Archive für 7.10.2009

Vom Duft der Frauen

Strauchburg staunt. Ansichten eines Durchreisenden. Diesmal zu Schnüffelwetten im TV.

An dieser Stelle finden Sie in unregelmäßigen Abständen die Beiträge des Durchreisenden Heiko D. von der Strauchburg. Er glossiert einige seiner Erlebnisse aus ganz Deutschland. Lassen Sie sich von seiner Sicht der Dinge zum Nachdenken oder Diskutieren inspirieren.

Hamburg – Gestern habe ich in meiner Zweitwohnung genächtigt. Als ich heute Morgen hinausgehe, spricht mich im Hausflur doch glatt meine Nachbarin an. Sie ist Anfang 30, eine tolle Frau. Sie riecht immer so gut. Das macht mich ganz zitterig. Und sie sagt doch glatt zu mir: „Herr Strauchburg, ich kann Sie gut riechen.“ Wow! Da bleibt mir kurz die Spucke weg, Schweißperlen treten auf meine Stirn. Ich bedanke mich mit rotem Kopf und muss los, meinen Zug erreichen. Nächstes Mal will ich auf einen aromatischen Kaffee vorbei kommen, sage ich noch schnell.

Auf dem Weg zum Bahnhof denke ich nach – über die netten Worte. Der Ausspruch meiner Nachbarin ist eigentlich sehr alt. Obwohl geklaut, ein Klassiker. Die Worte stammen wohl aus dem Mittelalter, als es noch keine Budnis, Schleckers oder Rossmanns gab. Heute finde ich die guten Gerüche an jeder Straßenecke – für viel Geld. Damals unterschieden sich die kostenlosen Düfte in Schweiß-Nuancen. Die kleinen Unterschiede entschieden gar über Krieg und Frieden zwischen Adelsgeschlechtern.

Doch die  kleinen Nuancen feiern in der Jetztzeit offensichtlich ein Comeback. Am Sonnabend gab es wieder Wetten dass…! im ZDF – nach einer gefühlten  endlos langen Gottschalkschen Kreativ-Sommerpause. Im Fernsehen hat Herr Thomas Schuster – selbst aus einer Sulminger Schuster-Dynastie stammend – doch glatt an fünf von 23 vollgeschwitzten Damengummistiefeln gerochen und bei vieren die richtige Frau dazu gefunden. Da konnte Michelle Hunziker nur beschämt und sich leicht ekelnd weggucken. Kein Wunder, sie kennt ja wohl auch eher die Düfte der Herren Joop, Lagerfeld und Calvin Klein. Sie ist ja weit herumgekommen.

Am Zeitungskiosk sehe ich die Vorwurf-Schlagzeilen um Schusters angebliche Schummelwette. Ich will das gar nicht glauben, was da steht. Der Frauenerriecher ist vielleicht ein Scharlatan, ein Quacksalber – vielleicht am Ende ein Heiratsschwindler, weil er seiner Frau sagte, er könne sie gut riechen?

Sollte sich gar meine Nachbarin bei mir geirrt haben, weil sie verschnupft ist? Irre ich mich auch bei ihr? Ein Hals-Nasen-Ohrenarzt sagte einem Boulevardblatt exklusiv, das sei Unsinn mit der Schnüffelwette. Jetzt zweifle ich umso mehr. Ich denke nach. Meine Nachbarin lässt doch immer ihre Schuhe konventionell vor der Wohnungstür auslüften. Beim nächsten Zweitwohnungsbesuch werde ich vor dem Kaffeetrinken an ihrem linken Schuh riechen, ganz tief einatmen werde ich, so wie Schuster im ZDF. Doch ich lass’ mir dabei von niemandem zuschauen. Niemand soll sich an meinem Genuss anwidern. Im linken Schuh soll der Duft übrigens viel intensiver sein, wusste Schuster im TV zu berichten. Und wenn dem so ist, melde ich mich bei einem Boulevardblatt als Experte.

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Alles ordentlich im Quartier

Der Bürgernahe Reporter (Bünare©) Tom T. Köhler ist unterwegs im Quartier Neuwiedenthal.

Nebel über Neuwiedenthal Fotograf: Thomas Köhler, Hamburg Foto: Nebel über Neuwiedenthal. (Tom T. Köhler)

Hamburg-Harburg – Die Wohngebiete im Hamburger Süden werden oft abfällig als soziale Brennpunkte abgetan – doch es gibt Ausnahmen. Das lange Zeit verrufene Neuwiedenthal hat sich gewandelt. Es ist ein grüner Stadtteil, der bei näherer Betrachtung eine gewisse Beschaulichkeit ausstrahlt. Die meisten Menschen leben gerne dort, seit vielen Jahrzehnten. Der zeitweise vorherrschende Vandalismus ist deutlich zurückgegangen. Mit einfachen Mitteln sorgte die Wohnungsbaugenossenschaft Süderelbe für Abhilfe. Die Hausverwalter tun alles, um den Mietern zur Seite zu stehen. Ein Ortstermin an einem nebeligen Vormittag.

Drei Telefone klingeln unaufhörlich

Die Hausverwalter Claus Schweder und Heiko Deml sitzen an einem Montagmorgen in ihrem großzügigen Büro im Keller eines Wohnhauses. Die Eingangstür zur Außentreppe ist weit geöffnet, denn es ist Sprechstunde im Verwalterbüro der Wohnungsbaugenossenschaft Süderelbe in Neuwiedenthal. An der Wand fällt die mannshohe Schlüsselwand auf – dort aufgereiht und wohl sortiert: Hunderte Schlüssel. „Da darf keiner falsch hängen, dann gäbe es Chaos“, sagt der 57 Jahre alte Schweder. Die drei Telefone auf den zwei Schreibtischen klingeln unaufhörlich, fast zwanzig Mal in einer Stunde. Doch das bringt die beiden Hausverwalter nicht aus der Ruhe.

Maler müssen warten

Während Schweder die Anrufe beantwortet, kümmert sich sein Kollege Heiko Deml (43) emsig um die Ablage. Während dieser in den Akten wühlt, stehen plötzlich zwei Maler im Büro. Sie wollen die nächsten Renovierungsarbeiten mit den Hausverwaltern absprechen. Doch sie müssen erst einmal warten. Die Mieterinteressen gehen vor. Deshalb holen sie sich Kaffee und einen Aschenbecher aus der Küche. Sie kennen sich hier aus, denn sie sind nicht zum ersten Mal in diesem Büro.

Hausverwalter sind keine Hausmeister

Die beiden sind für etwa 1.000 Mieter zuständig. Da ist immer viel zu tun. „Meine Arbeit teilt sich in etwa zu je einem Drittel so auf: Verwaltungsarbeiten, Menschen, Technik“, sagt Schweder, ein großer, kräftiger Mann mit zurückgekämmtem Haar und einer feinen Brille auf der Nase. Gelegentlich wird er von Mietern als Hausmeister bezeichnet. Das stört ihn ein wenig, schaut drüber hinweg. Er ist derjenige, der die Hausmeister und Handwerker einsetzt, damit sich die Mieter wohlfühlen.

Hobby: Kaninchenzucht

Neben der Organisation kleiner und großer Reparaturen ist er für die Wohnungsübergaben bei Aus- und Einzug der Mieter zuständig. Er vergibt die begehrten Garagenplätze. Schweder und Deml sind Bindeglied zwischen Mieter und Wohnungsbaugenossenschaft. Sie verstehen sich als Partner beider. Deshalb telefonieren sie täglich mit der Süderelbe. Der gelernte Tischler und Elektriker Schweder geht in seinem Beruf auf – seit 25 Jahren. Doch auch seinem Hobby, der Kaninchenzucht, geht er mit großer Leidenschaft nach. Seit 45 Jahren züchtet er Kaninchen. Sehr erfolgreich sogar. Im vergangenen Jahr wurde er mit seiner Zucht Deutscher Meister.

Silberfischchen sind ungefährlich

Seine Mieter kennt er alle mit Namen. „Als ich hier anfing, dachte ich, das schaffe ich nie.“ Inzwischen ist es 8.30 Uhr. Nach einer Stunde ist die Sprechstunde zu Ende. Die Telefone hören auf zu klingeln. Schweder berichtet vom spannendsten Fall des Tages. Ein aufgeregter Mieter wollte Hilfe bei der Jagd nach Silberfischchen haben. „Da musste ich ihn erst einmal ausreden lassen und ihm sagen, dass er als Mieter selbst zuständig ist. Er müsse sich Fallen im Drogeriemarkt kaufen und sie bei sich aufstellen.“ Dann lacht Schweder: „Vor allem musste ich ihm erklären, dass die Tierchen nicht gefährlich sind.“ Er lacht überhaupt viel, hat Spaß an der Arbeit und immer einen Gag auf Lager. Jetzt kommen die Maler dran. Ein Keller in einem Wohnhaus braucht neue weiße Farbe an den Wänden und eine Wohnung wartet auf die komplette Renovierung. Aufträge werden gewälzt und Rechnungen unterschrieben. Die Männer sind nach vielen Jahren Zusammenarbeit ein eingespieltes Team, frotzeln sich an, wissen, was sie aneinander haben.

Hausverwalter Claus Schweder beim Telefonieren. Fotograf: Thomas Köhler, Hamburg Foto: Hausverwalter Claus Schweder beim Telefonieren. (Tom T. Köhler)

Hausverwalter Schweder kennt jeden Mieter

Schließlich geht es nach draußen. Inzwischen ist es 9.30 Uhr. Claus Schweder zeigt sein Revier. Und er kennt tatsächlich alle Mieter mit Namen. Der Hamburger grüßt jeden, ist nie um einen Zuruf verlegen. Auf einem Parkdeck blinken die orangefarbenen Warnleuchten eines abgestellten Autos. Schweder geht zielstrebig auf ein Haus an der Straße Thiemannhof zu, klingelt bei den richtigen Besitzern des Fahrzeugs. „Eure Warnblinker sind an, schaut da mal nach!“, ruft er in die Sprechanlage. Die Mieter bedanken sich freundlich. Er geht weiter. Sein Ziel: das Hochhaus am Rehrstieg, zehn Minuten Fußweg entlang der gepflegten Grünanlagen. Ein Markenzeichen dieser Wohngegend. Hier fühlen sich die Mieter wohl.

Pförtner sorgen für Sicherheit

Im Eingangsbereich des Hochhauses gibt es eine Pförtnerloge, sie ist vom frühen Nachmittag bis zum Abend besetzt. „Süderelbe beschäftigt hier Mitarbeiter. Es sind keine Ein-Euro-Jobs, wie anderswo“, stellt Schweder klar, „seit wir die Pförtner haben, gibt es keine Randale mehr. Es ist Ruhe eingezogen.“ Er freut sich mit den Mietern und weiß die Pförtner zu schätzen. Kleine Reparaturen übernehmen sie, wechseln auch mal die Mülltonnen aus, die unter dem zentralen Müllschlucker stehen, der von jeder Etage aus genutzt werden kann.

Neue Breitbandtechnik hält Einzug

Im Keller des Hochhauses, der voller weißer Kabel liegt, sind Handwerker zugange. Schweder: „Hier kommt das neue Breitbandkabel für Fernsehen, Telefon und Internet hin. Das ist eine Arbeit, oh Mann!“ Schweder öffnet eine Tür. Dahinter befindet sich die sogenannte Druckerhöhung. „Die brauchen wir, wenn alle gleichzeitig Wasser nehmen. Oder wenn die Feuerwehr löschen muss. Da muss auch im zehnten Stock noch Wasser ankommen“, erklärt Claus Schweder.

Schmierereien werden schnell beseitigt

Der Fahrstuhl bringt den Hausverwalter ganz nach oben in den 12. Stock. Nach draußen führt eine Stahltür. Dort liegt ein dicker Morgennebel im Wohngebiet. „Deshalb ist die Aussicht heute nicht so schön wie sonst“, sagt der Hobbykaninchenzüchter. Plötzlich fällt sein Blick auf eine Veranda, die mit Schmierereien bemalt ist. Das gefällt ihm überhaupt nicht. „Warum machen die das? In ihrem Zimmer tun die das doch auch nicht!“, knurrt er böse. Das wird die Maler bald beschäftigen. Solche Verschandelungen werden sofort beseitigt. Das ist Konzept. Wird das nicht getan, motiviert das weitere Schmierfinken mitzumachen. In der Heizungszentrale im 12. Obergeschoss steht die Überwachungstechnik, mit der Schweder den Eingangsbereich des Hauses und den Fahrstuhl im Blick hat. Die Videoaufzeichnungen werden für kurze Zeit gespeichert. „Das schreckt Übeltäter ab“, ist sich Schweder sicher.

Mädchen für alles

Sein täglicher Gang durchs Quartier führt in weitere Häuser. An einer Wohnungstür im Twistering empfängt ihn eine alte Dame mit einem kleinen Hund, der ihn freudig begrüßt. Der Schlauch ihrer Dusche sei nicht mehr dicht, sagt sie. Schweder verspricht Hilfe. In einer anderen Wohnung verunzieren Wasserflecke die Decke. „Das ist beim Einbau von Heizkörpern in der Wohnung oben drüber passiert. Ich kümmere mich drum!“ Schweder merkt sich alles, er muss nichts aufschreiben. Er ist das Mädchen für alles. Sein Motto: „Mensch bleiben, dann läuft das auch alles rund.“

Schlüsselwand der Hausverwalter mit Hunderten Schlüsseln. Fotograf: Thomas Köhler, Hamburg Foto: Schlüsselwand der Hausverwalter mit Hunderten Schlüsseln. (Tom T. Köhler)

Noch sieben Jahre bis zur Rente

Nach knapp einer Stunde ist sein heutiger Rundgang beendet. Morgen wird er wiederkommen und nach dem Rechten sehen. Das Kellerbüro am Thiemannhof ist indes leer. Kollege Heiko Deml ist gerade mit dem Rad auf dem Weg in sein Revier. Der Blick fällt wieder auf die Schlüsselwand. Hier wird Schweder in sieben Jahren seinen Schlüssel hinhängen, wenn er seinen Beruf aufgibt, um in Rente zu gehen. Dann wird sich der Nachfolger die vielen Namen der Mieter merken müssen, und wird wohl auch denken, „dass schaffe ich nie“, bevor es auch für ihn leicht werden wird.

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