Archiv der Kategorie Kultur (EU)
Autorenportal SUITE101 schließt und die NZZ setzt auf Paywall
25.11.2011 von Tom T. Köhler.
Journalisten, Autoren und Leser bekommen zwei schlechte Nachrichten an einem Tag. Ein gut durch Suchmaschinen zu findendes Autorenportal schließt seine Deutschland-Redaktion. Und die renommierte Neue Zürcher Zeitung stellt im ersten Quartal 2012 eine Paywall vor seine redaktionellen Inhalte.
Drei Jahre, nun ist bald Schluss
In einem Artikel des Portals SUITE101 heißt es: „Die Klage ist das Lied der Medienunternehmen und Journalisten. Ersteren geht es chronisch schlecht und Letztere haben nicht genug zum Leben.“ Die Suche von Schreibern und Unternehmern nach Modellen zur Monetarisierung ist im vollen Gange. Erstere versuchen sich mit ihrer eigenen Zeitung – auch Blog genannt. Suchmaschinen bestätigen die Überlegung. Legen Sie doch nach Updates deutlich mehr Wert auf aktuellen und vor allem relevanten Inhalt. Die Zeit zwischen den Suchläufen hat sich drastisch verkürzt. Inhalte erscheinen schon nach Minuten im Index von Google und Co. Doch wie die ganze Mühe zu Geld machen? Wie lässt sich die viele Zeit vor der Tastatur versilbern? Eine Möglichkeit bot sich schon vor Jahren bei SUITE101. Das Portal aus Kanada eröffnete mit Erfolg seinen deutschen Ableger und viele Autoren – auch Journalisten – nutzten die Blog-Plattform. Deren aktive Bemühung für eine gute Findung durch Suchmaschinen katapultierte viele Artikel auf Seite 1 der Suchergebnisse. Eine Redaktion beobachtete die Arbeit der Autoren, griff bei unseriösen Autoren ein, half bei der Optimierung oder entdeckte Fehler und schrieb die Autoren an. Angelockt durch die Wirksamkeit und Reichweite versuchten sich die 3000 deutschen Autoren am Aufbau einer Webpräsenz, die durch Klick per Anzeige auch noch etwas Geld in die Taschen der Schreiber brachte. Sicherlich nicht in die Taschen aller. Aber wer es verstand, aktuelle Ereignisse oder relevante (!) Themen aufzunehmen, die Regeln des Schreibens für Leser UND Suchmaschinen beherrschte, der konnte mit einer kleinen, regelmäßigen Aufbesserung seines Taschengeldes rechnen. Ergebnis des Fleißes der Autoren: 70.000 Artikel in drei Jahren, eine stolze Bilanz für das Portal. Derzeitiger Grund für die Schließung der deutschen Redaktion – NICHT des Portals – soll ein Update von Google sein. In einem Artikel des Blogs basicthinking.de wird notiert, das PANDA-Update habe den Traffic der Seite reduziert. Die Einnahmen der Plattform waren durch die passend geschalteten Anzeigen in den Artikeln realisiert worden. Sinkender Traffic (seit Oktober) ist gleich sinkende Einnahmen und Tantiemen für die Autoren. Ein Wegfall der Redaktion, so die Vermutung von basicthinking, lässt auch bald das Niveau der Artikel sinken. Die Reputation ist dann dahin, das Portal wertlos. Eine Flucht der Autoren zu eigenen Blogs oder Blog-Gemeinschaften ist die Folge.
Paywall – funktioniert sie wirklich?
In einer Meldung des Nachrichtenportals NEWSROOM wurde aus Gerüchten Realität. Eine der renommiertesten Tageszeitungen der Welt, die Neue Zürcher Zeitung, beschloss, eine Paywall vor den digitalen Inhalten zu errichten. Eine Bezahlschranke verhindert, dass Online-Leser ungehindert auf die Artikel der Zeitung im Internet zugreifen können. Die Konsequenz: Leser müssen zahlen. Paid Content heißt das Zauberwort, mit dem Verleger liebäugeln. Ist es doch eine Möglichkeit, endlich im Internet Geld zu verdienen. Zwei Reaktionen hat eine solche Überlegung stets zur Folge: Einmal flüchten Leser, lassen sich auf anderen Seiten (kostenlos) informieren. Um dem zu entgehen, machen zweitens Internetzeitungen den Schritt zu einer löchrigen Paywall. Dies geht über den Weg, den das Hamburger Abendblatt beschreitet. Dessen Artikel werden über die Google -Suche gefunden und können dann online und kostenlos gelesen werden. Weitere Möglichkeit: Dem Leser wird die Möglichkeit eingeräumt, eine bestimmte Anzahl Artikel kostenlos zu lesen. Dann wird er aufgefordert, ein Online-Abonnement abzuschließen. In der New York Times hat der Aufbau einer Paywall funktioniert. Die Leserzahlen und die Reichweite blieben fast gleich. Im deutschsprachigen Raum muss sich der Erfolg nicht wiederholen. Bei der letzten Messe der Verleger und Zeitungshäuser WAN IFRA 2010 in Hamburg gab es einen Einblick in die Bemühungen, mit Inhalten und zielgerichteter Werbung Geld zu verdienen. Wohin die Reise geht, wird sich in Monaten, gar Jahren zeigen.
Für die schreibfleißigen Deutschen heißt es: Selbst machen, zur Marke werden, Reichweite aufbauen. Wenn sie etwas Glück haben, kommen Werbetreibende dann zu ihnen und nicht umgekehrt.
Für die Leser heißt es: Holen sie sich Ihre Informationen da, wo sie beim Lesen einen Mehrwert haben. Welche Plattform das ist, entscheiden sie selbst. Wo für sie geschrieben wird, da lassen sie sich nieder.
Kontakt zum Autor: hier
Geschrieben in Medien (D), Kultur (EU), Feuilleton | Drucken | Keine Kommentare »