Einmal Leben und zurück

Unweit des Hamburger Hauptbahnhofes, mitten im Großstadtgetümmel, gibt es einen beschaulichen Ort. Zwischen niedrigen Häusern steht eine fast endlose Doppelreihe von übermannshohen Rosenbüschen. Die Blüten in allen Farben bilden ein Spalier für den Besucher. Dies ist das Gelände der Hartwig-Hesse-Stiftung in der Alexanderstraße und ein Wohnheim für Senioren. Hier wohnt Regina. Sie ist 80 Jahre alt und nach einem anstrengenden Leben an den Ort Ihrer Geburt zurückgekehrt. Das ist ihre Geschichte.

Vergangenheit ist anstrengend

Es ist ein sehr warmer Sommertag. Die Stadt ist ohnehin aufgeheizt von den Hitzewellen der letzten Wochen. Wer kann, sucht sich ein schattiges Plätzchen. Regina wohnt im kühlen Erdgeschoss und empfängt den Besuch, gestützt auf ihrem Gehwagen: “Hab schon aus der Küche gehört, das muss er sein. So schwere Schritte gibt es hier sonst nicht” Sie geht langsam, leicht vornübergebeugt voran. In allen Räumen sind die Türen ausgehangen. Für einen gesunden Besucher ungewöhnlich, für Regina einfach praktisch.
In der Stube stehen Kaffee und Kekse bereit. Überall, wohin das Auge blickt, Bilder an der Wand. “Früher hab ich selber viel gemalt, heute geht das nicht mehr.”, so Regina. Ihr ganzer Stolz: ein riesiges Bild aus Bildern. Nebeneinander und in Reihen darüber aus gleichgroßen Bilderrahmen. Eine Landschaft mit Blumen und Bäumen in sehr warmen Farben. Über dieses Früher redet sie langsam, muss ihre Gedanken ordnen, weiß das Eine oder Andere nicht mehr so genau.

Kindheit und Krankheit

Ihre Eltern stammen aus dem schlesischen Seitenberg. Der Vater wollte nach Amerika auswandern, kam aber nur bis Hamburg. Hier bewohnte er in der Stiftstraße ein möbliertes Zimmer. Seine Frau ließ er nachkommen und 1930 kam Regina zur Welt. Nur hundert Meter entfernt vom Hartwig-Hesse´s Witwen-Stift, gegründet 1826. Regine war kränklich, bekam mit 4 Jahren Typhus. Die schwere Erkrankung überstand sie im Krankenhaus. Endlich genesen lernte sie beim Spielen auf den Straßen St. Georgs die Kinder des damaligen Hausmeisters der Stiftung kennen. “Mit denen war ich oft zusammen”, lacht sie und fährt sich über ihre silberweißen Haare. Sie hat sich ihr ganzes Leben ihr freundliches Wesen und das frohe Gemüt erhalten. Selbst jetzt, als ihr die Krankheiten wieder zusetzen. Ihr Vater arbeitete als Handwerker im REICHSHOF am Hauptbahnhof und ihre Mutter im REGINA, beides bekannte Hotels im Zentrum Hamburgs. “Da werd ich wohl meinen Namen herhaben” mutmaßt Regina. Sie ging in damals in die katholische Schule in der Danziger Straße. Bis sie von den Nazis geschlossen wurde. Bald rückte auch der Krieg näher.

Rosengang auf dem Stiftsgelände (c)www.abendfarben.de Rosengang auf dem Stiftiungsgelände (Foto: Tom Köhler, Hamburg)

Glück im Grünen

Doch zuvor hatte die anwachsende Familie (eine Schwester und einen Bruder) etwas Glück. Nachbarn boten ihnen an, einen Teil von deren Grundstück in Tonndorf zu nutzen. Ein Segen für Großstadtkinder. Ein kleines Gartenhäuschen im Grünen und der halbjährliche Umzug dorthin bescherten den Kindern ein unbeschwertes Sommerhalbjahr. Ein Bekannter fuhr mit seinem Auto die Möbel hinaus und holte sie im Herbst wieder nach St. Georg. “Wir fuhren immer mit der Bahn und dem Bus zur Schule. Wenn der Anschluss verpasst wurde, war man erst am späten Nachmittag zuhause. Dann noch die Hausaufgaben, das wurde spät.” Die Fliegerangriffe erreichen inzwischen Hamburg. “Wir haben unter dem Häuschen ein Loch gebuddelt. Als Schutz gegen die Bomben.” und weiter ” Als ob das was geholfen hätte. Auf was für Gedanken man so kommt!” Regina sieht nachdenklich aus dem Fenster auf die sonnenüberflutete Straße. Ihr Gesicht ist gezeichnet von einem anstrengenden Leben. Darüber täuschen auch die Lachfalten an den Augen nicht hinweg.

Der Krieg holt sie ein

Regina besuchte noch bis Anfang 1943 die Schule. Vater bedrängte Mutter und Kinder, zu den Verwandten nach Schlesien zu reisen. Es war ihr Glück, auf ihn gehört zu haben. Der Feuersturm im Sommer wütete auch in St. Georg. Die Bomben legten die Stiftungsgebäude in Schutt und Asche, einzig das Haus, in dem sie wohnten, trotzte den Angriffen - nahm aber auch Schaden. “Mutter musste ´43 nach Hamburg, um Lebensmittelmarken zu holen. Sie ist über die noch rauchenden Trümmer gestolpert, während ich auf die Geschwister aufpasste”. Nach dem Ende des Krieges sind Mutter und Kinder von Schlesien aus Richtung Hamburg gezogen. Fast drei Monate waren sie unterwegs, erreichten im Dezember Hamburg und das Haus in der Stiftstraße. Es war so vieles zerstört, doch der Schutt war schon von den Straßen geräumt, kann sich Regina noch erinnern. Die Familie blieb nicht lange in der Stiftstraße, zog später um. 1946 ging Regina mit ihrer Mutter zur Schule in der Straße Koppel, nahe der Außenalster. Vor dem Weggang in Schlesien vergaßen sie, die Zeugnisse mitzunehmen. Die Schule in der Koppel konnte wenigstens mit den Vorkriegsunterlagen aushelfen.

Harte Arbeit und vier Kinder

Regina arbeitete später bei der Hamburger Sparkasse, genau wie ihr Mann. Nach dem Krieg wurden überall dringend Mitarbeiter gesucht. Regina bekam vier Kinder, zog sie tagsüber groß, arbeitet nachts. Bis zur Frührente 1969. Ihre Gesundheit ließ es nicht länger zu. Stolz berichtet Regina: “Aus meinen vier Kindern ist alles was geworden. Einer ist Ingenieur, war ein paar Jahre in China. Meine weiteste Reise war nach China. Da hab ich ihn besucht.” Sie lacht wieder herzlich. “Der Zweite ist Prokurist in einer großen Werft. Der Dritte ist jetzt Krankenpfleger. Die Tochter ist Musiklehrerin.”

Grabstein des Gründers, Hartwig Hesse (c)www.abendfarben.de Grabstein des Stiftungsgründers (Foto: Tom Köhler, Hamburg)

Endlich angekommen

Nun wohnt sie schon vierzig Jahre in den nach dem Krieg wieder errichteten Gebäuden der Stiftung. “Hab gar nicht gewusst, dass es ein Stift ist für Witwen. Das hab ich erst viel später erfahren.” Regina kam hier eines Tages vorbei und fragte, ob sie eine Wohnung für sie haben. Sie ging im Februar in Rente, und am nächsten Tag war sie hier. Alleine, ihr Mann war schon tot. Sie hat sich nur hundert Meter von ihrem Geburtshaus nach einem strapazenreichen Leben wieder niedergelassen. Mitten in Hamburgs Stadtteil St. Georg. Ihre vier Kinder und sechs Enkel besuchen sie regelmäßig, im Stift wird sie betreut. Das Essen kommt in die Wohnung, Schwestern helfen ihr bei den täglichen Verrichtungen. Im Stubenschrank ein Gedicht für die Mutter, die es schaffte, vier Kinder groß zu ziehen. Daneben ein Foto in Schwarz-weiß. Ein Gartenhäuschen vor Bäumen. Regina ist zurück. Angekommen dort, wo sie vor 80 Jahren auf die Welt kam.

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