Archive für 21.1.2012
Die Rolle Deutschlands in einer sich wandelnden Weltwirtschaft
21.1.2012 von Tom T. Köhler.
Im Forum Bundesbank der Niederlassung Hamburg stand der Jahresauftakt der Veranstaltungen am 16.01.2012 unter diesem Thema. Enormes Interesse durch die Hamburger bestätigte die Organisatoren in der Fortsetzung der erfolgreichen Reihe.
Am 01.01.2012 gab es ein Jubiläum: 10 Jahre Euro-Bargeld. (Einen Link dazu finden Sie hier.) Ganze 71500 Tonnen Euro-Münzen wurden seit dem in Umlauf gebracht. Die Menge der Banknoten stieg von damals 200 auf über 800 Milliarden Euro. Doch Geld ist nicht alles. Wo steht Deutschland heute im größten Wirtschaftsraum der Welt? Wohin geht die Reise des Euros? Antworten darauf gab ein profunder Kenner der Materie: Carl-Ludwig Thiele, seit Mai 2010 Mitglied des Vorstandes der Bundesbank und zuständig für die Bereiche Bargeld sowie Zahlungsverkehr und Abwicklungssysteme. In seinem Vortrag erlaubte er einen Blick in die Arbeit der Bundesbank und schilderte seine Sicht auf die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands und Europas.
Lassen Sie sich nicht schlecht reden!
Deutschland stellt ein Prozent der Weltbevölkerung, ist jedoch viertstärkste Wirtschaft der Welt – und sie wächst weiter. Doch leider, so Thiele, „können wir uns über uns selbst gar nicht freuen“. Mehr Mut, optimistisch sein und eine bessere Selbstwahrnehmung fordert Thiele. Aus Kris(ch)en wird in Deutschland schnell eine langandauernde Rezession – so scheint es, betrachtet der interessierte Bürger die Medien. Das beklagt auch der Vorstand der Bundesbank. „Wir nehmen nicht wahr, wer wir sind und wofür wir stehen!“ Dazu kommt, dass Deutschland in der EU 27 (derzeitige Mitgliedsstaaten) im größten Wirtschaftsraum der Welt agiert. Bei allem Blick gen Osten in die aufstrebenden Wirtschaftsnationen, wie China als auch über den großen Teich zu den USA, wird die Kraft und Größe der EU 27 gern übersehen. Damit soll der Ernst der Lage nicht kleingeredet werden. Sicher gibt es europaweit politischen und wirtschaftlichen Handlungsbedarf. Doch mediales „bad news are good news“ dient dem nicht, so Thiele.
Carl-Ludwig Thiele, Deutsche Bundesbank
Rückblick und Ausblick
Einbrüche im Wachstum der Wirtschaft haben stets unmittelbare Folgen. In 2009 schrumpfte das Wachstum um 5 Prozent, einzelne Branchen und Regionen erfuhren aber durch die Krise Einbrüche von bis zu 90 Prozent. Es sah zu dem Zeitpunkt nicht danach aus, dass Besserung in Sicht ist. Thiele dazu: „Auch ich kann keine Vorhersagen machen. Wir wissen am Anfang eines Jahres nicht, wie es sich entwickelt. Aus einem schlechten Start eine düstere Prognose zu erstellen, ist aber nicht richtig.“ Sein optimistischer Blick auf die Dinge lässt auch das Publikum aufmerksam zuhören. Das nunmehr vierte Jahr der Krise, ein stetig steigender Schuldenberg – da vergeht auch dem besten Optimisten das Lachen. Doch gibt es auch andere Zahlen. Innerhalb von 12 Monaten sank die Staatsverschuldung Deutschlands von über 83 auf 79 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Ein erneutes Wachstum trotz moderater Inflation lässt den Einbruch langsam hinter sich. Thieles Meinung dazu: „Es gibt ein Auseinanderdriften von Meinung und Lage!“ Eine Stimmung, die erzeugt und befeuert wird, kann sich zu einer selbstverstärkenden Abwärtsspirale entwickeln. Ein klarer Blick auf die realen Entwicklungen und Vergleiche mit anderen Wirtschaftsräumen / -nationen spricht für seine positive Sicht.
Guter Euro – Schlechter Euro?
Der Euro ist inzwischen zu einer Welt-Reservewährung geworden. In unsicheren Zeiten flüchten Anleger nicht nur in Gold oder Immobilien. Mit den USA und ihrem Dollar halten die Europäer zusammen 90 Prozent der Reserve bei Anlegern. Erst danach kommen abgeschlagen Pfund und Yen. Zu seinem zehnten Geburtstag (als Bargeld) ist der Euro preisstabil und interessant für Anleger. Doch an einer gedeihlichen Entwicklung sind noch mehr Faktoren beteiligt. Banken, so Thiele, brauchen umgehend eine höhere Kapitalisierung, um Ansteckungseffekte a la Lehman Brothers zu vermeiden. Für einen stabilen Euro bedarf es tragfähiger Staatshaushalte. Wenn Stabilitätspakte aufgeweicht oder von Sanktionen entbunden werden, sind die nutzlos. Disziplin, strikte Auflagen und automatische Strafen sind notwendig.
Besucher Forum Bundesbank (alle Fotos: Tom Köhler, Hamburg)
Spannende Fragerunde
Zum Ende des Vortrages gab es für die zahlreichen Besucher die Möglichkeit, Antworten aus berufenem Mund zu bekommen. Fragen, die das überwiegend ältere Publikum bewegten: Was wird aus Griechenland? Ist eine Ausweitung des Rettungsfonds sinnvoll? Gibt es in zehn Jahren den Euro noch? Carl-Ludwig Thiele war bei keiner Frage verlegen. Rettungsfonds kaufen nur Zeit, kein Vertrauen. Doch dieses, so Thiele, ist zwingend notwendig, um die Märkte zu beruhigen. Griechenland hat mit kreativer Buchführung seinen Beitritt zur Eurozone herbeigeführt. Die Griechen sehen es natürlich anders. Doch ihre Politik und das Steuerwesen haben zum Dilemma geführt. Eine Schuldenbremse gab es nicht. Einzige Exportgüter, so scheint es, sind Oliven und Tourismus. Ein Schuldenschnitt wird kommen, ob er das Land damit weiter im Euro hält, ist fraglich. Natürlich wird es den Euro in zehn Jahren noch geben. Eine negative Antwort wäre nach diesem Vortrag auch nicht von Thiele zu erwarten gewesen. Die Aufgaben der Bundesbank als Hüterin der Währung vertritt er in seinem Ressort ebenfalls. Sein Credo: Solidität geht vor Solidarität. Es bleibt also interessant im Forum Bundesbank Hamburg. Die nächste Veranstaltung ist am 12.03.2012 zum Thema der Stabilität des europäischen Finanzsystems.
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Geschrieben in Wirtschaft (EU), Politik aus Europa, Wirtschaft (D), Bundespolitik, Hamburg | Drucken | Keine Kommentare »