Archive für September 2010

Ein Tag IFA

Der Wecker verabschiedete die Nacht pünktlich um fünf. Ich hab es so gewollt. Ein langer, aber auch spannender Tag steht mir bevor. Von Hamburg aus geht es mit einem Kollegen zur 50. Internationalen Funkausstellung nach Berlin.Wir fahren in einen strahlenden Sonnenaufgang hinein. Den erhoffen sich auch die Hersteller von Fernsehern, Waschmaschinen und MP3-Playern. Der Markt, so scheint es, ist gesättigt. Zweithandy, Drittplayer und eine große Anzahl anderer Geräte sind in einem Durchschnittshaushalt versammelt. Also muss der Produzent dieser Güter sich von anderen Kunden abheben, einen Mehrwert generieren. Oder sich durch absolute Qualität auszeichnen. Gesättigt scheint aber nicht der Markt für Parkplätze während der IFA.

IFA-Funkturm (c) www.abendfarben.de

Der Versuch, sich mit dem PKW in die Nähe des Messegeländes zu bewegen, glich einem Verkehrs-GAU. Mit etwas Glück und im Hoffen auf einsichtige Ordnungshüter gelang es, den Kleinwagen dezent abzustellen. Dann schnurstracks Richtung geschmücktem Funkturm geeilt. Der Tag ist nicht unendlich und wir wollen viel entdecken. Schlangen vor den Kassen und Eingängen - auch mitten in der Woche - zeigt das grandiose Interesse von Fachbesuchern (fast 125.000), Verbrauchern (über 110000) und Presse (ca. 2000) an dem jährlichen Technik-Stelldichein. Wir durchwandern Halle für Halle, staunen, lesen, sehen Projektionen.

 

 3D-Logo (c) www.abendfarben.de

Absolutes Thema: 3D

Jeder Hersteller wirbt mit Leinwänden, kleinen Kinosälen oder Flachbildschirmen und der obligatorischen Brille. Überall sitzen Menschen in bequemen Sesseln, stehen dichtgedrängt vor Leinwänden und lassen sich die neue Technologie zeigen. Es ist - ehrlich eingestanden - sehr beeindruckend. Glasklare Bilder, Objekte, die scheinbar in den Raum ragen oder den Besucher “anspringen”, lassen die perfekte Illusion entstehen. Auf einer Leinwand spielt ein Klassikorchester unter Sir Simon Rattle. Die Kamera durchfährt den Orchestergraben. Unwillkürlich rückt man zur Seite, als die drohend näherkommende Harfe ihre ganze Größe zeigt. In anderen “Kinos” laufen Trickfilme und Animationen, die mit wilden Flugshows oder rasanten Objekten in eine dritte Dimension entführen. Nachteil der Technik: Derzeit geht es ohne Brille noch nicht. Besonders für Brillenträger ist die Brille auf der Brille ein Manko. Ein Interessent der besonderen Art weilte auch in einem 3D-Kino: Bundespräsident Christian Wulff zeigte sich sichtlich vergnügt ob der Illusion.

 Bundespräsident Wulff im 3D-Kino (c) www.abendfarben.de

Dass es keinen Stillstand gibt, zeigte auch das erste 3D-Notebook. Auch ein Prototyp, zu dem es kaum Informationen am Stand gab - so neu war es. Mit der dazugehörigen Brille lassen sich auch Anwendungen am heimischen Schreibtisch in 3D starten. Allerdings ist das Notebook umschaltbar, herkömmliche Nutzung in 2D also weiter machbar.

3D-Notebook (c) www.abendfarben.de

 

Technische Gimmicks

 Sie wollten doch schon immer mal eine Projektion auf die Leinwand mit Ihrem Handy starten? Ganz gewiss streben Sie doch auch den Raumklang-Lausprecher an, der es schafft, in ihrem Kopf 3D-Audio zu erzeugen, obwohl er allein unter dem Flachbildschirm steht? Alles ist möglich, so der Eindruck. Überall entpuppen sich kleine und größere Entwicklungen. Staunende Besuchergruppen bilden sich vor dem Autostereoskopischen 360-Grad-3D-Display. So heißt es wirklich, ist ein Prototyp und ermöglich eine Rundumsicht auf ein Objekt. Ungläubig umkreisen auch wir das Wunderding, fühlen uns wie auf dem Raumschiff Enterprise im Holodeck. Der Internet-Fernseher auf Basis des Betriebssystems Android vereint riesengroß, in natürlichen Farben und blitzschnell TV sowie Computer. Was das Gerät einmal auf dem Markt kosten soll und wie lange es dauert, bis die Konkurrenz nachrüstet, konnte niemand beantworten.

 7-Liter-Geschirrspüler (c) www.abendfarben.de

 

Technik für die tüchtige Hausfrau

Die moderne Frau hat weniger Zeit, als ihre Vorfahren. Sie verlässt sich auf den 7-Liter-Geschirrspüler, den die Besucher in der durchsichtigen Variante bei der Arbeit beobachten konnten. Wer auch immer im Haushalt die Hosen anhat - ohne moderne Konzepte geht es nicht mehr. Zahllose Modelle von intelligenten Waschmaschinen, flüsterleisen Staubsaugern und stromsparenden Kühlschränken füllten so manche Halle. Ein Segen, so schien es dem langsam schwach werdenden Besucher, waren die zahllosen Hersteller von Kaffee-Maschinen. Wir entschuldigen uns für die profane Bezeichnung all der System-, Pad- und Gastronomiegeräte. Waren wir doch froh, verschnaufen zu können und mit dem Geschmack frisch gebrühter Bohnen auf der Zunge die nächste Herausforderung anzugehen.

 

Fernseher der Zukunft (c) www.abendfarben.de (alle Fotos: Tom Koehler, Hamburg)

Fernseher der Zukunft

Auch wenn das Programm diverser Sender nicht gerade einlädt, den Fernseher anzuschalten, ist es doch verführerisch, die modernen Flachbild-Monitore zu sehen. Die Dicke der Geräte ist am Schwinden. Früher wuchsen die großen Röhren-Geräte in die Tiefe und brauchten eine Raumecke, um überhaupt in der herkömmlichen Wohnung zu stehen. Die heutigen Bildschirme sind geradezu zerbrechlich. Kleinere Exemplare erreichen eine Materialstärke von 1 Zentimeter. Der Fernseher ist dünner, als ein Finger - unglaublich.

Inzwischen machte sich die körperliche Anstrengung bemerkbar. Mit einer gewissen Ermattung erreichten wir unser - noch dort stehendes - Auto. Ein Stoßgebet an die Schutzengel und den Großmut der Berliner Polizei, tanken und auf in Richtung Heimat. Doch eines ist sicher: Nächstes Jahr machen wir es genau so wieder. Wir sehen uns auf der IFA vom 02.-07.09.2011!

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Skandale - Korrektive der Macht?

Starfighter, Contergan, Neue Heimat, Flick, Pfahls, CDU-Spenden - die Geschichte der Bundesrepublik ist gespickt mit Skandalen. Doch die Geschichte der Skandale ist länger, als die Republik alt ist. Der Journalist Sebastian Knauer führte in einer bilderbewehrten Chronik die Zuschauer durch eine Auswahl der Erschütterungen, die Deutsche aus ihrem Michelschlaf rissen. Knauer selbst war Teil eines Skandals. Er fand die Leiche Barschels in der Badewanne und fotografierte ihn. Danach war er involviert, sogar verdächtig. Für ihn ist auch heute noch der Fall ein Skandal: “Wieso ist es auch nach über zwanzig Jahren nicht möglich, den Fall aufzuklären? Die Staatsanwalt weigert sich, eine Entscheidung zu fällen - Mord oder Selbstmord.”

Themenplakat Koerberforum Skandale (c) www.abendfarben.de Themenplakat (Foto: Tom Koehler, Hamburg)

Professor und Journalist

Sensibilisiert für die Auswirkungen, die Tücken eines Skandals, begrüßte das volle Auditorium die beiden Hauptpersonen des Abends: Prof. Dr. Bernhard Pörksen von der Uni Tübingen und den bundesrepublikanischen Aufdecker schlechthin - Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung. “Der Skandal verstößt gegen das, was in der Gesellschaft akzeptiert wird.” Leyendecker weiter: “In jeder Epoche ist ein Skandal etwas anderes. Heute würde der Fall Rosemarie Nitribitt nicht ein solches Echo hervorrufen, wie in der damaligen Zeit.” Andererseits ist das empörungsbereite Publikum nur kurze Zeit aufnahmefähig. Oder, um sich der Mediensprache zu bedienen: Das versendet sich. Im Gegenzug erntete er Kritik, weil er den Fall Leuna-Affäre nochmals genau betrachtete, Zugang zu Akten hatte. Es stellte sich heraus, dass jene Zeilen, die er vorher schrieb, so nicht der Wahrheit entsprachen. Sein “Sinneswandel” wurde vom Publikum abgestraft. Herbe Kritik, so Leyendecker, “weil er das Vorurteil der Leser nicht mehr akzeptierte”.

Hans Leyendecker beim Koerberforum Hamburg (c) www.abendfarben.de Hans Leyendecker im Gespräch (Foto: Tom Koehler, Hamburg)

Journalismus braucht Zeit und Geld

Bernhard Pörksen: “Gibt es Freude an der Trophäe? Ist es ein Triumph, jemanden zurücktreten zu sehen?” Leyendecker: “Nein.” Es gibt Schmutzgeschichten, sicherlich. Und die Methoden, die zu den Informationen geführt haben, müssen problematisiert werden, wenn sie nicht sauber sind. “Allerdings müssen die betroffenen Personen auch die eigenen Verfehlungen anerkennen, sonst sind sie nicht glaubwürdig.” Die Zeiten, kritisierte der Journalist zu Recht, in denen er und seine Kollegen noch reichlich Zeit und Unterstützung hatten, um zu recherchieren, sind wohl vorbei. Die Konkurrenz ist riesig, der Druck fast körperlich spürbar. “Jetzt wird nur noch auf Schnelligkeit gearbeitet, nicht auf Genauigkeit!” Kollegen sonnen sich im Ranking von Exklusivgeschichten. “Das sind Torheiten!” Ob diese Geschichten immer der Wahrheit entsprächen, ist fraglich.

Bernhard Poerksen beim Koerberforum Hamburg (c) www.abendfarben.de Berhnard Poerksen (Foto: Tom Koehler, Hamburg)

Wo kommen die Informationen her?

Dass es nicht einfach ist, eine Geschichte zum Skandal zu erzählen, weiß der Journalist. “Oft sind sie auch sehr kompliziert. Mit Zahlen vollgestopft.” und weiter “Wir erzählen heute Geschichten anders, besser!” Pörksen machte auf den Umstand aufmerksam, dass Leyendecker selbst einmal auf einen Informanten hereingefallen ist. “Ja, das war in der Bad Kleinen-Affäre!” Er hatte damals zu einem Mann Kontakt, der behauptete, Zeuge gewesen zu sein, wie der Terrorist Wolfgang Grams hingerichtet wurde. Nach langem Hin und Her stellte sich heraus, dass der Mann unglaubwürdig war. Leyendecker dazu: “Informanten soll man nicht bezahlen. Heute hat sowieso keiner mehr Geld dafür.” und “Wir gehen mit Fehlern nicht ordentlich um.” Nun, es versendet sich. Doch das Gedächtnis der Nation hat einen tatkräftigen Archivar bekommen: das Internet, welches nichts vergisst.

Wie geht es weiter?

Eine Voraussetzung für das Aufdecken von Skandalen ist die akribische journalistische Recherche. Eine weitere die Demokratie, laut Knauer gibt es nämlich nur in dieser Skandale. In Diktaturen wird ein solches Ereignis zu einem Nichtereignis. Er und auch Leyendecker leben davon, dass es Machenschaften gibt, die es aufzudecken gilt. Und die Skandale? “Wir sind froh, dass wir sie haben!” Ob sie die Demokratie korrigieren oder Teil derselben sind, wurde an diesem Abend nicht endgültig geklärt. Die jungen Leyendeckers saßen auf jeden Fall mit im Saal und stellten am Schluss gute Fragen. Jugendliche, die in der Demokratie erwachsen werden und vielleicht einmal einer ganz großen Sache auf die Schliche kommen. Verwiesen sei an dieser Stelle noch auf den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Junge Menschen sollen sich auf die Suche nach Skandalen und Skandälchen machen. Unter www.geschichtswettbewerb.de werden wir vielleicht bald überrascht!

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