Archive für Mai 2010

Erst Lena - nun Horst!

Eine euphorische Welle und Lena-Fieber schüttelte ganz Deutschland in den letzten Tagen. Für manchen unerträglich, der Rummel um eine sympathische junge Frau, die bei der Ausbildung ihrer Stimme noch Einiges zu tun hat. Es sei ihr gegönnt und ganz Deutschland hatte nach langer Zeit, diversen Krisen und einem Berg Nullen (inkl. Minuszeichen) auf dem Bundeskonto mal wieder etwas Positives. Die Teutonen im Jammertal genossen die Aufmerksamkeit der Welt.

Heute Morgen geisterte durch das Netz die sicherlich spaßig gemeinte Variante: Lena for President! Raab feierte seinen vervielfachten Wetteinsatz und sonst schien es ein normaler Tag zu werden in Deutschland. Früher Nachmittag, durchgezappt an der Röhre, Schreckstarre, Haare raufen. Auf allen Kanälen die Eilmeldung, Bilder, Filmschnipsel und ernst dreinblickende Kommentatoren. Angeblich sei die heftige Kritik an einer Äußerung, deren Inhalt missverstanden worden ist, der Grund für den Rücktritt, so der Bundespräsident in seiner emotionalen Ansprache. Der mangelnde Respekt dem Amt gegenüber, so Köhler.

Köhler: Ich bin dann mal weg … Köhler: Ich bin dann mal weg … (Foto: T.K. Hamburg)

Nun ist es sicherlich bedenklich, wenn Äußerungen missverstanden werden und daraus eine Medienkampagne zu werden droht. Doch darf man fragen: Hätte er - Kraft seines Amtes - nicht auch verbal zurückschlagen können? Ist der Grund nur ein vorgeschobener? Fühlt er sich von Lena hintergangen? Die nächsten Tage sind programmiert: Ernste Gesichter, die mit trauriger Stimme heuchlerisch sein Werk loben, seinen Rücktritt bedauern. Oder diesem sogar Respekt zeugen. (Kann man einem Rücktritt Respekt zollen??) Die Personalschlacht ist eröffnet, natürlich hinter dicken Türen und abseits der Öffentlichkeit. Es geht ja auch nicht um ein öffentliches Amt, sondern einen Posten, für den der Inhaber Mehrheiten haben muss. Das sind aber nicht seine (direkten) Wähler, sondern eben diese ernsten Gesichter mit dem richtigen kleinen Büchlein in der Tasche.

Deutschland hat den Superstar

Strauchburg staunt. Ansichten eines Durchreisenden. Diesmal zum Sieg von Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest in Oslo.

An dieser Stelle finden Sie in unregelmäßigen Abständen die Beiträge des Durchreisenden Heiko D. von der Strauchburg. Er glossiert einige seiner Erlebnisse aus ganz Deutschland. Lassen Sie sich von seiner Sicht der Dinge zum Nachdenken oder Diskutieren inspirieren.

Hamburg – Sonntags stehe ich gerne früh auf. Deshalb legte ich mich gestern gegen 20 Uhr schlafen - in meiner Zweitwohnung. Am Nachmittag sprach ich noch mit meiner Nachbarin von gegenüber. Sie wolle mit ihrem Vierjährigen zur Reeperbahn gehen.

Der fängt ja früh an, denke ich. Sie sagt: “Lena Meyer-Landrut singt in Oslo. Für Deutschland. Am Spielbudenplatz ist Eurovision-Song-Contest-Party. Wie jedes Jahr.” Der Kleine steht neben seiner Mutter und sagt deutlich: “Lena Meyer-Landrut.” und singt irgendwas, was wie “Love, Love, Love”, klingt. Ein süßer Fan, denke ich. Die Melodie kommt mir aber auch bekannt vor. Muss ich schon im Radio gehört haben. Irgendwie ein Ohrwurm. Beim Einkauf sehe ich die Bild-Zeitung. “Sing, Lena sing!”, titelt das Blatt. Was ein Hype, denke ich. Sieht aber nett, frisch und fröhlich aus, das Mädchen.

Nachts halb eins in Deutschland. Ja, nachts! Ich wache auf. Von den Hup-Konzerten auf den Straßen. “Hat die WM früher begonnen?”, frage ich mich laut. Ich guck aus dem Fenster. Deutschlandfahnen. Jubelnde Menschen aller Altersgruppen. “A Star is born”, ruft einer. Ich winke. Ach ja, Klitschko hat geboxt heute Nacht, erinnere ich mich. Ich rufe: “Vitali!”, den Vornamen des Boxers. Der Mann schüttelt den Kopf. Jetzt sehe ich seine polnische Flagge in der Hand - die Nationalfarben des Herausforderers. Ich fürchte schlimmes - für Klitschko.

Er ruft mir zu: “Lena! Twelve Points!”

Jetzt bin ich wach - bei Sinnen. Freude. Schadenfreude? Dass, was Dieter Bohlen nicht geschafft hat, in sieben langatmigen Skandal-Staffeln und was die langweiligen und peinlichen Experimente der deutschen Eurovision-Macher in 28 Jahren nicht schafften, ist Stefan Raab gelungen: Frau zu finden. 19 Jahre jung. Aus Hannover. Wie die Scorpions. Singt jedoch wie Björk, Joe Cocker und Anne Clark - zumindest sehe und höre ich alle drei in der quirligen Abiturientin. Ich denke: Was ein Hype!

Ich freue mich plötzlich. Deutschland hat den Superstar! Ich lege mich schlafen. Nachmittags fahre ich nach Hannover zur Empfangsparty, nehme ich mir vor. Ich freue mich immer noch - bin jetzt  Fan. Auch ich bin Lena.

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Ich sehe was, was du nicht siehst - Eine Fotoausstellung

Logo der Ausstellung

Im Einkaufszentrum Mercado Altona in Hamburg kann der Besucher bis zum 29.05.10 eine interessante Fotoausstellung besichtigen. Es ist ein visueller Brückenschlag zwischen Europa und Afrika, genauer zwischen Schleswig-Holstein und Burkina Faso.

Die Fotografen Die Fotografen (Foto: Tom Köhler, Hamburg)

Inmitten Menschengewimmel eine Insel

Eine Rolltreppe fährt auf die Ausstellung zu, die den Menschenstrom teilt. Wenige halten inne, verweilen vor den Bilderwänden, sind nachdenklich. Manche amüsieren sich über kleinbürgerliche deutsche Verbotsschilderwälder. Die Farbenpracht mancher Bilderstrecken passt so gar nicht in mitteleuropäische Gefilde. Das ist wohl das Geheimnis der Ausstellung. Die Fotografen sind Jugendliche mit abgebrochener Schullaufbahn oder Förderschulabschluss aus Schleswig-Holstein. Die Fotografen sind auch ehemalige Straßenkinder und Waisen aus Burkina Faso im Herzen Afrikas. Sie hielten sie ihre Welt in Bildern fest. Organisiert und kuratiert hat die Wanderausstellung Natascha-Maria Meyenberg vom Verein Medienbildung Eine Welt e.V. in Kiel.

Motive 1 Motive 1 (Foto: Tom Köhler, Hamburg)

Wie sehe ich meine Welt?

Diese Frage wurde den jungen Künstlern mit auf den Weg gegeben. Sie haben einen ganz eigenen Blick auf wunderbare Nebensächlichkeiten und nebensächliche Wunder. Einige sammelten einen bunten Strauß an Ereignissen, andere arbeiteten fast streng thematisch. Meyenberg nennt es ein “Esperanto in Bildform”. Jeder kann mit den Situationen oder Motiven etwas anfangen. Jedem bietet sich die Möglichkeit, für einen kurzen Augenblick seinen Alltag beiseitezulegen und einen Blick auf den Alltag andere zu werfen.

Motive 2 Motive 2 (Foto: Tom Köhler, Hamburg)

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Blogger Stefan Niggemeier über die Zukunft der Öffentlichkeit

Hamburg-Altona - Die Zukunft der Öffentlichkeit, so lautete das Thema am 06.05.2010. Die Printmedien werden sterben und Blogger sind die Journalisten der Zukunft. Eine derart zugespitzte Diskussion gab es lange nicht mehr in Deutschland.

Fragen zur Zeit

Die zahlreichen Zuhörer begrüßten den Journalisten freundlich und erwarteten Antworten auf die Fragen der Zeit. Niggemeier (40), leger bekleidet und das Podium als Kanzel nutzend, äußerte zu Beginn Unmut über seine Vortragstätigkeit. Sie sei nicht sein natürlicher Lebensraum, der befinde sich am Schreibtisch vor dem Computer. Was für eine Spezies sind Blogger? Kann ein Blogger Journalist sein? Kann ein Journalist Blogger sein? Wie viele Irrtümer gibt es über das Internet? Fragen über Fragen. Die Agentur GLCONS in Hamburg lud ein, um diese Fragen zu beantworten.

S. Niggemeier 1 Foto: Tom Köhler, Hamburg S. Niggemeier (Foto: Tom Köhler, Hamburg)

Digitale Leserbriefe

Leserbriefe in Sütterlin an den ehemaligen Redakteur der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sind heute eher die Ausnahme. Rasant steigende Nutzerzahlen auf seinem bildblog.de und der eigenen Internetseite dagegen die Regel. Ist das die Zukunft des schreibenden Journalisten? Kann dieser durch Nutzerzahlen ausreichend Werbung auf die Seite ziehen, die ihm ein auskömmliches Leben ermöglicht? Nach eigenem Bekunden geht es auch bei Blogger Niggemeier nicht. Was also ist los in Internetdeutschland? Wieso sind ganze Berufsgruppen am barmen, wieso sanieren sich große Verlage via Qualitätsverzicht? Eines nach dem Anderen.

Was ist das Netz?

Das Netz, so der Journalist, bedingt die Anwesenheit des Anderen. Kommentare, Feedback, Auseinandersetzung sind die Antworten auf Tätigkeiten im WWW. Reaktionen, die unmittelbar und unzensiert erfolgen. Niggemeier zitiert den Blogger LOBO: “Diktatur des Kommentariats”. Das Netz ermöglicht nicht nur eine Einbeziehung vieler Interessenten, sondern auch die Kontrolle durch Tausende Augen. “Der Leser ist klüger, als ich!” Eine schmerzende Erkenntnis für selbstverliebte, elitäre Journalisten. Sie stellen fest, dass es eine große Zahl von Aktiven und Interessierten zu manchen Themen qualifizierter Auskunft geben können. Dies funktioniert, weil diese Leser vor Ort, beruflich oder gesellschaftlich qualifiziert, Fachleute für diese Themen sind. Aus Lesern werden Erzeuger von Content, neudeutsches Wort für Inhalt oder Gehalt in Medien.

S. Niggemeier 2 Foto: Tom Köhler, Hamburg S. Niggemeier (Foto: Tom Köhler, Hamburg)

Zeitung oder Computer

Den Zeitungen laufen die Leser weg. Sie gehen vom Papier zum Computer, holen sich Informationen, wann und wo sie gebraucht werden. Kostenlos. Die Versuche, dem durch Bezahlschranken Einhalt zu gebieten, sind nach Niggemeier sehr unbeholfene. Es sind geradezu horrende Kosten für einen einzigen Artikel, den man zum einmaligen Lesen freigeschaltet bekommt. Verschärfend sei, dass die Qualität der Online-Erzeugnisse der Medienhäuser stetig sinke. Der Blogger vermutet, dass das Internet als Labor genutzt wird. „Kosten und Qualität werden gedrückt - mal schauen, was wir dem Leser so zumuten können.“ Heerscharen von Praktikanten, die Meldungen aus Agenturen netztauglich machen, können nicht die Zukunft von Medien und Lesern sein.

Qualität und Journalismus

Die Vertreter eines einst geschätzten Berufsstandes habe die Chance, wieder ihrer Profession gerecht zu werden. Sie sollen verlässliche Informationen liefern, Spreu vom Weizen trennen, dem Leser Mehrwert bieten. Mehr Service für den Leser, als endlose Klick-Strecken. Letztere, wie der Name vermuten lässt, dienen nur der Manipulation von Nutzerzahlen. Sauber recherchierte und vor allem verlinkte Quellen sowie Korrekturen als Selbstverständlichkeit sollen das Ziel sein. Korrigiert sollen nicht nur die vermehrt auftretenden Schreibfehler, sondern auch falsche Meldungen. Diese werden ohne zu prüfen übernommen und fröhlich weiter getragen.

S. Niggemeier 3 Foto: Tom Köhler, Hamburg S. Niggemeier (Foto: Tom Köhler, Hamburg)

Was bloggt da?

Die regen Nachfragen des Publikums bewiesen: Es ist noch nichts so, wie es sein soll. Und was ist das nun noch mal mit dem Blog und den Bloggern? Die persönlichen Empfehlungen und das Vertrauen der User / Leser sind das Kapital, von dem Blogger leben. Einerseits sehen sie den digitalen Schreiberling als seriöse Quelle, andererseits liefern sie ihm auch ungezählte Informationen. Diesen Strom an helfenden Links, Texten und Hinweisen nutzt Blogger Niggemeier selbst in seinem bildblog.de ausgiebig. Journalisten sollen sich auf Neue Medien einlassen. Warum nicht mal einen Blick auf Twitter werfen, selbst dort schreiben - wenn auch nur 140 Zeichen lang. Das zwingt zum Destillat - kommt auf den Punkt.

Nachtrag

Auf dem ominösen Twitter sagt ein Blogger namens FR31H31T: “Wenn die Verlage sterben, dann gibt es keine Journalisten mehr. Und wenn die Zoos sterben, dann gibt es keine Löwen mehr. Kein Kommentar.

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