Ist ein Frieden in Nahost möglich?
Hamburg - Seit sechzig Jahren ist der Nahe Osten ein Kriegsgebiet. Israel und die arabische Welt können sich nicht auf einen Frieden einigen - oder doch? Diese Frage stellte am 7.4.2010 die Körber-Stiftung in Hamburg Avi Primor, von 1993 bis 1999 Botschafter Israels in Deutschland.
Themenplakat (Foto: Tom Köhler, Hamburg)
Machbarer Frieden
“Die Gemüter sind heute so reif für einen Frieden, wie nie zuvor.” und “Die Mehrheit der Israelis wünscht sich eine Trennung vom Westjordanland.” Dazu, so der ehemalige Botschafter, bedarf es der Unterstützung Europas. Unter Führung der Deutschen oder der Franzosen, so Primor, können Friedenstruppen helfen. Sie sorgen nach einem Abzug der israelischen Kräfte in den palästinensischen Gebieten für Sicherheit. Das wären ein Schritt zu einer friedlichen Lösung des Konfliktes. Derzeit herrsche immer noch ein Gleichgewicht des Terrors. Unter europäischer Führung stellt sich Primor sogar vor, dass muslimische Truppen für die Sicherheit in den geräumten Gebieten sorgen könnten. “Warum nicht türkische, marokkanische oder indonesische Truppen?” Klare Worte und für Einige im Saal eine neue Erkenntnis. Avi Primor kommt zur Sache, redet nicht um das Thema herum.
Neuer Realismus
Das langjährige strategische Denken der arabischen Welt, Israel vernichten zu können, weicht einer neuen Erkenntnis. Die Unmöglichkeit des Planes zwingt zum Umdenken. Es gehe jetzt um die Bedingungen für einen Frieden, die “nur” noch ausgehandelt werden müssen. Es zeigt sich ein neuer Realismus, der akzeptiert, dass ein amerikanisch protegiertes Israel ein Fakt ist. Wichtig dafür sei, einen Frieden mit Syrien zu schließen. Dieser ziehe den Frieden mit den arabischen Nachbarn nach sich. Die Syrier, Unterstützer der Hamas und der Hisbollah, sind ein wichtiger Faktor in den Friedensbemühungen. Das Pulverfass Naher Osten kann seinen Frieden finden, beteiligen sich alle Anrainer an dem Prozess. Ausdrücklich erwähnte Avi Primor auch den Iran, der mit seiner Politik zurzeit nicht gerade ein Garant für eine positive Entwicklung sei.
Avi Primor imGespräch (Foto: Tom Köhler, Hamburg)
Wirtschaftliche Entwicklung
Die Besatzungsgebiete selbst sorgen allerdings auch für Handlungsbedarf. Man bemühe sich, so Primor, die wirtschaftliche Lage der Palästinenser zu verbessern. Doch verhindern gleichzeitig ungezählte Straßensperren, die dem Schutz der jüdischen Siedlungen dienen, eine kontinuierliche Entwicklung. Ohne Räumung der Gebiete gibt es also keine wirtschaftliche Entwicklung - und diese bedingt eine umfassende politische Lösung.
Recht auf Würde
“Man muss den Palästinensern ihre Würde wiedergeben!” so Primor unter Beifall im Saal. Es bedarf einer Normalisierung des Lebens, der Beziehungen der beiden Kontrahenten. Ein Ende der Besatzung bedeute eine Zweistaatenlösung. Eine Annektion ist nicht machbar, der Grund dafür ist ein demografischer: 45% der Bewohner Israels wären dann Palästinenser, die sich durch die normale Geburtenrate schnell zur Mehrheit im Land entwickeln würden.
Körber-Stiftung Hamburg (Foto: Tom Köhler, Hamburg)
Nötige Nachfragen
Deutschland muss Obama stärken, so die Unterzeile des Buches vom Primor. Im selben Atemzug allerdings Primor wörtlich: “Wir sind hundertprozentig abhängig von Amerika!” Trotz der Nachfragen seitens des einfühlsamen Roger de Wecks, der durch den Abend führte, wurde leider keine umfassende Antwort zu diesem Konflikt gegeben. Die gibt hoffentlich das Buch. Im Rahmen der Essay-Reihe STANDPUNKTE der Körber-Stiftung erschien ein Band mit den Gedanken Avi Primors zum Thema.
Souveräner Gast
Die zahlreichen Gäste des Abends waren Ausdruck des immensen Interesses am Thema. Souverän, überlegt, kritisch und humorvoll, so schilderten Gäste nach der Veranstaltung den ehemaligen Botschafter Israels. Es gelingt nicht vielen, dieses Thema so ruhig zu erörtern. Avi Primor stand Rede und Antwort. Auch nach der Veranstaltung war er noch lange am Signiertisch im Gespräch mit Gästen.
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