Archiv der Kategorie Vermischtes (D)

Tag des Ehrenamtes 2011

Rund 600.000 Ehrenamtliche sind in Sachsen-Anhalt in ihrer Freizeit in einem Verein, einer Gruppe oder Initiative aktiv. Das mitteldeutsche Bundesland ist das mit den meisten Ehrenamtlichen. Einer davon ist Wilfried Krüger.
Der graue Kombi hat am Morgen eigentlich nur ein kurzes Stück zu fahren. Vom Wohnhaus bis zum Büro ist es nicht mal ein Kilometer. Diese Strecke wird oft noch durch Stopps unterbrochen. Sei es der Gemeindearbeiter, der Fragen hat oder ein Anwohner, der seine Sorgen loswerden will. Der Fahrer ist Wilfried Krüger, ehrenamtlicher Bürgermeister in Jeetze, einem kleinen Dorf in der nördlichen Altmark, Nähe Salzwedel. Der trainierte Mittfünfziger sitzt nun in seinem kleinen Büro, streicht sich mit seinen kräftigen Händen durch sein ergrautes festes Haar, während er am Telefon Anweisungen gibt. „Du besorgst die Musik und verhandele den Preis!“ Wilfried Krüger bereitet den Mühlenball vor. Der Verein zur Erhaltung der Windmühle feiert sein 15jähriges Bestehen. Wilfried Krüger ist Vorsitzender. Auf seinem Schreibtisch häufen sich Papiere. Rechnungen, Warenbestellungen und Protokolle aus den Sitzungen des Gemeinderates. Dort kann er seiner Leidenschaft Politik frönen.

Jeetzer Dorfkirche, Altmark

Ein ganz normales Dorf
Der Ort hat etwa 450 Einwohner und die sind sehr rege: Feuerwehr mit Jugendfeuerwehr, Seniorengruppe, Jägerschaft, Mühlenverein, Männergesangsverein. Ein gut besuchter Kindergarten zieht die Kleinen aus der Umgebung an. Der gelernter Maurer Krüger, vor der Wende Betriebshandwerker in der örtlichen Lederwarenfabrik, machte sich 1990 schnell selbstständig. Erst wurden aus der Garage heraus Getränke verkauft. „Wir sind mit dem LKW in den Westen gefahren und haben Saft, Bier, Wasser von da geholt. Das waren Zeiten“, so Krüger. Danach wird eine kleine Videothek eröffnet. Das Geschäft blüht, jeder will Videos sehen. Leider gibt es ein Feuer. „Ich war froh, als das abgewickelt war. Außerdem war der Laden schon in Planung.“ Die Dorfstraßenerneuerung war sein größter Coup, da ist er stolz drauf. „Die Fördermittel zu bekommen, war nicht ganz einfach. Doch mit dem kaputten Kopfsteinpflaster ging es nicht mehr weiter!“ Krüger grinst über die ganze Breite des Gesichts. Es ist ihm anzusehen, dass er eng mit dem kleinen Dorf verwachsen ist. „Jeetze hättet ihr mal früher sehen sollen“ sagt er jedem, der ungläubig den blitzblanken Ort bestaunt. Ganz selten setzt er sein Bürgermeistergesicht auf, ein ernstes, dienstliches, keinen Widerspruch duldendes Gesicht. Eine wilde Bebauung ohne Genehmigung, ein Hund ohne Leine. Es sind eher die Ausnahmen. Sein Spruch ist. „Leben und leben lassen“.

Jeetzer Bockwindmühle, Altmark

Dorfladen, Friseur, Kneipe
Später kaufte er das Gebäude, in dem auch früher der Einkaufsladen war, baute es aus, schaffte Wege und einen Parkplatz. Eröffnete den Laden neu. Im selben Gebäude untergebracht: eine kleine Kneipe mit Veranstaltungsraum und ein Friseur, der einmal die Woche geöffnet hatte. Ohne Termine geht da gar nichts, so voll war es an diesem einen Tag. Wilfried Krüger ist immer in Aktion, die Ausdauer in Person, aber als Macher auch unduldsam. „Wenn es nicht vorwärtsgeht, jemand schlampert, nicht mitzieht, werde ich schnell grimmig“, sagt er. Und das sei der Preis für unendliche Arbeit, Aufreiben im Alltag, die wenige Freizeit: „Der meuternde Magen beschert mir Schmerzen, lässt mich wenig essen.“ Es ist eine Freizeit, die meist im gesellschaftlichen Engagement aufgeht. Da eine Sitzung, dort ein Bauprojekt, hier Besprechung mit dem Bauunternehmer bei der Erneuerung von Straßen und Wegen, da eine Vereinssitzung, auch ohne Mitglied zu sein. Das Nebenamt Bürgermeister verpflichtet in dem kleinen Dörfchen. Allerdings wünscht er sich, mehr Zeit für seine Familie und das Geschäft zu haben.

Familienleben und Geschäftsmann
Krüger ist verheiratet, lebt aber von seiner Frau getrennt. Er hat zwei erwachsene Kinder und ist sehr stolzer Großvater eines Enkels. An seinen Kindern hängt der Multijobber Wilfried sehr. Wünsche werden eins zu eins umgesetzt. Er gönnte sich einen neuen Laptop. Lange war er nicht in seinem Besitz. Seine jüngere Tochter brauchte nur mit Kulleraugen und Schmollmund zu drohen, da hatte Krüger mal einen Laptop. Seine Große brachte mit Komplikationen den lang erwarteten Enkel zur Welt. Seine Frau sagte damals: „Es war einer der wenigen Momente, wo mein Wilfried, dieser starke, zupackende Mann, geweint hat“ Der Einkaufsladen ist der zentrale Anlaufpunkt im Dorf. Besonders für Ältere ist es die einzige Möglichkeit, sich zu versorgen. Er nimmt Wäsche mit zur Reinigung, besorgt Präsentkörbe für Ehrungen. Fast jeden Abend brennt noch lange das Licht in seinem Büro. Krüger macht die Abrechnungen und Bestellungen für das Geschäft. Doch die schlechte wirtschaftliche Lage merkt er auch beim Umsatz im Geschäft und in der Kneipe.

Sonnenaufgang Jeetzer Berg, Altmark  Alle Fotos aus Jeetze: Tom Koehler, Hamburg
Vereine leben weiter
Das Dorf entvölkert sich langsam. Es wird gestorben, doch Kinder werden kaum geboren. Die jungen Menschen fliehen aus der dörflichen Stille in die Städte und zu den Arbeitsplätzen im Westen. Eine Hochzeit im Dorf, eine Geburt, das sind echte Höhepunkte im Gemeindeleben. Die Glocken der kleinen Kirche läuten dann aus freudigem Anlass. Wer den noch nicht kennt, ruft dann bei Wilfried Krüger an und fragt danach. Der Wirt Wilfried Krüger ist Betreiber einer Gaststätte mit Saal, in dem Feiern stattfinden. Silvester, Seniorentreff, Feuerwehrball, Jägerfest, Geburtstage, wohl jeder im Dorf ist mindestens einmal im Jahr dort zu Gast. Das Konzept: Wilfried Krüger verkauft die Getränke zum Ladenpreis, macht die Feiern dadurch erschwinglich. „So manches Fest endet erst im Morgengrauen. Und wenn das im Winter ist, weißt Du, was das bedeutet“. Er feiert gern mit, kann mit alten Kumpels auch einen drauf machen. Doch danach muss aufgeräumt und sauber gemacht werden, also ist nichts mit Ausschlafen am Sonntagmorgen nach der großen Sause. Um 10 Uhr öffnet er Türen und Fenster, startet die Stereoanlage und rockt über das Parkett. Rockmusik ist seine Welt, auch die Oldies aus der DDR. Er kennt die Texte, singt mit. Krüger fährt jetzt noch zu Karat, den Puhdys oder zur Stern Combo Meissen, feiert auf dem Konzert bis in die Nacht, schläft im Auto. Er kann es nicht lassen. Dort findet er den Ausgleich zu seinem aktiven, anstrengenden Leben. Kann sich noch mal jung fühlen, wird erinnert an wilde Jugendzeiten.
Seine zweite Leidenschaft, die für Politik, wird durch ihn selbst bald beendet werden. „Wir bekamen eine Großgemeinde und seit dem bin ich kein Bürgermeister mehr. „Meine Amtszeit läuft bald aus. Entschieden wird nun woanders.“ Er, der gern regiert, bestimmt, die Richtung vorgibt, nimmt Abschied von der Macht. Doch als Vorsitzender des Mühlenvereines kann er weiter der Macher sein. Unermüdlich, ideenreich und einer von über einer halben Million Ehrenamtlichen in Sachsen-Anhalt.

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Behinderte kritisieren Abgeordnetenwatch

Hamburg / Jockgrim – Abgeordnetenwatch in der Kritik: Ein Behindertenverband bezichtigt das Internetportal aus Hamburg, Behinderte auszugrenzen und sie zu diskriminieren. Der Verein „Mobil mit Behinderung“ (MMB)  wirft Abgeordnetenwatch vor, Fragen seiner Mitglieder nicht an Abgeordnete und Bundestagskandidaten weiterzuleiten. „In den Fragen wollen unsere Mitglieder von ihren örtlichen Abgeordneten lediglich wissen, wie sich diese für die Mobilität von Menschen mit Behinderung einsetzen wollen“, sagt Heinrich Buschmann. Der 55 Jahre alte Vorsitzende des Vereins aus Jockgrim in Rheinland-Pfalz vertritt die Interessen von rund 2.100 Mitgliedern aus ganz Deutschland.

Abgeordnetenwatch sieht keine Diskriminierung

Gregor Hackmack, Vorstandsmitglied von Abgeordnetenwatch, weist die Vorwürfe zurück. Er sagt: „Unser Portal ist nicht dazu gedacht, Kampagnen von Organisationen zu bearbeiten. Das können wir nicht leisten.“ Seit dem 15. Juli moderiert Abgeordnetenwatch die diesjährige Bundestagswahl. Seitdem seien  bereits 4.516 Fragen eingegangen und einzeln bearbeitet worden. „Wenn jetzt auf einen Schlag gleichlautende Fragen an alle 2.185 Bundestagskandidaten dazukommen, können wir das nicht mehr bewältigen“, begründet Hackmack die Sperrung der identischen Anfrage der MMB-Mitglieder. Eine Diskriminierung von Behinderten sei das für ihn nicht.

Verband: „Behinderte sind in besonderer Situation“

Heinrich Buschmann vom MMB wehrt sich gegen den Vorwurf, eine Kampagne gestartet zu haben. Er sagt: „Diesen Vorwurf weise ich entschieden zurück.“ Er wirbt hingegen für die besondere Lebenssituation seiner Mitglieder: „Es gibt Behinderte, die sich nicht in geeigneter Form auszudrücken wissen. Deshalb haben wir einen Text ausgearbeitet, der die Problematik auf den Punkt bringt.  Es bleiben also letztlich einzelne Leute, die sich an ihren zuständigen Wahlkreiskandidaten wenden.“ Auf der vereinseigenen Homepage empören sich Behinderte über die aus ihrer Sicht vorgenommene Ausgrenzung von Seiten Abgeordnetenwatch.

Abgeordnetenwatch sperrt Kampagnen seit 2005

Das politische Internetportal aus Hamburg hat sich seit Dezember 2004 das Ziel gesetzt, einzelne Wähler bei der Befragung von Abgeordneten zu unterstützen. „Wir treten für die Transparenz der Arbeit der Abgeordneten ein“, sagt Vorstandsmitglied Gregor Hackmack. Er  bezeichnet sein Internetportal als ein „digitales Wählergedächtnis“, weil die Antworten der Kandidaten vor einer Wahl mit deren Abstimmungsverhalten im Parlament nach einer Wahl genau verglichen werden könnten. „Dabei werden von uns  alle Wähler gleich behandelt, auch Vereine und Organisationen“, so der 32-Jährige, „bereits im Jahr 2005 haben wir das grundsätzlich entschieden.“ Damals habe es eine Kampagne der Sportpilotenvereinigung zum neuen Luftraumüberwachungsgesetz gegeben. „Die damals gleichlautende Frage an alle Bundestagsabgeordneten haben wir auch nicht bearbeitet.“

Portal nur für Einzelpersonen da

Hackmack rät Organisationen und Vereinen wie dem MMB, die Politiker direkt zu bestimmten Positionen zu befragen. So könnte der MMB seine Mitglieder zum Beispiel anhand von sogenannten Wahlprüfsteinen über die Aussagen der Parteien zu bestimmten Fragen informieren. Genau das könnten Einzelpersonen nicht. Deshalb sei Abgeordnetenwatch für diese geschaffen worden. Der MMB ist enttäuscht, dass seine Mitglieder Abgeordnetenwatch nicht nutzen können. „Wir finden das Internetprojekt großartig und halten es für die ideale Plattform für alle Bürger. Doch wir werden nun darauf verzichten müssen“, so Buschmann enttäuscht.

Zum Internetauftritt Abgeordnetenwatch: hier.

Zum Internetauftritt des Vereins MMB: hier.

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