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Worthülsen und Neusprech - Journalismus oder PR
11.7.2010 von Tom T. Köhler.
Hamburg - Auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche e.V. am 9. und 10. Juli 2010 in Hamburg sprachen Wortexperten über den deutschen Neusprech und die Bequemlichkeit des Journalismus.
Man füllt in der Tat eine Zeitschiene mit Inhalten, bündelt, verstetigt Ansätze und tariert Lücken aus. Strukturen der sozialen Sicherheit werden effizienter gemacht. Die Kernenergie ist eine Brückentechnologie. Bürgergeld gibt es bald, die Umweltprämie gab es schon.
Rede zur Lage der Sprache
Worte, bei denen Frank A. Meyer, Chefpublizist bei RINGIER (Schweiz), die eidgenössischen Haare zu Berge stehen. In einer engagierten Rede zur Lage der Sprache eiferte er für die Lust am Schreiben. “Der Journalismus soll mit seiner Sprachmacht die Sprachmacht der Politik aufdecken!” und weiter “Sprachverachtung ist Verachtung der Demokratie.” Am Beispiel des sogenannten Küchenzurufs versinnbildlichte Meyer die Hohlheit des Politiksprech. Die Erfindung von Henri Nannen konzentriert den Inhalt eines Artikels auf einen einzigen Zuruf. Der Leser informiert seine Gattin in der heimischen Küche mit der Essenz. In diesem Falle, so Meyer: “Du, stell Dir vor, die Merkel will bündeln!”
Gauck als authentische Persönlichkeit
Neben Meyer stritten für das Wort Dr. Tobias Korenke (Publizist) und Dr. Kai Gniffke (leitender Chefredakteur von ARD-aktuell). Als Vertreter der Public Relation war Axel Weber von Ketchum Pleon anwesend. Moderiert wurde die äußerst kurzweilige Runde von Prof. Dr. Thomas Leif vom Netzwerk Recherche. Am Beispiel Joachim Gauck und dem jetzigen Bundespräsidenten Christian Wulff verglich Korenke die Glaubwürdigkeit durch Authentizität. Gauck hat zum einen etwas zu sagen, zum anderen ist er durch seine Normalität geradezu grandios. Es herrscht eine tiefe Sehnsucht nach Normalsprech, so Korenke. Er empfahl: “Vergleichen Sie die beiden Reden. Gauck seine im Deutschen Theater und die Antrittsrede von Wulff!” Letzterer ist nicht glaubwürdig, während Gauck ein tiefes Empfinden, eine wirkliche Verbundenheit mit dem Begriff “Freiheit” spürbar machte. Sprache IST die Persönlichkeit.
Gruppendruck und Leichtfertigkeit
Es zeigt sich derzeit eine unglaubliche Bequemlichkeit im Journalismus. Begriffe werden einfach übernommen, die Distanz zur Politik geht oft verloren. Es bedarf der Bereitschaft, so Gniffke, auch einen Schritt zurückzugehen und zu reflektieren. Die Nähe zum Kollegen baut einen Gruppendruck auf, dem sich kaum einer entzieht. Der Politik-Journalismus-Berlin-Betrieb: Alle reden so, also mache ich das auch. Es gibt sogar eine SOKO Sprache bei ARD-aktuell. Kollegen denken über den Gebrauch der Begrifflichkeiten nach und ändern Formulierungen. Leider arbeitet die Soko mit Material, das schon gesendet ist.
Kann sich das Blatt wenden?
Im Journalismus herrscht eine stete Akademisierung. Die universitäre Vorbildung ist wichtiger, als der Lebenshintergrund. „Wir brauchen Knastbrüder, Weltumsegler, junge Leute, die nichts anderes können als schreiben“ so Meyer. “Gauck hat einen Lebenshintergrund, deswegen ist er authentisch.” Die Forderung nach einem wachen, kritischen Journalismus ist sicherlich nicht neu, doch in Zeiten von Plastikworten und ideologisch imprägnierten Begriffen mehr als nötig. Dass dazu eine saubere Recherche gehört, ist selbstverständlich. Und das Gute daran: Leser verstehen es und verlinken dies.
Geschrieben in Bundespolitik, Deutschland, Hamburg | Drucken | Keine Kommentare »