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Deutschland hat den Superstar
30.5.2010 von H. D. von der Strauchburg.
Strauchburg staunt. Ansichten eines Durchreisenden. Diesmal zum Sieg von Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest in Oslo.
An dieser Stelle finden Sie in unregelmäßigen Abständen die Beiträge des Durchreisenden Heiko D. von der Strauchburg. Er glossiert einige seiner Erlebnisse aus ganz Deutschland. Lassen Sie sich von seiner Sicht der Dinge zum Nachdenken oder Diskutieren inspirieren.
Hamburg – Sonntags stehe ich gerne früh auf. Deshalb legte ich mich gestern gegen 20 Uhr schlafen - in meiner Zweitwohnung. Am Nachmittag sprach ich noch mit meiner Nachbarin von gegenüber. Sie wolle mit ihrem Vierjährigen zur Reeperbahn gehen.
Der fängt ja früh an, denke ich. Sie sagt: “Lena Meyer-Landrut singt in Oslo. Für Deutschland. Am Spielbudenplatz ist Eurovision-Song-Contest-Party. Wie jedes Jahr.” Der Kleine steht neben seiner Mutter und sagt deutlich: “Lena Meyer-Landrut.” und singt irgendwas, was wie “Love, Love, Love”, klingt. Ein süßer Fan, denke ich. Die Melodie kommt mir aber auch bekannt vor. Muss ich schon im Radio gehört haben. Irgendwie ein Ohrwurm. Beim Einkauf sehe ich die Bild-Zeitung. “Sing, Lena sing!”, titelt das Blatt. Was ein Hype, denke ich. Sieht aber nett, frisch und fröhlich aus, das Mädchen.
Nachts halb eins in Deutschland. Ja, nachts! Ich wache auf. Von den Hup-Konzerten auf den Straßen. “Hat die WM früher begonnen?”, frage ich mich laut. Ich guck aus dem Fenster. Deutschlandfahnen. Jubelnde Menschen aller Altersgruppen. “A Star is born”, ruft einer. Ich winke. Ach ja, Klitschko hat geboxt heute Nacht, erinnere ich mich. Ich rufe: “Vitali!”, den Vornamen des Boxers. Der Mann schüttelt den Kopf. Jetzt sehe ich seine polnische Flagge in der Hand - die Nationalfarben des Herausforderers. Ich fürchte schlimmes - für Klitschko.
Er ruft mir zu: “Lena! Twelve Points!”
Jetzt bin ich wach - bei Sinnen. Freude. Schadenfreude? Dass, was Dieter Bohlen nicht geschafft hat, in sieben langatmigen Skandal-Staffeln und was die langweiligen und peinlichen Experimente der deutschen Eurovision-Macher in 28 Jahren nicht schafften, ist Stefan Raab gelungen: Frau zu finden. 19 Jahre jung. Aus Hannover. Wie die Scorpions. Singt jedoch wie Björk, Joe Cocker und Anne Clark - zumindest sehe und höre ich alle drei in der quirligen Abiturientin. Ich denke: Was ein Hype!
Ich freue mich plötzlich. Deutschland hat den Superstar! Ich lege mich schlafen. Nachmittags fahre ich nach Hannover zur Empfangsparty, nehme ich mir vor. Ich freue mich immer noch - bin jetzt Fan. Auch ich bin Lena.
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Vom Duft der Frauen
7.10.2009 von H. D. von der Strauchburg.
Strauchburg staunt. Ansichten eines Durchreisenden. Diesmal zu Schnüffelwetten im TV.
An dieser Stelle finden Sie in unregelmäßigen Abständen die Beiträge des Durchreisenden Heiko D. von der Strauchburg. Er glossiert einige seiner Erlebnisse aus ganz Deutschland. Lassen Sie sich von seiner Sicht der Dinge zum Nachdenken oder Diskutieren inspirieren.
Hamburg – Gestern habe ich in meiner Zweitwohnung genächtigt. Als ich heute Morgen hinausgehe, spricht mich im Hausflur doch glatt meine Nachbarin an. Sie ist Anfang 30, eine tolle Frau. Sie riecht immer so gut. Das macht mich ganz zitterig. Und sie sagt doch glatt zu mir: „Herr Strauchburg, ich kann Sie gut riechen.“ Wow! Da bleibt mir kurz die Spucke weg, Schweißperlen treten auf meine Stirn. Ich bedanke mich mit rotem Kopf und muss los, meinen Zug erreichen. Nächstes Mal will ich auf einen aromatischen Kaffee vorbei kommen, sage ich noch schnell.
Auf dem Weg zum Bahnhof denke ich nach – über die netten Worte. Der Ausspruch meiner Nachbarin ist eigentlich sehr alt. Obwohl geklaut, ein Klassiker. Die Worte stammen wohl aus dem Mittelalter, als es noch keine Budnis, Schleckers oder Rossmanns gab. Heute finde ich die guten Gerüche an jeder Straßenecke – für viel Geld. Damals unterschieden sich die kostenlosen Düfte in Schweiß-Nuancen. Die kleinen Unterschiede entschieden gar über Krieg und Frieden zwischen Adelsgeschlechtern.
Doch die kleinen Nuancen feiern in der Jetztzeit offensichtlich ein Comeback. Am Sonnabend gab es wieder Wetten dass…! im ZDF – nach einer gefühlten endlos langen Gottschalkschen Kreativ-Sommerpause. Im Fernsehen hat Herr Thomas Schuster – selbst aus einer Sulminger Schuster-Dynastie stammend – doch glatt an fünf von 23 vollgeschwitzten Damengummistiefeln gerochen und bei vieren die richtige Frau dazu gefunden. Da konnte Michelle Hunziker nur beschämt und sich leicht ekelnd weggucken. Kein Wunder, sie kennt ja wohl auch eher die Düfte der Herren Joop, Lagerfeld und Calvin Klein. Sie ist ja weit herumgekommen.
Am Zeitungskiosk sehe ich die Vorwurf-Schlagzeilen um Schusters angebliche Schummelwette. Ich will das gar nicht glauben, was da steht. Der Frauenerriecher ist vielleicht ein Scharlatan, ein Quacksalber – vielleicht am Ende ein Heiratsschwindler, weil er seiner Frau sagte, er könne sie gut riechen?
Sollte sich gar meine Nachbarin bei mir geirrt haben, weil sie verschnupft ist? Irre ich mich auch bei ihr? Ein Hals-Nasen-Ohrenarzt sagte einem Boulevardblatt exklusiv, das sei Unsinn mit der Schnüffelwette. Jetzt zweifle ich umso mehr. Ich denke nach. Meine Nachbarin lässt doch immer ihre Schuhe konventionell vor der Wohnungstür auslüften. Beim nächsten Zweitwohnungsbesuch werde ich vor dem Kaffeetrinken an ihrem linken Schuh riechen, ganz tief einatmen werde ich, so wie Schuster im ZDF. Doch ich lass’ mir dabei von niemandem zuschauen. Niemand soll sich an meinem Genuss anwidern. Im linken Schuh soll der Duft übrigens viel intensiver sein, wusste Schuster im TV zu berichten. Und wenn dem so ist, melde ich mich bei einem Boulevardblatt als Experte.
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XXL-Brille gegen XXL-Kleidung eingetauscht
22.9.2009 von H. D. von der Strauchburg.
Strauchburg staunt. Ansichten eines Durchreisenden. Diesmal zu den Veränderungen im Osten der Republik – 20 Jahre nach dem Fall der Mauer.
An dieser Stelle finden Sie in unregelmäßigen Abständen die Beiträge des Durchreisenden Heiko D. von der Strauchburg. Er glossiert einige seiner Erlebnisse aus ganz Deutschland. Lassen Sie sich von seiner Sicht der Dinge zum Nachdenken oder Diskutieren inspirieren.
Vorpommern – Am vergangenen Wochenende war ich in MeckPom unterwegs. Das ist keine neue Pommes-Marke, sondern ein inzwischen fast 19 Jahre altes Bundesland der Bundesrepublik Deutschland. Ausgeschrieben heißt das: Mecklenburg-Vorpommern. Wichtig, vor allem für unbelehrbare Besser-Wessis: Bei der Aussprache sagt der Kenner: Meeklenburg-Vorpommern und nicht: Mekklenburg-Vorpommern. Da trennt sich die Spreu vom Weizen! Das habe ich gleich nach der Wiedervereinigung lernen dürfen, als ich schon mal neugierig gen Nordosten gefahren bin, während der gute Besser-Wessi sagte: „Ich bleib’ hier! Auch hier kann ich die Ossis sehen, wenn sie das Begrüßungsgeld abholen und ausgeben – notfalls im Fernsehen.“
Damals fand ich übrigens, dass in Mecklenburg-Vorpommern die hübschesten Mädchen der Welt leben, obwohl sie diese merkwürdige Mode der real existierenden Deutschen Demokratischen Republik, genannt DDR, trugen. Die Brillen waren wirklich XXL – und die Dauerwellen auch, und die Jeansröcke ziemlich uncool. Die Bild-Zeitung schrieb DDR damals noch in Anführungszeichen. Doch für die Mode konnten die Mädels ja nichts, dachte ich mir seinerzeit – die Körpermaße überzeugten dafür um so mehr – und die waren nicht Folge einer Hungersnot, wie es sie seinerzeit schon in der UdSSR gab - und nur wenige Zeit später auch in der DDR gegeben hätte. Und, wie hieß es zu Erich Honeckers Zeiten: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“ Zum Glück lernten die DDR-Bürger irgendwie anders, eher vom Westfernsehen – lernten die Deutsche Mark verehren.
Jetzt war ich also wieder dort – habe mir ein Zimmer in Torgelow genommen und es mit Euro bezahlt. Sie wissen nicht, wo das liegt? Ich vorher auch nicht! Ich bin dort einfach nur mal hingefahren, und habe kurz vor der polnischen Grenze Halt gemacht, denn meine Tankfüllung ging zur Neige. An den neuen Autobahnen im Osten der Republik gibt es nämlich nur ganz wenige Tankstellen. Ich dachte mir: Aha, deshalb wird die A20 im Westen von den Grünen blockiert. Es wird wohl zu wenig Bio-Diesel verkauft an der neuen Ostseeautobahn.
In Torgelow konnte ich schließlich tanken. Dort gab es auch das freie Zimmer. Ich hatte freie Auswahl, denn an vielen Häusern stand: “Zimmer frei!”. Dort legte ich mich schlafen. Am nächsten Morgen wurde ich geweckt – jedoch nicht von meinem Wecker, den hatte ich gar nicht mit. Ein Nachbar hörte das Lied einer deutschsprachigen Sängerin. Bisher kannte ich nur Nicole und Andrea Berg. Jetzt weiß ich, es gibt wohl auch eine Annett. Und die sang von einer Rose für ihr Deutschland. Sie legte diese Rose auf die Erde und weinte Krokodilstränen, wegen all der Fremden in unserem schönen Land.
Dann fuhr ich bei Tageslicht die wunderschönen Alleen MeckPoms entlang. Überall an den Bäumen und Laternenpfählen sah ich DIN-A-1-große Wahlplakate hängen. Doch komisch, dachte ich mir, irgendwie waren die alle ziemlich rot und weiß – manche auch mit ein bisschen schwarz darin. „Poleninvasion stoppen!“, stand da, oder „Kämpft!“. Ziemlich rechts- beziehungsweise linksradikal, dachte ich mir. Und nirgendwo sah ich meine Kanzlerin oder meinen, ihr untergebenen Außenminister von den Plakaten lächeln. Dann kam ich an eine breite Kreuzung. Da sah ich beide, übermenschlich groß. Die Welt war wieder in Ordnung für mich, für den Augenblick.
Danach fuhr ich schnell in den Westen zurück, stoppte bei Stralsund – einer ehemals liberalen Hansestadt. Bei einem bekannten amerikanischen Schnellimbiss stieg ich aus, hatte großen Hunger. Dort traf ich unerwartet all die Mädchen von damals wieder. Sie mampften Burger, tranken zuckersüße Cola, hatten ihren Nachwuchs dabei. Fast 19 Jahre blühende Landschaften sowie Sozialhilfe und Hartz-IV-Förderung haben ihre Spuren hinterlassen. Dauerwellen und große Brillen sind jetzt verschwunden, dafür ist die Kleidergröße jetzt XXL geworden, bei Frauen und Kindern, bei den Männern sowieso. Darüber werde ich jetzt bis nach der Wahl nachdenken müssen, glaube ich.
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Jeden Tag ein bisschen schlechter
10.9.2009 von H. D. von der Strauchburg.
Strauchburg staunt. Ansichten eines Durchreisenden. Diesmal zur Frauen-Fußball-EM
An dieser Stelle finden Sie in unregelmäßigen Abständen die Beiträge des Durchreisenden Heiko D. von der Strauchburg. Er glossiert einige seiner Erlebnisse aus ganz Deutschland. Lassen Sie sich von seiner Sicht der Dinge zum Nachdenken oder Diskutieren inspirieren.
Deutschland – Horst Köhler freut sich. Ich freue mich auch und winke aus dem Fenster meiner Zweitwohnung. Mir winkt nur der vier Jahre alte Nachbarssohn zurück. Er freut sich. Er tutet so laut er kann in eine kleine gelb-weiß-farbene Tröte. Eine andere Nachbarin schaut ungläubig drein, als wir beide gleichzeitig rufen: „Deutschland ist Europameister!“ Sie schüttelt den Kopf, schlägt die Autotür besonders laut zu. Die Mutter des Kleinen sagt: „Psssst! Das ist peinlich!“
Peinlich? Meinen die Nachbarn etwa, dass es peinlich sei, weil die deutschen Fußballmänner noch nicht zum siebten Mal Fußballeuropameister sind? Ist es etwa peinlich, dass die Männer noch nicht – soweit ich denken kann – 6:2 in einem Endspiel gegen England gewonnen haben? Ich denke nach.
Vorhin noch, kurz vorm Anpfiff, habe ich meine Tagesration von drei Pilsbierdosen bei Rewe geholt. Sie wissen schon, das Billigbier in der schwarzen Dose des Discounters mit dem roten Schild und der weißen Schrift. Wenn die Männer Fußball spielen, ist dort genau diese Bierdose patriotisch schwarz-rot-gold gefärbt. Heute nicht! Ich frage die Verkäuferin. Sie weiß nichts von der Europameisterschaft der Frauen. Das finde ich peinlich, denn sie ist doch eine Frau, denke ich. Die Straßen in der Stadt sind jetzt voll mit Menschen. An Weihnachten sind sie leer. Während der zurückliegenden WM und EM der Männer waren sie es auch, so kurz vor dem Anpfiff. Ich verpasse die deutsche Nationalhymne, sehe nur noch die Engländerinnen “God Save The Queen” singen.
Nach der Halbzeit sehe ich im Zweiten Deutschen Fernsehen Werbung von Rewe. Sie wissen schon, PR von der Handelskette mit der schwarzen Bierdose. Dort heißt es, dass sie Sponsor sei, von so einer Damenfußballnationalmannschaft aus Deutschland, von der offensichtlich die eigene Verkäuferin nichts weiß. Die Einkäufer der Handelskette wohl auch nicht, denke ich. Das ist peinlich! Jeden Tag ein bisschen schlechter, finde ich.
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