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Die Rolle Deutschlands in einer sich wandelnden Weltwirtschaft
21.1.2012 von Tom T. Köhler.
Im Forum Bundesbank der Niederlassung Hamburg stand der Jahresauftakt der Veranstaltungen am 16.01.2012 unter diesem Thema. Enormes Interesse durch die Hamburger bestätigte die Organisatoren in der Fortsetzung der erfolgreichen Reihe.
Am 01.01.2012 gab es ein Jubiläum: 10 Jahre Euro-Bargeld. (Einen Link dazu finden Sie hier.) Ganze 71500 Tonnen Euro-Münzen wurden seit dem in Umlauf gebracht. Die Menge der Banknoten stieg von damals 200 auf über 800 Milliarden Euro. Doch Geld ist nicht alles. Wo steht Deutschland heute im größten Wirtschaftsraum der Welt? Wohin geht die Reise des Euros? Antworten darauf gab ein profunder Kenner der Materie: Carl-Ludwig Thiele, seit Mai 2010 Mitglied des Vorstandes der Bundesbank und zuständig für die Bereiche Bargeld sowie Zahlungsverkehr und Abwicklungssysteme. In seinem Vortrag erlaubte er einen Blick in die Arbeit der Bundesbank und schilderte seine Sicht auf die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands und Europas.
Lassen Sie sich nicht schlecht reden!
Deutschland stellt ein Prozent der Weltbevölkerung, ist jedoch viertstärkste Wirtschaft der Welt – und sie wächst weiter. Doch leider, so Thiele, „können wir uns über uns selbst gar nicht freuen“. Mehr Mut, optimistisch sein und eine bessere Selbstwahrnehmung fordert Thiele. Aus Kris(ch)en wird in Deutschland schnell eine langandauernde Rezession – so scheint es, betrachtet der interessierte Bürger die Medien. Das beklagt auch der Vorstand der Bundesbank. „Wir nehmen nicht wahr, wer wir sind und wofür wir stehen!“ Dazu kommt, dass Deutschland in der EU 27 (derzeitige Mitgliedsstaaten) im größten Wirtschaftsraum der Welt agiert. Bei allem Blick gen Osten in die aufstrebenden Wirtschaftsnationen, wie China als auch über den großen Teich zu den USA, wird die Kraft und Größe der EU 27 gern übersehen. Damit soll der Ernst der Lage nicht kleingeredet werden. Sicher gibt es europaweit politischen und wirtschaftlichen Handlungsbedarf. Doch mediales „bad news are good news“ dient dem nicht, so Thiele.
Carl-Ludwig Thiele, Deutsche Bundesbank
Rückblick und Ausblick
Einbrüche im Wachstum der Wirtschaft haben stets unmittelbare Folgen. In 2009 schrumpfte das Wachstum um 5 Prozent, einzelne Branchen und Regionen erfuhren aber durch die Krise Einbrüche von bis zu 90 Prozent. Es sah zu dem Zeitpunkt nicht danach aus, dass Besserung in Sicht ist. Thiele dazu: „Auch ich kann keine Vorhersagen machen. Wir wissen am Anfang eines Jahres nicht, wie es sich entwickelt. Aus einem schlechten Start eine düstere Prognose zu erstellen, ist aber nicht richtig.“ Sein optimistischer Blick auf die Dinge lässt auch das Publikum aufmerksam zuhören. Das nunmehr vierte Jahr der Krise, ein stetig steigender Schuldenberg – da vergeht auch dem besten Optimisten das Lachen. Doch gibt es auch andere Zahlen. Innerhalb von 12 Monaten sank die Staatsverschuldung Deutschlands von über 83 auf 79 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Ein erneutes Wachstum trotz moderater Inflation lässt den Einbruch langsam hinter sich. Thieles Meinung dazu: „Es gibt ein Auseinanderdriften von Meinung und Lage!“ Eine Stimmung, die erzeugt und befeuert wird, kann sich zu einer selbstverstärkenden Abwärtsspirale entwickeln. Ein klarer Blick auf die realen Entwicklungen und Vergleiche mit anderen Wirtschaftsräumen / -nationen spricht für seine positive Sicht.
Guter Euro – Schlechter Euro?
Der Euro ist inzwischen zu einer Welt-Reservewährung geworden. In unsicheren Zeiten flüchten Anleger nicht nur in Gold oder Immobilien. Mit den USA und ihrem Dollar halten die Europäer zusammen 90 Prozent der Reserve bei Anlegern. Erst danach kommen abgeschlagen Pfund und Yen. Zu seinem zehnten Geburtstag (als Bargeld) ist der Euro preisstabil und interessant für Anleger. Doch an einer gedeihlichen Entwicklung sind noch mehr Faktoren beteiligt. Banken, so Thiele, brauchen umgehend eine höhere Kapitalisierung, um Ansteckungseffekte a la Lehman Brothers zu vermeiden. Für einen stabilen Euro bedarf es tragfähiger Staatshaushalte. Wenn Stabilitätspakte aufgeweicht oder von Sanktionen entbunden werden, sind die nutzlos. Disziplin, strikte Auflagen und automatische Strafen sind notwendig.
Besucher Forum Bundesbank (alle Fotos: Tom Köhler, Hamburg)
Spannende Fragerunde
Zum Ende des Vortrages gab es für die zahlreichen Besucher die Möglichkeit, Antworten aus berufenem Mund zu bekommen. Fragen, die das überwiegend ältere Publikum bewegten: Was wird aus Griechenland? Ist eine Ausweitung des Rettungsfonds sinnvoll? Gibt es in zehn Jahren den Euro noch? Carl-Ludwig Thiele war bei keiner Frage verlegen. Rettungsfonds kaufen nur Zeit, kein Vertrauen. Doch dieses, so Thiele, ist zwingend notwendig, um die Märkte zu beruhigen. Griechenland hat mit kreativer Buchführung seinen Beitritt zur Eurozone herbeigeführt. Die Griechen sehen es natürlich anders. Doch ihre Politik und das Steuerwesen haben zum Dilemma geführt. Eine Schuldenbremse gab es nicht. Einzige Exportgüter, so scheint es, sind Oliven und Tourismus. Ein Schuldenschnitt wird kommen, ob er das Land damit weiter im Euro hält, ist fraglich. Natürlich wird es den Euro in zehn Jahren noch geben. Eine negative Antwort wäre nach diesem Vortrag auch nicht von Thiele zu erwarten gewesen. Die Aufgaben der Bundesbank als Hüterin der Währung vertritt er in seinem Ressort ebenfalls. Sein Credo: Solidität geht vor Solidarität. Es bleibt also interessant im Forum Bundesbank Hamburg. Die nächste Veranstaltung ist am 12.03.2012 zum Thema der Stabilität des europäischen Finanzsystems.
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Für 6,60 Euro brutto Dienstleister in ganz Deutschland
4.1.2012 von Tom T. Köhler.
Hamburg: Hochmobile Arbeitnehmer als bundesweite „Springer“ - Ein Blick in die Arbeitswelt von Menschen, die keinem Roman entsprungen ist, sondern bittere Realität.
Totale Mobilität
An der Supermarktkasse sitzt ein junger Mann. Es ist schon vorgerückter Abend, doch die Kunden sind noch zahlreich. Flink bedient er den Scanner, tippt Preise ein, gibt das Restgeld heraus. Nach Dienstschluss räumt er noch bis weit nach Mitternacht die Regale ein, stapelt Ware auf Paletten.
Ich treffe ihn am Wochenende wieder, um mehr von seiner Arbeit zu erfahren. Ob er den Rest der Woche noch in diesem Supermarkt arbeitet, frage ich ihn. „Ich weiß es nicht, es kann sein, dass wir zum Wochenende schon wieder weg sind.“ Es ist ungewiss. Nicht, weil ihm gekündigt wird. Er ist einer der vielen “mobilen” Arbeitnehmer in Deutschland. Mit seinen Kollegen arbeitet er für eine Firma, die bundesweit Ersatz stellt für ausgefallenes Personal oder Spitzenzeiten. Inzwischen sind sie sicher auch in vielen Betrieben, für die es billiger ist, Aushilfskräfte statt regulärer Arbeitnehmer zu buchen.
Einmal quer durch die Republik
Der Ruf der Politiker nach “mobilen” Arbeitskräften treibt immer neue Blüten. Nicht nur, dass den Menschen immer längere Anfahrtszeiten zum Arbeitsplatz zugemutet werden. Die “Flexibilität” treibt den jungen Mann auch quer durch die Republik. „Eine Woche im tiefen Süden, am Wochenende Ortswechsel mit dem Zug.“ so der Mann, und weiter „Oft fahre ich auch mit dem privatem PKW. Mal nach Mitteldeutschland, die Woche darauf mal eben an die Nordseeküste.“ Die Unterbringung bucht die Firma vor Ort. Nicht immer gelingt die Bezahlung im Voraus. Da müssen schon mal die Arbeitnehmer in Vorkasse treten. Das ist die Realität der Arbeitnehmerüberlassung. Dieser Mann hat Familie, Kinder. „Ich sehe sie manchmal wochenlang nicht. Das letzte Mal zu Weihnachten. Über Sylvester waren wir schon wieder unterwegs.“ Die Telefonkosten für den Familienkontakt sind dem entsprechend hoch. Als Tüpfelchen auf dem i bucht der Supermarkt die Billigkräfte auch als Ansprechpartner in der Nacht, wenn die Alarmanlage ausgelöst wird. Dann springen die jungen Menschen in ihren privaten PKW, eilen zum Supermarkt. „Letzte Nacht war es nur ein Fenster, was nicht geschlossen war. Der Wind drückte es auf und löste den Alarm aus“ so der Mann. Er ist nicht gerade ein Ausbund an Stärke und Größe. Was ist im Ernstfall? Es könnte auch schlimmer kommen.
Politik deformiert Arbeitsmarkt
Derzeit verdient der Mann 6,60 Euro brutto. Für die Nacht bekommt er 15 Euro Aufwandsentschädigung. „Es gibt,“ so der Mann, „Kollegen, die für noch weniger Stundenlohn arbeiten.“ Totale Mobilität, totale Austauschbarkeit von Arbeitnehmern, totale Flexibilität - diese Prämissen werden von den Unternehmen gelebt und von der Politik geduldet, sogar gefördert. Es sind die Anfänge einer strukturellen Zerstörung des Arbeitsmarktes. Es ist die Lebensart, die wir vom großen Bruder hinterm großen Teich übernehmen, ohne nennenswerten Widerstand. Auf dem Arbeitsmarkt grassiert eine gnadenlose Abwärtsspirale. Trotz der totalen Mobilität und der totalen Flexibilität dieser jungen Menschen haben sie keine Sicherheit. Schriftliche Arbeitsverträge gibt es erst nach massiven Interventionen. Die Verträge werden genau so schnell gekündigt, wie sie abgeschlossen werden. Dann steht der Gang zum Arbeitsamt bevor. Bis, vielleicht, wieder ein Anruf kommt: “Morgen bitte in … sein!”
Aufstieg für ein paar Euro
Er hat die Zeit im Sommer genossen, bei seinen Kindern zu sein, sie wachsen zu sehen. Doch das fehlende Geld machte sich schnell in der Haushaltskasse bemerkbar. Seine Frau war dem Stress nicht gewachsen. Ihr Mann nie da, sie keine Arbeit, zwei Kinder brauchten Rundum-Versorgung. Sie musste Ihre Eltern und die Schwiegereltern um Hilfe bitten.
Wie lange er das noch machen möchte, frage ich den Mann. Er lächelt mich an. „Es geht erst mal immer so weiter. Vielleicht steige ich wieder zum Gruppenleiter auf.“ Dann übernimmt er Personalaufgaben, reist mit dem Firmenwagen, Diensthandy und -laptop von Supermarkt zu Supermarkt. Die Dienstpläne müssen gemacht und kontrolliert werden, er stellt Personal ein und schmeißt es wieder raus. Für ein paar Euro mehr macht er die Arbeit vor Ort, schreibt Abrechnungen. Er organisiert die Besetzung der Kassen und weist die Hilfskräfte ein, die Regale saubermachen und einräumen. Bei Letzteren wird nach Paletten abgerechnet, nicht nach Arbeitszeit. Dass die Qualität darunter leidet, ist anzunehmen.
Konkurrenz auf niedrigstem Niveau
Der Mann sprach sogar von Konkurrenzkampf unter solchen Firmen. “Wir haben einen Markt verloren,“ sagt er „weil es eine Firma gibt, die Regale für noch weniger Geld einräumen lässt.“ Da landen dann die Lebensmittel kurz vor Ablaufdatum unter dem frischen Nachschub. „So hätten die alten Sachen eine Chance“ sagt er grinsend, „auch wirklich zu vergammeln“. Er und seine Kollegen leben zeitverschoben. Wenn wir aufstehen, gehen sie ins Bett. Sie waren in der Nacht auf Achse, haben die Einkaufsparadiese wieder auf Vordermann gebracht. Wir vereinbaren, uns wieder einmal zu treffen. Ich möchte noch mehr aus seinem Leben und aus der modernen Arbeitswelt erfahren. Doch erstmal muss er los, sein Job beginnt in einer Stunde. Er muss Geld verdienen für sich und seine Familie, die viele Hundert Kilometer entfernt wohnt.
Der Name ist dem Autor bekannt, werden aber zum Schutz des Arbeitnehmers nicht genannt.
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Silvestergruß an die Leser des Jungjournalistenblogs
31.12.2011 von Tom T. Köhler.
Einen Dank an die zahlreichen Leser des Blogs, die interessanten Kommentare und Ideen für Themen. Wir laden Sie auch 2012 ein, lesend an unserer Arbeit teilzunehmen. Und wenn Sie mögen, schreiben Sie doch auf unserem Portal. Neue Kollegen und Berufseinsteiger sind gern gesehen. Ihnen allen wünschen wir einen guten Rutsch, ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr 2012 und natürlich ein gutes Händchen für Themen, die bewegen.
Ihre Jungjournalisten
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Joachim, Horst, Christian
19.12.2011 von Tom T. Köhler.
Hat Deutschland das verdient? In einem Amt, dessen repräsentative Wirkung oft über der tatsächlichen Einflussnahme auf Richtungen, Diskussionen, Entscheidungen steht, ist der Wurm drin. Neben Wirtschafts-, Euro- und Bildungskrise nun auch noch eine Bundespräsidentenkrise.
In Krisen sind die Teutonen Spitze. Zum einen, weil Sie gern leiden, zum anderen, weil es so schön ablenkt. Von den tatsächlichen Problemen. Das Politikum zum höchsten Amt des Staates wird befeuert von all denen, die damit über ihre eigenen, hausgemachten Probleme hinwegsehen können. Schon bei Joachim Gauck ging es nicht ums Amt, sondern um die Person. Und um das Parteibuch. Der gefühlte Präsident Gauck musste dem installierten Horst Köhler weichen. Der schmiss hin, weil ihm irgendwas nicht passte. Genaues weiß man bis heute nicht. Zu vermuten ist, dass auch da wieder parteipolitischtaktische Spielchen gespielt wurden. Und nun haben wir auch noch den Fall Christian Wulff. Ein Kreditchen da, ein Urlaub dort, eine Reise nach irgendwo. Und die Opposition wetzt die Messer. Muss sie doch eine Diskussion gegen die derzeitige Koalition am Laufen halten. Weil, siehe oben, es so schön vom eigenen Versagen ablenkt. Ehemals an der Macht, hätte ja so manches besser laufen können.
Politische Kleingeistigkeit, mediales Perpetuum Mobile und Profilierungssucht sind wichtiger, als die Entscheidungen zu einer langfristigen Entwicklung von Deutschland in Europa. Sie sind wichtiger, als grundlegende Weichenstellungen zu einer Nation, die in soziale Differenzen und Bildungsmangel abrutscht. Eine Möglichkeit wäre, wenn der Bundespräsident jetzt eine Ruck-Rede hält. Eine, die aufhorchen lässt. In der er klarstellt, dass die Verbindungen als Minister zu Personen nichts mit seiner Arbeit als Präsident zu tun haben. Und die unsägliche Diskussion zu seinem Amt durch eine andere ersetzt. Eine Diskussion über unser Land und seine Zukunft. So wird er dem Amt gerecht und seinem Land.
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Vermögen ist mehr als nur Geld – was motiviert Menschen, zu geben?
12.12.2011 von Tom T. Köhler.
Eine Veranstaltung der Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik im Business Club Hamburg. Philanthropisches Handeln entsteht nicht von allein. Was bewegt Menschen und Mäzene dazu? Ist Vermögen auch Zeit, Wissen, Engagement? Spannende Fragen und interessante Gäste auf dem Podium.
7 Thesen für eine neue Vermögenskultur
Zu Beginn führte Dr. Knut Bergmann in das Thema ein. Als Fellow der Stiftung Neue Verantwortung trug er sieben Thesen für eine neue Vermögenskultur vor. Die haben es in sich. Reich sind nicht nur die anderen. Reich ist jeder Mensch, nicht immer im materiellen Sinne. Wissen, Zeit und Engagement können in der Gesellschaft ebenso wirken und ein lebendiger Beitrag zum Gemeinwohl sein. Die Vermögenskultur braucht Vorbilder. Es ist notwendig, dass sich Menschen mit ihren guten Taten – und dem eingesetzten Geld - in das Licht der Öffentlichkeit stellen. Gerade das Hamburger Understatement gebietet Hilfe abseits der Medienöffentlichkeit. Es gehört zum „guten Ton“. Doch schlägt dieses Verhalten zurück auf die Menschen, die zum „guten Tun“ motiviert werden sollen. Wenn „die da oben“ nichts für „die da unten“ tun, warum soll ich mich dann engagieren? Bergmann: „Sozialstaatslastige Biografien sind keine Antreiber“. Sie fördern auch nicht die Schwarmintelligenz. Schwarm-Verantwortung muss erst wieder erlernt werden. Wozu soll ich geben, wenn Vater Staat alles regelt?
Schmidt, Steinberg Boysen, Krämer, Bergmann
Denn sie wissen, was sie tun
Eine Runde auf dem Podium, die symptomatisch für ein neues Denken in der Gesellschaft ist: Peter Krämer (Reeder und Großspender), Christian Steinberg (Stifter) und Dr. Wolf Schmidt (Anstifter). Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Jacqueline Boysen. Vermögen ist mehr als Geld, wie sehen die guten Werte aus? Krämer: „Ist Staates Kasse leer, privates Engagement muss her.“ Doch so einfach ist es nicht. Die private oder privatwirtschaftliche Hilfe darf kein Ersatz für Staatsaufgaben sein. Er darf sich nicht aus der Verantwortung drücken, sobald sich Mäzene und Großspender einem Problem annehmen. „Der Staat muss elementare Aufgaben wahrnehmen. Dafür sind Steuern da!“ und weiter „Die Spaltung geht so nicht mehr weiter! Die reichste Stadt Deutschlands hat die größte Kinderarmut.“ Krämer ist sauer. Steinberg sekundiert: „Vieles läuft nicht mehr so, wie es soll. Der große Umfang vieler Spenden wird nicht mehr honoriert.“ Doch sind die beiden Herren einer kleinen Gruppe zugehörig. Ihnen ermöglichte die Bundesrepublik einen wirtschaftlichen Aufstieg, der in seiner Größe auch große Spenden zulässt. Die Masse der Spenden sind aber kleine und Kleinstspenden. Und Geld allein macht auch nicht glücklich.
Wir brauchen eine neue Anerkennungskultur
Laut Krämer sind es in der Bundesrepublik ca. 23 Millionen Ehrenamtliche (über 14 Jahre), die sich in Sportvereinen, Hospizen oder der Feuerwehr engagieren. Eine gewaltige Zahl, gemessen an der Bevölkerungsgröße von etwas über 80 Millionen. Diese Menschen geben viel Lebenszeit, Kraft und auch Geld für gemeinnützige Zwecke. Ihr Wissen und Engagement ist ein geldwerter Teil der Hilfe in der Gesellschaft. Und die bedarf einer grundsätzlichen Anerkennungskultur. „Lasst uns ein rauschendes Fest feiern. Auf dem Rathausmarkt. Mit 30.000 Ehrenamtlichen!“ so Steinberg. Es ist tragisch, so Bergmann, „wie wenig verstanden wird, was es heißt, Gutes zu tun!“ Orden sind da nicht die erste Wahl. Und Treff(ch)en beim Bundespräsidenten einmal im Jahr auch nicht. Nochmals Steinberg: „Orden sind Mist!“ Man spürt, wie ihn der Unverstand der öffentlichen Hand ärgert. Helfen muss normal werden. Solange wir staunend davor stehen, ist es unnormal. Vielleicht kann Deutschland, traditionell mit den USA verbunden, auch auf diesem Gebiet etwas von den Menschen dort lernen. Sozialarbeit, Engagement in Vereinen und Kirchen, öffentliche Spenden von Unternehmen – alles selbstverständlich. Und leider auch dort nötig.
Plangesche Villa, Business Club Hamburg (alle Fotos: Tom Koehler, Hamburg)
Dankeschön und Hilflosigkeit
Das Unvermögen der Vermögenslosen nennt Schmidt die Situation, in der Menschen in ihrer momentanen Situation nicht bereit sind, ihren Teil für die Gesellschaft zu tun. Gern sieht er die Starre gewandelt in ein Vermögen der Unvermögenden. Sie können in kleinen und kleinsten Schritten helfen. Und wenn sie das tun, soll ihnen auch klar sein, dass der Dank dafür auch freiwillig ist. Hilfe ist kein Geschäft, keine Rechnung, die man aufmachen kann. Wenn die Gesellschaft aber erkennt, was ihr an Werten entgegengebracht wird, wird sie sehr freiwillig dafür danken. Und dann weckt dies auch in den Menschen, die noch nicht so aktiv sind, den Wunsch nach Selbstwirksamkeit. Ihre Tat, ihr Engagement bewirkt etwas und sie sehen oder spüren es fast ohne Zeitverzug. Eine sehr direkte Art des Dankes. Ob es ein Händedruck ist, glänzende Kinderaugen oder eine lachende Seniorengruppe – der Dank ist vielfältig. Das Wissen über diesen Mechanismus macht Macht in den Köpfen derer, die über die gute Tat berichten. Und bei denen, die über die über die ökonomischen Mittel verfügen. Dann geht es nicht mehr um ein Foto mit dem Bundespräsidenten, sondern um eine ganze Gesellschaft, die verstanden hat, reagiert und sich in ihrer Gesamtheit für den Nachbarn, den Bedürftigen, den Benachteiligten engagiert. Bis das die Politik endlich verstanden hat, braucht es noch die Krämers und Steinbergs in der Bundesrepublik.
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CSR in Hamburg: Neue Verantwortung, oder schon längst an der Tagesordnung?
9.12.2011 von Tom T. Köhler.
In Fortsetzung einer Reihe zu Corporate Social Responsibility (CSR) lud die Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik am 06.12.11 in die Handelskammer Hamburg ein. Sind die Hanseaten Vorreiter im werteorientierten Wirtschaften? Können andere Unternehmen vom Hamburger Kaufmann noch etwas lernen?
Typisch hanseatisch
Hamburgs Handelskultur, das Bild eines ehrbaren Kaufmanns, hanseatisches Understatement – viele Analogien fallen dem Betrachter ein, wenn er Handel und Wandel der Hansestadt meint. Es schimpfte einst Heinrich Heine über die Pfeffersäcke, die Kaufleute, denen Geld durch den Handel mit Gewürzen in Strömen zufloss. In einer globalisierten Welt lässt sich noch mehr Geld verdienen, auch von Hamburg aus. Macht dies die Hanseaten nun zu größeren Pfeffersäcken? Oder nehmen Sie ihre Verantwortung ernst, handeln vorbildlich, verantwortungsvoll und nachhaltig? Diese spannenden Fragen stellte Moderatorin Susanne Kluge-Paustian an Andreas Bartmann (Globetrotter-Ausrüstungen), Inken Hollmann-Peters (Beiersdorf AG) und Cord Wöhlke (Bundikowski GmbH und Co. KG).
Werte? Werte!
Schnelle Fragerunde am Anfang ins Publikum. Welche Werte sind ihnen wichtig? Verbindlichkeit, Transparenz, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Vertrauen, Ethik, Rechtschaffenheit. Das sind eine Menge harter Fakten, denen sich die drei Gäste stellen mussten. Doch, so Cord Wöhlke, ist es das Wichtigste, dies auch zu leben. „Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein!“ Es ist die große Motivation, der Antrieb und die Chance, als Unternehmer etwas bewegen zu wollen. Das Publikum nimmt ihm diese Einstellung ab. Budni, wie die Hamburger sagen, ist eine der ganz großen Marken der Hansestadt. Als Drogeriemarkt in den 50ern gestartet, hat das Unternehmen heute über 140 Filialen. Neben den gängigen Produkten wurde eine eigene Linie aufgebaut, die dem nachhaltigen und ökologischen Wirtschaften gerecht wird. Die Sicht der Dinge wird offenbar, als es um Definitionen geht. Inken Hollmann-Peters spricht in ihren Berichten über die Arbeit von Beiersdorf von Kosten. Wöhlke hält gegen: „Das sind Investitionen!“ Er lebt seine Vision von einem anderen Wirtschaften und dem verantwortungsvollen Umgang mit Mitarbeitern. Werden diese gefragt, warum sie zu Budni wollen, kommen als Antworten vor allem das Weiterbildungsangebot und das soziale Engagement.
Balaceakt Corporate Social Responsibility (CSR)
Laut oder leise?
Corporate Social Responsibility wirft mehr Fragen auf, wenn die Auswirkung, die Außenwirkung betrachtet wird. Gerade den Hamburger Unternehmern und Stiftern gelingt nach Ansicht von Besuchern der Veranstaltung nicht immer, ihr gutes Tun auch herauszustellen. Doch da ist es wieder, das Hamburger Understatement. Es wird geholfen, unterstützt, finanziert, gebaut. Aber leise und effizient. Tue Gutes, und sprich nicht drüber. Auch Andreas Bartmann von lebt unternehmerisch eine Vision. Einen Teil auch öffentlich. Seine Mitarbeiter werden gefördert, wenn sie sich weltweit in Projekten engagieren. Sie bekommen dafür sogar bezahlten Urlaub. 64 Nationen stellen die Menschen, die bei und für Globetrotter arbeiten. Ein weltweiter Konzern, der auch weltweit Lieferanten hat. Mit der Konsequenz, dass bei den Partnern von Globetrotter ein permanentes Monitoring läuft. Bartmann selbst spricht mit den Geschäftsführern der Lieferfirmen. Er erfährt schnell, ob nur das Interesse besteht, mit den Produkten bei der Outdoor-Ausrüsterfirma gelistet zu werden. Oder „ob die Mitarbeiter in ordentlichen Räumen arbeiten, die Kantine sauber ist, die Bezahlung stimmt.“ Da hakt einer nach, schaut hin und kann damit etwas bewegen. Das ist weit mehr, als nur ein Projekt zu finanzieren oder eine Spende abzuliefern. Nachhaltiges Wirtschaften zieht Kreise, verändert längerfristig die Art des Handels, den Umgang mit Ressourcen und Mitarbeitern. Leitlinien für Lieferanten und die Chance auf Veränderung sorgen für einen neuen Umgang von Unternehmen. Werden Werte transportiert, werden eigene Messlatten auch an andere gelegt, entsteht bei Missständen der Druck, etwas zu ändern. Und die Chance, weiterhin gelistet, weiter Lieferant zu sein.
Podium Stiftung für Wirtschaftsethik
Ohne Moos nix los
Um Gutes zu tun, heißt es, gut zu wirtschaften. Ein Unternehmen muss sich um die Produkte, die Strategie und Liquidität sorgen. So werden Arbeitsplätze gesichert, entsteht verwendbares Vermögen für die gute Tat. Dem sind sich die Gäste auf dem Podium wohl bewusst. Nur ein gesundes Unternehmen kann es sich leisten, Geld, Ressourcen, Logistik oder gar Personal für gemeinnützige Zwecke bereitzustellen. Das Wirtschaften haben die Hamburger in Jahrhunderten gelernt. Die CSR in ein paar Jahren. Die Auswirkungen werden unsere Kinder oder Enkel spüren. Und sie können dann gar nicht nachvollziehen, warum ein Mann namens Heine so über die Hamburger herzog.
Um dem Thema CSR gerecht zu werden, organisiert die Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik gemeinsam mit der Hamburg School of Business Administration weitere Termine für Gespräche zu CSR: Am 27.03.12 in der Schnittke Akademie, am 21.06.12 in der Handelskammer, am 27.09.12 in der Akademie und am 04.12.12 wieder in der Handelskammer. Anmeldung per Mail erforderlich.
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Schuldenbremse in Deutschland: Staatsfinanzen unter Kontrolle?
7.12.2011 von Tom T. Köhler.
In der Hamburger Niederlassung der Deutschen Bundesbank fand am 05.12.11 die letzte Veranstaltung des Jahres statt. Das Thema sorgte für reichlichen Zulauf interessierter Hamburger. Die hielten der Reihe „Forum Bundesbank“ über Monate die Treue. Sehr zufrieden waren damit Organisatoren und Referenten. Der Erfolg: Die Reihe wird 2012 fortgesetzt.
Deutschland – eine Insel der Seligen?
Dr. Jürgen Hamker, in der Zentrale der Bundesbank im Bereich Volkswirtschaft zuständig für den Bereich „Öffentliche Verschuldung“ benutzte das Sinnbild. Doch mit der Seligkeit wird es bald vorbei sein. „Die Schuldenlast ist für Deutschland auf Dauer nicht mehr tragbar!“, so Hamker. Das weiß inzwischen auch der gepflegte Stammtisch. Doch mit welchen Mitteln soll der ausufernden Verschuldung begegnet werden? Wie viel ist denn noch drin im Staatssäckel für Eurohilfen, Rettungsschirme und Co.? Im Monatsbericht Oktober der Bundesbank wird ausführlich dazu Stellung genommen. Laden Sie ihn hier herunter.
Vorbelastungen sorgen für Verunsicherung. Denn nicht nur das Vertrauen in die Kapitalmärkte sinkt, sondern auch in die Leistungsfähigkeit des Staates. Belastungen der Sozialsysteme ziehen Leistungskürzungen nach sich. Doch ohne den Bürger, so Hamker, sind Maßnahmen zu Konsolidierung des Haushaltes nicht zu machen. Diese müssen Entscheidungen dazu voll unterstützen. Anders geht es aus, wenn dem Staat die Referenz entzogen wird. Bestes Beispiel Griechenland. Dort gingen die mehr als verunsicherten Bürger des Landes zuhauf auf die Straße. Ein Generalstreik jagte den Nächsten.
Was tun?
Die Möglichkeiten der Begrenzung ausufernder Verschuldung wären Zinsaufschläge oder ein Vertrauen auf den Marktmechanismus. Leider greifen diese Maßnahmen mit starker zeitlicher Verzögerung. Besser, so Hamker, ist ein frühzeitiges Erkennen UND Handeln. Diese Kritik richtete sich auch direkt an die griechischen Kollegen. Bisherige Regeln haben stets einen geringen Abschreckungsgrad gehabt. Geplante Verschärfungen wurden unterbunden. Defizite wurden „gestaltet“ (Griechenland). Zahlreiche Ausnahmeregeln sorgten für Schlupflöcher und Hintertüren.
Deutsche Politiker arbeiteten mehrere Jahre an einer Bremse für die weitere Verschuldung. Also die neue Aufnahme weiterer Kredite über die derzeitig schon Laufenden hinaus. In Artikel 109 des Grundgesetzes schrieben sie den Plan zur Konsolidierung fest. Der Einstieg erfolgte mit dem Haushalt 2011. Voll greifen soll die Schuldenbremse mit dem Haushalt 2016. Doch in den fünf Jahren fließt viel Wasser die Elbe hinab. Bei derzeitigen Turbulenzen auf dem Finanzmarkt und dem tiefgreifenden Wandel der Weltwirtschaft ist eine Vorausschau schwer. Allein die Belastungen durch Euro-Rettungsschirm und Bankenrettung führten schon zu einer Schieflage des Haushaltes.
Dr. Hamker, Deutsche Bundesbank
Realität bestätigt Planungen
Zeitgleich mit dem Vortrag in Hamburg trafen sich auf dem deutsch-französischen Gipfel Bundeskanzlerin Merkel und Staatschef Sarkozi. Mit ihren Forderungen nach automatischen Sanktionen und einer Schuldenbremse für alle (europäischen Staaten) bestätigten sie die grundsätzlichen Überlegungen der Bundesbank. Die Ratingagentur Standard&Poors kündigte an, nicht nur Deutschland, sondern alle weiteren (noch gut bewerteten) Euroländer eine weniger gute Aussicht zu bescheinigen. Eine Herabstufung in voller Absicht, und nicht aus Versehen (wie mit Frankreich geschehen). Die Aufgaben für alle Staaten sind die gleichen. Ohne einen Stop der weiteren Staatsverschuldung wird der Markt seine Wirkung entfalten. Über Zinsen für Kredite. Und das bekommt auf Dauer auch der deutschen Wirtschaft nicht.
Staatsverschuldung Deutschland (Alle Fotos: Tom Köhler, Hamburg)
Bleiben Sie neugierig!
Am 16.01.2012 ist der Auftakt des „Forum Bundesbank“ im zweiten Jahr der Veranstaltungsreihe. Das Thema wird sicherlich wieder für regen Zuspruch durch interessierte Hamburger und Gäste sorgen: Die Rolle Deutschlands in einer sich wandelnden Weltwirtschaft. Spannende Themen, von kundigen Referenten aufbereitet, werden die Besucher in eine sonst verschlossene Welt der Wirtschaft führen.
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Tag des Ehrenamtes 2011
5.12.2011 von Tom T. Köhler.
Rund 600.000 Ehrenamtliche sind in Sachsen-Anhalt in ihrer Freizeit in einem Verein, einer Gruppe oder Initiative aktiv. Das mitteldeutsche Bundesland ist das mit den meisten Ehrenamtlichen. Einer davon ist Wilfried Krüger.
Der graue Kombi hat am Morgen eigentlich nur ein kurzes Stück zu fahren. Vom Wohnhaus bis zum Büro ist es nicht mal ein Kilometer. Diese Strecke wird oft noch durch Stopps unterbrochen. Sei es der Gemeindearbeiter, der Fragen hat oder ein Anwohner, der seine Sorgen loswerden will. Der Fahrer ist Wilfried Krüger, ehrenamtlicher Bürgermeister in Jeetze, einem kleinen Dorf in der nördlichen Altmark, Nähe Salzwedel. Der trainierte Mittfünfziger sitzt nun in seinem kleinen Büro, streicht sich mit seinen kräftigen Händen durch sein ergrautes festes Haar, während er am Telefon Anweisungen gibt. „Du besorgst die Musik und verhandele den Preis!“ Wilfried Krüger bereitet den Mühlenball vor. Der Verein zur Erhaltung der Windmühle feiert sein 15jähriges Bestehen. Wilfried Krüger ist Vorsitzender. Auf seinem Schreibtisch häufen sich Papiere. Rechnungen, Warenbestellungen und Protokolle aus den Sitzungen des Gemeinderates. Dort kann er seiner Leidenschaft Politik frönen.
Ein ganz normales Dorf
Der Ort hat etwa 450 Einwohner und die sind sehr rege: Feuerwehr mit Jugendfeuerwehr, Seniorengruppe, Jägerschaft, Mühlenverein, Männergesangsverein. Ein gut besuchter Kindergarten zieht die Kleinen aus der Umgebung an. Der gelernter Maurer Krüger, vor der Wende Betriebshandwerker in der örtlichen Lederwarenfabrik, machte sich 1990 schnell selbstständig. Erst wurden aus der Garage heraus Getränke verkauft. „Wir sind mit dem LKW in den Westen gefahren und haben Saft, Bier, Wasser von da geholt. Das waren Zeiten“, so Krüger. Danach wird eine kleine Videothek eröffnet. Das Geschäft blüht, jeder will Videos sehen. Leider gibt es ein Feuer. „Ich war froh, als das abgewickelt war. Außerdem war der Laden schon in Planung.“ Die Dorfstraßenerneuerung war sein größter Coup, da ist er stolz drauf. „Die Fördermittel zu bekommen, war nicht ganz einfach. Doch mit dem kaputten Kopfsteinpflaster ging es nicht mehr weiter!“ Krüger grinst über die ganze Breite des Gesichts. Es ist ihm anzusehen, dass er eng mit dem kleinen Dorf verwachsen ist. „Jeetze hättet ihr mal früher sehen sollen“ sagt er jedem, der ungläubig den blitzblanken Ort bestaunt. Ganz selten setzt er sein Bürgermeistergesicht auf, ein ernstes, dienstliches, keinen Widerspruch duldendes Gesicht. Eine wilde Bebauung ohne Genehmigung, ein Hund ohne Leine. Es sind eher die Ausnahmen. Sein Spruch ist. „Leben und leben lassen“.
Dorfladen, Friseur, Kneipe
Später kaufte er das Gebäude, in dem auch früher der Einkaufsladen war, baute es aus, schaffte Wege und einen Parkplatz. Eröffnete den Laden neu. Im selben Gebäude untergebracht: eine kleine Kneipe mit Veranstaltungsraum und ein Friseur, der einmal die Woche geöffnet hatte. Ohne Termine geht da gar nichts, so voll war es an diesem einen Tag. Wilfried Krüger ist immer in Aktion, die Ausdauer in Person, aber als Macher auch unduldsam. „Wenn es nicht vorwärtsgeht, jemand schlampert, nicht mitzieht, werde ich schnell grimmig“, sagt er. Und das sei der Preis für unendliche Arbeit, Aufreiben im Alltag, die wenige Freizeit: „Der meuternde Magen beschert mir Schmerzen, lässt mich wenig essen.“ Es ist eine Freizeit, die meist im gesellschaftlichen Engagement aufgeht. Da eine Sitzung, dort ein Bauprojekt, hier Besprechung mit dem Bauunternehmer bei der Erneuerung von Straßen und Wegen, da eine Vereinssitzung, auch ohne Mitglied zu sein. Das Nebenamt Bürgermeister verpflichtet in dem kleinen Dörfchen. Allerdings wünscht er sich, mehr Zeit für seine Familie und das Geschäft zu haben.
Familienleben und Geschäftsmann
Krüger ist verheiratet, lebt aber von seiner Frau getrennt. Er hat zwei erwachsene Kinder und ist sehr stolzer Großvater eines Enkels. An seinen Kindern hängt der Multijobber Wilfried sehr. Wünsche werden eins zu eins umgesetzt. Er gönnte sich einen neuen Laptop. Lange war er nicht in seinem Besitz. Seine jüngere Tochter brauchte nur mit Kulleraugen und Schmollmund zu drohen, da hatte Krüger mal einen Laptop. Seine Große brachte mit Komplikationen den lang erwarteten Enkel zur Welt. Seine Frau sagte damals: „Es war einer der wenigen Momente, wo mein Wilfried, dieser starke, zupackende Mann, geweint hat“ Der Einkaufsladen ist der zentrale Anlaufpunkt im Dorf. Besonders für Ältere ist es die einzige Möglichkeit, sich zu versorgen. Er nimmt Wäsche mit zur Reinigung, besorgt Präsentkörbe für Ehrungen. Fast jeden Abend brennt noch lange das Licht in seinem Büro. Krüger macht die Abrechnungen und Bestellungen für das Geschäft. Doch die schlechte wirtschaftliche Lage merkt er auch beim Umsatz im Geschäft und in der Kneipe.
Alle Fotos aus Jeetze: Tom Koehler, Hamburg
Vereine leben weiter
Das Dorf entvölkert sich langsam. Es wird gestorben, doch Kinder werden kaum geboren. Die jungen Menschen fliehen aus der dörflichen Stille in die Städte und zu den Arbeitsplätzen im Westen. Eine Hochzeit im Dorf, eine Geburt, das sind echte Höhepunkte im Gemeindeleben. Die Glocken der kleinen Kirche läuten dann aus freudigem Anlass. Wer den noch nicht kennt, ruft dann bei Wilfried Krüger an und fragt danach. Der Wirt Wilfried Krüger ist Betreiber einer Gaststätte mit Saal, in dem Feiern stattfinden. Silvester, Seniorentreff, Feuerwehrball, Jägerfest, Geburtstage, wohl jeder im Dorf ist mindestens einmal im Jahr dort zu Gast. Das Konzept: Wilfried Krüger verkauft die Getränke zum Ladenpreis, macht die Feiern dadurch erschwinglich. „So manches Fest endet erst im Morgengrauen. Und wenn das im Winter ist, weißt Du, was das bedeutet“. Er feiert gern mit, kann mit alten Kumpels auch einen drauf machen. Doch danach muss aufgeräumt und sauber gemacht werden, also ist nichts mit Ausschlafen am Sonntagmorgen nach der großen Sause. Um 10 Uhr öffnet er Türen und Fenster, startet die Stereoanlage und rockt über das Parkett. Rockmusik ist seine Welt, auch die Oldies aus der DDR. Er kennt die Texte, singt mit. Krüger fährt jetzt noch zu Karat, den Puhdys oder zur Stern Combo Meissen, feiert auf dem Konzert bis in die Nacht, schläft im Auto. Er kann es nicht lassen. Dort findet er den Ausgleich zu seinem aktiven, anstrengenden Leben. Kann sich noch mal jung fühlen, wird erinnert an wilde Jugendzeiten.
Seine zweite Leidenschaft, die für Politik, wird durch ihn selbst bald beendet werden. „Wir bekamen eine Großgemeinde und seit dem bin ich kein Bürgermeister mehr. „Meine Amtszeit läuft bald aus. Entschieden wird nun woanders.“ Er, der gern regiert, bestimmt, die Richtung vorgibt, nimmt Abschied von der Macht. Doch als Vorsitzender des Mühlenvereines kann er weiter der Macher sein. Unermüdlich, ideenreich und einer von über einer halben Million Ehrenamtlichen in Sachsen-Anhalt.
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Autorenportal SUITE101 schließt und die NZZ setzt auf Paywall
25.11.2011 von Tom T. Köhler.
Journalisten, Autoren und Leser bekommen zwei schlechte Nachrichten an einem Tag. Ein gut durch Suchmaschinen zu findendes Autorenportal schließt seine Deutschland-Redaktion. Und die renommierte Neue Zürcher Zeitung stellt im ersten Quartal 2012 eine Paywall vor seine redaktionellen Inhalte.
Drei Jahre, nun ist bald Schluss
In einem Artikel des Portals SUITE101 heißt es: „Die Klage ist das Lied der Medienunternehmen und Journalisten. Ersteren geht es chronisch schlecht und Letztere haben nicht genug zum Leben.“ Die Suche von Schreibern und Unternehmern nach Modellen zur Monetarisierung ist im vollen Gange. Erstere versuchen sich mit ihrer eigenen Zeitung – auch Blog genannt. Suchmaschinen bestätigen die Überlegung. Legen Sie doch nach Updates deutlich mehr Wert auf aktuellen und vor allem relevanten Inhalt. Die Zeit zwischen den Suchläufen hat sich drastisch verkürzt. Inhalte erscheinen schon nach Minuten im Index von Google und Co. Doch wie die ganze Mühe zu Geld machen? Wie lässt sich die viele Zeit vor der Tastatur versilbern? Eine Möglichkeit bot sich schon vor Jahren bei SUITE101. Das Portal aus Kanada eröffnete mit Erfolg seinen deutschen Ableger und viele Autoren – auch Journalisten – nutzten die Blog-Plattform. Deren aktive Bemühung für eine gute Findung durch Suchmaschinen katapultierte viele Artikel auf Seite 1 der Suchergebnisse. Eine Redaktion beobachtete die Arbeit der Autoren, griff bei unseriösen Autoren ein, half bei der Optimierung oder entdeckte Fehler und schrieb die Autoren an. Angelockt durch die Wirksamkeit und Reichweite versuchten sich die 3000 deutschen Autoren am Aufbau einer Webpräsenz, die durch Klick per Anzeige auch noch etwas Geld in die Taschen der Schreiber brachte. Sicherlich nicht in die Taschen aller. Aber wer es verstand, aktuelle Ereignisse oder relevante (!) Themen aufzunehmen, die Regeln des Schreibens für Leser UND Suchmaschinen beherrschte, der konnte mit einer kleinen, regelmäßigen Aufbesserung seines Taschengeldes rechnen. Ergebnis des Fleißes der Autoren: 70.000 Artikel in drei Jahren, eine stolze Bilanz für das Portal. Derzeitiger Grund für die Schließung der deutschen Redaktion – NICHT des Portals – soll ein Update von Google sein. In einem Artikel des Blogs basicthinking.de wird notiert, das PANDA-Update habe den Traffic der Seite reduziert. Die Einnahmen der Plattform waren durch die passend geschalteten Anzeigen in den Artikeln realisiert worden. Sinkender Traffic (seit Oktober) ist gleich sinkende Einnahmen und Tantiemen für die Autoren. Ein Wegfall der Redaktion, so die Vermutung von basicthinking, lässt auch bald das Niveau der Artikel sinken. Die Reputation ist dann dahin, das Portal wertlos. Eine Flucht der Autoren zu eigenen Blogs oder Blog-Gemeinschaften ist die Folge.
Paywall – funktioniert sie wirklich?
In einer Meldung des Nachrichtenportals NEWSROOM wurde aus Gerüchten Realität. Eine der renommiertesten Tageszeitungen der Welt, die Neue Zürcher Zeitung, beschloss, eine Paywall vor den digitalen Inhalten zu errichten. Eine Bezahlschranke verhindert, dass Online-Leser ungehindert auf die Artikel der Zeitung im Internet zugreifen können. Die Konsequenz: Leser müssen zahlen. Paid Content heißt das Zauberwort, mit dem Verleger liebäugeln. Ist es doch eine Möglichkeit, endlich im Internet Geld zu verdienen. Zwei Reaktionen hat eine solche Überlegung stets zur Folge: Einmal flüchten Leser, lassen sich auf anderen Seiten (kostenlos) informieren. Um dem zu entgehen, machen zweitens Internetzeitungen den Schritt zu einer löchrigen Paywall. Dies geht über den Weg, den das Hamburger Abendblatt beschreitet. Dessen Artikel werden über die Google -Suche gefunden und können dann online und kostenlos gelesen werden. Weitere Möglichkeit: Dem Leser wird die Möglichkeit eingeräumt, eine bestimmte Anzahl Artikel kostenlos zu lesen. Dann wird er aufgefordert, ein Online-Abonnement abzuschließen. In der New York Times hat der Aufbau einer Paywall funktioniert. Die Leserzahlen und die Reichweite blieben fast gleich. Im deutschsprachigen Raum muss sich der Erfolg nicht wiederholen. Bei der letzten Messe der Verleger und Zeitungshäuser WAN IFRA 2010 in Hamburg gab es einen Einblick in die Bemühungen, mit Inhalten und zielgerichteter Werbung Geld zu verdienen. Wohin die Reise geht, wird sich in Monaten, gar Jahren zeigen.
Für die schreibfleißigen Deutschen heißt es: Selbst machen, zur Marke werden, Reichweite aufbauen. Wenn sie etwas Glück haben, kommen Werbetreibende dann zu ihnen und nicht umgekehrt.
Für die Leser heißt es: Holen sie sich Ihre Informationen da, wo sie beim Lesen einen Mehrwert haben. Welche Plattform das ist, entscheiden sie selbst. Wo für sie geschrieben wird, da lassen sie sich nieder.
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Finanzplatz Hamburg: Occupy, Börsentag, Regionalwährung
6.11.2011 von Tom T. Köhler.
Hamburg - Ein Thema, drei Antworten: Wie geht es weiter mit der Weltwirtschaft, den Finanzen? Der 16. Hamburger Börsentag, traf auf Menschen der Occupy-Bewegung, die es nicht mehr länger hinnehmen wollen, dass „Bankster“ Milliarden verheizen. Gleichzeitig hat eine Hamburger Regionalwährung den Startschuss für ein anderes finanzielles Miteinander gelegt.
Über den großen Teich
Menschen in Amerika, die ein gänzlich anderes Sozialsystem als Deutsche haben, leben eher nach dem Motto „Machen!“. Der amerikanische Weg der persönlichen und wirtschaftlichen Entwicklung unterscheidet sich vom organisierten Leben mitten in Europa. Trotz einer hohen Toleranz bei sozialen Unterschieden – toll, der hat es geschafft – war auch bei den Amerikanern vor Kurzem Schluss mit lustig. Banker frönten dem Zins, verjubelten Millionen und Milliarden. Das brachte immer mehr Menschen auf die Straße: Occupy Wallstreet! Mit diesem Schlachtruf ging es gegen selbstgefällige, scheinbar unantastbare Manager und Geldhäuser. Ein Funke, der schnell auch auf Europa übersprang. Auch in Hamburg demonstrierten aufgebrachte Bürger gegen die Allmacht der Banken und ihrer Führungskräfte. Eine Diskussion ist im Gang, die vor wenigen Monaten so noch nicht denkbar war.
Der 16. Hamburger Börsentag
In der ehrwürdigen Hamburger Handelskammer trafen sich wieder einmal Handelshäuser, Banken und Anlage-Experten: Hochglanz, Messeflair, Nadelstreifen. Draußen die Demonstranten, die mit Schaden aus einer Anlage herausgegangen sind, mit schlechter Beratung, Lehman-Opfer. Doch dies ficht die Vertreter der Finanzwelt nicht an. Es wird angeboten, gelobt, gezockt, als gäbe es keine Finanzkrise und kein Griechenland. Im Saal eine Welt in dieser Welt. Zwischen Graphen und Zahlenreihen lebt es sich gut, ist das nötige Kleingeld und das Wissen um Put und Call reichlich vorhanden. Doch gearbeitet wird mit einem nichtdinglichen Wert. Geld ist digital, maximal ein Stück bedrucktes Papier. Der „Wert“ entsteht durch Spekulation auf steigende oder fallende Kurse, Zinsen, Optionen.
Hamburger Regionalwährung: Der Hummel
Eine kleine Schar versucht, eine andere Antwort auf brennende Themen dieser Tage zu geben. Mit der ersten Sitzung des Vorstandes von „Der Hummel e.V.“ beginnt am 05.11.11 ein neues Zeitalter für die Metropolregion Hamburg. Der Hummel ist die Regionalwährung, mit der Verbraucher regional einkaufen und Unternehmen und Dienstleister regional verkaufen können. Die Reichweite des neuen Geldes ist geografisch begrenzt. Der Vorteil: Es kann nicht abwandern. Der Kreislauf ist geschlossen. Eine Anlage lohnt sich nicht, da dieses Regio-Geld mit der Zeit an Wert verliert. Doch ist es mehr, als nur Zahlungsmittel. Ein kleiner Teil des getätigten Umsatzes wird gemeinnützigen Zwecken zur Verfügung gestellt. Der Wert des Geldes findet eine reale Umsetzung, da wo es gebraucht wird. Der Verbraucher unterstützt damit seinen Verein, seinen Kindergarten oder eine Organisation. Unternehmen signalisieren: Wir sind aus der Region, bieten hier an und kaufen hier unsere Waren ein. Eine Stärkung der regionalen Wirtschaft und Lieferanten. Dieses Geld gibt es als digitales via EC-Karte und natürlich auch in einer Papierform. Vorn ist der Wert aufgedruckt, auf der Rückseite können Unternehmen werben. Weitere Informationen erhalten Sie hier.
Der selbstbewusste Bürger
In der Politik spielt sich völlig neues ab. Parteien zersplittern, Wähler wandern, neue Gruppierungen entstehen. Interessen des Volkes nimmt das Volk nun in die eigenen Hände, den „denen da oben“ traut so recht keiner mehr über den Weg. Kein Wunder, dass Piraten von sich reden machen. Ein neues Selbstbewusstsein wird auch durch die neuen Medien gefördert. Die Organisation von Menschen per Internet, die Artikulation der eigenen Meinung geht rasant und direkt. Occupy ist Ausdruck des Unmutes vieler Bürger. Und es ist ein Signal an Politik und Wirtschaft: Wir lassen uns nicht länger für doof erklären. Achtung, denkender Bürger! Und wenn es gelingt, auch eine nachhaltige Wirtschaft, ein regionales, vor dem Crash sicheres Geldsystem zu etablieren, können sich Lehman und Co. warm anziehen.
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Geschrieben in Weltwirtschaft, Wirtschaft (EU), Wirtschaft (D), Hamburg | Drucken | 1 Kommentar »