. Dafür sind die Politiker gewählt worden. So sollten sie auch handeln.
Kontakt zum Autor: hier.
Geschrieben in Innere Sicherheit (HH) | Drucken | Keine Kommentare »
Kunst im Bunker
26.10.2009 von Tom T. Köhler.
Der Kunstverein Harburger Bahnhof zeigt eine Installation von Julia Bünnagel unter dem Motto: All Thoose Tomorrows. Die Kölnerin präsentiert ihr Kunstwerk im Vorraum des Zivilschutzbunkers Harburg. Eine Begehung mit Eindrücken von Tom T. Köhler.
Foto: Eingang zum Bunker in der S-Bahn-Station Harburg-Rathaus. (Tom T. Köhler)
Hamburg-Harburg – Was macht einen Raum zu einem Raum? Vier Wände, Boden, Decke, Innenleben. Was macht ein Raum in einem Raum? Ein solches Innenleben irritiert nicht nur den Betrachter – soll dazu dienen, unser Leben zu reflektieren.
Goldene Blöcke, dem Vernehmen nach geformt wie Wohnblöcke von Trabantenstädte, stehen dicht an dicht im Vorkeller des Harburger Schutzbunkers. Umgeben sind sie von hässlichen metallenen Wänden. Es wirkt, als sei eine Stadt eingesperrt – nicht nur in einem Keller, sondern in diesem Keller – nochmals in Verhauen, abschließbar.
Foto: Blick in die Installation von Julia Bünnagel im Vorkeller des Bunkers. (Tom T. Köhler)
Der Kontrast wirkt. Stahlbeton bietet Schutz im Katastrophenfall, ist zweckmäßig. Es graut dem Betrachter grün-grau entgegen. An der recht üppigen Treppe, die in einer ernsten Situation 5.000 Menschen in die neuzeitlichen Katakomben geleitet, geht der Blick tief unter den Harburger Shopping-Bezirk. Die Treppe hat den Vorteil, dass sich der verwunderte Mensch festhält am Geländer und sich gleichsam einen Überblick verschafft – aus sicherer Entfernung. Denn die bedrückende Enge zwischen den goldenen übermannshohen Klötzen lässt sich erahnen. Im Raum ergreift sie den Besucher. Vor Augen haben wir das goldene Gefängnis in dem wir leben.
Kleinklein, Cocooning genannt, verstecken wir uns im Wohlstandsbüdchen, dritter Stock rechts, Tiefgaragenplatz, Fahrstuhl inklusive. Wir sind froh, wenn wir unsere Höhle erreicht haben, hinter uns die Tür schließen können. Innen ist es warm und sicher. Draußen dagegen laut, dreckig, unsicher, kalt.
Foto: Kunst im Bau. Mit Goldfolie eingepackte Regale im Vorkeller. (Tom T. Köhler)
Dieser Cocooning-Wohlfühleffekt tritt auch in den Gängen des goldenen Labyrinths von Julia Bünnagel zutage. Lehnen wir uns an eine Wand dieser Edelmonster, entpuppt sich, dank Styropor unter der glänzenden Folie, die Wand als wärmender Ort. Unsere eigen Wärme wird zurückgeworfen. Wir heizen uns – heizen uns auf mit Konsum, Flachbild, Megapixeln, Tausenden von Megabits per Sekunde. Doch die Ernüchterung ist stets warnend vor Augen.
Grüngrau hockt das harte Höhlentier wartend im Halbdunkel. Geduldig. Wenn es etwas genügend hat, so ist es Zeit. Bald muss der Betrachter wieder raus aus seinem Büdchen, ist der Realität ausgeliefert. Kaum hat er den unwirtlichen Ort verlassen, umbraust ihn S-Bahn-Gegrummel, zieht ihm Unterstadtdunst in die Nase. Der Griff zum Jackenkragen. Schlag ihn hoch, Mensch. Das Höhlentier lacht hinter ihm her. Sehr sicher und zufrieden klingt sein Lachen aus der Tür des Bunkers.
Foto: Julia Bünnagel, Köln. (Kunstverein Harburger Bahnhof)
Ausstellung läuft noch
Die Ausstellung ist bis einschließlich 1. November 2009 zu besichtigen. Öffnungszeiten: mittwochs bis sonntags von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Internetauftritt des Kulturvereins Harburger Bahnhof
Kontakt zum Autor: hier.
Geschrieben in Feuilleton | Drucken | Keine Kommentare »
Ohne Panik durch den blauen Schlund
14.10.2009 von Frauke Franckenstein.
Das Neustädter Ausbildungszentrum Schiffssicherung der Deutschen Marine trainiert Soldaten aus aller Welt im Umgang mit Feuer und Wasser sowie für Notfälle an Bord. Eine Reportage von Frauke Franckenstein.
Foto: Marinesoldaten üben den Einstieg in eine Rettungsinsel. (Frauke Franckenstein)
Neustadt in Holstein – Von oben betrachtet wirkt der türkisblaue Schlund gar nicht so bedrohlich – Wasser verzerrt bekanntlich die Perspektive. Hineintauchen möchte man trotzdem nicht. Denn der Aufstieg über unzählige Treppenhausstufen plus Blick aus dem Fenster auf die beschauliche Hafenanlage mit Segelbooten, Schiffen und Autos im Modelleisenbahnformat macht deutlich, auf welcher Höhe wir uns befinden: 32,5 Meter tief ist der Tieftauchtopf im Ausbildungszentrum Schiffssicherung (AZS) der Marine im norddeutschen Neustadt in Holstein.
Weltweit einzigartig
Der siloähnliche Stahlzylinder birgt eine weltweit einzigartige Schulungsanlage. Hier trainieren Ausbilder künftige U-Boot-Besatzungsmitglieder für den Notausstieg aus größeren Wassertiefen. Das geht so: Der Proband steht im Rettungsanzug am Fuß des Tauchtopfes in einer nachgebauten U-Boot-Sektion. Wasser beginnt einzuströmen. Wenn es ihm fast bis zu den Schultern gestiegen ist, muss er durchs Wasser hindurch in den Ausstiegstunnel tauchen. Dann heißt es: keine Panik, denn es gilt 32 Meter Wassersäule bis zur Oberfläche zu durchqueren. Im Ernstfall würde zusätzlich gelten: langsam genug aufsteigen, damit der nachlassende Umgebungsdruck nicht zu Wahrnehmungsstörungen und zu Schaden an Leib und Seele führt.
Arbeitskleidung: Badehose und Taucherbrille
Für Ausbilder Sebastian Mettner (27) kein Thema. Er kann locker bis zu fünf Minuten die Luft anhalten. Zweimal täglich ist er im Topf unterwegs, um Tauchschülern im Abgrund zur Seite zu stehen – zum Beispiel bei Panikattacken. Für Ausbilder und Schüler gibt es Nothilfebuchten mit Luftglocken auf verschiedenen Etagen. Als Arbeitskleidung trägt Sebastian Mettner Badehose und Taucherbrille. Atemschutz ist hier tabu, denn die Mikroluftblasen, die die Geräte erzeugen, würden das Wasser binnen eines halben Tages so trüben, dass weder Lehrer noch Schüler mehr sehen könnten, wo oben und unten ist.
Foto: Ausbilder Sebastian Mettner in seiner Arbeitskleidung. (Frauke Franckenstein)
5.000 Lehrgangsteilnehmer jährlich
Und das kann und will man sich nicht leisten im AZS. Erstens aus Gründen der Sicherheit. Zweitens, weil hier jährlich 5.000 Lehrgangsteilnehmer aus aller Herren Länder durchgeschleust werden. Tendenz steigend. In das ansonsten bei Freizeitseglern und Sportbootführern beliebte Neustadt an der Lübecker Bucht rücken ständig Soldaten von Nato-Marinen und Partnership-for-Peace-Nationen an, um die einzigartigen Trainingsmöglichkeiten zur Schadensabwehr auf See zu nutzen. Auch die Bundespolizei und zivile Einrichtungen wie Feuerwehren und DLRG kommen gern zum Üben. Nicht alle Schüler landen im Tauchtopf. Einige üben auch auf den zwei Tauchschulbooten, den „Klassenzimmern auf See“, andere proben an Land, Feuer zu bekämpfen, und auf den Schiffen an der Pier, Lecks zu reparieren.
Ausbilder weltweit im Einsatz
Die Neustädter Marineausbilder trainieren nationale und internationale Einheiten und Verbände in Lehrgängen von unterschiedlicher Länge. Einen Tag dauern zum Beispiel die Umschulungen auf neue Atemschutzgeräte, bis zu 14 Wochen die Ausbildungsgänge zum Schiffstaucher. Doch auch weltweite Dienstreisen stehen für die Ausbilder auf dem Dienstplan. Sie bilden ausländische Marinebesatzungen neuer, in Deutschland gebauter, Fregatten aus.
Neue Aufgaben für Schiffsbesatzungen
Alle Erkenntnisse zur See- und Landausbildung werden in Neustadt gebündelt und auf den neuesten Stand gebracht, denn die sicherheitspolitische Lage in der globalisierten Welt erfordert ständiges flexibles Umdenken. War das Einsatzspektrum bis Ende der 1980er Jahre noch übersichtlich, kommen heute immer neue Herausforderungen auf militärische und zivile Schiffsbesatzungen zu: zum Beispiel asymmetrische Bedrohungen wie von Terroristen und Piraten, aber auch humanitäre Hilfe.
Übungen auf ausgemusterter Fregatte “Köln”
Auf der idyllisch gelegenen Wieksberg- Halbinsel im Süden von Neustadt treffen Welten zusammen, die selbst in globalisierten Zeiten erstaunlich wirken. Ende September zum Beispiel beim Besuch eines Teams der European Military Press Association (EMPA): ein Oberst und ein Oberinspektor aus Österreich, ein ungarischer Student der Barocktrompete, zwei lettische Kameraleute – und ein Trupp georgischer Soldaten. Einen „bilateralen Austausch“ nennt es der österreichische Oberst. Die georgischen Soldaten begeben sich zur ausgemusterten Fregatte „Köln“ an die Pier, die Soldaten nennen sie kurz “Ex-Köln”. Auf ihr ist „alles, was brennbar ist, herausgeschafft worden“, hat der Inspektionschef, Fregattenkapitän Thomas Rückher, zuvor erläutert. Dafür sind flutbare Leckstellen im doppelten Boden ausgestanzt und durch Leichtbenzin entflammbare Brandstellen installiert worden, um „richtige Gefechtslagen zu simulieren“. Ein Szenario zum Üben – mit Verletzten, mit Feuer, mit Wassereinbrüchen.
Foto: Fregattenkapitän Thomas Rückher am Tieftauchtopf. (Frauke Franckenstein)
Bis zur Leistungsgrenze
Auf dem Gelände des AZS werden sowohl Soldaten als auch deren Führungspersonal trainiert. „Wir wollen sie in die Lage versetzen, sich gegen Feuer, Wasser – Schaden allgemein – zu behaupten“, sagt Fregattenkapitän Rückher. Die Offiziere sollen am eigenen Leib erfahren, was sie später ihrem Personal abverlangen. „Wir machen keine halben Sachen, wir scheuchen sie bis zur Leistungsgrenze – allerdings mit vorheriger und begleitender Gesundheitsprüfung.“
Feuerbekämpfung in der Brandhalle
Während die georgischen Soldaten auf der Ex-Köln Brandherde löschen und im steigenden Wasser Rohrleitungen abdichten, inspiziert und filmt das übrige EMPA-Team weitere Katastrophenszenarios. In der Brandhalle fauchen mit Leichtbenzin entfachte Feuerbälle. Soldatinnen und Soldaten treten mit Pulver- und Schaumlöschern beherzt an entflammte Bordwand- und Hubschrauber-Teilstücke heran. „Wenn man eine Feuerwelle ins Gesicht kriegt und unwillkürlich den Arm hochreißt, muss man den Feuerlöscher auf ganz bestimmte Art halten, um nicht das Pulver abzubekommen“, erläutert Oberleutnant Jan Frederik Holst, „den Kammgriff werde ich nie vergessen.“ Immerhin: Modernste Abluft-Technik sorgt zumindest dafür, dass sich beim Üben solch waghalsiger Einsätze die Rauchgasentwicklung und die Umweltbelastung in Grenzen hält.
Mit Kälteschutzanzügen ins 32 Grad warme Wasser
Auch in der Taucher-Übungshalle wird auf Sozialverträglichkeit geachtet: Das Wasser ist 32 Grad warm. Was auf den ersten Blick wie eine Einladung zum freundlichen Badespaß wirkt, entpuppt sich dann aber doch als stressiges Manöver. Aus drei Meter Höhe springen die Soldaten in den Wellentumult und legen in der Brandung Spritzhauben an, um nicht an der schäumenden Gischt zu ersticken. Dann entkrempeln sie im tosenden Wasser die Arm- und Bein-Teile ihrer Kälteschutzanzüge, um hineinschlüpfen zu können. Spätestens jetzt würde man sich selbst als Zuschauer kalte Atlantik-Temperaturen herbeiwünschen, um die Hitze noch aushalten zu können. Stattdessen müssen die Männer und Frauen eine wild auf den Wellen schaukelnde Rettungsinsel entern. Inmitten von Gummiduft, in unerträglicher Hitze und ohne tröstliche Orientierung auf einen Horizont ist manchen Probanden bei dieser Übung schon das Frühstück hochgekommen. „Wir empfehlen vorsorglich: wenn schon, dann bitte in die Rettungsinsel – und nicht außenbords ins Wasser. Sonst müssen wir das komplett austauschen“, kommentiert Fregattenkapitän Rückher ungerührt.
Neustadt seit 1937 Garnisonsstadt
Das ehemalige „Marienbad“ auf der Neustädter Wieksbergs-Halbinsel hat es seiner strategisch günstigen Lage – nur wenige Seemeilen von viel befahrenen Schifffahrtstraßen der Ostsee entfernt – zu verdanken, dass seine Bestimmung von jeher zwischen Freizeit, Sport und militärischer Nutzung schwankte. Um 1900 gab es dort einen Restaurantbetrieb mit Strand und Badekarren. Im Ersten Weltkrieg war es Lazarett. Dann wurde es Kurhaus der Hamburg-Bremer Afrika-Linie. 1925 gründete Vizeadmiral Adolf von Trotha dort den Deutschen Hochseesportverband Hansa e. V., der junge Menschen mit Segelsport und der Segelschiffführung auf hoher See vertraut machen sollte. Unter der Leitung der Hanseatischen Yachtschule Neustadt lag hier ab 1931 die 300-Quadratmeter-Ketsch „Hamburg“, die eine Weltumsegelung hinter sich hatte. Die Nationalsozialisten machten aus dem Gelände die Seesport-Führerschule der Marine-SA und gründeten 1937 eine Unterseebootschule. Neustadt wurde Garnisonsstadt.
Seit 1959 erneut Marinestandort
Nach dem Zweiten Weltkrieg demontierte man die militärischen Einrichtungen, die Gebäude verfielen. Die Renaissance kam mit der Berufung Neustadts zum Stützpunkt des Seegrenzschutzes Hafenschutzgeschwader, als Außenstelle des Marinestützpunktkommandos Kiel. Seit 1959 lagen hier Minensuch- und Schnellbootgeschwader. Und wieder wurden U-Boot-Besatzungen ausgebildet. Urlauber, die durch den historischen Stadtkern des Fischer-, Handwerker- und Kaufmannsstädtchens Neustadt mit dem sehenswerten Pagodenspeicher schlenderten, sahen vom Wieksberg Rauchwolken aufsteigen, vernahmen Knalle und Alarmrufe wie „Feuer!“ und „Wassereinbruch!“.
Foto: Turm des Tieftauchtopfes des Ausbildungszentrums Schiffssicherung. (Frauke Franckenstein)
Früher Heimat von Piraten
Wegen seiner strategisch günstigen Lage war Neustadt übrigens auch schon mal ein Piratennest: Die Vitalienbrüder, ein seefahrendes Landsknechtvolk, wählten es als Stützpunkt und Umschlagplatz für ihre Beute. 1420 beklagte sich der Lübecker Senat, dass sich in Neustadt circa 200 Seeräuber aufhielten, die innerhalb von drei Tagen zehn hanseatische Schiffe aufgebracht und ihrer Ladung beraubt hätten.
Piraten machen Profit mit Geiseln, nicht mit Waren
Wie die Geschichte es so will, hat sich die Schifffahrt erneut mit Piraterie auseinanderzusetzen – allerdings in ganz anderen Winkeln der Welt. Fregattenkapitän Rückher hegt eine gewisse strategische Achtung für das Vorgehen der somalischen Piraten: „Sie bedrohen nur langsam fahrende Schiffe mit niedriger Bordwand, die sie entern können. Die Ladung ist denen egal, die ist eh versichert. Das florierende Geschäft bringt die Besatzung, die zur Geisel gemacht wird. Und sie wissen: Solange sie das Leben der Geiseln verschonen, schreckt man auch zukünftig vor gewaltsamen Befreiungseinsätzen zurück.“ Das Problem, wie große Staaten auf kleine Piratenboote reagieren können, betrifft laut Rückher die Zuständigkeiten und Einsatzmittel: „Wer darf, kann nicht – das gilt für die Polizei. Und wer kann, darf nicht – das gilt für die Marine.“
Mit Schmierseife und Stacheldraht gegen Piratenangriffe
Ob Schmierseife oder Stacheldraht: Rückher befürwortet alle Mittel, die verhindern, dass die Piraten an Bord klettern können. Denn ansonsten steht er auf der Seite von Sicherheit und Deeskalation. Und auch wenn Schiffsbesatzungen in Neustadt Brände löschen und Wassereinbrüche abdichten lernen: Solche Risiken dürfe der Kapitän eines Handelsschiffs angesichts der geschulterten Raketenwerfer der Piraten gar nicht erst eingehen: „Seine allererste Pflicht ist das Wohl seiner Besatzung.“ Für viel wichtiger hält Rückher ein einiges und konsequentes Vorgehen der UN- und Nato-Partner auf internationaler Ebene. Damit die Fähigkeiten, die in Neustadt trainiert werden, gar nicht erst zum Einsatz kommen müssen.
Kontakt zur Autorin: hier.
Geschrieben in Verteidigung (D) | Drucken | Keine Kommentare »
Glossen über Silvio Berlusconi
9.10.2009 von Redaktion.
Hamburg - Silvio Berlusconi hat am Mittwoch seine selbstgeschaffene Immunität per Gerichtsbeschluss verloren. Das inspiriert die Medien weltweit zu Kommentaren, Karikaturen und Glossen über den amtierenden italienischen Ministerpräsidenten. Wir veröffentlichen einige Glossen unserer Autoren über Silvio Berlusconi als PDF-Datei.
Erfreuen Sie sich an den unterschiedlichen Sichtweisen.
Strauchburg staunt über den Virus Berlusconius
“Oh Silvio!”, Glosse von Thomas Köhler, Hamburg.
Geschrieben in Glossen | Drucken | Keine Kommentare »
Vom Duft der Frauen
7.10.2009 von H. D. von der Strauchburg.
Strauchburg staunt. Ansichten eines Durchreisenden. Diesmal zu Schnüffelwetten im TV.
An dieser Stelle finden Sie in unregelmäßigen Abständen die Beiträge des Durchreisenden Heiko D. von der Strauchburg. Er glossiert einige seiner Erlebnisse aus ganz Deutschland. Lassen Sie sich von seiner Sicht der Dinge zum Nachdenken oder Diskutieren inspirieren.
Hamburg – Gestern habe ich in meiner Zweitwohnung genächtigt. Als ich heute Morgen hinausgehe, spricht mich im Hausflur doch glatt meine Nachbarin an. Sie ist Anfang 30, eine tolle Frau. Sie riecht immer so gut. Das macht mich ganz zitterig. Und sie sagt doch glatt zu mir: „Herr Strauchburg, ich kann Sie gut riechen.“ Wow! Da bleibt mir kurz die Spucke weg, Schweißperlen treten auf meine Stirn. Ich bedanke mich mit rotem Kopf und muss los, meinen Zug erreichen. Nächstes Mal will ich auf einen aromatischen Kaffee vorbei kommen, sage ich noch schnell.
Auf dem Weg zum Bahnhof denke ich nach – über die netten Worte. Der Ausspruch meiner Nachbarin ist eigentlich sehr alt. Obwohl geklaut, ein Klassiker. Die Worte stammen wohl aus dem Mittelalter, als es noch keine Budnis, Schleckers oder Rossmanns gab. Heute finde ich die guten Gerüche an jeder Straßenecke – für viel Geld. Damals unterschieden sich die kostenlosen Düfte in Schweiß-Nuancen. Die kleinen Unterschiede entschieden gar über Krieg und Frieden zwischen Adelsgeschlechtern.
Doch die kleinen Nuancen feiern in der Jetztzeit offensichtlich ein Comeback. Am Sonnabend gab es wieder Wetten dass…! im ZDF – nach einer gefühlten endlos langen Gottschalkschen Kreativ-Sommerpause. Im Fernsehen hat Herr Thomas Schuster – selbst aus einer Sulminger Schuster-Dynastie stammend – doch glatt an fünf von 23 vollgeschwitzten Damengummistiefeln gerochen und bei vieren die richtige Frau dazu gefunden. Da konnte Michelle Hunziker nur beschämt und sich leicht ekelnd weggucken. Kein Wunder, sie kennt ja wohl auch eher die Düfte der Herren Joop, Lagerfeld und Calvin Klein. Sie ist ja weit herumgekommen.
Am Zeitungskiosk sehe ich die Vorwurf-Schlagzeilen um Schusters angebliche Schummelwette. Ich will das gar nicht glauben, was da steht. Der Frauenerriecher ist vielleicht ein Scharlatan, ein Quacksalber – vielleicht am Ende ein Heiratsschwindler, weil er seiner Frau sagte, er könne sie gut riechen?
Sollte sich gar meine Nachbarin bei mir geirrt haben, weil sie verschnupft ist? Irre ich mich auch bei ihr? Ein Hals-Nasen-Ohrenarzt sagte einem Boulevardblatt exklusiv, das sei Unsinn mit der Schnüffelwette. Jetzt zweifle ich umso mehr. Ich denke nach. Meine Nachbarin lässt doch immer ihre Schuhe konventionell vor der Wohnungstür auslüften. Beim nächsten Zweitwohnungsbesuch werde ich vor dem Kaffeetrinken an ihrem linken Schuh riechen, ganz tief einatmen werde ich, so wie Schuster im ZDF. Doch ich lass’ mir dabei von niemandem zuschauen. Niemand soll sich an meinem Genuss anwidern. Im linken Schuh soll der Duft übrigens viel intensiver sein, wusste Schuster im TV zu berichten. Und wenn dem so ist, melde ich mich bei einem Boulevardblatt als Experte.
Kontakt zum Autor: hier.
Geschrieben in Glossen | Drucken | Keine Kommentare »
Alles ordentlich im Quartier
7.10.2009 von Tom T. Köhler.
Der Bürgernahe Reporter (Bünare©) Tom T. Köhler ist unterwegs im Quartier Neuwiedenthal.
Foto: Nebel über Neuwiedenthal. (Tom T. Köhler)
Hamburg-Harburg – Die Wohngebiete im Hamburger Süden werden oft abfällig als soziale Brennpunkte abgetan – doch es gibt Ausnahmen. Das lange Zeit verrufene Neuwiedenthal hat sich gewandelt. Es ist ein grüner Stadtteil, der bei näherer Betrachtung eine gewisse Beschaulichkeit ausstrahlt. Die meisten Menschen leben gerne dort, seit vielen Jahrzehnten. Der zeitweise vorherrschende Vandalismus ist deutlich zurückgegangen. Mit einfachen Mitteln sorgte die Wohnungsbaugenossenschaft Süderelbe für Abhilfe. Die Hausverwalter tun alles, um den Mietern zur Seite zu stehen. Ein Ortstermin an einem nebeligen Vormittag.
Drei Telefone klingeln unaufhörlich
Die Hausverwalter Claus Schweder und Heiko Deml sitzen an einem Montagmorgen in ihrem großzügigen Büro im Keller eines Wohnhauses. Die Eingangstür zur Außentreppe ist weit geöffnet, denn es ist Sprechstunde im Verwalterbüro der Wohnungsbaugenossenschaft Süderelbe in Neuwiedenthal. An der Wand fällt die mannshohe Schlüsselwand auf – dort aufgereiht und wohl sortiert: Hunderte Schlüssel. „Da darf keiner falsch hängen, dann gäbe es Chaos“, sagt der 57 Jahre alte Schweder. Die drei Telefone auf den zwei Schreibtischen klingeln unaufhörlich, fast zwanzig Mal in einer Stunde. Doch das bringt die beiden Hausverwalter nicht aus der Ruhe.
Maler müssen warten
Während Schweder die Anrufe beantwortet, kümmert sich sein Kollege Heiko Deml (43) emsig um die Ablage. Während dieser in den Akten wühlt, stehen plötzlich zwei Maler im Büro. Sie wollen die nächsten Renovierungsarbeiten mit den Hausverwaltern absprechen. Doch sie müssen erst einmal warten. Die Mieterinteressen gehen vor. Deshalb holen sie sich Kaffee und einen Aschenbecher aus der Küche. Sie kennen sich hier aus, denn sie sind nicht zum ersten Mal in diesem Büro.
Hausverwalter sind keine Hausmeister
Die beiden sind für etwa 1.000 Mieter zuständig. Da ist immer viel zu tun. „Meine Arbeit teilt sich in etwa zu je einem Drittel so auf: Verwaltungsarbeiten, Menschen, Technik“, sagt Schweder, ein großer, kräftiger Mann mit zurückgekämmtem Haar und einer feinen Brille auf der Nase. Gelegentlich wird er von Mietern als Hausmeister bezeichnet. Das stört ihn ein wenig, schaut drüber hinweg. Er ist derjenige, der die Hausmeister und Handwerker einsetzt, damit sich die Mieter wohlfühlen.
Hobby: Kaninchenzucht
Neben der Organisation kleiner und großer Reparaturen ist er für die Wohnungsübergaben bei Aus- und Einzug der Mieter zuständig. Er vergibt die begehrten Garagenplätze. Schweder und Deml sind Bindeglied zwischen Mieter und Wohnungsbaugenossenschaft. Sie verstehen sich als Partner beider. Deshalb telefonieren sie täglich mit der Süderelbe. Der gelernte Tischler und Elektriker Schweder geht in seinem Beruf auf – seit 25 Jahren. Doch auch seinem Hobby, der Kaninchenzucht, geht er mit großer Leidenschaft nach. Seit 45 Jahren züchtet er Kaninchen. Sehr erfolgreich sogar. Im vergangenen Jahr wurde er mit seiner Zucht Deutscher Meister.
Silberfischchen sind ungefährlich
Seine Mieter kennt er alle mit Namen. „Als ich hier anfing, dachte ich, das schaffe ich nie.“ Inzwischen ist es 8.30 Uhr. Nach einer Stunde ist die Sprechstunde zu Ende. Die Telefone hören auf zu klingeln. Schweder berichtet vom spannendsten Fall des Tages. Ein aufgeregter Mieter wollte Hilfe bei der Jagd nach Silberfischchen haben. „Da musste ich ihn erst einmal ausreden lassen und ihm sagen, dass er als Mieter selbst zuständig ist. Er müsse sich Fallen im Drogeriemarkt kaufen und sie bei sich aufstellen.“ Dann lacht Schweder: „Vor allem musste ich ihm erklären, dass die Tierchen nicht gefährlich sind.“ Er lacht überhaupt viel, hat Spaß an der Arbeit und immer einen Gag auf Lager. Jetzt kommen die Maler dran. Ein Keller in einem Wohnhaus braucht neue weiße Farbe an den Wänden und eine Wohnung wartet auf die komplette Renovierung. Aufträge werden gewälzt und Rechnungen unterschrieben. Die Männer sind nach vielen Jahren Zusammenarbeit ein eingespieltes Team, frotzeln sich an, wissen, was sie aneinander haben.
Foto: Hausverwalter Claus Schweder beim Telefonieren. (Tom T. Köhler)
Hausverwalter Schweder kennt jeden Mieter
Schließlich geht es nach draußen. Inzwischen ist es 9.30 Uhr. Claus Schweder zeigt sein Revier. Und er kennt tatsächlich alle Mieter mit Namen. Der Hamburger grüßt jeden, ist nie um einen Zuruf verlegen. Auf einem Parkdeck blinken die orangefarbenen Warnleuchten eines abgestellten Autos. Schweder geht zielstrebig auf ein Haus an der Straße Thiemannhof zu, klingelt bei den richtigen Besitzern des Fahrzeugs. „Eure Warnblinker sind an, schaut da mal nach!“, ruft er in die Sprechanlage. Die Mieter bedanken sich freundlich. Er geht weiter. Sein Ziel: das Hochhaus am Rehrstieg, zehn Minuten Fußweg entlang der gepflegten Grünanlagen. Ein Markenzeichen dieser Wohngegend. Hier fühlen sich die Mieter wohl.
Pförtner sorgen für Sicherheit
Im Eingangsbereich des Hochhauses gibt es eine Pförtnerloge, sie ist vom frühen Nachmittag bis zum Abend besetzt. „Süderelbe beschäftigt hier Mitarbeiter. Es sind keine Ein-Euro-Jobs, wie anderswo“, stellt Schweder klar, „seit wir die Pförtner haben, gibt es keine Randale mehr. Es ist Ruhe eingezogen.“ Er freut sich mit den Mietern und weiß die Pförtner zu schätzen. Kleine Reparaturen übernehmen sie, wechseln auch mal die Mülltonnen aus, die unter dem zentralen Müllschlucker stehen, der von jeder Etage aus genutzt werden kann.
Neue Breitbandtechnik hält Einzug
Im Keller des Hochhauses, der voller weißer Kabel liegt, sind Handwerker zugange. Schweder: „Hier kommt das neue Breitbandkabel für Fernsehen, Telefon und Internet hin. Das ist eine Arbeit, oh Mann!“ Schweder öffnet eine Tür. Dahinter befindet sich die sogenannte Druckerhöhung. „Die brauchen wir, wenn alle gleichzeitig Wasser nehmen. Oder wenn die Feuerwehr löschen muss. Da muss auch im zehnten Stock noch Wasser ankommen“, erklärt Claus Schweder.
Schmierereien werden schnell beseitigt
Der Fahrstuhl bringt den Hausverwalter ganz nach oben in den 12. Stock. Nach draußen führt eine Stahltür. Dort liegt ein dicker Morgennebel im Wohngebiet. „Deshalb ist die Aussicht heute nicht so schön wie sonst“, sagt der Hobbykaninchenzüchter. Plötzlich fällt sein Blick auf eine Veranda, die mit Schmierereien bemalt ist. Das gefällt ihm überhaupt nicht. „Warum machen die das? In ihrem Zimmer tun die das doch auch nicht!“, knurrt er böse. Das wird die Maler bald beschäftigen. Solche Verschandelungen werden sofort beseitigt. Das ist Konzept. Wird das nicht getan, motiviert das weitere Schmierfinken mitzumachen. In der Heizungszentrale im 12. Obergeschoss steht die Überwachungstechnik, mit der Schweder den Eingangsbereich des Hauses und den Fahrstuhl im Blick hat. Die Videoaufzeichnungen werden für kurze Zeit gespeichert. „Das schreckt Übeltäter ab“, ist sich Schweder sicher.
Mädchen für alles
Sein täglicher Gang durchs Quartier führt in weitere Häuser. An einer Wohnungstür im Twistering empfängt ihn eine alte Dame mit einem kleinen Hund, der ihn freudig begrüßt. Der Schlauch ihrer Dusche sei nicht mehr dicht, sagt sie. Schweder verspricht Hilfe. In einer anderen Wohnung verunzieren Wasserflecke die Decke. „Das ist beim Einbau von Heizkörpern in der Wohnung oben drüber passiert. Ich kümmere mich drum!“ Schweder merkt sich alles, er muss nichts aufschreiben. Er ist das Mädchen für alles. Sein Motto: „Mensch bleiben, dann läuft das auch alles rund.“
Foto: Schlüsselwand der Hausverwalter mit Hunderten Schlüsseln. (Tom T. Köhler)
Noch sieben Jahre bis zur Rente
Nach knapp einer Stunde ist sein heutiger Rundgang beendet. Morgen wird er wiederkommen und nach dem Rechten sehen. Das Kellerbüro am Thiemannhof ist indes leer. Kollege Heiko Deml ist gerade mit dem Rad auf dem Weg in sein Revier. Der Blick fällt wieder auf die Schlüsselwand. Hier wird Schweder in sieben Jahren seinen Schlüssel hinhängen, wenn er seinen Beruf aufgibt, um in Rente zu gehen. Dann wird sich der Nachfolger die vielen Namen der Mieter merken müssen, und wird wohl auch denken, „dass schaffe ich nie“, bevor es auch für ihn leicht werden wird.
Kontakt zum Autor: hier.
Informationen über das Bünare-Konzept©: hier.
Geschrieben in Bezirke (HH) | Drucken | Keine Kommentare »
Cosma Shiva Hagen, schönste Botschafterin im Land
5.10.2009 von Joaquin Marquez-Schmidt.
Hamburg - Nach dem Ende der diesjährigen Hamburger Zukunftswochen spricht Joaquin Marquez-Schmidt mit der Baumwollpatin und Schauspielerin Cosma Shiva Hagen über Fairtrade, ihr ehrenamtliches Engagement und die beendete Zusammenarbeit mit dem Otto-Versand.
Foto: Cosma Shiva Hagen im Gespräch. (Karsten Woelk, Fotocredit)
Frau Hagen, die Hamburger Zukunftswochen 2009 sind am gestrigen Sonntag zu Ende gegangen. Dabei haben Sie im Rahmen der Fairen Woche Fairtrade unterstützt. Wie kam es dazu?
Ich war die letzten acht Jahre viel für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) in Afrika unterwegs. Und vor zwei Jahren wurde ich von Fairtrade gefragt, ob ich Baumwollbotschafterin für Afrika werden möchte. Das passte eben thematisch gut zusammen. Und als ich meine Bar aufgemacht habe, war die erste Ausstellung über unsere Reise in Afrika. Wir hatten eine Fairtrade Modenschau, eine afrikanische Band und zeigten Fotos aus Burkina Faso. Außerdem verkaufen wir hier auch Fairtrade Produkte.
Neben Baumwollpatin für Fairtrade, wurden Sie von Lesern der Illustrierten Bunte auch zur schönsten Frau Deutschlands gewählt. Wie kommen Sie mit diesen doch sehr unterschiedlichen Titel zu Recht?
Den einen habe ich mir ausgesucht, den anderen nicht. Ich glaube auch, mit diesem “Die schönste Frau”, da werden Sympathiepunkte vergeben, und dass das sehr viel damit zusammen hängt, wie präsent man gerade ist. Das ist alles mehr oder weniger Zufall. Da darf man sich nicht so dran aufhängen.
Sie haben sich schon einige Male über Oberflächlichkeiten des Starrummels in der Filmbranche beklagt…
Beklagt nicht. Das wird immer gleich so hoch gepusht. Natürlich bin ich auch eine Frau, die gerne Designer-Klamotten anzieht. Aber es wird dem einfach in der Medienlandschaft ein zu hoher Stellenwert gegeben, wobei man wirklich über andere Sachen sprechen sollte. Im Grunde genommen ist es schön, dass sich alle chic machen, aber dieses “Was tragen sie heute Abend?”, da denke ich manchmal, habt ihr euch mal die Frage auf der Zunge zergehen lassen. Das regt mich auf, weil ich dann denke, die jungen Leute sehen das und glauben, dass es das Wichtigste ist, während auf der Welt so viel los ist. Das heißt nicht, dass ich total gegen Designer und Mode bin. Im Gegenteil, ich find es super, bloß man muss gucken welchen Stellenwert das bekommt.
Nun, in der Filmbranche sind Äußerlichkeiten doch sehr gewichtig.
Auch, aber wozu sind wir in der Öffentlichkeit, wenn wir nicht auch über andere Sachen sprechen können, außer über “Haben sie gerade Schuhe von Galliano an?”, das nervt mich! Viel zu viele lassen sich davon beeinflussen und denken, sie müssen unbedingt dieses Spiel mitspielen, um dazu zu gehören.
Kommen wir zurück zu Ihrer Rolle als Botschafterin für die gute Sache. Sie reisen gerne und viel, um wie sie sagen, selbst zu erleben was sich abseits unserer Welt abspielt. Haben sie dafür noch Zeit?
Aber ja, ich war vor kurzem in Burkina Faso, das war die letzte größere Reise. Und demnächst bin ich für das Kosmetikunternehmen Annemarie Börlind unterwegs. Die starten gerade ein neues karitatives Projekt in Mali und ich bin jetzt neue Botschafterin für Börlind. Das sind immer so Sachen, da brauch’ ich selbst nicht viel auf Reisen gehen und kann trotzdem viel von der Welt sehen. Und wenn ich mal Urlaub mache, fahre ich nach Hause nach Ibiza, da bin ich viel zu selten.
Sie werden also von verschiedenen Unternehmen zur Botschafterin erkoren? Oder suchen sie Ihre Projekte selber aus?
Ich schaue mir das immer erst mal an, ob es passt oder nicht, und sage dann entweder ja oder nein.
Haben Sie nicht das Gefühl, dass Sie etwas verschwenderisch mit ihren Titeln als Botschafterin umgehen - und dass jeder gerne Cosma Shiva Hagen als Zugpferd einspannen möchte?
Nein, weil für mich immer ein Zusammenhang da sein muss und der Schwerpunkt auf Afrika liegt. Und solange die Sachen zusammenpassen, ist das okay.
Passte denn Ihr Engagement für den Otto-Konzern dazu?
Nein, da habe ich auch gesagt, ich würde gerne nur die Reihe Cotton made in Africa vorstellen, die Öko-Linie von Otto. Das Problem war, Cotton made in Africa ist nicht Fairtrade, das ist nicht dasselbe. Für mich war es dann aber so, dass ich mir dachte, ich habe dann trotzdem eine Plattform, wo man über Fairtrade sprechen kann und wollte danach versuchen, Otto zur Herstellung einer Fairtrade-Linie zu bewegen. Ich denke auch immer, es ist besser sich ein bisschen einzumischen und zu gucken was man machen kann, als direkt nein zu sagen.
Haben Sie Otto dahin gehend beeinflussen können?
Ja, aber die Zusammenarbeit ist ja nun beendet. Otto ist schon seit Jahren sehr umweltbewusst, aber ich weiß nicht wie das überprüft wird. Bei Cotton made in Africa haben die mir das so erklärt, dass sie da sehr gute Überprüfungsmöglichkeiten
haben. Ich selbst kann es nicht überprüfen und bei Fairtrade gibt es kein Drumherum.
Das heißt, Sie verlassen sich ganz auf die Aussagen von Otto?
Nein, ich recherchiere auch, aber es ist nicht immer alles schwarz-weiß. Manchmal möchte ich den Leuten nicht immer nur was Schlechtes unterstellen. Und das Problem ist, ich brauche auch irgendwann Geld, um Sachen voran zu treiben. Ich mach so viele karitative Sachen, das kostet schon viel Zeit.
Gibt es bei all den Projekten noch Zeit für Film und Fernsehen?
Ja, ich habe gerade für meinen Lieblingsregisseur Lars Becker eine weitere Folge Nachtschicht abgedreht, das lief jetzt am 1. Oktober beim Hamburger Filmfest. Dann habe ich zwei Filme synchronisiert, Schatz im Silbersee und Is no good, ein französischer Film. Jetzt dreh’ ich Alarm für Cobra 11 und Ende des Jahres probe ich für ein Theaterstück in Berlin – im Schlosspark Theater, dem neuen Theater von Dieter Hallervorden. Am 17. Oktober bin ich noch in der ZDF-Krimi-Reihe Lutter zu sehen.
Kontakt zum Autor: hier.
Geschrieben in Vermischtes (HH) | Drucken | Keine Kommentare »
Enteignung, ein Geschenk
5.10.2009 von Detlef Struckhof.
Symbolfoto: Die HRE hat kein Geld mehr zu verteilen. (Tom Köhler)
Zur Enteigung der HRE-Aktionäre am heutigen Montag, ein Kommentar von Detlef Struckhof:
Die letzten Aktionäre der Hypo Real Estate (HRE) haben ihre Anteile an den Bund verloren. Sie sind heute zwangsenteignet worden. 1,30 Euro zahlt die Bundesrepublik Deutschland für jede Aktie. Die Aktionäre protestieren, wollen sich wehren. Sie hatten vielfach 30 Euro und mehr bezahlt. Das bedeutet für sie einen fast Totalverlust. Ist das gerecht?
Ja. Es ist deshalb gerecht, weil ein Firmeninhaber immer mit einem Totalverlust rechnen muss. Aktionäre sind nichts anderes als Firmeninhaber. Wenn ihre Firma schlecht wirtschaftet, tragen die Aktionäre als Inhaber den Verlust. Das ist Grundwissen der neunten Klasse im Fach Wirtschaftslehre.
Jetzt schimpfen die Firmeninhaber auf den Staat. Sie vergessen, dass das von ihnen gewählte Kontrollgremium, der Aufsichtsrat, versagt hat. Sie vergessen, dass sie als Aktionäre besser gestellt sind, als der selbstständige Bäckermeister an der Straßenecke. Die Aktionäre haften maximal mit ihrer Einlage, ihrer Investition, der Bäckermeister mit seinem gesamten Vermögen für den Rest seines Lebens.
Dass die HRE-Aktionäre überhaupt noch Geld bekommen, sollten sie als Geschenk nehmen. Denn wäre die HRE bankrott gegangen, wären die Papieranteilscheine null Cent wert gewesen. Ein weiterer Trost für die Aktionäre: In den vergangenen Jahren haben sie satte Dividenden auf die Risikogeschäfte der HRE kassiert. Diese eingerechnet, machen den Wertverfall erst recht verschmerzbar. Es gibt keinen Grund zum Jammern.
Kontakt zum Autor: hier.
Geschrieben in Kommentare Redaktion (D) | Drucken | Keine Kommentare »
Lachen bleibt im Halse stecken
2.10.2009 von Saskia Jauß.
Dominique Schnizer inszeniert die Tragikomödie „Immer nie am Meer“ im Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Eine Rezension.
Foto: Szene aus dem Stück “Immer nie am Meer” im Schauspielhaus Hamburg. (Thomas Köhler)
Hamburg - Ein Autounfall im Wald. Wow, was für ein Crash! Der Wagen landet direkt zwischen zwei Bäumen. Drei Männer sitzen eingepfercht im Fahrzeug. Ob denen was passiert ist? Nein, sie sind nur leicht verletzt. Hoppla, die Türen und Fenster lassen sich nicht mehr öffnen. Allein können sich die drei nicht befreien. Ach, der Junge da hinten hat das Auto auch schon entdeckt. Er wird sicher gleich Hilfe holen. Da muss man ja nichts mehr machen, oder?
Zuschauer fühlen qualvolle Enge
Nein, denn der Beobachter des Unfalls sitzt im Theater, und das Drama spielt sich auf der Bühne ab. Dominique Schnizer hat die Tragikomödie „Immer nie am Meer“ von Bernd Steets im Hamburger Schauspielhaus inszeniert. Aber nicht im großen Saal, sondern im kleinen Rangfoyer. Und so lässt der Regisseur sein Publikum die qualvolle Enge im Auto mitfühlen: In nur drei Sitzreihen drängen sich die Zuschauer dicht aneinander.
Wald auf der Leinwand
Über die gesamte Länge der Bühne erstreckt sich eine Videoleinwand, auf die der Wald, der Unfallort, projiziert ist. Unterbrochen wird das Bild von einer Ausstanzung, die Einblick gewährt in das Innere des verunglückten Autos. Dort sitzen Professor Raffael Baisch (dargestellt von Jürgen Uter), sein Schwager Manfred Anzengruber (Hanns Jörg Krumpholz) und der Kleinkünstler Bernhard Schwanenmeister (Martin Pawlowsky).
Unterhaltungen statt Angst
Nachdem die Männer ihre hilflose Lage erkannt haben, versuchen sie so zu tun, als sei nichts passiert. Angst zeigt keiner, obwohl Rettung nicht in Sicht ist. Mutmaßungen darüber, was passiert, wenn sie nicht gefunden werden, unterbleiben. So unterhalten sich die Eingeschlossenen zunächst über alltägliche Themen. Schnell wechseln sie jedoch zu Privatem wie die ersten erotischen Erlebnisse.
Urinieren in eine Flasche
Schnizer verlangt nicht nur seinen Schauspielern, die das gesamte Stück über sitzen müssen, sondern auch dem Zuschauer einiges ab. Anfangs ist es noch komisch anzusehen, wie die Männer ihre Situation meistern, etwa wenn Schwanenmeister in eine Flasche uriniert. Doch immer öfter bleibt das Lachen im Halse stecken. Als Baisch seine Notdurft geräuschvoll in eine Handtasche verrichtet, kommt mehr Ekel als Spaß auf. Zudem plagen stickige Luft und zunehmende Hitze das Publikum.
Kind degradiert Männer zu Laborratten
Auf der Bühne spitzt sich die Lage zu, als der Junge (Timur Carstensen) die Unfallopfer entdeckt und keine Hilfe holt. Vielmehr betätigt er einen Schalter und breitet Dunkelheit über den Raum. Plötzlich blendet grelles Licht die Insassen, sie finden sich in einer Garage wieder. Dort beginnt der Junge, das Verhalten der drei zu studieren, degradiert die Männer zu Labortieren, spielt seine Macht aus, indem er eine Polizeisirene simuliert und damit Hoffnung bei den Gefangenen weckt. Im Lauf des Stücks wächst der Junge, wird größer und größer, bis er am Ende riesig ist und die Männer so klein wie Ratten im Käfig vor ihm sitzen.
Zuschauer ertragen Brutalität bereitwillig
Zur Erleichterung des Publikums lässt Schnizer den Jungen ausschließlich im Video auftreten. So nimmt man ihm sein beängstigend herzloses Verhalten weniger übel. Es ist ja nur ein Film. Da erträgt der Zuschauer von heute bereitwillig einiges an Brutalität und bleibt stets in dem beruhigenden Zustand, nicht eingreifen zu müssen. Denn in der Realität erfordert eine solche Situation ja sofortige Hilfeleistung.
Zuschauen immer unerträglicher
Das macht das Stück so allgemeingültig wie aktuell. Immer wieder liest man von Menschen, die lieber zugucken statt zu helfen, wenn andere in Gefahr schweben. Ein Beispiel hierfür ist der schlimme Vorfall vor einigen Wochen in einer Münchner S-Bahn. Jugendliche bedrohten Kinder. Fast alle Fahrgäste sahen zu, nur ein Mann half und bezahlte seinen Mut mit dem Leben. Diesen Horror vor Augen, gerät im Theater das Zuschauen immer unerträglicher.
Inszenierung führt Zuschauer vor
Nach 70 Minuten endet die Vorstellung. Zum Glück, denn die Männer in ihrer verzweifelten Lage beziehungsweise sich selbst beim tatenlosen Zuschauen zu betrachten ist länger schwer auszuhalten. Mit seiner Inszenierung hat Schnizer nicht nur ein beklemmend aktuelles Stück auf-, sondern auch den Zuschauer – sich selbst – vorgeführt.
Kontakt zur Autorin: hier.
Link zum Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Geschrieben in Kultur (HH) | Drucken | Keine Kommentare »