Archive für 13.7.2010
Kampagnen - Wie Gauck zum Medienliebling wurde
13.7.2010 von Tom T. Köhler.
Hamburg - Auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche e.V. am 9. und 10. Juli 2010 in Hamburg stand Johann Legner, Pressesprecher von Joachim Gauck, Rede und Antwort.
Mit den Titelseiten bei Bild am Sonntag (BAMS) „Yes, we Gauck!“ und beim Spiegel „Der bessere Präsident“ startete der Medienhype um den Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten. Legner: „Ich war selbst überrascht. Das wünscht sich natürlich jeder in dieser Position.“ Es entstand eine immense Medienaktivität, ein riesiges Bedürfnis nach Kontakt und Interviews. „Sicher auch, weil jeder auf Gauck das projizieren konnte, was ihm in den Kram passte. Die Springer-Presse zeigte zum Beispiel Gauck als Antikommunisten“ so Wegner. Erstaunlich allerdings, dass keine ausländische Zeitung angefragt hat.
Jahreskonferenz NR (Foto:Tom Koehler, Hamburg)
Digitale Fans
Auf facebook.de hatte er über 40.000 Freunde. Die dialogische Netzgemeinde hatte allerdings auch ihre Schattenseiten. Legner: „Ich weiß nicht, wie viele Gaucks es jetzt gibt!“ Dazu gaben Trittbrettfahrer Spendenaufrufe heraus, verteilten Kontonummern, deren Kontoinhaber nicht bekannt waren. Doch den technischen Dingen war er abhold. Legner: „Gauck wollte immer ausdrucken und faxen – er ist technisch nicht so versiert.“
Ansporn und Adrenalin
Doch was ist das gespannte Verhältnis zur Technik gegen seine unglaubliche Fähigkeit, mit dem Publikum zu kommunizieren. Legner erlebte den Kandidaten sehr nah, hat ihn noch nie zuvor so intensiv arbeiten sehen. Während in seinem Team alle nach einem langen Tag geschafft waren, stand Gauck noch eine ganze Menge – wie er es nannte – Adrenalin zur Verfügung. „Es war wohl auch die Frage: Was machst Du im Alter?“, so Legner. Gauck hat sich sehr gefreut über die Resonanz, das hat ihn angespornt.
Politik plus Journalismus
Die Befindlichkeiten der Politiker bekam auch Legner zu spüren. „Parteien kommunizieren mit ihren Apparaten.“ Nach dem Motto ´Besser gar nichts sagen, bevor etwas kommt, was stört.´Es gab laut Legner auch Stimmungsmache, das zu belegen fällt nicht leicht. Das politische Berlin und der dort involvierte Journalismus sind eine Welt für sich. Die Medien, so Legner haben kein Bewusstsein mehr für die immer größere Differenz zwischen sich und den Bürgern. Es entsteht eine große Kluft. Der Unterschied zwischen Distanz zum Politikbetrieb und Teil desselben zu sein wird geringer.
Nachtrag: Verwunderlich nur, das in der ganzen Berichterstattung nicht der Umstand diskutiert wurde, wie es damals war mit Gauck und seiner Akte. Der langen Zeit, die er allein und unbeobachtet mit dieser Akte verbrachte. Näheres dazu finden Sie hier.
Kontakt zum Autor hier
Geschrieben in Bundespolitik, Deutschland | Drucken | Keine Kommentare »