Computer für Bedürftige

Am morgigen Sonnabend findet der Internationale Tag des Ehrenamts statt. Die Vereinten Nationen begehen ihn seit 1986 immer am 5. Dezember. Aus Anlass dieses Tages stellt der Autor eine Initiative aus Rahlstedt vor – die „Hamburger Computer Spende“. Sie gibt komplette Computersysteme kostenlos an Bedürftige weiter. Damit sollen diese Menschen auf dem Stand der Zeit bleiben und sich besser Arbeit suchen können.

Horst Matzen in seiner PC-Werkstatt des Vereins Hamburger Computer Spende. Fotograf: Thomas Köhler Foto: Horst Matzen in seiner Büro-Werkstatt in der heimischen Wohnung. (Thomas Köhler)

Hamburg-Rahlstedt – Es ist ein regnerischer Abend, „bestes Hamburger Schmuddelwetter“, nennen das die Hanseaten von der Elbe. Ein Hochhaus in Rahlstedt steht etwas verloren zwischen mehreren Viergeschossern. Ein junger Mann betritt das Haus, fährt im Fahrstuhl nach oben. Er trägt eine Tasche bei sich, sucht eine Tür, die Wohnungstür der Familie Matzen. Er findet sie schnell, denn sie ist eingerahmt von Computergehäusen mit der Aufschrift Schrott, und ein bemaltes Waschbrett verkündet, wer hier wohnt.

Horst Matzen, der Hausherr öffnet, begrüßt den Mann. Sie beschauen sich gemeinsam den Inhalt der mitgebrachten Tasche: Ein Notebook, diverse Computerprogramme, Kabel, Computermaus, Bedienungsanleitung – schöne Bereicherung für die Sammlung von Horst Matzen. Er betreibt die „Hamburger Computer Spende“, vormals „Hamburger Computer Tafel“. Der gemeinnützige Verein versorgt Menschen, die es sich nicht leisten können, mit einer kompletten Computeranlage, inklusive Drucker und Lautsprechern, zum Nulltarif. Die Geräte stammen aus Spenden von Privatpersonen und Unternehmen. Horst Matzen (57) repariert die Geräte, rüstet sie auf, macht sie WindowsXP-fähig und gibt sie auf Antrag an Bedürftige ab. Seine Ehefrau Angelika (52) verwaltet die Anträge, managt den Papierkram.

Trotz eigener Bedürftigkeit Hilfe für andere Menschen

Der junge Spender wird nach der Übergabe der Geräte mit freundlichen Worten verabschiedet, das Notebook und die anderen Mitbringsel werden von Matzens erst einmal im Flur abgestellt – auf einer Galerie von Computern. Überall in der Wohnung wartet Technik darauf, instand gesetzt zu werden. Trotz der Platznot in ihrer Wohnung haben sich die Matzens ihr sonniges Gemüt erhalten. Sie sind gastfreundlich, bitten Besucher in die Stube. Sie erzählen ihre Geschichte, ihre Geschichte von Hartz-IV. Denn sie leben selbst von dieser staatlichen Transferleistung, dem Schreckgespenst des Bürgertums. „Vor zwei Jahren haben wir uns entschlossen, das zu machen. Wir nehmen gebrauchte PCs aus der Bevölkerung an, machen sie XP-fähig.“ Die Bemühungen der Familie führten zu einem eingetragenen Verein, der betreibt die „Hamburger Computer Spende“. Horst Matzen: „Unsere Arbeit hat sich inzwischen überall herumgesprochen. Inzwischen haben wir 120 Menschen auf unserer Warteliste“. Sogar in der guten Stube stehen neben dem Fernseher Computer. Das Paradies für Technik-Freaks, wird zum Platzproblem. „Die Spendenbereitschaft der Hamburger ist enorm. 90 Geräte müssen noch nachgeschaut werden. Jeden Tag werden es mehr. Eine Hamburger Firma hat uns auf einen Schlag 80 PCs zur Verfügung gestellt und versprochen, dass immer wieder welche nachkommen“.

Computerstapel in der Wohnung von Horst Matzen. Fotograf: Thomas Köhler Foto: Die Computer stapeln sich in der kleinen Wohnung. (Thomas Köhler)

Entsorgung ein Problem

Inzwischen hat der Verein bei einem befreundeten Handwerker einen Kellerraum angemietet, um die vielen Geräte überhaupt unterzubringen. Horst Matzen ist umtriebig, hat sich an eine große Wohnungsgesellschaft gewandt und um Unterstützung gebeten. Denn es sind nicht nur die Räumlichkeiten für die Lagerung, sondern auch für die Schulung nötig. Der Verein bietet seinen Mitgliedern Kurse an, die dazu dienen, sich in der für sie gewöhnungsbedürftigen Materie Computer und Internet besser zurechtzufinden. „Die Bedürftigen müssen nicht Mitglied des Vereines sein, wir Verlangen nur den Nachweis der Bedürftigkeit – also den Hartz-IV-Bescheid zum Beispiel“, so Matzen. „Wer möchte, kann gern für zwei Euro im Monat Mitglied werden. Dann besteht auch die Möglichkeit, unter Anleitung seinen PC selbst zu reparieren“. Der Platzmangel, so Familie Matzen, rührt auch aus einem anderen Grund. Durch die große Anzahl an auseinandergenommenen Geräten ist ihm eine private Entsorgung in Recyclinghöfen problematisch.

Ausweitung nach Kiel geplant

Zwischen den aufgetürmten Gehäusen spazieren Kater und Katze. Das Büro, das auch Werkstatt ist, ist vollgestopft mit Technik und Ordnern. Zwei Arbeitsplätze mit Computern und Regale mit ungezählten ausgebauten Komponenten. Ein mehrtüriger Schrank bewahrt die kostbaren Ersatzteile in Kisten und Schachteln auf. Horst Matzen kann sich genau genommen nicht richtig rühren. Es ist ein Wunder, auf welch geringer Fläche dort gearbeitet wird. Die Matzens wollen diese Art der Hilfe für Bedürftige auf das ganze Bundesgebiet ausdehnen. Eine Kieler Vertretung ist schon in Planung. Tochter und Schwiegersohn sollen die dortigen Bedürftigen der Stadt und Umgebung mit den aufgerüsteten und reparierten Geräten versorgen.

Wissen selbst angeeignet

Matzen ist in Sachen Computerreparatur ein Quereinsteiger, eigentlich ist er gelernter Sanitärinstallateur von Beruf. Sein erster PC gab prompt nach Ablauf der Garantie den Geist auf. Eine Woche, so Matzen, habe er nach der Ursache gesucht – und sie gefunden. Das war der Anfang seiner Leidenschaft für Bits und Bytes. Damals, in den 1980er Jahren, besaß er noch einen C 64, der erste Mode-PC für daheim. „Wenn ich heute wieder so einen bekäme, wäre ich sehr froh“, sagt er mit etwas Wehmut. Sein heutiges Wissen hat er sich über die Jahre selbst angeeignet – ist „firm bei Hard- und Software“, sagt er. Und all seine Arbeit werde entschädigt, wenn er und seine Frau in die leuchtenden Augen der Empfänger der Computer schauen können. Doch die Wartelisten seien inzwischen lang. Ein Viertel Jahr Wartezeit müssten die Interessenten aufbringen. Deshalb könnte Matzen noch jemanden gebrauchen, der sich um die peripheren Aufgaben kümmert. Doch es gibt bisher niemanden, der sich intensiv für andere einbringen möchte.

Karen F. aus Norderstedt an ihrem PC, den sie von Horst Matzen bekommen hat. Fotograf: Thomas Köhler Foto: Karen F. hat einen neuwertigen PC von Horst Matzen erhalten. (Thomas Köhler)

Dank Internet mehr Chancen bei der Arbeitssuche

Eine der Beschenkten ist Karen F. aus Norderstedt. In einem kleinen Zimmer ihrer Wohnung steht die Anlage des Vereins aus Rahlstedt. „Ich sah den Aushang beim Amt“, so die Hartz-IV-Empfängerin, „und hab’ da angerufen. Ich konnte gar nicht glauben, dass es die Computer kostenlos gibt.“. Sie trinkt einen Kaffee und freut sich, dass es Menschen wie die Matzens mit ihrem Verein gibt. Ihre Kinder sind fast alle aus dem Haus, nur der Jüngste ist noch bei ihr. Das hat Konsequenzen. Sie muss sich nun eine kleinere Wohnung suchen und Arbeit suchen. „Wo kann man da besser gucken, als im Internet?“, sagt sie. „Deshalb hab’ ich mich so gefreut, als Herr Matzen schon drei Wochen nach meiner Anfrage anrief.“ Dann musste sie eine Transportgelegenheit organisieren, um die Geräte nach Hause zu bringen. Nun steht eine moderne Anlage bei Familie F. – dank der Bemühungen der rührigen Familie Matzen, die trotz eigener Not für andere Menschen da ist – ehrenamtlich.

Kontakt zum Autor: hier.

1 Antwort auf “Computer für Bedürftige”

  1. Detlef Struckhof sagt:

    Es gibt sie überall: Menschen, die uneigennützig für andere da sind. Sie engagieren sich in Vereinen und sozialen Einrichtungen, bringen Zeit und Geld ein. Sie fragen nicht, was sie dafür kriegen, freuen sich allein über ein Dankeschön, ein Lächeln.

    Familie Matzen aus Hamburg-Rahlstedt ist ein besonders lobenswertes Beispiel für menschliches Miteinander in einer Zeit, in der viele andere nur noch an sich alleine denken.

    Die Matzens leben selbst von Hartz IV. Sie teilen Ihre kleine Wohnung mit zwei Katzen und unzähligen Computern. Sie stoßen bei ihrer Mitmenschlichkeit auf Widerstände. Das Amt ist skeptisch, ob die Tätigkeit wirklich ehrenamtlich ist, der Trägerverein musste sich kürzlich umbenennen, weil der Begriff Tafel von einer anderen Organisation geschützt worden ist und sie keine „Trittbrettfahrer” dulden will. Eine Entsorgung von überschüssigem Computerschrott ist für Matzens schwierig. Anstatt das lobenswerte Engagement zu würdigen, werden den Matzens immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen. Das ist nicht in Ordnung.

    Am heutigen Freitag zeichnet Bundespräsident Horst Köhler 25 verdiente Bürger für ihr soziales Engagement mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland aus – stellvertretend für alle Ehrenämtler in unserem Land, wird er bei der Verleihung standardmäßig sagen. Die Matzens aus Rahlstedt dürfen sich danach zu Recht als Träger eines unsichtbaren Verdienstordens fühlen. Das haben sie verdient.

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