Archive für Juli 2010

Kampagnen - Wie Gauck zum Medienliebling wurde

Hamburg - Auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche e.V. am 9. und 10. Juli 2010 in Hamburg stand Johann Legner, Pressesprecher von Joachim Gauck, Rede und Antwort.

Mit den Titelseiten bei Bild am Sonntag (BAMS) „Yes, we Gauck!“ und beim Spiegel „Der bessere Präsident“ startete der Medienhype um den Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten. Legner: „Ich war selbst überrascht. Das wünscht sich natürlich jeder in dieser Position.“ Es entstand eine immense Medienaktivität, ein riesiges Bedürfnis nach Kontakt und Interviews. „Sicher auch, weil jeder auf Gauck das projizieren konnte, was ihm in den Kram passte. Die Springer-Presse zeigte zum Beispiel Gauck als Antikommunisten“ so Wegner. Erstaunlich allerdings, dass keine ausländische Zeitung angefragt hat.

Jahreskonferenz Netzwerk Recherche in Hamburg Jahreskonferenz NR (Foto:Tom Koehler, Hamburg)

Digitale Fans

Auf facebook.de hatte er über 40.000 Freunde. Die dialogische Netzgemeinde hatte allerdings auch ihre Schattenseiten. Legner: „Ich weiß nicht, wie viele Gaucks es jetzt gibt!“ Dazu gaben Trittbrettfahrer Spendenaufrufe heraus, verteilten Kontonummern, deren Kontoinhaber nicht bekannt waren. Doch den technischen Dingen war er abhold. Legner: „Gauck wollte immer ausdrucken und faxen – er ist technisch nicht so versiert.“

Ansporn und Adrenalin

Doch was ist das gespannte Verhältnis zur Technik gegen seine unglaubliche Fähigkeit, mit dem Publikum zu kommunizieren. Legner erlebte den Kandidaten sehr nah, hat ihn noch nie zuvor so intensiv arbeiten sehen. Während in seinem Team alle nach einem langen Tag geschafft waren, stand Gauck noch eine ganze Menge – wie er es nannte – Adrenalin zur Verfügung. „Es war wohl auch die Frage: Was machst Du im Alter?“, so Legner. Gauck hat sich sehr gefreut über die Resonanz, das hat ihn angespornt.

Politik plus Journalismus

Die Befindlichkeiten der Politiker bekam auch Legner zu spüren. „Parteien kommunizieren mit ihren Apparaten.“ Nach dem Motto ´Besser gar nichts sagen, bevor etwas kommt, was stört.´Es gab laut Legner auch Stimmungsmache, das zu belegen fällt nicht leicht. Das politische Berlin und der dort involvierte Journalismus sind eine Welt für sich. Die Medien, so Legner haben kein Bewusstsein mehr für die immer größere Differenz zwischen sich und den Bürgern. Es entsteht eine große Kluft. Der Unterschied zwischen Distanz zum Politikbetrieb und Teil desselben zu sein wird geringer.

Nachtrag: Verwunderlich nur, das in der ganzen Berichterstattung nicht der Umstand diskutiert wurde, wie es damals war mit Gauck und seiner Akte. Der langen Zeit, die er allein und unbeobachtet mit dieser Akte verbrachte. Näheres dazu finden Sie hier.

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Worthülsen und Neusprech - Journalismus oder PR

Hamburg - Auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche e.V. am 9. und 10. Juli 2010 in Hamburg sprachen Wortexperten über den deutschen Neusprech und die Bequemlichkeit des Journalismus.

Man füllt in der Tat eine Zeitschiene mit Inhalten, bündelt, verstetigt Ansätze und tariert Lücken aus. Strukturen der sozialen Sicherheit werden effizienter gemacht. Die Kernenergie ist eine Brückentechnologie. Bürgergeld gibt es bald, die Umweltprämie gab es schon.

Rede zur Lage der Sprache

Worte, bei denen Frank A. Meyer, Chefpublizist bei RINGIER (Schweiz), die eidgenössischen Haare zu Berge stehen. In einer engagierten Rede zur Lage der Sprache eiferte er für die Lust am Schreiben. “Der Journalismus soll mit seiner Sprachmacht die Sprachmacht der Politik aufdecken!” und weiter “Sprachverachtung ist Verachtung der Demokratie.” Am Beispiel des sogenannten Küchenzurufs versinnbildlichte Meyer die Hohlheit des Politiksprech. Die Erfindung von Henri Nannen konzentriert den Inhalt eines Artikels auf einen einzigen Zuruf. Der Leser informiert seine Gattin in der heimischen Küche mit der Essenz. In diesem Falle, so Meyer: “Du, stell Dir vor, die Merkel will bündeln!”

Gauck als authentische Persönlichkeit

Neben Meyer stritten für das Wort Dr. Tobias Korenke (Publizist) und Dr. Kai Gniffke (leitender Chefredakteur von ARD-aktuell). Als Vertreter der Public Relation war Axel Weber von Ketchum Pleon anwesend. Moderiert wurde die äußerst kurzweilige Runde von Prof. Dr. Thomas Leif vom Netzwerk Recherche. Am Beispiel Joachim Gauck und dem jetzigen Bundespräsidenten Christian Wulff verglich Korenke die Glaubwürdigkeit durch Authentizität. Gauck hat zum einen etwas zu sagen, zum anderen ist er durch seine Normalität geradezu grandios. Es herrscht eine tiefe Sehnsucht nach Normalsprech, so Korenke. Er empfahl: “Vergleichen Sie die beiden Reden. Gauck seine im Deutschen Theater und die Antrittsrede von Wulff!” Letzterer ist nicht glaubwürdig, während Gauck ein tiefes Empfinden, eine wirkliche Verbundenheit mit dem Begriff “Freiheit” spürbar machte. Sprache IST die Persönlichkeit.

Gruppendruck und  Leichtfertigkeit

Es zeigt sich derzeit eine unglaubliche Bequemlichkeit im Journalismus. Begriffe werden einfach übernommen, die Distanz zur Politik geht oft verloren. Es bedarf der Bereitschaft, so Gniffke, auch einen Schritt zurückzugehen und zu reflektieren. Die Nähe zum Kollegen baut einen Gruppendruck auf, dem sich kaum einer entzieht. Der Politik-Journalismus-Berlin-Betrieb: Alle reden so, also mache ich das auch. Es gibt sogar eine SOKO Sprache bei ARD-aktuell. Kollegen denken über den Gebrauch der Begrifflichkeiten nach und ändern Formulierungen. Leider arbeitet die Soko mit Material, das schon gesendet ist.

Kann sich das Blatt wenden?

Im Journalismus herrscht eine stete Akademisierung. Die universitäre Vorbildung ist wichtiger, als der Lebenshintergrund. „Wir brauchen Knastbrüder, Weltumsegler, junge Leute, die nichts anderes können als schreiben“ so Meyer. “Gauck hat einen Lebenshintergrund, deswegen ist er authentisch.” Die Forderung nach einem wachen, kritischen Journalismus ist sicherlich nicht neu, doch in Zeiten von Plastikworten und ideologisch imprägnierten Begriffen mehr als nötig. Dass dazu eine saubere Recherche gehört, ist selbstverständlich. Und das Gute daran: Leser verstehen es und verlinken dies.

Presseschau - Titelseiten deutscher Zeitungen zur WM

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Bergedorfer Zeitung
Frankfurter Rundschau

BILD  -  Aus der Traum!
Welt  -  54, 74, 90, 2014
Welt Kompakt  -  Aus der Traum!
MOPO Hamburg  -  Der Traum ist aus!
MOPO Berlin  -  Rudelgucken statt Public Viewing
Kicker  -  Aus der Traum! Aber trotzdem Kopf hoch!
Hamburger Abendblatt  -  … aber der große Champion sind sie doch!
Lübecker Nachrichten  -  Aus! Kopf hoch Jungs, ihr habt uns träumen lassen!
Kieler Nachrichten  -  Spanien zerstört Deutschlands Traum vom vierten Stern

Quellen: Titelseiten o.g. Zeitungen am 8.7.2010

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