Ohne Panik durch den blauen Schlund

Das Neustädter Ausbildungszentrum Schiffssicherung der Deutschen Marine trainiert Soldaten aus aller Welt im Umgang mit Feuer und Wasser sowie für Notfälle an Bord. Eine Reportage von Frauke Franckenstein.

Marinesoldaten üben den Einstieg in eine Rettungsinsel. Foto: Frauke Franckenstein Foto: Marinesoldaten üben den Einstieg in eine Rettungsinsel. (Frauke Franckenstein)

Neustadt in Holstein – Von oben betrachtet wirkt der türkisblaue Schlund gar nicht so bedrohlich – Wasser verzerrt bekanntlich die Perspektive.  Hineintauchen möchte man trotzdem nicht. Denn der Aufstieg über unzählige Treppenhausstufen plus Blick aus dem Fenster auf die beschauliche Hafenanlage mit Segelbooten, Schiffen und Autos im Modelleisenbahnformat macht deutlich, auf welcher Höhe wir uns befinden: 32,5 Meter tief ist der Tieftauchtopf im Ausbildungszentrum Schiffssicherung (AZS) der Marine im norddeutschen Neustadt in Holstein.

Weltweit einzigartig

Der siloähnliche Stahlzylinder birgt eine weltweit einzigartige Schulungsanlage. Hier trainieren Ausbilder künftige U-Boot-Besatzungsmitglieder für den Notausstieg aus größeren Wassertiefen. Das geht so: Der Proband steht im Rettungsanzug am Fuß des Tauchtopfes in einer nachgebauten U-Boot-Sektion. Wasser beginnt einzuströmen. Wenn es ihm fast bis zu den Schultern gestiegen ist, muss er durchs Wasser hindurch in den Ausstiegstunnel tauchen. Dann heißt es: keine Panik, denn es gilt 32 Meter Wassersäule bis zur Oberfläche zu durchqueren. Im Ernstfall würde zusätzlich gelten: langsam genug aufsteigen, damit der nachlassende Umgebungsdruck nicht zu Wahrnehmungsstörungen und zu Schaden an Leib und Seele führt.

Arbeitskleidung: Badehose und Taucherbrille

Für Ausbilder Sebastian Mettner (27) kein Thema. Er kann locker bis zu fünf Minuten die Luft anhalten. Zweimal täglich ist er im Topf unterwegs, um Tauchschülern im Abgrund  zur Seite zu stehen – zum Beispiel bei Panikattacken. Für Ausbilder und Schüler gibt es Nothilfebuchten mit Luftglocken auf verschiedenen Etagen. Als Arbeitskleidung trägt Sebastian Mettner Badehose und Taucherbrille. Atemschutz ist hier tabu, denn die Mikroluftblasen, die die Geräte erzeugen, würden das Wasser binnen eines halben Tages so trüben, dass weder Lehrer noch Schüler mehr sehen könnten, wo oben und unten ist.

Ausbilder Sebastian Mettner in Arbeitskleidung. Foto: Frauke Franckenstein Foto: Ausbilder Sebastian Mettner in seiner Arbeitskleidung. (Frauke Franckenstein)

5.000 Lehrgangsteilnehmer jährlich

Und das kann und will man sich nicht leisten im AZS. Erstens aus Gründen der Sicherheit. Zweitens, weil hier jährlich 5.000 Lehrgangsteilnehmer aus aller Herren Länder durchgeschleust werden. Tendenz steigend. In das ansonsten bei Freizeitseglern und Sportbootführern beliebte Neustadt an der Lübecker Bucht  rücken ständig Soldaten von Nato-Marinen und Partnership-for-Peace-Nationen an, um die einzigartigen Trainingsmöglichkeiten zur Schadensabwehr auf See zu nutzen. Auch die Bundespolizei und zivile Einrichtungen wie Feuerwehren und DLRG kommen gern zum Üben. Nicht alle Schüler landen im Tauchtopf. Einige üben auch auf den zwei Tauchschulbooten, den „Klassenzimmern auf See“, andere proben an Land, Feuer zu bekämpfen, und auf den Schiffen an der Pier, Lecks zu reparieren.

Ausbilder weltweit im Einsatz

Die Neustädter Marineausbilder trainieren nationale und internationale Einheiten und Verbände in Lehrgängen von unterschiedlicher Länge. Einen Tag dauern zum Beispiel die Umschulungen auf neue Atemschutzgeräte, bis zu 14 Wochen die Ausbildungsgänge zum Schiffstaucher. Doch auch weltweite Dienstreisen stehen für die Ausbilder auf dem Dienstplan. Sie bilden ausländische Marinebesatzungen neuer, in Deutschland gebauter, Fregatten aus.

Neue Aufgaben für Schiffsbesatzungen

Alle Erkenntnisse zur See- und Landausbildung werden in Neustadt gebündelt und auf den neuesten Stand gebracht, denn die sicherheitspolitische Lage in der globalisierten Welt erfordert ständiges flexibles Umdenken. War das Einsatzspektrum bis Ende der 1980er Jahre noch übersichtlich, kommen heute immer neue Herausforderungen auf militärische und zivile Schiffsbesatzungen zu: zum Beispiel asymmetrische Bedrohungen wie von Terroristen und Piraten, aber auch humanitäre Hilfe.

Übungen auf ausgemusterter Fregatte “Köln”

Auf der idyllisch gelegenen Wieksberg- Halbinsel im Süden von Neustadt treffen Welten zusammen, die selbst in globalisierten Zeiten erstaunlich wirken. Ende September zum Beispiel beim Besuch eines Teams der European Military Press Association (EMPA):  ein Oberst und ein Oberinspektor aus Österreich, ein ungarischer Student der Barocktrompete, zwei lettische Kameraleute – und ein Trupp georgischer Soldaten. Einen „bilateralen Austausch“ nennt es der österreichische Oberst. Die georgischen Soldaten begeben sich zur ausgemusterten Fregatte „Köln“ an die Pier, die Soldaten nennen sie kurz “Ex-Köln”. Auf ihr ist „alles, was brennbar ist, herausgeschafft worden“, hat der Inspektionschef, Fregattenkapitän Thomas Rückher, zuvor erläutert. Dafür sind flutbare Leckstellen im doppelten Boden ausgestanzt und durch Leichtbenzin entflammbare Brandstellen installiert worden, um „richtige Gefechtslagen zu simulieren“. Ein Szenario zum Üben – mit Verletzten, mit Feuer, mit Wassereinbrüchen.

Fregattenkapitän Thomas Rückher am Tieftauchtopf. Foto: Frauke Franckenstein Foto: Fregattenkapitän Thomas Rückher am Tieftauchtopf. (Frauke Franckenstein)

Bis zur Leistungsgrenze

Auf dem Gelände des AZS werden sowohl Soldaten als auch deren Führungspersonal trainiert. „Wir wollen sie in die Lage versetzen, sich gegen Feuer, Wasser – Schaden allgemein – zu behaupten“, sagt Fregattenkapitän Rückher. Die Offiziere sollen am eigenen Leib erfahren, was sie später ihrem Personal abverlangen. „Wir machen keine halben Sachen, wir scheuchen sie bis zur Leistungsgrenze – allerdings mit vorheriger und begleitender Gesundheitsprüfung.“

Feuerbekämpfung in der Brandhalle

Während die georgischen Soldaten auf der Ex-Köln Brandherde löschen und im steigenden Wasser Rohrleitungen abdichten, inspiziert und filmt das übrige EMPA-Team weitere Katastrophenszenarios. In der Brandhalle fauchen mit Leichtbenzin entfachte Feuerbälle. Soldatinnen und Soldaten treten mit Pulver- und Schaumlöschern beherzt an entflammte Bordwand- und Hubschrauber-Teilstücke heran. „Wenn man eine Feuerwelle ins Gesicht kriegt und unwillkürlich den Arm hochreißt, muss man den Feuerlöscher auf ganz bestimmte Art halten, um nicht das Pulver abzubekommen“, erläutert Oberleutnant Jan Frederik Holst, „den Kammgriff werde ich nie vergessen.“ Immerhin: Modernste Abluft-Technik sorgt zumindest dafür, dass sich beim Üben solch waghalsiger Einsätze die Rauchgasentwicklung und die Umweltbelastung in Grenzen hält.

Mit Kälteschutzanzügen ins 32 Grad warme Wasser

Auch in der Taucher-Übungshalle wird auf Sozialverträglichkeit geachtet: Das Wasser ist 32 Grad warm. Was auf den ersten Blick wie eine Einladung zum freundlichen Badespaß wirkt, entpuppt sich dann aber doch als stressiges Manöver. Aus drei Meter Höhe springen die Soldaten in den Wellentumult und legen in der Brandung Spritzhauben an, um nicht an der schäumenden Gischt zu ersticken. Dann entkrempeln sie im tosenden Wasser die Arm- und Bein-Teile ihrer Kälteschutzanzüge, um hineinschlüpfen zu können. Spätestens jetzt würde man sich selbst als Zuschauer kalte Atlantik-Temperaturen herbeiwünschen, um die Hitze noch aushalten zu können. Stattdessen müssen die Männer und Frauen eine wild auf den Wellen schaukelnde Rettungsinsel entern. Inmitten von Gummiduft, in unerträglicher Hitze und ohne tröstliche Orientierung auf einen Horizont ist manchen Probanden bei dieser Übung schon das Frühstück hochgekommen. „Wir empfehlen vorsorglich: wenn schon, dann bitte in die Rettungsinsel – und nicht außenbords ins Wasser. Sonst müssen wir das komplett austauschen“, kommentiert Fregattenkapitän Rückher ungerührt.

Neustadt seit 1937 Garnisonsstadt

Das ehemalige „Marienbad“ auf der Neustädter Wieksbergs-Halbinsel hat es seiner strategisch günstigen Lage – nur wenige Seemeilen von viel befahrenen Schifffahrtstraßen der Ostsee entfernt – zu verdanken, dass seine Bestimmung von jeher zwischen Freizeit, Sport und militärischer Nutzung schwankte. Um 1900 gab es dort einen Restaurantbetrieb mit Strand und Badekarren. Im Ersten Weltkrieg war es Lazarett. Dann wurde es Kurhaus der Hamburg-Bremer Afrika-Linie. 1925 gründete Vizeadmiral Adolf von Trotha dort den Deutschen Hochseesportverband Hansa e. V., der junge Menschen mit Segelsport und der Segelschiffführung auf hoher See vertraut machen sollte. Unter der Leitung der Hanseatischen Yachtschule Neustadt lag hier ab 1931 die 300-Quadratmeter-Ketsch „Hamburg“, die eine Weltumsegelung hinter sich hatte. Die Nationalsozialisten machten aus dem Gelände die Seesport-Führerschule der Marine-SA und gründeten 1937 eine Unterseebootschule. Neustadt wurde Garnisonsstadt.

Seit 1959 erneut Marinestandort

Nach dem Zweiten Weltkrieg demontierte man die militärischen Einrichtungen, die Gebäude verfielen. Die Renaissance kam mit der Berufung Neustadts zum Stützpunkt des Seegrenzschutzes Hafenschutzgeschwader, als Außenstelle des Marinestützpunktkommandos Kiel. Seit 1959 lagen hier Minensuch- und Schnellbootgeschwader. Und wieder wurden U-Boot-Besatzungen ausgebildet. Urlauber, die durch den historischen Stadtkern des Fischer-, Handwerker- und Kaufmannsstädtchens Neustadt mit dem sehenswerten Pagodenspeicher  schlenderten, sahen vom Wieksberg Rauchwolken aufsteigen, vernahmen Knalle und Alarmrufe wie „Feuer!“ und „Wassereinbruch!“.

Der Turm des Tieftauchtopfes des Ausbildungszentrums Schiffssicherung. Foto: Frauke Franckenstein Foto: Turm des Tieftauchtopfes des Ausbildungszentrums Schiffssicherung. (Frauke Franckenstein)

Früher Heimat von Piraten

Wegen seiner strategisch günstigen Lage war Neustadt übrigens auch schon mal ein Piratennest: Die Vitalienbrüder, ein seefahrendes Landsknechtvolk, wählten es als Stützpunkt und Umschlagplatz für ihre Beute. 1420 beklagte sich der Lübecker Senat, dass sich in Neustadt circa 200 Seeräuber aufhielten, die innerhalb von drei Tagen zehn hanseatische Schiffe aufgebracht und ihrer Ladung beraubt hätten.

Piraten machen Profit mit Geiseln, nicht mit Waren

Wie die Geschichte es so will, hat sich die Schifffahrt erneut mit Piraterie auseinanderzusetzen – allerdings in ganz anderen Winkeln der Welt. Fregattenkapitän Rückher hegt eine gewisse strategische Achtung für das Vorgehen der somalischen Piraten: „Sie bedrohen nur langsam fahrende Schiffe mit niedriger Bordwand, die sie entern können. Die Ladung ist denen egal, die ist eh versichert. Das florierende Geschäft bringt die Besatzung, die zur Geisel gemacht wird. Und sie wissen: Solange sie das Leben der Geiseln verschonen, schreckt man auch zukünftig vor gewaltsamen Befreiungseinsätzen zurück.“ Das Problem, wie große Staaten auf kleine Piratenboote reagieren können, betrifft laut Rückher die Zuständigkeiten und Einsatzmittel: „Wer darf, kann nicht – das gilt für die Polizei. Und wer kann, darf nicht – das gilt für die Marine.“

Mit Schmierseife und Stacheldraht gegen Piratenangriffe

Ob Schmierseife oder Stacheldraht: Rückher befürwortet alle Mittel, die verhindern, dass die Piraten an Bord klettern können. Denn ansonsten steht er auf der Seite von Sicherheit und Deeskalation. Und auch wenn Schiffsbesatzungen in Neustadt Brände löschen und Wassereinbrüche abdichten lernen: Solche Risiken dürfe der Kapitän eines Handelsschiffs angesichts der geschulterten Raketenwerfer der Piraten gar nicht erst eingehen: „Seine allererste Pflicht ist das Wohl seiner Besatzung.“ Für viel wichtiger hält Rückher ein einiges und konsequentes Vorgehen der UN- und Nato-Partner auf internationaler Ebene. Damit die Fähigkeiten, die in Neustadt trainiert werden, gar nicht erst zum Einsatz kommen müssen.

Kontakt zur Autorin: hier.

Antwort schreiben

Sie müssen als angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.