Archive für 4.1.2012

Für 6,60 Euro brutto Dienstleister in ganz Deutschland

Hamburg: Hochmobile Arbeitnehmer als bundesweite „Springer“ - Ein Blick in die Arbeitswelt von Menschen, die keinem Roman entsprungen ist, sondern bittere Realität.

Totale Mobilität
An der Supermarktkasse sitzt ein junger Mann. Es ist schon vorgerückter Abend, doch die Kunden sind noch zahlreich. Flink bedient er den Scanner, tippt Preise ein, gibt das Restgeld heraus. Nach Dienstschluss räumt er noch bis weit nach Mitternacht die Regale ein, stapelt Ware auf Paletten.
Ich treffe ihn am Wochenende wieder, um mehr von seiner Arbeit zu erfahren. Ob er den Rest der Woche noch in diesem Supermarkt arbeitet, frage ich ihn. „Ich weiß es nicht, es kann sein, dass wir zum Wochenende schon wieder weg sind.“ Es ist ungewiss. Nicht, weil ihm gekündigt wird. Er ist einer der vielen “mobilen” Arbeitnehmer in Deutschland. Mit seinen Kollegen arbeitet er für eine Firma, die bundesweit Ersatz stellt für ausgefallenes Personal oder Spitzenzeiten. Inzwischen sind sie sicher auch in vielen Betrieben, für die es billiger ist, Aushilfskräfte statt regulärer Arbeitnehmer zu buchen.

Einmal quer durch die Republik
Der Ruf der Politiker nach “mobilen” Arbeitskräften treibt immer neue Blüten. Nicht nur, dass den Menschen immer längere Anfahrtszeiten zum Arbeitsplatz zugemutet werden. Die “Flexibilität” treibt den jungen Mann auch quer durch die Republik. „Eine Woche im tiefen Süden, am Wochenende Ortswechsel mit dem Zug.“ so der Mann, und weiter „Oft fahre ich auch mit dem privatem PKW.  Mal nach Mitteldeutschland, die Woche darauf mal eben an die Nordseeküste.“ Die Unterbringung bucht die Firma vor Ort. Nicht immer gelingt die Bezahlung im Voraus. Da müssen schon mal die Arbeitnehmer in Vorkasse treten. Das ist die Realität der Arbeitnehmerüberlassung. Dieser Mann hat Familie, Kinder. „Ich sehe sie manchmal wochenlang nicht. Das letzte Mal zu Weihnachten. Über Sylvester waren wir schon wieder unterwegs.“ Die Telefonkosten für den Familienkontakt sind dem entsprechend hoch. Als Tüpfelchen auf dem i bucht der Supermarkt die Billigkräfte auch als Ansprechpartner in der Nacht, wenn die Alarmanlage ausgelöst wird. Dann springen die jungen Menschen in ihren privaten PKW, eilen zum Supermarkt. „Letzte Nacht war es nur ein Fenster, was nicht geschlossen war. Der Wind drückte es auf und löste den Alarm aus“ so der Mann. Er ist nicht gerade ein Ausbund an Stärke und Größe. Was ist im Ernstfall? Es könnte auch schlimmer kommen.

Politik deformiert Arbeitsmarkt
Derzeit verdient der Mann 6,60 Euro brutto. Für die Nacht bekommt er 15 Euro Aufwandsentschädigung. „Es gibt,“ so der Mann, „Kollegen, die für noch weniger Stundenlohn arbeiten.“ Totale Mobilität, totale Austauschbarkeit von Arbeitnehmern, totale Flexibilität - diese Prämissen werden von den Unternehmen gelebt und von der Politik geduldet, sogar gefördert. Es sind die Anfänge einer strukturellen Zerstörung des Arbeitsmarktes. Es ist die Lebensart, die wir vom großen Bruder hinterm großen Teich übernehmen, ohne nennenswerten Widerstand. Auf dem Arbeitsmarkt grassiert eine gnadenlose Abwärtsspirale. Trotz der totalen Mobilität und der totalen Flexibilität dieser jungen Menschen haben sie keine Sicherheit. Schriftliche Arbeitsverträge gibt es erst nach massiven Interventionen. Die Verträge werden genau so schnell gekündigt, wie sie abgeschlossen werden. Dann steht der Gang zum Arbeitsamt bevor. Bis, vielleicht, wieder ein Anruf kommt: “Morgen bitte in … sein!”

Aufstieg für ein paar Euro
Er hat die Zeit im Sommer genossen, bei seinen Kindern zu sein, sie wachsen zu sehen. Doch das fehlende Geld machte sich schnell in der Haushaltskasse bemerkbar. Seine Frau war dem Stress nicht gewachsen. Ihr Mann nie da, sie keine Arbeit, zwei Kinder brauchten Rundum-Versorgung. Sie musste Ihre Eltern und die Schwiegereltern um Hilfe bitten.
Wie lange er das noch machen möchte, frage ich den Mann. Er lächelt mich an. „Es geht erst mal immer so weiter. Vielleicht steige ich wieder zum Gruppenleiter auf.“ Dann übernimmt er Personalaufgaben, reist mit dem Firmenwagen, Diensthandy und -laptop von Supermarkt zu Supermarkt. Die Dienstpläne müssen gemacht und kontrolliert werden, er stellt Personal ein und schmeißt es wieder raus. Für ein paar Euro mehr macht er die Arbeit vor Ort, schreibt Abrechnungen. Er organisiert die Besetzung der Kassen und weist die Hilfskräfte ein, die Regale saubermachen und einräumen. Bei Letzteren wird nach Paletten abgerechnet, nicht nach Arbeitszeit. Dass die Qualität darunter leidet, ist anzunehmen.

Konkurrenz auf niedrigstem Niveau
Der Mann sprach sogar von Konkurrenzkampf unter solchen Firmen. “Wir haben einen Markt verloren,“ sagt er „weil es eine Firma gibt, die Regale für noch weniger Geld einräumen lässt.“ Da landen dann die Lebensmittel kurz vor Ablaufdatum unter dem frischen Nachschub. „So hätten die alten Sachen eine Chance“ sagt er grinsend, „auch wirklich zu vergammeln“. Er und seine Kollegen leben zeitverschoben. Wenn wir aufstehen, gehen sie ins Bett. Sie waren in der Nacht auf Achse, haben die Einkaufsparadiese wieder auf Vordermann gebracht. Wir vereinbaren, uns wieder einmal zu treffen. Ich möchte noch mehr aus seinem Leben und aus der modernen Arbeitswelt erfahren. Doch erstmal muss er los, sein Job beginnt in einer Stunde. Er muss Geld verdienen für sich und seine Familie, die viele Hundert Kilometer entfernt wohnt.

Der Name ist dem Autor bekannt, werden aber zum Schutz des Arbeitnehmers nicht genannt.

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