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Skandale - Korrektive der Macht?
2.9.2010 von Tom T. Köhler.
Starfighter, Contergan, Neue Heimat, Flick, Pfahls, CDU-Spenden - die Geschichte der Bundesrepublik ist gespickt mit Skandalen. Doch die Geschichte der Skandale ist länger, als die Republik alt ist. Der Journalist Sebastian Knauer führte in einer bilderbewehrten Chronik die Zuschauer durch eine Auswahl der Erschütterungen, die Deutsche aus ihrem Michelschlaf rissen. Knauer selbst war Teil eines Skandals. Er fand die Leiche Barschels in der Badewanne und fotografierte ihn. Danach war er involviert, sogar verdächtig. Für ihn ist auch heute noch der Fall ein Skandal: “Wieso ist es auch nach über zwanzig Jahren nicht möglich, den Fall aufzuklären? Die Staatsanwalt weigert sich, eine Entscheidung zu fällen - Mord oder Selbstmord.”
Themenplakat (Foto: Tom Koehler, Hamburg)
Professor und Journalist
Sensibilisiert für die Auswirkungen, die Tücken eines Skandals, begrüßte das volle Auditorium die beiden Hauptpersonen des Abends: Prof. Dr. Bernhard Pörksen von der Uni Tübingen und den bundesrepublikanischen Aufdecker schlechthin - Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung. “Der Skandal verstößt gegen das, was in der Gesellschaft akzeptiert wird.” Leyendecker weiter: “In jeder Epoche ist ein Skandal etwas anderes. Heute würde der Fall Rosemarie Nitribitt nicht ein solches Echo hervorrufen, wie in der damaligen Zeit.” Andererseits ist das empörungsbereite Publikum nur kurze Zeit aufnahmefähig. Oder, um sich der Mediensprache zu bedienen: Das versendet sich. Im Gegenzug erntete er Kritik, weil er den Fall Leuna-Affäre nochmals genau betrachtete, Zugang zu Akten hatte. Es stellte sich heraus, dass jene Zeilen, die er vorher schrieb, so nicht der Wahrheit entsprachen. Sein “Sinneswandel” wurde vom Publikum abgestraft. Herbe Kritik, so Leyendecker, “weil er das Vorurteil der Leser nicht mehr akzeptierte”.
Hans Leyendecker im Gespräch (Foto: Tom Koehler, Hamburg)
Journalismus braucht Zeit und Geld
Bernhard Pörksen: “Gibt es Freude an der Trophäe? Ist es ein Triumph, jemanden zurücktreten zu sehen?” Leyendecker: “Nein.” Es gibt Schmutzgeschichten, sicherlich. Und die Methoden, die zu den Informationen geführt haben, müssen problematisiert werden, wenn sie nicht sauber sind. “Allerdings müssen die betroffenen Personen auch die eigenen Verfehlungen anerkennen, sonst sind sie nicht glaubwürdig.” Die Zeiten, kritisierte der Journalist zu Recht, in denen er und seine Kollegen noch reichlich Zeit und Unterstützung hatten, um zu recherchieren, sind wohl vorbei. Die Konkurrenz ist riesig, der Druck fast körperlich spürbar. “Jetzt wird nur noch auf Schnelligkeit gearbeitet, nicht auf Genauigkeit!” Kollegen sonnen sich im Ranking von Exklusivgeschichten. “Das sind Torheiten!” Ob diese Geschichten immer der Wahrheit entsprächen, ist fraglich.
Berhnard Poerksen (Foto: Tom Koehler, Hamburg)
Wo kommen die Informationen her?
Dass es nicht einfach ist, eine Geschichte zum Skandal zu erzählen, weiß der Journalist. “Oft sind sie auch sehr kompliziert. Mit Zahlen vollgestopft.” und weiter “Wir erzählen heute Geschichten anders, besser!” Pörksen machte auf den Umstand aufmerksam, dass Leyendecker selbst einmal auf einen Informanten hereingefallen ist. “Ja, das war in der Bad Kleinen-Affäre!” Er hatte damals zu einem Mann Kontakt, der behauptete, Zeuge gewesen zu sein, wie der Terrorist Wolfgang Grams hingerichtet wurde. Nach langem Hin und Her stellte sich heraus, dass der Mann unglaubwürdig war. Leyendecker dazu: “Informanten soll man nicht bezahlen. Heute hat sowieso keiner mehr Geld dafür.” und “Wir gehen mit Fehlern nicht ordentlich um.” Nun, es versendet sich. Doch das Gedächtnis der Nation hat einen tatkräftigen Archivar bekommen: das Internet, welches nichts vergisst.
Wie geht es weiter?
Eine Voraussetzung für das Aufdecken von Skandalen ist die akribische journalistische Recherche. Eine weitere die Demokratie, laut Knauer gibt es nämlich nur in dieser Skandale. In Diktaturen wird ein solches Ereignis zu einem Nichtereignis. Er und auch Leyendecker leben davon, dass es Machenschaften gibt, die es aufzudecken gilt. Und die Skandale? “Wir sind froh, dass wir sie haben!” Ob sie die Demokratie korrigieren oder Teil derselben sind, wurde an diesem Abend nicht endgültig geklärt. Die jungen Leyendeckers saßen auf jeden Fall mit im Saal und stellten am Schluss gute Fragen. Jugendliche, die in der Demokratie erwachsen werden und vielleicht einmal einer ganz großen Sache auf die Schliche kommen. Verwiesen sei an dieser Stelle noch auf den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Junge Menschen sollen sich auf die Suche nach Skandalen und Skandälchen machen. Unter www.geschichtswettbewerb.de werden wir vielleicht bald überrascht!
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Geschrieben in Medien (D), Bundespolitik, Deutschland | Drucken | Keine Kommentare »