Archive für August 2010
Meisterstücke der Tischlerinnung in Hamburger Handwerkskammer ausgestellt
31.8.2010 von Tom T. Köhler.
Vom 16. - 22.08.2010 bot die Handwerkskammer ganz besonderen Menschen eine Bühne. TISCHLERMEISTERSTÜCKE hieß die hochinteressante Ausstellung. Die Hamburger Meisterschule Tischlerhandwerk ließ Ihre Favoriten auffahren. Die Schule ist eine Abteilung im Harburger Elbcampus, dem Kompetenzzentrum der Handwerkskammer Hamburg.
Immenser Andrang
Alle Jahre wieder werden die ausgewählten Prüfungsarbeiten für den Tischlermeister der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dem versierten Heimwerker - vulgo Holzwurm - stockt der Atem. Dem Handwerksmeister nebst Gesellen gehen die Augen über. Doch auch Interessenten ohne fachlichen Hintergrund sind Gäste in der Handwerkskammer und bestaunen die Ideen und Materialien. Ehrfurcht verlangen einige Zahlen: Von der Idee bis zum fertigen Objekt vergehen bis zu 8 Monate. Reine Fertigungszeit für ein solches Stück: 180 Stunden. Doch die immense Arbeit, die in den Meisterwerken steckt, ist ein Augenschmaus! Die hohen Besucherzahlen führten zu etwas noch nie dagewesenem. Herwig Kathke, Bildungsmanager im Elbcampus: “So einen Andrang hatten wir noch nicht. Die reichlich gedruckten Begleithefte waren innerhalb von zwei Tagen vergriffen. Wir mussten nachdrucken lassen!”
Kickertisch von Stefan Brink, Oststeinbeck (Foto: Tom Köhler, Hamburg)
Berühren verboten
Leider ist es nicht gestattet, die Stücke zu berühren. Doch danach verlangt es einem unbändig, wenn Maserungen und Rundungen vor einem stehen. Also ist es eine optische Reise, angenehm unterstützt durch den intensiven Duft nach Eiche, Nuss, Kirsche und Zebrano. Der Betrachter braucht erst mal einige Minuten, um die Sinneseindrücke zu verarbeiten. Die scheinbar geringe Zahl der Stücke lässt die Zeit elegant verstreichen. Oft klebt der Blick an Details, umschleicht der Besucher das Objekt immer und immer wieder. Verschiedene Hölzer versprühen ihren Charme und für jeden Geschmack ist etwas dabei. Der Kickertisch aus Nussbaum steht geradezu im Weg. Sich ihm zu entziehen ist unmöglich. Die verchromten Stäbe mit schwarzen Griffen kontrastieren wunderbar mit dem edlen Holz. Der Clou: Ein Auszug an jedem Kopfende dient der Aufnahme der für ein Kickerturnier notwendigen Getränke. Der Begriff Lackaffe bekommt eine völlig neue Bedeutung, stellt sich der Besucher die Stunden vor, in denen der Tischler die Oberflächen behandelt. Durch unzählige Schichten entsteht eine Brillianz und Tiefe der Maserung, die ihresgleichen sucht.
Anrichte von Per Völkel, Hamburg (Foto: Tom Koehler, Hamburg)
Meisterwerke der Tischlerinnung
Die Stars der Besucher sind aber eine Anrichte aus Cocobolo und Ahorn - und ein unglaublicher Waschtisch aus Eiche mit atemberaubender Maserung. Doch eines nach dem anderen.Die Anrichte hat eine schachbrettartige Front mit erhabenen und vertieften Elementen. Ein genialer Mechanismus lässt die Türen durch leichten Druck nach außen schwenken. Das dunkle Holz strahlt eine Wärme und Behaglichkeit aus, die ein ungeübter Betrachter mich dem Schlagwort “Eiche rustikal” versehen würde. Doch die beiden Hölzer kooperieren hervorragend und der rotbraune Ton gewinnt seine Verehrer im Handumdrehen. Der Waschtisch zog jeden Besucher magisch an. Immer wieder die starke Versuchung, mit der Hand das Material zu erkunden - oh Folter, verboten! Es sind zwei Becken in das mehrfach verklebte Material gefräst. Das kleinere Becken dient den Händen und verfügt über eine sensorgesteuerte Wasserzufuhr. Dahinter verbirgt sich ein Fach, welches durch Druck darauf nach oben fährt. Das große Becken könnte einem Taufbecken zur Ehre gereichen. Die Oberflächen sind mit Hartöl behandelt und würden im heimischen Bad einen zauberhaften Duft verbreiten.
Waschtisch von Mathias Wendt, Norderstedt (Foto: Tom Koehler, Hamburg)
Alle Jahre wieder
Allen Stücken die ihnen gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, sprengt leider den Platz. Allen angehenden Tischlermeistern sei beschieden, dass sie ihre Profession mit höchstem Einsatz und gelungener Kreativität ausüben. Die Liebe zum Detail, aber auch zum Material ist spürbar, erfahrbar. Dank gilt der Handwerkskammer, die ihr schönes Treppenhaus für die Ausstellung bereitstellte. Allen, die dem Material Holz mehr als nur den Brennwert abgewinnen können, sei empfohlen, im nächsten Jahr wieder mit staunenden Augen und offenen Mündern zu den Objekten der ganz besonderen Art zu pilgern.
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Kunstrasen, Herz und Teamgeist
23.8.2010 von Tom T. Köhler.
Wenn sich sechs Mannschaften an einem Sonnabendmorgen auf einem Sportplatz in Hamburg-Jenfeld treffen, ist das eigentlich nichts Besonderes. Knieschützer angeschnallt, Schiedsrichterpfiff und los geht´s. Doch am 21.08.10 trafen sich Kicker aus ganz Hamburg zu einem Turnier der besonderen Art. Die strammen Waden vertraten die Firmen Nietiedt, FIGA, Blohm&Voss, die Billstedter Sportfreunde und als I-Tüpfelchen die schnellen Jungs von HerzAs, einer Hilfseinrichtung für Hamburger Obdachlose.
Dieses Turnier wurde dank der Unterstützung der Firma Nietiedt ausgerichtet. Sie garantierte auch die Versorgung der Athleten mit Getränken während der hitzigen Spielphasen. Die Spiele waren zwei mal 10 Minuten lang, dann wurden die Seiten getauscht. Eine sengende Sonne, strahlendblauer Himmel und rau-herzliche Sprüche machten aus dem Turnier ein Erlebnis. Die trainierten Gerüstbauer und Oberflächen-Profis von Nietiedt waren sichtlich im Vorteil, doch auch die Mannen von Blohm und Voss ließen sich nicht lumpen. Doch es ging hier nicht um frohes Holzen: Der Spaß am Spiel, der Wettstreit mit frechen Sprüchen und den Trainern am Rand des Platzes, die lauthals Anweisungen in den Jenfelder Morgen riefen - schon dafür lohnte es sich, dabei zu sein.
Die Herz As Chaoten - so die offizielle Bezeichnung der Männer in Lindblau - hatten ihren eigenen Fanblock mitgebracht. Die Unterstützer waren zünftig mit einer Vereinsfahne ausgestattet. Fehlte eigentlich nur noch die Vuvuzela! Unbekümmert gingen die Chaoten ihre Gegner an, zeigten mit schnellen Kontern, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Abgesehen davon, dass bei diesem Turnier jeder gewann: Einen soliden dritten Platz sicherten sich die Blaumänner.
Gern notieren wir eine zünftige Atmosphäre, Kind und Kegel im Fanblock, faires Spiel und Sportsgeist. Eine prompte Versorgung der Kicker und Fans mit Getränken und einem Grillmeister, der sein Handwerk verstand, sind erwähnenswert. Für alle Statistiker folgt die Plazierung, beginnend beim ersten Gewinner von sechs: Nietiedt Gerüstbau, Blohm und Voss, HerzAs, Nietiedt Oberflächentechnik, Billstedter Sportfreunde, FIGA.
Es gab nur Gewinner (Alle Fotos: Tom Koehler, Hamburg)
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Einmal Leben und zurück
14.8.2010 von Tom T. Köhler.
Unweit des Hamburger Hauptbahnhofes, mitten im Großstadtgetümmel, gibt es einen beschaulichen Ort. Zwischen niedrigen Häusern steht eine fast endlose Doppelreihe von übermannshohen Rosenbüschen. Die Blüten in allen Farben bilden ein Spalier für den Besucher. Dies ist das Gelände der Hartwig-Hesse-Stiftung in der Alexanderstraße und ein Wohnheim für Senioren. Hier wohnt Regina. Sie ist 80 Jahre alt und nach einem anstrengenden Leben an den Ort Ihrer Geburt zurückgekehrt. Das ist ihre Geschichte.
Vergangenheit ist anstrengend
Es ist ein sehr warmer Sommertag. Die Stadt ist ohnehin aufgeheizt von den Hitzewellen der letzten Wochen. Wer kann, sucht sich ein schattiges Plätzchen. Regina wohnt im kühlen Erdgeschoss und empfängt den Besuch, gestützt auf ihrem Gehwagen: “Hab schon aus der Küche gehört, das muss er sein. So schwere Schritte gibt es hier sonst nicht” Sie geht langsam, leicht vornübergebeugt voran. In allen Räumen sind die Türen ausgehangen. Für einen gesunden Besucher ungewöhnlich, für Regina einfach praktisch.
In der Stube stehen Kaffee und Kekse bereit. Überall, wohin das Auge blickt, Bilder an der Wand. “Früher hab ich selber viel gemalt, heute geht das nicht mehr.”, so Regina. Ihr ganzer Stolz: ein riesiges Bild aus Bildern. Nebeneinander und in Reihen darüber aus gleichgroßen Bilderrahmen. Eine Landschaft mit Blumen und Bäumen in sehr warmen Farben. Über dieses Früher redet sie langsam, muss ihre Gedanken ordnen, weiß das Eine oder Andere nicht mehr so genau.
Kindheit und Krankheit
Ihre Eltern stammen aus dem schlesischen Seitenberg. Der Vater wollte nach Amerika auswandern, kam aber nur bis Hamburg. Hier bewohnte er in der Stiftstraße ein möbliertes Zimmer. Seine Frau ließ er nachkommen und 1930 kam Regina zur Welt. Nur hundert Meter entfernt vom Hartwig-Hesse´s Witwen-Stift, gegründet 1826. Regine war kränklich, bekam mit 4 Jahren Typhus. Die schwere Erkrankung überstand sie im Krankenhaus. Endlich genesen lernte sie beim Spielen auf den Straßen St. Georgs die Kinder des damaligen Hausmeisters der Stiftung kennen. “Mit denen war ich oft zusammen”, lacht sie und fährt sich über ihre silberweißen Haare. Sie hat sich ihr ganzes Leben ihr freundliches Wesen und das frohe Gemüt erhalten. Selbst jetzt, als ihr die Krankheiten wieder zusetzen. Ihr Vater arbeitete als Handwerker im REICHSHOF am Hauptbahnhof und ihre Mutter im REGINA, beides bekannte Hotels im Zentrum Hamburgs. “Da werd ich wohl meinen Namen herhaben” mutmaßt Regina. Sie ging in damals in die katholische Schule in der Danziger Straße. Bis sie von den Nazis geschlossen wurde. Bald rückte auch der Krieg näher.
Rosengang auf dem Stiftiungsgelände (Foto: Tom Köhler, Hamburg)
Glück im Grünen
Doch zuvor hatte die anwachsende Familie (eine Schwester und einen Bruder) etwas Glück. Nachbarn boten ihnen an, einen Teil von deren Grundstück in Tonndorf zu nutzen. Ein Segen für Großstadtkinder. Ein kleines Gartenhäuschen im Grünen und der halbjährliche Umzug dorthin bescherten den Kindern ein unbeschwertes Sommerhalbjahr. Ein Bekannter fuhr mit seinem Auto die Möbel hinaus und holte sie im Herbst wieder nach St. Georg. “Wir fuhren immer mit der Bahn und dem Bus zur Schule. Wenn der Anschluss verpasst wurde, war man erst am späten Nachmittag zuhause. Dann noch die Hausaufgaben, das wurde spät.” Die Fliegerangriffe erreichen inzwischen Hamburg. “Wir haben unter dem Häuschen ein Loch gebuddelt. Als Schutz gegen die Bomben.” und weiter ” Als ob das was geholfen hätte. Auf was für Gedanken man so kommt!” Regina sieht nachdenklich aus dem Fenster auf die sonnenüberflutete Straße. Ihr Gesicht ist gezeichnet von einem anstrengenden Leben. Darüber täuschen auch die Lachfalten an den Augen nicht hinweg.
Der Krieg holt sie ein
Regina besuchte noch bis Anfang 1943 die Schule. Vater bedrängte Mutter und Kinder, zu den Verwandten nach Schlesien zu reisen. Es war ihr Glück, auf ihn gehört zu haben. Der Feuersturm im Sommer wütete auch in St. Georg. Die Bomben legten die Stiftungsgebäude in Schutt und Asche, einzig das Haus, in dem sie wohnten, trotzte den Angriffen - nahm aber auch Schaden. “Mutter musste ´43 nach Hamburg, um Lebensmittelmarken zu holen. Sie ist über die noch rauchenden Trümmer gestolpert, während ich auf die Geschwister aufpasste”. Nach dem Ende des Krieges sind Mutter und Kinder von Schlesien aus Richtung Hamburg gezogen. Fast drei Monate waren sie unterwegs, erreichten im Dezember Hamburg und das Haus in der Stiftstraße. Es war so vieles zerstört, doch der Schutt war schon von den Straßen geräumt, kann sich Regina noch erinnern. Die Familie blieb nicht lange in der Stiftstraße, zog später um. 1946 ging Regina mit ihrer Mutter zur Schule in der Straße Koppel, nahe der Außenalster. Vor dem Weggang in Schlesien vergaßen sie, die Zeugnisse mitzunehmen. Die Schule in der Koppel konnte wenigstens mit den Vorkriegsunterlagen aushelfen.
Harte Arbeit und vier Kinder
Regina arbeitete später bei der Hamburger Sparkasse, genau wie ihr Mann. Nach dem Krieg wurden überall dringend Mitarbeiter gesucht. Regina bekam vier Kinder, zog sie tagsüber groß, arbeitet nachts. Bis zur Frührente 1969. Ihre Gesundheit ließ es nicht länger zu. Stolz berichtet Regina: “Aus meinen vier Kindern ist alles was geworden. Einer ist Ingenieur, war ein paar Jahre in China. Meine weiteste Reise war nach China. Da hab ich ihn besucht.” Sie lacht wieder herzlich. “Der Zweite ist Prokurist in einer großen Werft. Der Dritte ist jetzt Krankenpfleger. Die Tochter ist Musiklehrerin.”
Grabstein des Stiftungsgründers (Foto: Tom Köhler, Hamburg)
Endlich angekommen
Nun wohnt sie schon vierzig Jahre in den nach dem Krieg wieder errichteten Gebäuden der Stiftung. “Hab gar nicht gewusst, dass es ein Stift ist für Witwen. Das hab ich erst viel später erfahren.” Regina kam hier eines Tages vorbei und fragte, ob sie eine Wohnung für sie haben. Sie ging im Februar in Rente, und am nächsten Tag war sie hier. Alleine, ihr Mann war schon tot. Sie hat sich nur hundert Meter von ihrem Geburtshaus nach einem strapazenreichen Leben wieder niedergelassen. Mitten in Hamburgs Stadtteil St. Georg. Ihre vier Kinder und sechs Enkel besuchen sie regelmäßig, im Stift wird sie betreut. Das Essen kommt in die Wohnung, Schwestern helfen ihr bei den täglichen Verrichtungen. Im Stubenschrank ein Gedicht für die Mutter, die es schaffte, vier Kinder groß zu ziehen. Daneben ein Foto in Schwarz-weiß. Ein Gartenhäuschen vor Bäumen. Regina ist zurück. Angekommen dort, wo sie vor 80 Jahren auf die Welt kam.
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