Archiv der Kategorie Bundespolitik

Die Rolle Deutschlands in einer sich wandelnden Weltwirtschaft

Im Forum Bundesbank der Niederlassung Hamburg stand der Jahresauftakt der Veranstaltungen am 16.01.2012 unter diesem Thema. Enormes Interesse durch die Hamburger bestätigte die Organisatoren in der Fortsetzung der erfolgreichen Reihe.

Am 01.01.2012 gab es ein Jubiläum: 10 Jahre Euro-Bargeld. (Einen Link dazu finden Sie hier.) Ganze 71500 Tonnen Euro-Münzen wurden seit dem in Umlauf gebracht. Die Menge der Banknoten stieg von damals 200 auf über 800 Milliarden Euro. Doch Geld ist nicht alles. Wo steht Deutschland heute im größten Wirtschaftsraum der Welt? Wohin geht die Reise des Euros? Antworten darauf gab ein profunder Kenner der Materie: Carl-Ludwig Thiele, seit Mai 2010 Mitglied des Vorstandes der Bundesbank und zuständig für die Bereiche Bargeld sowie Zahlungsverkehr und Abwicklungssysteme. In seinem Vortrag erlaubte er einen Blick in die Arbeit der Bundesbank und schilderte seine Sicht auf die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands und Europas.

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Lassen Sie sich nicht schlecht reden!

Deutschland stellt ein Prozent der Weltbevölkerung, ist jedoch viertstärkste Wirtschaft der Welt – und sie wächst weiter. Doch leider, so Thiele, „können wir uns über uns selbst gar nicht freuen“. Mehr Mut, optimistisch sein und eine bessere Selbstwahrnehmung fordert Thiele. Aus Kris(ch)en wird in Deutschland schnell eine langandauernde Rezession – so scheint es, betrachtet der interessierte Bürger die Medien. Das beklagt auch der Vorstand der Bundesbank. „Wir nehmen nicht wahr, wer wir sind und wofür wir stehen!“ Dazu kommt, dass Deutschland in der EU 27 (derzeitige Mitgliedsstaaten) im größten Wirtschaftsraum der Welt agiert. Bei allem Blick gen Osten in die aufstrebenden Wirtschaftsnationen, wie China als auch über den großen Teich zu den USA, wird die Kraft und Größe der EU 27 gern übersehen. Damit soll der Ernst der Lage nicht kleingeredet werden. Sicher gibt es europaweit politischen und wirtschaftlichen Handlungsbedarf. Doch mediales „bad news are good news“ dient dem nicht, so Thiele.

Forum Bundesbank Hamburg Carl-Ludwig Thiele Carl-Ludwig Thiele, Deutsche Bundesbank

Rückblick und Ausblick

Einbrüche im Wachstum der Wirtschaft haben stets unmittelbare Folgen. In 2009 schrumpfte das Wachstum um 5 Prozent, einzelne Branchen und Regionen erfuhren aber durch die Krise Einbrüche von bis zu 90 Prozent. Es sah zu dem Zeitpunkt nicht danach aus, dass Besserung in Sicht ist. Thiele dazu: „Auch ich kann keine Vorhersagen machen. Wir wissen am Anfang eines Jahres nicht, wie es sich entwickelt. Aus einem schlechten Start eine düstere Prognose zu erstellen, ist aber nicht richtig.“ Sein optimistischer Blick auf die Dinge lässt auch das Publikum aufmerksam zuhören. Das nunmehr vierte Jahr der Krise, ein stetig steigender Schuldenberg – da vergeht auch dem besten Optimisten das Lachen. Doch gibt es auch andere Zahlen. Innerhalb von 12 Monaten sank die Staatsverschuldung Deutschlands von über 83 auf 79 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Ein erneutes Wachstum trotz moderater Inflation lässt den Einbruch langsam hinter sich. Thieles Meinung dazu: „Es gibt ein Auseinanderdriften von Meinung und Lage!“ Eine Stimmung, die erzeugt und befeuert wird, kann sich zu einer selbstverstärkenden Abwärtsspirale entwickeln. Ein klarer Blick auf die realen Entwicklungen und Vergleiche mit anderen Wirtschaftsräumen / -nationen spricht für seine positive Sicht.

Euro-Schein Quelle: Deutsche Bundesbank

Guter Euro – Schlechter Euro?

Der Euro ist inzwischen zu einer Welt-Reservewährung geworden. In unsicheren Zeiten flüchten Anleger nicht nur in Gold oder Immobilien. Mit den USA und ihrem Dollar halten die Europäer zusammen 90 Prozent der Reserve bei Anlegern. Erst danach kommen abgeschlagen Pfund und Yen. Zu seinem zehnten Geburtstag (als Bargeld) ist der Euro preisstabil und interessant für Anleger. Doch an einer gedeihlichen Entwicklung sind noch mehr Faktoren beteiligt. Banken, so Thiele, brauchen umgehend eine höhere Kapitalisierung, um Ansteckungseffekte a la Lehman Brothers zu vermeiden. Für einen stabilen Euro bedarf es tragfähiger Staatshaushalte. Wenn Stabilitätspakte aufgeweicht oder von Sanktionen entbunden werden, sind die nutzlos. Disziplin, strikte Auflagen und automatische Strafen sind notwendig.

Besucher Forum Bundesbank Besucher Forum Bundesbank (alle Fotos: Tom Köhler, Hamburg)

Spannende Fragerunde

Zum Ende des Vortrages gab es für die zahlreichen Besucher die Möglichkeit, Antworten aus berufenem Mund zu bekommen. Fragen, die das überwiegend ältere Publikum bewegten: Was wird aus Griechenland? Ist eine Ausweitung des Rettungsfonds sinnvoll? Gibt es in zehn Jahren den Euro noch?  Carl-Ludwig Thiele war bei keiner Frage verlegen. Rettungsfonds kaufen nur Zeit, kein Vertrauen. Doch dieses, so Thiele, ist zwingend notwendig, um die Märkte zu beruhigen. Griechenland hat mit kreativer Buchführung seinen Beitritt zur Eurozone herbeigeführt. Die Griechen sehen es natürlich anders. Doch ihre Politik und das Steuerwesen haben zum Dilemma geführt. Eine Schuldenbremse gab es nicht. Einzige Exportgüter, so scheint es, sind Oliven und Tourismus. Ein Schuldenschnitt wird kommen, ob er das Land damit weiter im Euro hält, ist fraglich. Natürlich wird es den Euro in zehn Jahren noch geben. Eine negative Antwort wäre nach diesem Vortrag auch nicht von Thiele zu erwarten gewesen. Die Aufgaben der Bundesbank als Hüterin der Währung vertritt er in seinem Ressort ebenfalls. Sein Credo: Solidität geht vor Solidarität. Es bleibt also interessant im Forum Bundesbank Hamburg. Die nächste Veranstaltung ist am 12.03.2012 zum Thema der Stabilität des europäischen Finanzsystems.

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Für 6,60 Euro brutto Dienstleister in ganz Deutschland

Hamburg: Hochmobile Arbeitnehmer als bundesweite „Springer“ - Ein Blick in die Arbeitswelt von Menschen, die keinem Roman entsprungen ist, sondern bittere Realität.

Totale Mobilität
An der Supermarktkasse sitzt ein junger Mann. Es ist schon vorgerückter Abend, doch die Kunden sind noch zahlreich. Flink bedient er den Scanner, tippt Preise ein, gibt das Restgeld heraus. Nach Dienstschluss räumt er noch bis weit nach Mitternacht die Regale ein, stapelt Ware auf Paletten.
Ich treffe ihn am Wochenende wieder, um mehr von seiner Arbeit zu erfahren. Ob er den Rest der Woche noch in diesem Supermarkt arbeitet, frage ich ihn. „Ich weiß es nicht, es kann sein, dass wir zum Wochenende schon wieder weg sind.“ Es ist ungewiss. Nicht, weil ihm gekündigt wird. Er ist einer der vielen “mobilen” Arbeitnehmer in Deutschland. Mit seinen Kollegen arbeitet er für eine Firma, die bundesweit Ersatz stellt für ausgefallenes Personal oder Spitzenzeiten. Inzwischen sind sie sicher auch in vielen Betrieben, für die es billiger ist, Aushilfskräfte statt regulärer Arbeitnehmer zu buchen.

Einmal quer durch die Republik
Der Ruf der Politiker nach “mobilen” Arbeitskräften treibt immer neue Blüten. Nicht nur, dass den Menschen immer längere Anfahrtszeiten zum Arbeitsplatz zugemutet werden. Die “Flexibilität” treibt den jungen Mann auch quer durch die Republik. „Eine Woche im tiefen Süden, am Wochenende Ortswechsel mit dem Zug.“ so der Mann, und weiter „Oft fahre ich auch mit dem privatem PKW.  Mal nach Mitteldeutschland, die Woche darauf mal eben an die Nordseeküste.“ Die Unterbringung bucht die Firma vor Ort. Nicht immer gelingt die Bezahlung im Voraus. Da müssen schon mal die Arbeitnehmer in Vorkasse treten. Das ist die Realität der Arbeitnehmerüberlassung. Dieser Mann hat Familie, Kinder. „Ich sehe sie manchmal wochenlang nicht. Das letzte Mal zu Weihnachten. Über Sylvester waren wir schon wieder unterwegs.“ Die Telefonkosten für den Familienkontakt sind dem entsprechend hoch. Als Tüpfelchen auf dem i bucht der Supermarkt die Billigkräfte auch als Ansprechpartner in der Nacht, wenn die Alarmanlage ausgelöst wird. Dann springen die jungen Menschen in ihren privaten PKW, eilen zum Supermarkt. „Letzte Nacht war es nur ein Fenster, was nicht geschlossen war. Der Wind drückte es auf und löste den Alarm aus“ so der Mann. Er ist nicht gerade ein Ausbund an Stärke und Größe. Was ist im Ernstfall? Es könnte auch schlimmer kommen.

Politik deformiert Arbeitsmarkt
Derzeit verdient der Mann 6,60 Euro brutto. Für die Nacht bekommt er 15 Euro Aufwandsentschädigung. „Es gibt,“ so der Mann, „Kollegen, die für noch weniger Stundenlohn arbeiten.“ Totale Mobilität, totale Austauschbarkeit von Arbeitnehmern, totale Flexibilität - diese Prämissen werden von den Unternehmen gelebt und von der Politik geduldet, sogar gefördert. Es sind die Anfänge einer strukturellen Zerstörung des Arbeitsmarktes. Es ist die Lebensart, die wir vom großen Bruder hinterm großen Teich übernehmen, ohne nennenswerten Widerstand. Auf dem Arbeitsmarkt grassiert eine gnadenlose Abwärtsspirale. Trotz der totalen Mobilität und der totalen Flexibilität dieser jungen Menschen haben sie keine Sicherheit. Schriftliche Arbeitsverträge gibt es erst nach massiven Interventionen. Die Verträge werden genau so schnell gekündigt, wie sie abgeschlossen werden. Dann steht der Gang zum Arbeitsamt bevor. Bis, vielleicht, wieder ein Anruf kommt: “Morgen bitte in … sein!”

Aufstieg für ein paar Euro
Er hat die Zeit im Sommer genossen, bei seinen Kindern zu sein, sie wachsen zu sehen. Doch das fehlende Geld machte sich schnell in der Haushaltskasse bemerkbar. Seine Frau war dem Stress nicht gewachsen. Ihr Mann nie da, sie keine Arbeit, zwei Kinder brauchten Rundum-Versorgung. Sie musste Ihre Eltern und die Schwiegereltern um Hilfe bitten.
Wie lange er das noch machen möchte, frage ich den Mann. Er lächelt mich an. „Es geht erst mal immer so weiter. Vielleicht steige ich wieder zum Gruppenleiter auf.“ Dann übernimmt er Personalaufgaben, reist mit dem Firmenwagen, Diensthandy und -laptop von Supermarkt zu Supermarkt. Die Dienstpläne müssen gemacht und kontrolliert werden, er stellt Personal ein und schmeißt es wieder raus. Für ein paar Euro mehr macht er die Arbeit vor Ort, schreibt Abrechnungen. Er organisiert die Besetzung der Kassen und weist die Hilfskräfte ein, die Regale saubermachen und einräumen. Bei Letzteren wird nach Paletten abgerechnet, nicht nach Arbeitszeit. Dass die Qualität darunter leidet, ist anzunehmen.

Konkurrenz auf niedrigstem Niveau
Der Mann sprach sogar von Konkurrenzkampf unter solchen Firmen. “Wir haben einen Markt verloren,“ sagt er „weil es eine Firma gibt, die Regale für noch weniger Geld einräumen lässt.“ Da landen dann die Lebensmittel kurz vor Ablaufdatum unter dem frischen Nachschub. „So hätten die alten Sachen eine Chance“ sagt er grinsend, „auch wirklich zu vergammeln“. Er und seine Kollegen leben zeitverschoben. Wenn wir aufstehen, gehen sie ins Bett. Sie waren in der Nacht auf Achse, haben die Einkaufsparadiese wieder auf Vordermann gebracht. Wir vereinbaren, uns wieder einmal zu treffen. Ich möchte noch mehr aus seinem Leben und aus der modernen Arbeitswelt erfahren. Doch erstmal muss er los, sein Job beginnt in einer Stunde. Er muss Geld verdienen für sich und seine Familie, die viele Hundert Kilometer entfernt wohnt.

Der Name ist dem Autor bekannt, werden aber zum Schutz des Arbeitnehmers nicht genannt.

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Vermögen ist mehr als nur Geld – was motiviert Menschen, zu geben?

Eine Veranstaltung der Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik im Business Club Hamburg. Philanthropisches Handeln entsteht nicht von allein. Was bewegt Menschen und Mäzene dazu? Ist Vermögen auch Zeit, Wissen, Engagement? Spannende Fragen und interessante Gäste auf dem Podium.

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7 Thesen für eine neue Vermögenskultur

Zu Beginn führte Dr. Knut Bergmann in das Thema ein. Als Fellow der Stiftung Neue Verantwortung trug er sieben Thesen für eine neue Vermögenskultur vor. Die haben es in sich. Reich sind nicht nur die anderen. Reich ist jeder Mensch, nicht immer im materiellen Sinne. Wissen, Zeit und Engagement können in der Gesellschaft ebenso wirken und ein lebendiger Beitrag zum Gemeinwohl sein. Die Vermögenskultur braucht Vorbilder. Es ist notwendig, dass sich Menschen mit ihren guten Taten – und dem eingesetzten Geld - in das Licht der Öffentlichkeit stellen. Gerade das Hamburger Understatement gebietet Hilfe abseits der Medienöffentlichkeit. Es gehört zum „guten Ton“. Doch schlägt dieses Verhalten zurück auf die Menschen, die zum „guten Tun“ motiviert werden sollen. Wenn „die da oben“ nichts für „die da unten“ tun, warum soll ich mich dann engagieren? Bergmann: „Sozialstaatslastige Biografien sind keine Antreiber“. Sie fördern auch nicht die Schwarmintelligenz. Schwarm-Verantwortung muss erst wieder erlernt werden. Wozu soll ich geben, wenn Vater Staat alles regelt?

Diskussion Vermögenskultur Stiftung Wirtschaftsethik Hamburg Schmidt, Steinberg Boysen, Krämer, Bergmann

Denn sie wissen, was sie tun

Eine Runde auf dem Podium, die symptomatisch für ein neues Denken in der Gesellschaft ist: Peter Krämer (Reeder und Großspender), Christian Steinberg (Stifter) und Dr. Wolf Schmidt (Anstifter). Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Jacqueline Boysen. Vermögen ist mehr als Geld, wie sehen die guten Werte aus? Krämer: „Ist Staates Kasse leer, privates Engagement muss her.“ Doch so einfach ist es nicht. Die private oder privatwirtschaftliche Hilfe darf kein Ersatz für Staatsaufgaben sein. Er darf sich nicht aus der Verantwortung drücken, sobald sich Mäzene und Großspender einem Problem annehmen. „Der Staat muss elementare Aufgaben wahrnehmen. Dafür sind Steuern da!“ und weiter „Die Spaltung geht so nicht mehr weiter! Die reichste Stadt Deutschlands hat die größte Kinderarmut.“ Krämer ist sauer. Steinberg sekundiert: „Vieles läuft nicht mehr so, wie es soll. Der große Umfang vieler Spenden wird nicht mehr honoriert.“ Doch sind die beiden Herren einer kleinen Gruppe zugehörig. Ihnen ermöglichte die Bundesrepublik einen wirtschaftlichen Aufstieg, der in seiner Größe auch große Spenden zulässt. Die Masse der Spenden sind aber kleine und Kleinstspenden. Und Geld allein macht auch nicht glücklich.

Euro-Schein Grafik: EZB

Wir brauchen eine neue Anerkennungskultur

Laut Krämer sind es in der Bundesrepublik ca. 23 Millionen Ehrenamtliche (über 14 Jahre), die sich in Sportvereinen, Hospizen oder der Feuerwehr engagieren. Eine gewaltige Zahl, gemessen an der Bevölkerungsgröße von etwas über 80 Millionen. Diese Menschen geben viel Lebenszeit, Kraft und auch Geld für gemeinnützige Zwecke. Ihr Wissen und Engagement ist ein geldwerter Teil der Hilfe in der Gesellschaft. Und die bedarf einer grundsätzlichen Anerkennungskultur. „Lasst uns ein rauschendes Fest feiern. Auf dem Rathausmarkt. Mit 30.000 Ehrenamtlichen!“ so Steinberg. Es ist tragisch, so Bergmann, „wie wenig verstanden wird, was es heißt, Gutes zu tun!“ Orden sind da nicht die erste Wahl. Und Treff(ch)en beim Bundespräsidenten einmal im Jahr auch nicht. Nochmals Steinberg: „Orden sind Mist!“ Man spürt, wie ihn der Unverstand der öffentlichen Hand ärgert. Helfen muss normal werden. Solange wir staunend davor stehen, ist es unnormal. Vielleicht kann Deutschland, traditionell mit den USA verbunden, auch auf diesem Gebiet etwas von den Menschen dort lernen. Sozialarbeit, Engagement in Vereinen und Kirchen, öffentliche Spenden von Unternehmen – alles selbstverständlich. Und leider auch dort nötig.

Plangesche Villa, Business Club Hamburg Plangesche Villa, Business Club Hamburg (alle Fotos: Tom Koehler, Hamburg)

Dankeschön und Hilflosigkeit

Das Unvermögen der Vermögenslosen nennt Schmidt die Situation, in der Menschen in ihrer momentanen Situation nicht bereit sind, ihren Teil für die Gesellschaft zu tun. Gern sieht er die Starre gewandelt in ein Vermögen der Unvermögenden. Sie können in kleinen und kleinsten Schritten helfen. Und wenn sie das tun, soll ihnen auch klar sein, dass der Dank dafür auch freiwillig ist. Hilfe ist kein Geschäft, keine Rechnung, die man aufmachen kann. Wenn die Gesellschaft aber erkennt, was ihr an Werten entgegengebracht wird, wird sie sehr freiwillig dafür danken. Und dann weckt dies auch in den Menschen, die noch nicht so aktiv sind, den Wunsch nach Selbstwirksamkeit. Ihre Tat, ihr Engagement bewirkt etwas und sie sehen oder spüren es fast ohne Zeitverzug. Eine sehr direkte Art des Dankes. Ob es ein Händedruck ist, glänzende Kinderaugen oder eine lachende Seniorengruppe – der Dank ist vielfältig. Das Wissen über diesen Mechanismus macht Macht in den Köpfen derer, die über die gute Tat berichten. Und bei denen, die über die über die ökonomischen Mittel verfügen. Dann geht es nicht mehr um ein Foto mit dem Bundespräsidenten, sondern um eine ganze Gesellschaft, die verstanden hat, reagiert und sich in ihrer Gesamtheit für den Nachbarn, den Bedürftigen, den Benachteiligten engagiert. Bis das die Politik endlich verstanden hat, braucht es noch die Krämers und Steinbergs in der Bundesrepublik.

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Schuldenbremse in Deutschland: Staatsfinanzen unter Kontrolle?

In der Hamburger Niederlassung der Deutschen Bundesbank fand am 05.12.11 die letzte Veranstaltung des Jahres statt. Das Thema sorgte für reichlichen Zulauf interessierter Hamburger. Die hielten der Reihe „Forum Bundesbank“ über Monate die Treue. Sehr zufrieden waren damit Organisatoren und Referenten. Der Erfolg: Die Reihe wird 2012 fortgesetzt.

Altes Geld? Eine Frage des Geldes

Deutschland – eine Insel der Seligen?

Dr. Jürgen Hamker, in der Zentrale der Bundesbank im Bereich Volkswirtschaft zuständig für den Bereich „Öffentliche Verschuldung“ benutzte das Sinnbild. Doch mit der Seligkeit wird es bald vorbei sein. „Die Schuldenlast ist für Deutschland auf Dauer nicht mehr tragbar!“, so Hamker. Das weiß inzwischen auch der gepflegte Stammtisch. Doch mit welchen Mitteln soll der ausufernden Verschuldung begegnet werden? Wie viel ist denn noch drin im Staatssäckel für Eurohilfen, Rettungsschirme und Co.? Im Monatsbericht Oktober der Bundesbank wird ausführlich dazu Stellung genommen. Laden Sie ihn hier herunter.
Vorbelastungen sorgen für Verunsicherung. Denn nicht nur das Vertrauen in die Kapitalmärkte sinkt, sondern auch in die Leistungsfähigkeit des Staates. Belastungen der Sozialsysteme ziehen Leistungskürzungen nach sich. Doch ohne den Bürger, so Hamker, sind Maßnahmen zu Konsolidierung des Haushaltes nicht zu machen. Diese müssen Entscheidungen dazu voll unterstützen. Anders geht es aus, wenn dem Staat die Referenz entzogen wird. Bestes Beispiel Griechenland. Dort gingen die mehr als verunsicherten Bürger des Landes zuhauf auf die Straße. Ein Generalstreik jagte den Nächsten.

Was tun?

Die Möglichkeiten der Begrenzung ausufernder Verschuldung wären Zinsaufschläge oder ein Vertrauen auf den Marktmechanismus. Leider greifen diese Maßnahmen mit starker zeitlicher Verzögerung. Besser, so Hamker, ist ein frühzeitiges Erkennen UND Handeln. Diese Kritik richtete sich auch direkt an die griechischen Kollegen. Bisherige Regeln haben stets einen geringen Abschreckungsgrad gehabt. Geplante Verschärfungen wurden unterbunden. Defizite wurden „gestaltet“ (Griechenland). Zahlreiche Ausnahmeregeln sorgten für Schlupflöcher und Hintertüren.
Deutsche Politiker arbeiteten mehrere Jahre an einer Bremse für die weitere Verschuldung. Also die neue Aufnahme weiterer Kredite über die derzeitig schon Laufenden hinaus. In Artikel 109 des Grundgesetzes schrieben sie den Plan zur Konsolidierung fest. Der Einstieg erfolgte mit dem Haushalt 2011. Voll greifen soll die Schuldenbremse mit dem Haushalt 2016. Doch in den fünf Jahren fließt viel Wasser die Elbe hinab. Bei derzeitigen Turbulenzen auf dem Finanzmarkt und dem tiefgreifenden Wandel der Weltwirtschaft ist eine Vorausschau schwer. Allein die Belastungen durch Euro-Rettungsschirm und Bankenrettung führten schon zu einer Schieflage des Haushaltes.
Dr. Hamker, Deutsche Bundesbank Dr. Hamker, Deutsche Bundesbank


Realität bestätigt Planungen

Zeitgleich mit dem Vortrag in Hamburg trafen sich auf dem deutsch-französischen Gipfel Bundeskanzlerin Merkel und Staatschef Sarkozi. Mit ihren Forderungen nach automatischen Sanktionen und einer Schuldenbremse für alle (europäischen Staaten) bestätigten sie die grundsätzlichen Überlegungen der Bundesbank. Die Ratingagentur Standard&Poors kündigte an, nicht nur Deutschland, sondern alle weiteren (noch gut bewerteten) Euroländer eine weniger gute Aussicht zu bescheinigen. Eine Herabstufung in voller Absicht, und nicht aus Versehen (wie mit Frankreich geschehen). Die Aufgaben für alle Staaten sind die gleichen. Ohne einen Stop der weiteren Staatsverschuldung wird der Markt seine Wirkung entfalten. Über Zinsen für Kredite. Und das bekommt auf Dauer auch der deutschen Wirtschaft nicht.

Staatsverschuldung Deutschland Staatsverschuldung Deutschland (Alle Fotos: Tom Köhler, Hamburg)

Bleiben Sie neugierig!

Am 16.01.2012 ist der Auftakt des „Forum Bundesbank“ im zweiten Jahr der Veranstaltungsreihe. Das Thema wird sicherlich wieder für regen Zuspruch durch interessierte Hamburger und Gäste sorgen: Die Rolle Deutschlands in einer sich wandelnden Weltwirtschaft. Spannende Themen, von kundigen Referenten aufbereitet, werden die Besucher in eine sonst verschlossene Welt der Wirtschaft führen.

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ISO 26000 - eine Norm für gutes Handeln?

Zehn Jahre Entwicklungszeit, 99 Mitgliedsländer der ISO, dabei 69 Entwicklungs- und Schwellenländer: Ergebnis ist ein Leitfaden für Unternehmen, Verbände, Organisationen und Behörden, um der sozialen und ökologischen Verantwortung gerecht zu werden.

In Fortsetzung einer Reihe zu Corporate Social Responsibility (CSR) lud die Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik am 29.09.11 ein, um mit Experten über eine ISO-Norm zu sprechen, deren Umsetzung die Welt verbessern kann. Ein guter Ansatz steht dem harten Denken vieler Unternehmen entgegen, deren Augenmerk auf günstigem Einkauf, niedrigen Löhnen und sattem Gewinn liegt. Kann es eine Norm für „gutes“ Handeln geben? Braucht es einer Zertifizierung, wenn Standards eingehalten werden sollen, die Voraussetzung für ein nachhaltiges Wirtschaften sind?

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Was ist die ISO 26000 und wo wirkt sie?

Sieben Prinzipien der sozialen Verantwortung gründen die Norm:
+ Rechenschaftspflicht,
+ Transparenz
+ Ethisches Verhalten
+ Die Beachtung der Bedürfnisse der Interessengruppen
+ Respekt für die Rechtsstaatlichkeit
+ Die Achtung der internationalen Normen des Verhaltens
+ Die Achtung der Menschenrechte
Ein glaubhaftes, transparentes Wirtschaften und Handeln gilt in allen Bereichen. In Prinzipien der Unternehmensführung, den Menschenrechten und Arbeitspraktiken, der Umwelt, den fairen Handlungsweisen, in Verbraucherfragen und in der Beteiligung an der Gemeinschaft und ihrer Weiterentwicklung.

stiftung wirtschaftsethik hamburg ISO 26000 auditorium Großes Interesse an der Veranstaltung der Stiftung

Westliche Ideen und weltweite Reaktion

Eine Idee aus dem Jahr 2001 fand in einer umfangreichen Norm ihren Platz, nach dem sich unzählige Treffen und Verhandlungen der Beteiligten über Jahre hinzogen. Trotz der hohen Zahl von Entwicklungs- und Schwellenländern waren, so Dr. Andrea Fluthwedel vom Deutschen Institut für Normung e.V., westliche Gruppen in der Überzahl. Nationale Regelungen machen in einer globalisierten Welt keinen Sinn. Verschiedene Sichtweisen mussten in Einklang gebracht werden. Diverse Kulturkreise zogen nach sich, dass ein Schriftstück entstand, in dem sich jeder wiederfindet. Drastischer drückte es Judith Vitt vom Bundesverband der Verbraucherzentralen aus: „Es schwurbelt sehr! Man muss zwischen den Zeilen lesen.“ Verwunderlich ist es nicht, sorgt doch eine weltweit anwendbare Norm für einen Kulturkampf der modernen Art. Probleme, die westliche Wohlstandsnationen haben, liegen weit entfernt von den bedrückenden Umständen, unter denen Tagelöhner für internationale Konzerne in Drittweltstaaten schuften. Inder und Chinesen waren gegen die Norm. Einmal, weil eine Zertifizierbarkeit für Unternehmen nicht gegeben ist. Damit entsteht kein Druck zur Anwendung. Zum Anderen, weil das indische Kastenwesen den (westlich geprägten) Gedanken der Norm nicht aufnehmen will. Die Norm bedingt einen Aufbruch des jahrhundertealten Staats- und Gesellschaftssystems.

stiftung wirtschaftsethik hamburg ISO 26000 experten Dr. Fluthwedel, Schollmeyer, Vitt und Moderator Ramthun

Es hätte viel schlimmer kommen können!

Das sagt Oliver Schollmeyer vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). „Corporate Social Responsibility wird schon praktiziert. Derzeit ist nichts geplant, da diese Norm nicht zertifizierbar ist“, so Schollmeyer. In einer (über)regulierten Welt sieht er keinen Bedarf, eine freiwillige Normierung umzusetzen. „Nur Zertifizierung baut Druck beim Lieferanten auf.“. In Judith Vitt hat er den Gegenpart des Abends gefunden. „Es geht nicht nur um den Produktbezug. Es geht um Vertrauen der Verbraucher in Produkte, in die Wirtschaft.“ Aus diesem Leitfaden soll etwas entstehen, was der CSR und dem Social Business zur Seite steht. Alle Bereiche der Gesellschaft sind von der ISO 26000 betroffen: Organisationen im öffentlichen oder gemeinnützigen Sektor, Unternehmen, Behörden, Verbände und Vereine. Schollmeyer: „ Es wird immer gesagt, das für den Verbraucher zu tun. Der denkt doch nur: Geiz ist geil! Er ist desinteressiert.“ Doch der Wirkungsradius der Norm ist umfassender. Ein gutes Beispiel ist die vermehrte Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs)
Aus erbitterten Gegnern sind teilweise Partner geworden, die gemeinsam für ihre Interessen arbeiten.

Die Aussichten

Und Normer normen nicht für sich selbst, so Dr. Fluthwedel. Inzwischen haben die ISO-Mitarbeiter Kontakt mit Firmen, die auf eine zertifizierbare Norm drängen. Das Interesse ist groß. Neben dem Auf und Ab des Marktes haben auch gesellschaftliche Verwerfungen ihre Spuren in den Köpfen vieler Menschen hinterlassen. Ein „Weiter so!“ funktioniert nicht mehr. Endloses Wachstum ist eine Illusion. Wenn alle Gruppen der Gesellschaft eine Regelung finden, nachhaltiger, transparenter und ethischer miteinander umzugehen, dann ist die ISO 26000 ein Erfolg. Dass zwischen beschriebenem Papier und der Umsetzung oft Zeit vergeht, ist bekannt. Doch allein die weltweite Diskussion zu einem anderen, besseren Miteinander ist ein Zeichen, wie drängend die Probleme und wie groß das Interesse an den Lösungen ist.

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Kooperationen zwischen NGOs und Unternehmen

Unter dem Titel “Unternehmensverantwortung kontrovers - Spannungsfelder von Corporate Social Responsibility” der Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik trafen sich am 28.06.2011 Experten von NGOs und Unternehmen zum zweiten Teil der Reihe in der Handelskammer Hamburg.

Ist es eine neue Harmonie zwischen den Organisationen und Unternehmen oder ein Zweckbündnis mit dem “Feind”? Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie der NABU, der WWF oder OXFAM gehen auf die Unternehmen zu. Sie bilden Partnerschaften, die beiden Seiten dienen. Die NGOs bekommen Mittel in nicht unerheblicher Höhe, die Unternehmen haben ein Marketinginstrument zusätzlich.

Geliebter Feind

E Plus und der Naturschutzbund NABU starten einen grünen Telefontarif. Kraft Foods und Rainforest Alliance arbeitet zusammen, um etwas für die Erhaltung der Regenwälder zu tun. Zwei Beispiele, die auf den ersten Blick eine neue Harmonie signalisieren. In den Köpfen der Menschen sind noch die Bilder von großen Aktionen der NGOs gegen Unternehmen. Brent Spar sei hier genannt - Greenpeace vs. Shell. Hat sich aus dem Gegner ein Partner entwickelt? Dr. Franziska Humbert, OXFAM Deutschland: “Wir geben Know-how in die Kooperation, helfen den Unternehmen, neue Partner für Rohstoffe und Produktion zu finden. Aber wir machen auch konfrontative Kampagnen, um Aufmerksamkeit zu erzielen.” Wie gefährlich oder sinnstiftend sind diese Kooperationen? Betreiben Unternehmen damit “Greenwashing” und NGOs nur Mittelakquise? Dies macht den Spannungsbogen deutlich, in dem sich die beiden Partner / Gegner befinden.

 Handelskammer Hamburg Handelskammer Hamburg (alle Fotos: Tom Koehler, Hamburg)

Schönen Schein erkauft?

Eine Zusammenarbeit ist sicher auch Fundraising. Für manche NGOs ist das der Treiber. Wird das Gelingen einer Partnerschaft auf die finanzielle Basis reduziert, ist die Unabhängigkeit infrage gestellt. Kooperation ist nicht immer Harmonie. Das sieht auch Nicola Oppermann von Kraft Foods Deutschland so: “Wir müssen das Geschäft sichern. Greenwashing gewährleistet doch nicht, weiterhin verlässlich Produkte herzustellen”. In der Zusammenarbeit entstehen auch Einblicke in die Welt des Anderen. Die Ortskenntnis von NGOs kann Unternehmen helfen, andere Einkaufs- und Produktionslinien zu finden. Und den Organisationen wird deutlich gemacht: Manche Prozesse sind externen Faktoren geschuldet. Der Einkauf bestimmter Waren ist nur durch Kompromisse möglich. Nachhaltigkeit wird auch durch politische oder ökologische Katastrophen zunichtegemacht. Jeder lernt vom Anderen, und das kontinuierlich.

Dr. Franziska Humbert, Nicola Oppermann, Dr. Leonard Novy, Thomas Marschall

Dr. Franziska Humbert, Nicola Oppermann, Dr. Leonard Novy, Thomas Marschall

Ehrliches Engagement zählt

Wenn Medien Druck machen, weil NGOs in immer größerer Geschwindigkeit Missstände aufdecken, sind Unternehmen in der Pflicht. Es wird dann aber mehr reagiert, als agiert. Wichtiger ist es, ehrliches Engagement mit den vorhandenen Kapazitäten der beiden Seiten zu betreiben. Ressourcen und Wissen zu bündeln, statt gut gemeinten Aktionismus zu leben. Ein Beispiel führt Thomas Marschall an. “Die Konsequenz, Kinderarbeit abzuschaffen, ist auch, die Familien in noch größere Not zu stürzen.” Marschall ist für eine Beratungsagentur tätig, die zwischen den beiden Gruppen vermittelt, Projekte ermöglicht. Es sind sehr unbequeme Veränderungen, die in den Unternehmen Einzug halten, die sich der Corporate Social Responsibility verschreiben. Altes Denken und harte Strukturen müssen überwunden werden. Vertrauen und langfristige Transparenz muss hart erarbeitet werden - von beiden Seiten. Wichtig ist die Transparenz auch, weil transnationale Kooperationen eine übergeordnete Kontrolle erschweren. Eine Verlockung für beide Seiten.

Thomas Marschall: “Ich wünsche mir mehr Disharmonie! Mehr Ambition!” Ihm ist es schon fast Zuviel des netten Beieinanderseins. Eine sensibilisierte Öffentlichkeit mit dem mächtigen Werkzeug Internet in der Hand wird beide im Auge behalten: Unternehmen und NGOs, bei den guten Taten und bei den Missständen, die durch Verquickung entstehen können.

Den ersten Teil der Serie “Transparente Wertschöpfung - Corporate Social Responsibility” finden Sie hier.

Die nächste Veranstaltung findet am 29.09.2011 in der Schnittke Akademie Hamburg-Altona statt.

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Braucht die Meinungsfreiheit im Web 2.0 Grenzen?

Nachwuchsjournalisten, ein Blogger und ein Politiker diskutierten mit dem stellvertretenden Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung am 05.05.2011 in der Hamburger Körber-Stiftung ein Thema mit Ecken und Kanten.

Körber-Stiftung Fahnen (c) www.abendfarben.de

Stimme der Gesellschaft

Zwischen den jungen Journalisten des Printmagazins FREIHAFEN aus Hamburg und Wolfgang Kraft von der Süddeutschen gibt es außer dem Arbeitsplatz kaum Unterschiede. Alle arbeiten für ein Produkt, dessen Leser journalistische Qualität, Wahrheit und Klarheit verlangen. Doch artikuliert sich der Leser heute online, schnell und direkt. Seine Meinung kommt ungefiltert von Redakteuren an die Öffentlichkeit. Das findet auch Markus Beckedahl von www.netzpolizik.org gut. Er vertritt mit seinem tausendfach gelesenen Blog die Auffassung: “Die Zivilgesellschaft ist die fünfte Gewalt und hat das Recht auf Meinungsfreiheit”. Burkhardt Müller-Sönksen, medienpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, ist einer der Politiker, der selbst online aktiv ist. Er sieht einen Spagat zwischen Online-Verweigerung vieler Politiker und den negativen Möglichkeiten des Web 2.0. Für ihn ist Social Media die 5. Gewalt, mit guten und schlechten Seiten.

Ist das WWW seriös?

Beckedahl macht an einem Beispiel klar, wir virulent und direkt die fünfte Gewalt agiert. “Eine Petition gegen Kinderpornografie erreichte innerhalb von drei Tagen die geforderte Anzahl von 50.000 Stimmen. Andere Petitionen benötigen auf dem Offline-Weg Wochen dazu”. Doch ist es seriös, wenn ein Nutzer mit einem Klick seine Stimme für ein Projekt gibt? Dem spricht Müller-Sönksen das Wort. Eine digitale Oberflächlichkeit sieht er heranwachsen. Für ihn ist der schnelle Klick zwischendurch nicht repräsentativ. Als Beispiel führt auch Kraft an, dass in den Beiträgen der Leser im Online-Forum der SZ eher singuläre Meinungen stünden. “Eine Diskussion findet eher selten statt. Das Internet verleitet, schnell etwas hinzurotzen”. Und doch ist es heute keine Einbahnstraße in der Kommunikation mehr. Ein Rückkanal ermöglicht die direkte Reaktion von Menschen. “Früher”, so Beckedahl “haben die Menschen die Fernbedienung vollgequatscht!” Heute könne er via Smartphone oder Laptop umgehend reagieren.

Körber-Stiftung Hamburg (c) www.abendfarben.de Fotos Körber-Stiftung: Tom Koehler, Hamburg

Im Internet sind alle gleich

Es gibt keine Benachteiligung, es sei denn, der Nutzer macht selbst einen Fehler. Eine Meinungskonkurrenz ist also möglich, das reine Konsumieren war früher. Die regen Aktivitäten bei Großprojekten, wie Stuttgart 21, sind ein sehr gutes Beispiel für das partizipative Netz. Doch machen, so Müller-Sönksen, sich Kompetenzgrenzen bemerkbar. Es gibt beim Nutzungsverhalten eine Bildungskonkurrenz. Eine weitere Frage beschäftigte die Runde auf dem Podium. Ist das Netz transparent? Wenn alle die gleichen Rechte haben, so haben auch alle das Recht auf die gleichen Informationen. Klingt erst einmal gut, doch wo zieht wer die Grenzen? Ein demokratisiertes Herrschaftswissen (Beckedahl) versus diskursfreien Räumen, in denen Staatsgeheimnisse liegen. Ihm geht es darum, anders mit Informationen umzugehen. Besser wäre es, mehr Informationen öffentlich zu stellen. Am Beispiel der Stadt Kassel sei dies gut gelungen. Die veröffentliche den gesamten Haushaltsplan im Netz und die Bürger konnten Vorschläge zu
Einsparungen machen. Daraus wurden Empfehlungen an die Politik, die sich der Mehrheit der Bürger versichern konnte. Gelebtes Web 2.0, Partizipation und Öffentlichkeit lassen auch größere Projekte mit Volkes Stimme versehen.

Datenflut statt Wissenszuwachs

Nachteil dieser und anderer Projekte, wie OPEN DATA, ist die Menge der freigesetzten Daten. Die keiner liest, oder dafür sorgt, dass der Suchende in den Datenmengen ertrinkt. Und das wirklich Wichtige bleibt ungelesen. Eine überschaubare Datenmenge, wie die Diplomarbeit von Ex-Minister zu Guttenberg lässt sich behandeln. Doch wer hat Wikileaks gelesen? Ein Gesetz zur Informationsfreiheit gibt es, dessen Umsetzung in der Praxis ist laut Beckedahl alles andere als leicht. Bürokratische Hürden machen aus dem Gesetz mehr ein Problem als eine Lösung. Weitere Krux der Offenlegung: die Grenzziehung zwischen allgemein interessierenden und privaten Daten. Private Daten schützen und öffentliche nützen - klingt vernünftig, bedarf aber einer
Kontrollinstanz. Und wer kontrolliert die Kontrolleure?

Wenn Facebook mit dem Staate …

Was ist, wenn zur Abwehr von realen oder fiktiven Gefahren aus den privaten Räumen im Netz öffentliche werden? Arbeiten Social Networks mit staatlichen Autoritäten zusammen, kehrt sich der Gedanke des freien Web 2.0 in sein Gegenteil um. Kritische Stimme aus dem Kurznachrichtendienst Twitter dazu: “Wozu Volkszählung, schaut doch auf Facebook!” Auch Herrschende nutzen das Internet. Im schlechten Fall Diktatoren, die sich umfassend über Gegenbewegungen im Lande informieren, sie gar steuern. Hiesige Politiker sind, so Müller-Sönksen, noch deutlich im Zugzwang. Ihre Kommunikation 2.0 lässt oft zu wünschen übrig. Oder sie stellen Studenten ein, die der Öffentlichkeit eine aktive Online-Arbeit vorgaukeln. Entschließt sich der Regierungssprecher Seibert dazu, selbst zu twittern, verursacht das unter den Berliner Politik-Journalisten einen mittleren Tumult …

Pro und Contra

Die jungen Macher von FREIHAFEN sind selbst in ihrer Gruppe unterschiedlich eingestellt. Von Nutzern, Aussteigern und Nichtnutzern bei Facebook gab es Vertreter bei den sympathischen Jungjournalisten. Ihnen machen andere Dinge Sorgen. Sei es der Identitätsklau, bei dem Personen über Accounts und Bilder “gespiegelt” werden und unter falscher Flagge Unsinn - im schlimmsten Fall Unheil - angerichtet wird. Ein Rufmord, da haben sie recht, können aber auch in den Printmedien geschehen. Was also sind die Aufgaben der Zukunft? Junge Menschen brauchen Medienbildung. Und es braucht gut ausgebildete Ausbilder, die sich in der Komplexität des Netzes zuhause fühlen. Bildung ist der Zugang zu Informationen, zur Formung einer staatsbürgerlichen Meinung und zu gesellschaftlichem Engagement. Die Redakteure der kleinen Zeitung vom Elbufer geben mit ihrem Engagement ein wunderbares Beispiel, wie so etwas funktionieren kann.

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Journalismus nach der Krise - Aufbruch oder Ausverkauf?

 

Eine Rezension des gleichnamigen Buches aus der edition medienpraxis, Köln

 

Hamburg - Der Buchtitel irritiert, da die Krise des Journalismus noch nicht vorbei ist - doch der absolut lesenswerte Inhalt bietet Antworten auf die Frage. Noch nie gab es so rasante und vor allem tiefgreifende Umwälzungen im Sektor der sogenannten vierten Gewalt, von der nichts im Grundgesetz steht. Für viele ist es ein Fluch, für manche ist es ein Segen. Zwei junge Journalisten befragten Menschen, die als Verleger, Journalisten, Wissenschaftler und Chefredakteure mitten im Geschehen stehen. Anne Kunze und Felix Rohrbeck, in den 1980ern geboren, stehen am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn. Sie arbeiteten bei Zeitungen, Zeitschriften und im TV und nun befragten sie Experten in Form von Interviews. Ihre Gesprächspartner waren 22 intime Kenner der Materie: Medienwissenschaftler, wie Volker Lilienthal und Siegfried Weischenberg oder Chefredakteure, wie Kai Diekmann und Giovanni di Lorenzo und Vertreter der Medienarbeiter, wie Kai Schächtele und Michael Konken. So komplex das Thema ist, so spannend sind die Aussagen der Medienmacher und Medienarbeiter. In ihrer täglichen Arbeit sind sie Zeuge des Prozesses, der aus Zeitungen, Verlagen, Radio- und Fernsehsendern etwas Neues formt.

 

Wie geht es weiter

Ein Zwiespalt zieht sich durch das ganze Buch. Journalismus muss unabhängig sein und muss bezahlt werden. Doch je weniger Journalisten Beschäftigung bei Verlagen und Redaktionen finden, um so mehr drängen sie in den Markt der Public Relations (PR). Sie schreiben also für Unternehmen und Produkte, verlieren damit ihre Unabhängigkeit. Der notwendige Anspruch, sich als Journalist vor keinen Karren spannen zu lassen (Lilienthal), wird ökonomisch ausgehöhlt. Die Höhe von Druckauflagen sinkt, Leser suchen die digitale Weite, Anzeigen wandern ins Netz, Redaktionen werden dramatisch zusammengestrichen. Leidtragende sind die Journalisten, die Redakteure. Entweder haben sie das Glück, noch einen der raren festen Stellen ergattert zu haben, oder sie arbeiten als Freie auf einem Markt, der von ihresgleichen überschwemmt ist. Können Sie so noch unabhängige Arbeit leisten, intensive Recherche betreiben, Themen aufnehmen, die Ecken und Kanten haben?

 

Technischer Fortschritt und Monetarisierung

Ein weiterer Dissens herrscht zwischen der schnelllebigen Technisierung, den unglaublichen Möglichkeiten der Verbreitung und der momentanen Unmöglichkeit, damit Geld zu verdienen. Das bisherige Geschäftsmodell hat sich überholt. Die Technik treibt die Marke, der Leser kommuniziert auf Augenhöhe mit den Medien. Tilman Prüfer (Zeit, vormals FTD) sieht das entspannt: “Für eine Nachricht … ist es egal, auf welchem Medium sie gedruckt oder gesendet wird, wenn sie die Menschen begeistert und interessiert.” Qualität setzt sich durch, Leserinteressen werden bedient und das Medium bekommt so die Aufmerksamkeit, die es für sein Überleben braucht. Doch was tun, wen die Kassen knapp sind? Preiserhöhungen oder Finanzierung via Stiftung, gar Staatsknete? Der erste Vorschlag (drei Euro per Ausgabe, H. Prantl) macht z. B. aus einer Zeitung noch schneller ein elitäres Produkt mir noch kleinerer Leserzahl. Ein paar Geldreiche finanzieren das Geistreiche (auch Prantl) ist eine Möglichkeit, via Stiftung einem Blatt das Überleben zu sichern. Der letzte Vorschlag bringt sofort die Kritiker auf den Plan. Mit Geld des Staates, analog der Förderung von Museen und Theatern, den Pressebetrieb zu stützen, ist anrüchig. Gehören doch inzwischen nicht unerhebliche Teile parteinahen Unternehmen.

 

Zukunftsaussichten

Pressefreiheit ist da Brot der Demokratie, ein unverzichtbarer Bestandteil, um Machenschaften aus Politik und Wirtschaft aufzudecken. Ob es ein Bürgerreporter schafft, die Qualitätskriterien und beruflichen Standards einzuhalten, ist fraglich. Also sind die hauptamtlichen, in Berufsverbänden organisierten Journalisten und Journalistinnen gefragt. Denn es geht um den Fortbestand des Berufes, die Wertigkeit von Informationen und die Erfüllung journalistischer Standards. Dem sprechen auch viele der Befragten das Wort. Prüfer dazu: “Qualität ist das, was die Leser bewegt. Durch noch mehr Regeln ist der Journalismus nicht zu retten. Nur durch Bewegung.” Es ist eigentlich ein alter Hut: Gute Geschichten erzählen, sich für das Thema wirklich interessieren, Begeisterung zu formulieren. Nun muss dieser alte Hut auf einen neuen Kopf, der bereit ist für eine neue Zeit. Die Wege zum Leser, Seher oder Hörer sind anders geworden. Professor Wolfgang Donsbach dazu: “Die Zeitung … war eine Instanz, in der kluge Leute kluge Dinge über Politik, Wirtschaft und Kultur schrieben.” In der Vergangenheitsform zu schreiben, ist drastisch, doch nicht ohne Grund. Er sieht den Königsweg der Journalisten darin, sich den veränderten Rezeptionsgewohnheiten der Menschen anzupassen. Wenn heute Artikel-Hopping (Florian Rötzer) Stand der Dinge ist, lässt sich das nicht ändern. Eine Differenzierung des Produkts ist nötig, wenn der Redakteur oder Reporter überleben will. Er muss sich zur Marke entwickeln, um wahrgenommen zu werden. Und immer noch hat der die Aufgabe der “händischen Aggregation” (Thierry Chervel) von Informationen wahrzunehmen. Dies ist ein explizites Berufsfeld der Journalisten, gerade in Zeiten des Überangebotes von Informationen. Die Herausforderungen unserer Zeit bedarf nicht weniger, sondern mehr guter Journalisten, so Prantl. Ein Journalist braucht eine Haltung, eine Meinung und Rückgrat. Ihn müssen Neugier und das Empfinden für Gerechtigkeit bewegen, so Hans-Jürgen Börner und weiter “Die Menschen werden nur dann bezahlen, wenn die journalistischen Produkte wieder aggressiver, polarisierender, und unverwechselbarer werden. In einem weiteren Absinken der Qualität lauert der Tod. Man kann auch im Seichten ertrinken.”

 

Das Buch

Es ist nicht nur ein Buch für die Beteiligten, also die Medienmacher und Journalisten, sondern auch für den interessierten Leser, der die Wandlung in diesem Sektor miterlebt und sich dafür interessiert. Und es ist auf jeden Fall lesenswert für alle jungen Menschen, die ernsthaft erwägen, den interessanten Beruf des Journalisten zu ergreifen. Sie können und müssen in den Antworten der Befragten ihre Entscheidung reflektieren. Geschrieben sind die 230 Seiten von Kunze und Rohrbeck erfrischend und vermitteln einen guten Einblick in das Innenleben einer Branche im Umbruch. Zu den interviewten Personen gibt es einige Informationen am Ende der Abschnitte. Zur Illustration dienen Zeichnungen der interviewten Personen von Emanuel Alaniz und Alesar Mustar. Das Buch aus der edition medienpraxis wurde durch die Hamburger Stiftung Wertevolle Zukunft gefördert und erschien 2010 im Kölner Halem-Verlag.

*alle Zitate sind dem Buch entnommen

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Die Ohnmacht des Patienten - Machen Ärzte nur Kasse?

Hamburg - Götter in Weiß, Kranke ohne Wissen, Apparatemedizin, Fortschrittsglaube - es gibt reichlich Schlagwörter zum Thema. Und jeder hat seine Erfahrungen mit dem Aufenthalt im Krankenhaus, der ärztlichen Versorgung. Interessant wird es, wenn zwei ausgewiesene Experten und Insider sich des spannenden Themas annehmen.

Wettstreit der Argumente

In der Agentur Groothuis, Lohfert, Consorten in Hamburg-Altona trafen sich am 01.12.2010 Dr. Christoph Lohfert und Prof. Heinz Lohmann, um zu debattieren. Lohfert kennt den Medizinbetrieb seit 40 Jahren, war Berater großer Krankenhäuser und Generalsekretär des Tumorzentrums Hamburg. Sein Gegenpart Lohmann ist Gesundheitsunternehmer und Berater, war zuletzt Vorstandssprecher des Landesbetriebes Krankenhäuser Hamburg. Die beiden grauhaarigen Herren auf dem Podium sind gut gelaunt und es fällt ihnen schwer, einen Dissens herzustellen. Doch ein Streitgespräch soll es sein und sie spielen sich geschickt rhetorische Bälle zu. Das Thema rief unzählige Gäste in die Gaußstraße, alle Stühle im Saal waren belegt.

Hartes Thema

“Weil du arm bist, musst du früher sterben - Der ohnmächtige Patient”, so der Titel des von Dr. Lohfert herausgegebenen Buches. Seine Thesen: “Es war noch nie so schlimm, wie heute! Wir haben die Medizin von übermorgen in einer Struktur von vorgestern. Eine gute Medizin gibt es nicht in einer schlechten Organisation.” Er muss es wissen, kennt er doch den Medizinbetrieb von innen. Seine Bestandsaufnahme ist zeitgleich mit der Debatte um die Gesundheitsreform auf dem Markt. Ein Kollege konterte schon mit dem Buch “Der ohnmächtige Arzt”. Lohfert wettert: “Wir haben die höchste Arztdichte in Europa, das Gesundheitswesen ist die größte Branche in Deutschland.” Ihm geht es nicht um Pauschalverurteilung, ihm ist an Konsolidierung des Vorhandenen gelegen. Die ständige Ausweitung, die Kostenexplosion und der Fortschrittsglaube machen das System ineffizient und undurchsichtig. “Wir haben einen abnehmenden Grenznutzen. Ein immer höherer Aufwand wird für einen immer geringeren Nutzen betrieben!” Der Patient, von der Medizin stets als Objekt und nun erst - langsam - als Subjekt betrachtet, ist diesem System hilflos ausgeliefert. Sein Leiden legt er in fremde Hände, ungewiss, ob es die richtigen Hände sind. Die Begrifflichkeiten der Ärzte klingen wie eine fremde Sprache, Übersetzungen werden ihm nur auf Nachfrage zuteil.

Struktur und Kostensenkung sind möglich

Professor Lohmann weiß wohl um Zahlen, Personal und Effizienz im Gesundheitsbetrieb. Seine Energie steckte er erfolgreich in die Sanierung des defizitären Landesbetriebes Krankenhäuser Hamburg, der 2004 zu Teilen an das Krankenhausunternehmen Asklepios Kliniken verkauft wurde. Die Effizienz und das Kostenbewusstsein haben längst Einzug gehalten, hält er Lohfert entgegen. Und so unmündig ist der Patient nun auch nicht mehr: “Man kann Patienten zumuten, sich vor einer elektiven (wählbaren) Behandlung vorher zu informieren. Was bei einer Notfallbehandlung nicht geht. Einen Autokauf plant der mündige Bürger monatelang, informiert sich umfassend über alle Vor- und Nachteile.” Doch aus seiner Arbeit als Gesundheitsunternehmer weiß er auch, dass System muss “durchforstet, durchlüftet und durchdacht werden”. Lohfert dazu: “Medizin und auch die Forschung neigen zur Gier. Sie weiten sich immer weiter aus, kosten immer mehr.”

 

Zu Nebenwirkungen fragen Sie …

 

Keine Leistung ohne Nebenwirkung, auch nicht im Unternehmen Krankenhaus. Das Häufige, Bewährte ist besser und ausgereifter, als die Spitze der Bewegung, das Hypermodernste. Auch das gilt es zu bedenken, entschließt sich der Patient von heute zu einer Behandlung. Dabei ist Bewährtes nicht mit Routine zu verwechseln.Und schon gar nicht sollte man Tabellen der Art “Die 100 besten Ärzte Deutschlands” glauben. Neben der Vorabinformation im Internet und der Community der Betroffenen empfiehlt Lohfert immer, eine zweite Meinung einzuholen. Der Patient muss aus der devoten Haltung und einer Art Vollkasko-Mentalität ausbrechen. Sein Leben und seine Gesundheit gehören auch in seine Hände. Einen Indikator für das neue Bewusstsein sehen die beiden Experten im Kostendenken der Patienten, welche eine Zusatzversicherung abgeschlossen haben. Denn wer selbst zahlt, schaut sehr genau hin, was er für sein Geld erhält - oder nicht erhält.

 

Ist Heilung in Sicht?

 

Gesundheitsunternehmen, Kassen und die Forschung müssen sich auf dem Prüfstand wiederfinden, sicherlich. Bei 18 Millionen stationären Krankenhaus-Patienten pro Jahr muss die Frage nach Effizienz und Struktur gestellt werden. Dass Forschung eine tragende Säule der Gesundheitsindustrie ist, steht außer Frage. Auch in dieser Branche will Deutschland auf dem Weltmarkt agieren. Doch müssen der Fortschritt, die neue Technologie und das aktuelle Medikament zu einem vertretbaren Preis, flächendeckend und qualitativ hochwertig zum Patienten gelangen. Kontinuität und Konsolidierung sind laut Dr. Lohfert die primären Ziele. Eine moderne Fehlerkultur muss Einzug halten, Kontrollmechanismen dürfen nicht versagen. Der Patient, so Lohmann, steht vor einer Kaskade von Informationen. Er schätzt den wirklich informierten Anteil der Menschen auf fünf Prozent. Dieser Anteil muss erhöht werden. Das Internet und die Patientencommunity hält er für einen schlechten Ratgeber. Aus seiner Sicht wäre die Schaffung einer neutralen Informationsstelle ähnlich der Stiftung Warentest ein probates Mittel gegen Unwissen und Informationsüberflutung.

Wir bitten technische Probleme zu entschuldigen. Der Bilder-Upload wird repariert. Ein Foto dazu finden Sie hier.

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Bürgermacht – Partizipation in Echtzeit

Am 24.11.2010 debattierten im Hamburger Körberforum drei Menschen, denen die Demokratie persönlich und aus wissenschaftlicher Sicht sehr am Herzen lag: der Schweizer und Abgeordnete des Nationalrates, Andreas Gross; der Demokratieforscher und Buchautor Roland Roth sowie Knut Bergmann, Vertreter der Stiftung Neue Verantwortung. Durch den Abend führte Melinda Crane von Deutsche Welle TV.

Deutsche Befindlichkeit

Lange fabulierten Experten über die Politikmüdigkeit, die stille Mehrheit der Wähler, die verdrossen über ihre Politiker lästerte und die Allmacht des Politikapparates. Nach Gorleben und Stuttgart ist das anders. Doch sind diese beiden Ereignisse nur der sichtbare Teil einer Entwicklung. Die Vernetzung der Interessengruppen geht rasant voran, die Kommunikation zwischen den Beteiligten verläuft inzwischen in Echtzeit via Web. Wer vormals allein auf weiter Flur ein regionales Problem erkannte und zu beseitigen versucht, ist sich dank moderner Technik der zügigen Unterstützung Anderer sicher. Das ist die technische Seite der Medaille. Die politische, die wahrhaft demokratische Seite, eine andere. Die Bürger der Republik haben erkannt, dass nur durch ihr eigenes Tun, ihr persönliches Engagement etwas in Bewegung gerät. Es zeigt Erfolge, das freut den erwachten deutschen Michel und verschreckt die Profipolitiker, die sich ihrer Sache sicher wähnten.

Bürgermacht entsteht (c) www.abendfarben.de Aus dem Schatten in´s Licht

Alternativloser Begründungszwang

Der Politiksprech und die Automatismen des Staatsbetriebes erregen zunehmend Widerstand. Es ist eben nicht mehr die stark motivierte Minderheit, die durch großes Geschrei der Mehrheit ihre Ideen aufzwingt. “Die Bürger werden lauter.” so Forscher Roth, und weiter “Der Bürger hat das Recht, gefragt zu werden, wenn ihm Fortschrittszumutungen aufgebürdet werden!” Ein NEIN zu etwas zog stets den Begründungszwang hinter sich her. Ein Argument mit geballter Macht. Der im politischen Betrieb unerfahrene Bürger unterlag den Lobbyprofis, den Vollzeitpolitikern. Doch die Organisation der Menschen, der gemeinsame Wille gegen - und auch für - eine Sache erzeugt den Gegendruck und die Intelligenz des Schwarmes, die jene Sachwalter des Alltags aufhorchen lassen. Es ist eben nicht mehr alles alternativlos!

Von der Wiege bis zur Bahre

Gross: “Wir möchten unser Leben selbst in der Hand behalten.” Das Entgegennehmen von Entscheidungen neigt sich dem Ende. “Es gibt einen Überschuss an gesellschaftlichem Können,” so der Abgeordnete, “ein Bürger-Know-How könnte man das nennen.” Die Bürger können viel mehr, als nur einmal aller vier Jahre zu wählen. Und das haben sie inzwischen auch erkannt. Ihnen wurde Unmündigkeit unterstellt. Im Gegenzug registrierten die Menschen eine Abnahme der Leistungsfähigkeit des Politikbetriebes. Ihr Fazit: Dann müssen wir es selbst machen! Das Selbermachen ist aber ein konstruktiver Gedanke. Die Bürger bringen sich ein in die Community, engagieren sich auf kommunaler, regionaler und Bundesebene. Sie sind zupackend und ideenreich, erkennen ihre Bürgermacht. Während die Politik mit medialer Unterstützung ein Klima der Angst verbreitet, die - sicherlich echte - Gefahr von Terrorismus instrumentalisiert, halten Menschen dagegen. Innerhalb von 24 Stunden entstand eine Webseite mit dem Titel wirhabenkeineangst.de und zahlreiche Kommentare und Bekundungen zeigen, wie die Menschen wirklich denken. Unverzerrt durch Presse und Fernsehen.

Neue Formen der Beteiligung

Aus dem dumpfen Trott erwacht, der eigenen Fähigkeiten bewusst, tritt der Bürger - auch das Bürgertum - auf den Plan. Bieten das politische System, die Parteien und Organisationen keine Lösungen und Beteiligung an, verschafft sich der mündige, mächtige Bürger seine eigenen Strukturen und Plattformen. Aus dem früheren “Dagegensein” entwickelt sich ein “Wir versammeln uns und denken gemeinsam in die Zukunft”. Dabei müssen nicht immer Großprojekte der Auslöser sein. In jeder Kommune gibt es Schwachstellen, eingeschliffene Strukturen. Bürgerbeteiligung bei Bebauungsplänen, Straßenverlegungen sind Standard, müssen Standard werden, wo dies noch nicht der Fall ist. Neue Ideen entwickeln sich im Austausch, in der Kommunikation. Und nicht im passiven “Wir sollen bei der Demokratie nur zugucken!”, wie Kabarettist Richling treffend formulierte.