Archive für 2.10.2009

Lachen bleibt im Halse stecken

Dominique Schnizer inszeniert die Tragikomödie „Immer nie am Meer“ im Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Eine Rezension.

Immer nie am Meer - Inszenierung im Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Foto: Thomas Köhler, Hamburg Foto: Szene aus dem Stück “Immer nie am Meer” im Schauspielhaus Hamburg. (Thomas Köhler)

Hamburg - Ein Autounfall im Wald. Wow, was für ein Crash! Der Wagen landet direkt zwischen zwei Bäumen. Drei Männer sitzen eingepfercht im Fahrzeug. Ob denen was passiert ist? Nein, sie sind nur leicht verletzt. Hoppla, die Türen und Fenster lassen sich nicht mehr öffnen. Allein können sich die drei nicht befreien. Ach, der Junge da hinten hat das Auto auch schon entdeckt. Er wird sicher gleich Hilfe holen. Da muss man ja nichts mehr machen, oder?

Zuschauer fühlen qualvolle Enge

Nein, denn der Beobachter des Unfalls sitzt im Theater, und das Drama spielt sich auf der Bühne ab. Dominique Schnizer hat die Tragikomödie „Immer nie am Meer“ von Bernd Steets im Hamburger Schauspielhaus inszeniert. Aber nicht im großen Saal, sondern im kleinen Rangfoyer. Und so lässt der Regisseur sein Publikum die qualvolle Enge im Auto mitfühlen: In nur drei Sitzreihen drängen sich die Zuschauer dicht aneinander.

Wald auf der Leinwand

Über die gesamte Länge der Bühne erstreckt sich eine Videoleinwand, auf die der Wald, der Unfallort, projiziert ist. Unterbrochen wird das Bild von einer Ausstanzung, die Einblick gewährt in das Innere des verunglückten Autos. Dort sitzen Professor Raffael Baisch (dargestellt von Jürgen Uter), sein Schwager Manfred Anzengruber (Hanns Jörg Krumpholz) und der Kleinkünstler Bernhard Schwanenmeister (Martin Pawlowsky).

Unterhaltungen statt Angst

Nachdem die Männer ihre hilflose Lage erkannt haben, versuchen sie so zu tun, als sei nichts passiert. Angst zeigt keiner, obwohl Rettung nicht in Sicht ist. Mutmaßungen darüber, was passiert, wenn sie nicht gefunden werden, unterbleiben. So unterhalten sich die Eingeschlossenen zunächst über alltägliche The­men. Schnell wechseln sie jedoch zu Privatem wie die ersten erotischen Erlebnisse.

Urinieren in eine Flasche

Schnizer verlangt nicht nur seinen Schauspielern, die das gesamte Stück über sitzen müssen, sondern auch dem Zuschau­er einiges ab. Anfangs ist es noch komisch anzusehen, wie die Männer ihre Situation meistern, etwa wenn Schwanenmeister in eine Flasche uriniert. Doch immer öfter bleibt das Lachen im Halse stecken. Als Baisch seine Notdurft geräuschvoll in eine Handtasche verrichtet, kommt mehr Ekel als Spaß auf. Zudem plagen stickige Luft und zunehmende Hitze das Publikum.

Kind degradiert Männer zu Laborratten

Auf der Bühne spitzt sich die Lage zu, als der Junge (Timur Carstensen) die Unfallopfer entdeckt und keine Hilfe holt. Vielmehr betätigt er einen Schalter und breitet Dunkelheit über den Raum. Plötzlich blendet grelles Licht die Insassen, sie finden sich in einer Garage wieder. Dort beginnt der Junge, das Verhalten der drei zu studieren, degradiert die Männer zu Labortieren, spielt seine Macht aus, indem er eine Polizeisirene simuliert und damit Hoffnung bei den Gefangenen weckt. Im Lauf des Stücks wächst der Junge, wird größer und größer, bis er am Ende riesig ist und die Männer so klein wie Ratten im Käfig vor ihm sitzen.

Zuschauer ertragen Brutalität bereitwillig

Zur Erleichterung des Publikums lässt Schnizer den Jungen ausschließlich im Video auftreten. So nimmt man ihm sein beängstigend herzloses Verhalten weniger übel. Es ist ja nur ein Film. Da erträgt der Zuschauer von heute bereitwillig einiges an Brutalität und bleibt stets in dem beruhigenden Zustand, nicht eingreifen zu müssen. Denn in der Realität erfordert eine solche Situation ja sofortige Hilfeleistung.

Zuschauen immer unerträglicher

Das macht das Stück so allgemeingültig wie aktuell. Immer wieder liest man von Menschen, die lieber zugucken statt zu hel­fen, wenn andere in Gefahr schweben. Ein Beispiel hierfür ist der schlimme Vorfall vor einigen Wochen in einer Münchner S-Bahn. Jugendliche bedrohten Kinder. Fast alle Fahrgäste sahen zu, nur ein Mann half und bezahlte seinen Mut mit dem Leben. Diesen Horror vor Augen, gerät im Theater das Zuschauen immer unerträglicher.

Inszenierung führt Zuschauer vor

Nach 70 Minuten endet die Vorstellung. Zum Glück, denn die Männer in ihrer verzweifelten Lage beziehungsweise sich selbst beim tatenlosen Zuschauen zu betrachten ist länger schwer auszuhalten. Mit seiner Inszenierung hat Schnizer nicht nur ein beklemmend aktuelles Stück auf-, sondern auch den Zuschauer – sich selbst – vorgeführt.

Kontakt zur Autorin: hier.

Link zum Deutschen Schauspielhaus Hamburg

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