Ein Tag IFA
Der Wecker verabschiedete die Nacht pünktlich um fünf. Ich hab es so gewollt. Ein langer, aber auch spannender Tag steht mir bevor. Von Hamburg aus geht es mit einem Kollegen zur 50. Internationalen Funkausstellung nach Berlin.Wir fahren in einen strahlenden Sonnenaufgang hinein. Den erhoffen sich auch die Hersteller von Fernsehern, Waschmaschinen und MP3-Playern. Der Markt, so scheint es, ist gesättigt. Zweithandy, Drittplayer und eine große Anzahl anderer Geräte sind in einem Durchschnittshaushalt versammelt. Also muss der Produzent dieser Güter sich von anderen Kunden abheben, einen Mehrwert generieren. Oder sich durch absolute Qualität auszeichnen. Gesättigt scheint aber nicht der Markt für Parkplätze während der IFA.
Der Versuch, sich mit dem PKW in die Nähe des Messegeländes zu bewegen, glich einem Verkehrs-GAU. Mit etwas Glück und im Hoffen auf einsichtige Ordnungshüter gelang es, den Kleinwagen dezent abzustellen. Dann schnurstracks Richtung geschmücktem Funkturm geeilt. Der Tag ist nicht unendlich und wir wollen viel entdecken. Schlangen vor den Kassen und Eingängen - auch mitten in der Woche - zeigt das grandiose Interesse von Fachbesuchern (fast 125.000), Verbrauchern (über 110000) und Presse (ca. 2000) an dem jährlichen Technik-Stelldichein. Wir durchwandern Halle für Halle, staunen, lesen, sehen Projektionen.
Absolutes Thema: 3D
Jeder Hersteller wirbt mit Leinwänden, kleinen Kinosälen oder Flachbildschirmen und der obligatorischen Brille. Überall sitzen Menschen in bequemen Sesseln, stehen dichtgedrängt vor Leinwänden und lassen sich die neue Technologie zeigen. Es ist - ehrlich eingestanden - sehr beeindruckend. Glasklare Bilder, Objekte, die scheinbar in den Raum ragen oder den Besucher “anspringen”, lassen die perfekte Illusion entstehen. Auf einer Leinwand spielt ein Klassikorchester unter Sir Simon Rattle. Die Kamera durchfährt den Orchestergraben. Unwillkürlich rückt man zur Seite, als die drohend näherkommende Harfe ihre ganze Größe zeigt. In anderen “Kinos” laufen Trickfilme und Animationen, die mit wilden Flugshows oder rasanten Objekten in eine dritte Dimension entführen. Nachteil der Technik: Derzeit geht es ohne Brille noch nicht. Besonders für Brillenträger ist die Brille auf der Brille ein Manko. Ein Interessent der besonderen Art weilte auch in einem 3D-Kino: Bundespräsident Christian Wulff zeigte sich sichtlich vergnügt ob der Illusion.
Dass es keinen Stillstand gibt, zeigte auch das erste 3D-Notebook. Auch ein Prototyp, zu dem es kaum Informationen am Stand gab - so neu war es. Mit der dazugehörigen Brille lassen sich auch Anwendungen am heimischen Schreibtisch in 3D starten. Allerdings ist das Notebook umschaltbar, herkömmliche Nutzung in 2D also weiter machbar.
Technische Gimmicks
Sie wollten doch schon immer mal eine Projektion auf die Leinwand mit Ihrem Handy starten? Ganz gewiss streben Sie doch auch den Raumklang-Lausprecher an, der es schafft, in ihrem Kopf 3D-Audio zu erzeugen, obwohl er allein unter dem Flachbildschirm steht? Alles ist möglich, so der Eindruck. Überall entpuppen sich kleine und größere Entwicklungen. Staunende Besuchergruppen bilden sich vor dem Autostereoskopischen 360-Grad-3D-Display. So heißt es wirklich, ist ein Prototyp und ermöglich eine Rundumsicht auf ein Objekt. Ungläubig umkreisen auch wir das Wunderding, fühlen uns wie auf dem Raumschiff Enterprise im Holodeck. Der Internet-Fernseher auf Basis des Betriebssystems Android vereint riesengroß, in natürlichen Farben und blitzschnell TV sowie Computer. Was das Gerät einmal auf dem Markt kosten soll und wie lange es dauert, bis die Konkurrenz nachrüstet, konnte niemand beantworten.
Technik für die tüchtige Hausfrau
Die moderne Frau hat weniger Zeit, als ihre Vorfahren. Sie verlässt sich auf den 7-Liter-Geschirrspüler, den die Besucher in der durchsichtigen Variante bei der Arbeit beobachten konnten. Wer auch immer im Haushalt die Hosen anhat - ohne moderne Konzepte geht es nicht mehr. Zahllose Modelle von intelligenten Waschmaschinen, flüsterleisen Staubsaugern und stromsparenden Kühlschränken füllten so manche Halle. Ein Segen, so schien es dem langsam schwach werdenden Besucher, waren die zahllosen Hersteller von Kaffee-Maschinen. Wir entschuldigen uns für die profane Bezeichnung all der System-, Pad- und Gastronomiegeräte. Waren wir doch froh, verschnaufen zu können und mit dem Geschmack frisch gebrühter Bohnen auf der Zunge die nächste Herausforderung anzugehen.
(alle Fotos: Tom Koehler, Hamburg)
Fernseher der Zukunft
Auch wenn das Programm diverser Sender nicht gerade einlädt, den Fernseher anzuschalten, ist es doch verführerisch, die modernen Flachbild-Monitore zu sehen. Die Dicke der Geräte ist am Schwinden. Früher wuchsen die großen Röhren-Geräte in die Tiefe und brauchten eine Raumecke, um überhaupt in der herkömmlichen Wohnung zu stehen. Die heutigen Bildschirme sind geradezu zerbrechlich. Kleinere Exemplare erreichen eine Materialstärke von 1 Zentimeter. Der Fernseher ist dünner, als ein Finger - unglaublich.
Inzwischen machte sich die körperliche Anstrengung bemerkbar. Mit einer gewissen Ermattung erreichten wir unser - noch dort stehendes - Auto. Ein Stoßgebet an die Schutzengel und den Großmut der Berliner Polizei, tanken und auf in Richtung Heimat. Doch eines ist sicher: Nächstes Jahr machen wir es genau so wieder. Wir sehen uns auf der IFA vom 02.-07.09.2011!
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