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Die eigene Geschichte erkunden

Dieter Thiele zeigt in der Barmbeker Geschichtswerkstatt Kraniche, Arbeiterkämpfe und das Überleben von jüdischen Mitbürgern des Stadtteils.

Dieter Thiele am Schreibtisch. Fotografin: Frauke Franckenstein Foto: Dieter Thiele zeigt ein SPD-Wahlplakat von 1946. (Frauke Franckenstein)

Hamburg-Barmbek – Manchmal sind es kleine Dinge wie ein Metallkästchen, die ein Schlaglicht auf Dieter Thieles Arbeit werfen. Ein Kästchen, das das Unausgesprochene in einer Familie im Hamburger Stadtteil Barmbek symbolisiert. Dieter Thiele sitzt am Tisch der Geschichtswerkstatt Barmbek, Ecke Wiesendamm/Hufnerstraße. Das Mobiliar ist alt und spartanisch, aber das spielt keine Rolle hier. Viel wichtiger sind die Bücher und Schriftstücke, die Fotos und Bildtafeln. Und, im Nebenzimmer der ehemaligen Konditorei, die Handwerkszeuge, die zur anschaulichen Darstellung von Barmbeker Alltagsexistenzen führen: Tonbandgeräte, Fotokameras, Computer.

Erinnerungen einer Jüdin in einem Kästchen

“Die Geschichte mit dem Kästchen hat mich sehr berührt”, erinnert sich Dieter Thiele. Darin hatte eine alte Barmbeker Jüdin die paar Dinge aufbewahrt, die von ihrer Familie übrig geblieben waren. Ihre Angehörigen waren während des Dritten Reichs fast alle umgebracht worden. “Sie hat das Kästchen in Anwesenheit ihrer Kinder nie geöffnet”, sagt der 74-Jährige. “Und wenn sie außer Haus war, sind die Kinder an das Kästchen gegangen. Aber sie haben niemals miteinander darüber gesprochen.” Das Unsagbare wollte die über 80-Jährige dann aber doch noch mitteilen, Außenstehenden, den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt. “Kurz vor ihrem Tod hat sie uns einbestellt, um zu Protokoll zu geben, was sie in der NS-Zeit erlitten hat”, erzählt Thiele, “ihre Kinder haben aus der Transskription dieses Interviews Dinge erfahren, die ihre Mutter ihnen nie erzählt hat.”

Nicht mal eine halbe Planstelle

Mosaiksteine von Barmbeker Schicksalen. Über den „Skurrilen Garten“ zum Beispiel hat die Geschichtswerkstatt 1997 eine Broschüre gemacht. Und über dessen Gestalter Herrn F. Am ehemaligen Wendebecken der Schiffbauversuchsanstalt hatte er mit überbordender Fantasie, Humor und Schaufensterdekorationsstücken seine Parzelle zu einem Kunstwerk gemacht, das die Mitarbeiter der Barmbeker Werkstatt an die Dschungelbilder von Henri Rousseau erinnerte.

Dieter Thiele und Werkstattkollege Harry, Fotograf und Gestalter, bereiten Barmbeker Geschichte als Angestellte des Trägervereins Heimatmuseum und Geschichtswerkstatt Barmbek “mit jeweils nicht mal ’ner halbe Stelle auf”, so Thiele. Ihnen zur Seite stehen Kollegen wie Christian und Petra mit Zwei-Jahres-Verträgen beim Hamburger Trägerverein Arbeit und Lernen. Petra zum Beispiel transskribiert Interviews – zehn Finger blind. Ansonsten ein Vollzeitjob für den 74-jährigen Dieter Thiele. Er hat auffällig dunkle Schatten unter den Augen. Da er keine Familie hat, ist die Geschichtswerkstatt “ein bisschen wie mein Kind geworden”. Er arbeitet Geschichts-Spaziergänge aus, führt sie zum Teil selbst, bereitet Ausstellungen vor und berät Bürger, die etwas über die Geschichte ihres Hauses oder über größere Zusammenhänge wissen wollen. Die Geschichtswerkstatt hat über die Jahre ein umfangreiches Text- und Bildarchiv aufgebaut – ein Spezialarchiv für Barmbek. “Hier findet man gesammelt, was man sich sonst erst aus allen möglichen Archiven zusammensuchen muss – oder eben gar nicht findet, weil’s aus Privatquellen stammt”, so Thiele.

Videofilm über Niedergang einer Fabrik produziert

Ans Aufhören denkt Dieter Thiele trotz seines Alters nicht: “Menschen dazu zu bewegen, die eigene Geschichte zu erkunden, erscheint mir nach wie vor erstrebenswert.” Ideal sei, dass es mit einer Rückschau auf den Arbeitskampf der Hamburger Metaller um den Untergang der Barmbeker Werkzeugmaschinenfabrik Heidenreich & Harbeck gelungen ist zu zeigen, wie sie 1976 vom Gildemeister-Konzern aus Bielefeld heruntergewirtschaftet wurde. “Wir haben einen alten Film, der darüber gedreht worden war, zur Erinnerung noch mal gezeigt – und zur Aufführung sind erstaunlich viele alte Metaller aus ganz Hamburg gekommen. Die haben daraufhin einen Arbeitskreis gebildet, um ihre Sicht der Vorgänge festzuhalten.” Mit finanzieller Beihilfe der Kulturbehörde entstand daraus ein großer Videofilm: Gewinner waren wir nicht – aber wir haben gekämpft!

Als Berliner in Barmbek heimisch geworden

Auf Umwegen hat sich der gebürtige Berliner Thiele – der noch immer berlinert, obwohl er in Hamburg bereits Abitur gemacht hat – seiner Berufung genähert. Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte verließ er seinen unrsprünglich eingeschlagenen Weg ins Lehramt und Universitätskarriere und “geriet  auf ganz niedriger Ebene in die Politik”. Streitbar war er. Beim Winterhuder Veranstaltungszentrum Goldbekhaus, das er mit aufgebaut hatte, schied er deshalb aus; ebenso aus der SPD, als unter Kanzler Helmut Schmidt der Nachrüstungsbeschluss gefasst wurde. “Heute sehe ich manches vielleicht anders”, kommentiert er, “aber damals war es für mich ein Grund, auszutreten.”

Über eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme half Dieter Thiele beim Aufbau des Barmbeker Museums der Arbeit, und als die Bürgerbewegungen der späten 1970er und frühen 80er Jahre sich in Hamburg der “Geschichte von unten” annahmen und die ersten Geschichtswerkstätten in den Stadtteilen eröffneten, zählte er zu den Gründungsmitgliedern der Geschichtswerkstatt Barmbek. “In Hamburg hatten wir das Glück”, erinnert sich Thiele, “dass Kultursenator von Münch sich persönlich für unsere Arbeit interessierte und als Zweiter Bürgermeister 1990 die Einrichtung eines eigenen Haushaltstitels für die Geschichtswerkstätten durchsetzte – einzigartig in Deutschland.” Im Laufe der Zeit wurden allerdings die Haushaltsmittel in der Hansestadt knapp, und die Gunst der Regierenden wechselte. Heute muss die Geschichtswerkstatt mit der Hälfte des früheren Etats auskommen. Das bedeutet sorgfältige Planung und vollen Einsatz, um ein qualitatives Programmangebot aufrechtzuerhalten.

Dieter Thiele am Schreibtisch. Fotografin: Frauke Franckenstein Foto: Dieter Thiele an seinem Schreibtisch. (Frauke Franckenstein)

Kanalfahrten und Spaziergänge bringen Publikum

Zum Renner haben sich die Kanalfahrten entwickelt, bei denen jeweils drei Mitarbeiter 26 Fahrgästen auf dem kleinen Schiff “Aue” das heutige Barmbek vom Wasser aus zeigen und frühere Zustände mit Hilfe von Bildtafeln verdeutlichen. “Das Interesse daran ist trotz des hohen Preises von 18 Euro so groß, dass wir glatt doppelt so viele veranstalten könnten – trotzdem setzen wir bei jeder Fahrt mindestens 100 Euro zu.” Regen Zulauf haben auch die literarischen Spaziergänge, die den bundesweit bekannten Lebensgeschichten gebürtiger Barmbeker folgen: “Auf den Spuren der Bertinis” nach dem Roman von Ralph Giordano und “Neger, Neger, Schornsteinfeger” nach der Autobiografie des Deutsch-Liberianers Hans-Jürgen Massaquoi.

Bei den übrigen Touren ist das Interesse der Besucher schwankend, obendrein vom Wetter abhängig. Dieter Thiele ist bei jedem Wetter gründlich vorbereitet zur Stelle. Und erlebt gelegentlich, wie neulich zur Tour “Kunst im Barmbeker Stadtraum”, dass sich nur eine einzige ältere Dame einfindet. Immerhin: Der Rundgang “Barmbek basch – vom Leben des Proletariats” erfreut sich mittlerweile steigender Beliebtheit. “Vielleicht hängt das ja damit zusammen, dass Proletariat wieder ein Thema ist, auch wenn es heute Prekariat genannt wird.“

Ihr Publikum erreicht die Barmbeker Geschichtswerkstatt über ihr Programmheft, Ankündigungen im regionalen Wochenanzeigenblatt und, ganz zeitgemäß, übers Internet. Den meisten Menschen im Stadtteil, glaubt Dieter Thiele, ist die Geschichtswerkstatt allerdings durch den sogenannten Geschichtspfad bekannt geworden: Bildtafeln im Straßenbild machen Passanten auf Orte mit Bedeutung aufmerksam. Zum Beispiel auf die schönen Kranich-Skulpturen des Bildhauers Hans-Martin Ruwoldt in der Genossenschaftssiedlung an der Hufnerstraße. “Es muss erwähnt werden, dass vom historischen Barmbek wenig übrig geblieben ist. In einem einzigen nächtlichen Luftangriff vom 29. auf den 30. Juli 1943 wurde vor allem der Süden so stark verwüstet, dass dort schwer vor Augen zu führen ist, wie’s mal aussah”, so Thiele.

Menschen helfen kontinuierlich beim Ausbau der Geschichtswerkstatt

Gelegentlich kommen auch Bürger mit historischen Funden von Dachböden und aus Kellern zum Wiesendamm. Dieter Thiele präsentiert zwei hölzerne handbemalte Schilder aus dem ersten Hamburger Wahlkampf 1946 nach dem Zweiten Weltkrieg. Olga Brandt-Knack, einstmals Ballettmeisterin der Hamburger Staatsoper, die seinerzeit darauf für die SPD kandidierte, hatte er noch persönlich kennengelernt, “deswegen fand ich die Schilder besonders interessant”.

Immer wieder sind es die Menschen, die Barmbeks Geschichte anschaulich machen. Über Heinz D., der öfters in der Geschichtswerkstatt auftauchte und die Mitarbeiter mit Zaubertricks verblüffte, hat Dieter Thiele ein anrührendes kleines Buch geschrieben: “Ich fand sein Leben außergewöhnlich. Nach einer Kindheit jenseits aller Normen des proletarischen und kleinbürgerlichen Milieus wurde er wegen seines auffälligen Verhaltens während der NS-Zeit als sogenannter Gemeinschaftsschädling eingestuft. Nur durch Zufall gelang es ihm, aus einem Bewährungsbataillon in Nordafrika zu desertieren. Aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft brachte er dann sein lebenslanges Interesse an Kultur, Film, Theater, Kabarett und eben am Zaubern mit. Heinzi – den mochte ich gern.”

Kulturbehörde fordert Rechenschaft

Dieter Thiele hat nun keine Zeit fürs Interview mehr, muss sich anderen Aufgaben zuwenden. Die Kulturbehörde lässt zum Beispiel derzeit auch die Arbeit der Hamburger Geschichtswerkstätten evaluieren, um sie zeitgemäß aufzustellen, wie es dort heißt. Da gilt es standardisierte Fragebögen auszufüllen, “auch wenn sie mit der lebendigen Wirklichkeit nicht immer was zu tun haben”.

Wenn dann, neben der Lektüre von Fachliteratur, noch etwas Zeit bleibt, liest Dieter Thiele zu Hause Bücher. Zum Beispiel Marie Luise Kaschnitz’ Beschreibung eines Dorfes, “mit all der Melancholie und Trauer über die zerstörerischen Veränderungen”. Oder Dacia Marainis Bagheria – Eine Kindheit auf Sizilien. “Die schildert mit Bitterkeit und Wut, was in den Nachkriegsjahrzehnten durch die hemmungslose, mafiagelenkte Bebauung aus ihrer Heimat geworden ist.” Ein ganz anderes Sizilienbild als bei dem Barmbeker Ralph Giordano, für den Sizilien durch seinen Großvater zur ideellen Heimat geworden sei.

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Ohne Panik durch den blauen Schlund

Das Neustädter Ausbildungszentrum Schiffssicherung der Deutschen Marine trainiert Soldaten aus aller Welt im Umgang mit Feuer und Wasser sowie für Notfälle an Bord. Eine Reportage von Frauke Franckenstein.

Marinesoldaten üben den Einstieg in eine Rettungsinsel. Foto: Frauke Franckenstein Foto: Marinesoldaten üben den Einstieg in eine Rettungsinsel. (Frauke Franckenstein)

Neustadt in Holstein – Von oben betrachtet wirkt der türkisblaue Schlund gar nicht so bedrohlich – Wasser verzerrt bekanntlich die Perspektive.  Hineintauchen möchte man trotzdem nicht. Denn der Aufstieg über unzählige Treppenhausstufen plus Blick aus dem Fenster auf die beschauliche Hafenanlage mit Segelbooten, Schiffen und Autos im Modelleisenbahnformat macht deutlich, auf welcher Höhe wir uns befinden: 32,5 Meter tief ist der Tieftauchtopf im Ausbildungszentrum Schiffssicherung (AZS) der Marine im norddeutschen Neustadt in Holstein.

Weltweit einzigartig

Der siloähnliche Stahlzylinder birgt eine weltweit einzigartige Schulungsanlage. Hier trainieren Ausbilder künftige U-Boot-Besatzungsmitglieder für den Notausstieg aus größeren Wassertiefen. Das geht so: Der Proband steht im Rettungsanzug am Fuß des Tauchtopfes in einer nachgebauten U-Boot-Sektion. Wasser beginnt einzuströmen. Wenn es ihm fast bis zu den Schultern gestiegen ist, muss er durchs Wasser hindurch in den Ausstiegstunnel tauchen. Dann heißt es: keine Panik, denn es gilt 32 Meter Wassersäule bis zur Oberfläche zu durchqueren. Im Ernstfall würde zusätzlich gelten: langsam genug aufsteigen, damit der nachlassende Umgebungsdruck nicht zu Wahrnehmungsstörungen und zu Schaden an Leib und Seele führt.

Arbeitskleidung: Badehose und Taucherbrille

Für Ausbilder Sebastian Mettner (27) kein Thema. Er kann locker bis zu fünf Minuten die Luft anhalten. Zweimal täglich ist er im Topf unterwegs, um Tauchschülern im Abgrund  zur Seite zu stehen – zum Beispiel bei Panikattacken. Für Ausbilder und Schüler gibt es Nothilfebuchten mit Luftglocken auf verschiedenen Etagen. Als Arbeitskleidung trägt Sebastian Mettner Badehose und Taucherbrille. Atemschutz ist hier tabu, denn die Mikroluftblasen, die die Geräte erzeugen, würden das Wasser binnen eines halben Tages so trüben, dass weder Lehrer noch Schüler mehr sehen könnten, wo oben und unten ist.

Ausbilder Sebastian Mettner in Arbeitskleidung. Foto: Frauke Franckenstein Foto: Ausbilder Sebastian Mettner in seiner Arbeitskleidung. (Frauke Franckenstein)

5.000 Lehrgangsteilnehmer jährlich

Und das kann und will man sich nicht leisten im AZS. Erstens aus Gründen der Sicherheit. Zweitens, weil hier jährlich 5.000 Lehrgangsteilnehmer aus aller Herren Länder durchgeschleust werden. Tendenz steigend. In das ansonsten bei Freizeitseglern und Sportbootführern beliebte Neustadt an der Lübecker Bucht  rücken ständig Soldaten von Nato-Marinen und Partnership-for-Peace-Nationen an, um die einzigartigen Trainingsmöglichkeiten zur Schadensabwehr auf See zu nutzen. Auch die Bundespolizei und zivile Einrichtungen wie Feuerwehren und DLRG kommen gern zum Üben. Nicht alle Schüler landen im Tauchtopf. Einige üben auch auf den zwei Tauchschulbooten, den „Klassenzimmern auf See“, andere proben an Land, Feuer zu bekämpfen, und auf den Schiffen an der Pier, Lecks zu reparieren.

Ausbilder weltweit im Einsatz

Die Neustädter Marineausbilder trainieren nationale und internationale Einheiten und Verbände in Lehrgängen von unterschiedlicher Länge. Einen Tag dauern zum Beispiel die Umschulungen auf neue Atemschutzgeräte, bis zu 14 Wochen die Ausbildungsgänge zum Schiffstaucher. Doch auch weltweite Dienstreisen stehen für die Ausbilder auf dem Dienstplan. Sie bilden ausländische Marinebesatzungen neuer, in Deutschland gebauter, Fregatten aus.

Neue Aufgaben für Schiffsbesatzungen

Alle Erkenntnisse zur See- und Landausbildung werden in Neustadt gebündelt und auf den neuesten Stand gebracht, denn die sicherheitspolitische Lage in der globalisierten Welt erfordert ständiges flexibles Umdenken. War das Einsatzspektrum bis Ende der 1980er Jahre noch übersichtlich, kommen heute immer neue Herausforderungen auf militärische und zivile Schiffsbesatzungen zu: zum Beispiel asymmetrische Bedrohungen wie von Terroristen und Piraten, aber auch humanitäre Hilfe.

Übungen auf ausgemusterter Fregatte “Köln”

Auf der idyllisch gelegenen Wieksberg- Halbinsel im Süden von Neustadt treffen Welten zusammen, die selbst in globalisierten Zeiten erstaunlich wirken. Ende September zum Beispiel beim Besuch eines Teams der European Military Press Association (EMPA):  ein Oberst und ein Oberinspektor aus Österreich, ein ungarischer Student der Barocktrompete, zwei lettische Kameraleute – und ein Trupp georgischer Soldaten. Einen „bilateralen Austausch“ nennt es der österreichische Oberst. Die georgischen Soldaten begeben sich zur ausgemusterten Fregatte „Köln“ an die Pier, die Soldaten nennen sie kurz “Ex-Köln”. Auf ihr ist „alles, was brennbar ist, herausgeschafft worden“, hat der Inspektionschef, Fregattenkapitän Thomas Rückher, zuvor erläutert. Dafür sind flutbare Leckstellen im doppelten Boden ausgestanzt und durch Leichtbenzin entflammbare Brandstellen installiert worden, um „richtige Gefechtslagen zu simulieren“. Ein Szenario zum Üben – mit Verletzten, mit Feuer, mit Wassereinbrüchen.

Fregattenkapitän Thomas Rückher am Tieftauchtopf. Foto: Frauke Franckenstein Foto: Fregattenkapitän Thomas Rückher am Tieftauchtopf. (Frauke Franckenstein)

Bis zur Leistungsgrenze

Auf dem Gelände des AZS werden sowohl Soldaten als auch deren Führungspersonal trainiert. „Wir wollen sie in die Lage versetzen, sich gegen Feuer, Wasser – Schaden allgemein – zu behaupten“, sagt Fregattenkapitän Rückher. Die Offiziere sollen am eigenen Leib erfahren, was sie später ihrem Personal abverlangen. „Wir machen keine halben Sachen, wir scheuchen sie bis zur Leistungsgrenze – allerdings mit vorheriger und begleitender Gesundheitsprüfung.“

Feuerbekämpfung in der Brandhalle

Während die georgischen Soldaten auf der Ex-Köln Brandherde löschen und im steigenden Wasser Rohrleitungen abdichten, inspiziert und filmt das übrige EMPA-Team weitere Katastrophenszenarios. In der Brandhalle fauchen mit Leichtbenzin entfachte Feuerbälle. Soldatinnen und Soldaten treten mit Pulver- und Schaumlöschern beherzt an entflammte Bordwand- und Hubschrauber-Teilstücke heran. „Wenn man eine Feuerwelle ins Gesicht kriegt und unwillkürlich den Arm hochreißt, muss man den Feuerlöscher auf ganz bestimmte Art halten, um nicht das Pulver abzubekommen“, erläutert Oberleutnant Jan Frederik Holst, „den Kammgriff werde ich nie vergessen.“ Immerhin: Modernste Abluft-Technik sorgt zumindest dafür, dass sich beim Üben solch waghalsiger Einsätze die Rauchgasentwicklung und die Umweltbelastung in Grenzen hält.

Mit Kälteschutzanzügen ins 32 Grad warme Wasser

Auch in der Taucher-Übungshalle wird auf Sozialverträglichkeit geachtet: Das Wasser ist 32 Grad warm. Was auf den ersten Blick wie eine Einladung zum freundlichen Badespaß wirkt, entpuppt sich dann aber doch als stressiges Manöver. Aus drei Meter Höhe springen die Soldaten in den Wellentumult und legen in der Brandung Spritzhauben an, um nicht an der schäumenden Gischt zu ersticken. Dann entkrempeln sie im tosenden Wasser die Arm- und Bein-Teile ihrer Kälteschutzanzüge, um hineinschlüpfen zu können. Spätestens jetzt würde man sich selbst als Zuschauer kalte Atlantik-Temperaturen herbeiwünschen, um die Hitze noch aushalten zu können. Stattdessen müssen die Männer und Frauen eine wild auf den Wellen schaukelnde Rettungsinsel entern. Inmitten von Gummiduft, in unerträglicher Hitze und ohne tröstliche Orientierung auf einen Horizont ist manchen Probanden bei dieser Übung schon das Frühstück hochgekommen. „Wir empfehlen vorsorglich: wenn schon, dann bitte in die Rettungsinsel – und nicht außenbords ins Wasser. Sonst müssen wir das komplett austauschen“, kommentiert Fregattenkapitän Rückher ungerührt.

Neustadt seit 1937 Garnisonsstadt

Das ehemalige „Marienbad“ auf der Neustädter Wieksbergs-Halbinsel hat es seiner strategisch günstigen Lage – nur wenige Seemeilen von viel befahrenen Schifffahrtstraßen der Ostsee entfernt – zu verdanken, dass seine Bestimmung von jeher zwischen Freizeit, Sport und militärischer Nutzung schwankte. Um 1900 gab es dort einen Restaurantbetrieb mit Strand und Badekarren. Im Ersten Weltkrieg war es Lazarett. Dann wurde es Kurhaus der Hamburg-Bremer Afrika-Linie. 1925 gründete Vizeadmiral Adolf von Trotha dort den Deutschen Hochseesportverband Hansa e. V., der junge Menschen mit Segelsport und der Segelschiffführung auf hoher See vertraut machen sollte. Unter der Leitung der Hanseatischen Yachtschule Neustadt lag hier ab 1931 die 300-Quadratmeter-Ketsch „Hamburg“, die eine Weltumsegelung hinter sich hatte. Die Nationalsozialisten machten aus dem Gelände die Seesport-Führerschule der Marine-SA und gründeten 1937 eine Unterseebootschule. Neustadt wurde Garnisonsstadt.

Seit 1959 erneut Marinestandort

Nach dem Zweiten Weltkrieg demontierte man die militärischen Einrichtungen, die Gebäude verfielen. Die Renaissance kam mit der Berufung Neustadts zum Stützpunkt des Seegrenzschutzes Hafenschutzgeschwader, als Außenstelle des Marinestützpunktkommandos Kiel. Seit 1959 lagen hier Minensuch- und Schnellbootgeschwader. Und wieder wurden U-Boot-Besatzungen ausgebildet. Urlauber, die durch den historischen Stadtkern des Fischer-, Handwerker- und Kaufmannsstädtchens Neustadt mit dem sehenswerten Pagodenspeicher  schlenderten, sahen vom Wieksberg Rauchwolken aufsteigen, vernahmen Knalle und Alarmrufe wie „Feuer!“ und „Wassereinbruch!“.

Der Turm des Tieftauchtopfes des Ausbildungszentrums Schiffssicherung. Foto: Frauke Franckenstein Foto: Turm des Tieftauchtopfes des Ausbildungszentrums Schiffssicherung. (Frauke Franckenstein)

Früher Heimat von Piraten

Wegen seiner strategisch günstigen Lage war Neustadt übrigens auch schon mal ein Piratennest: Die Vitalienbrüder, ein seefahrendes Landsknechtvolk, wählten es als Stützpunkt und Umschlagplatz für ihre Beute. 1420 beklagte sich der Lübecker Senat, dass sich in Neustadt circa 200 Seeräuber aufhielten, die innerhalb von drei Tagen zehn hanseatische Schiffe aufgebracht und ihrer Ladung beraubt hätten.

Piraten machen Profit mit Geiseln, nicht mit Waren

Wie die Geschichte es so will, hat sich die Schifffahrt erneut mit Piraterie auseinanderzusetzen – allerdings in ganz anderen Winkeln der Welt. Fregattenkapitän Rückher hegt eine gewisse strategische Achtung für das Vorgehen der somalischen Piraten: „Sie bedrohen nur langsam fahrende Schiffe mit niedriger Bordwand, die sie entern können. Die Ladung ist denen egal, die ist eh versichert. Das florierende Geschäft bringt die Besatzung, die zur Geisel gemacht wird. Und sie wissen: Solange sie das Leben der Geiseln verschonen, schreckt man auch zukünftig vor gewaltsamen Befreiungseinsätzen zurück.“ Das Problem, wie große Staaten auf kleine Piratenboote reagieren können, betrifft laut Rückher die Zuständigkeiten und Einsatzmittel: „Wer darf, kann nicht – das gilt für die Polizei. Und wer kann, darf nicht – das gilt für die Marine.“

Mit Schmierseife und Stacheldraht gegen Piratenangriffe

Ob Schmierseife oder Stacheldraht: Rückher befürwortet alle Mittel, die verhindern, dass die Piraten an Bord klettern können. Denn ansonsten steht er auf der Seite von Sicherheit und Deeskalation. Und auch wenn Schiffsbesatzungen in Neustadt Brände löschen und Wassereinbrüche abdichten lernen: Solche Risiken dürfe der Kapitän eines Handelsschiffs angesichts der geschulterten Raketenwerfer der Piraten gar nicht erst eingehen: „Seine allererste Pflicht ist das Wohl seiner Besatzung.“ Für viel wichtiger hält Rückher ein einiges und konsequentes Vorgehen der UN- und Nato-Partner auf internationaler Ebene. Damit die Fähigkeiten, die in Neustadt trainiert werden, gar nicht erst zum Einsatz kommen müssen.

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Zukunftswochen: Würstchen im Solarkocher

Hamburg - Während der Hamburger Zukunftswochen 2009 gibt es bis zum 4. Oktober auf verschiedenen Veranstaltungen Informationen über umweltfreundliches Verhalten im Alltag. Rund 30 der über 100 Angebote richten sich auch an Kinder. Was tut Hamburg abseits der Zukunftswochen für Kinder, die Nachhaltigkeitsgestalter von morgen? Frauke Frackenstein im Gespräch mit Regina Marek, Gestaltungsreferentin für Umwelterziehung in Hamburg:

Welche Projekte zum Thema Nachhaltigkeit gibt es an Hamburger Schulen?

Seit 15 Jahren gibt es die Ausschreibung „Umweltschule in Europa – Internationale Agendaschule“. Anfangs wurden acht Schulen ausgezeichnet, in diesem Jahr sind es 35. Besonders wichtig ist vielen das Thema Wasser und Wasser sparen. Am Alexander-von-Humboldt-Gymnasium gibt es zum Beispiel Trinkwasserbrunnen für die Schüler. Andere haben die Durchlaufmenge der Wasserhähne geprüft und richtig eingestellt. Viele haben sich mit Klimawandel und Klimaschutz beschäftigt: kurz und kräftig lüften, die Heizung einstellen, zu Fuß zur Schule gehen. 22 Schulen werden im Rahmen des neuen Projekts „Klimaschutz an Schulen“ gesucht, um einen Klimaschutzplan mit Kohlendioxid-Einsparungen zu erstellen und an ihrer Schule umzusetzen. Bis 2012 sollen 200 allgemeinbildende Schulen einen solchen Plan erstellt und umgesetzt haben.

Und die weiteren Themen der Zukunftswochen, wie fairer Handel, bewusstes Genießen, nachhaltiges Wirtschaften, Zukunftsgestaltung der Stadt?

All diese Themen sind verbindlich vorgesehen. „Fair & Öko“ ist ein Unterrichtsthema. Und in der Pause gibt’s Öko- und fair gehandelte Produkte. Oder Bio-Milch, aus „fifty/fifty“-Geldern finanziert. „fifty/fifty“ bedeutet: Wenn Schulen in den Bereichen Abfall, Energie, Wasser Einsparungen erzielen, gibt’s 50 Prozent davon auf das Selbstbewirtschaftungskonto der Schule. Damit können sie neue Projekte starten – vielleicht eine Solarstromanlage auf dem Dach. Wichtig ist bei all dem das „nachhaltige Lernen“: möglichst viele Sinne ansprechen, den Lehrstoff sinnlich mit Experimenten erfahren, Fragestellungen selbstständig bearbeiten, die Ergebnisse präsentieren – das kommt zu 90 Prozent im Kopf an.

Sind Kinder am Unterricht zu nachhaltigen Themen interessiert?

Ja. Wenn’s dazu Experimente gibt oder Exkursionen, die viele Sinne ansprechen.

Welche Hamburger Schulen haben sich dabei besonders hervorgetan?

Die Umweltschulen, die wir auszeichnen, sind über ganz Hamburg verteilt. Vorbildlich sind das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium und die Schule Lokstedter Damm, beide seit 15 Jahren Umweltschule. Aber es gibt auch Schulen, die jetzt zum ersten Mal prämiert wurden. Und es werden immer mehr.

Werden die Eltern miteinbezogen, damit nachhaltiges Verhalten auch in der Familie gelebt wird?

Am Zentrum für Schulbiologie und Umwelterziehung in Klein Flottbek gibt es Wochenend- und Geburtstags-Programme für Familien, die sehr gut angenommen werden. Da werden zum Beispiel Solarkocher gebaut. Das Wasser zu erhitzen, um Würstchen darin zu erwärmen, dauert zwei Stunden – aber dann haben die Kinder einen eigenen Solarkocher. Oder es werden Teiche untersucht – was lebt denn da drin? Oder Kresse und Pfefferminze von der Kräuterspirale gesammelt – das bleibt im Kopf! Kinder sind viel nachhaltiger als Erwachsene. Die kommen gern zu Fuß zur Schule. Und wenn sie hören, dass dem Gorilla der Lebensraum durch Abholzung geraubt wird, macht sie das betroffen. Dann wollen sie etwas dafür tun, unsere Umwelt zu erhalten – vielleicht ein Bachufer bepflanzen. In der Oberstufe kommen Partnerschaften mit anderen Ländern gut an. Zum Beispiel Hilfe beim Bau einer Solarstromanlage in einer Patenschule in Gambia. Wir sind auf einem guten Weg, denke ich.

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