Archiv der Kategorie Feuilleton
Die hölzerne Riesin von Jeetze
1.6.2010 von Tom T. Köhler.
Jeetze / Hamburg - Ein Titel, der nicht so leicht verdaut wird. Was für eine Riesin? Wieso hölzern? Was ist Jeetze? Gemach, es handelt sich um ein Kinderbuch von Sina Kongehl. Sie ist Schriftstellerin und Illustratorin aus Bismark. Das Städtchen liegt in der nördlichen Altmark, zwischen Stendal und Salzwedel gelegen.
Die Geschichte handelt von Landwirtschaft, alter Technik, Freundschaft und dem Wesen des Menschen. Bendix Mesedorn, ein kleiner Junge und stolzer Enkel seiner geliebten Großeltern, ist der Titelheld. Er lebt in dem Dörfchen Jeetze. Oma und Opa besitzen eine Windmühle, die in einem Zustand ist, der Handeln erfordert. Gemeinsames Handeln, denn alleine schaffen es die drei nicht. Bendix macht sich auf die Suche nach Verbündeten für dieses Werk. Schwer enttäuscht bekommt er eine Abfuhr nach der Nächsten. Alle, die er anspricht, zeigen ihr wahres Gesicht. Nach vollmundigen Ankündigungen verweisen sie auf wenig Zeit, Krankheiten und andere Verbindlichkeiten.
Hölzerne Riesin - Mühle zu Jeetze (Foto: Tom Koehler, Hamburg)
Das Menschenbild von Bendix droht, zu zerbröckeln. Er erinnert sich an den Müllergesellen, der inzwischen ohne Arbeit zu Hause saß. Es braucht in modernen Zeiten keiner eine Windmühle. Das Mehl gibt es im Laden um die Ecke abgepackt und günstig. Die Mühen von Bendix werden belohnt: Eines schönen Tages und nach reichlicher Arbeit drehen sich die Mühlenflügel wieder. Übrigens, den Ort Jeetze gibt es wirklich und die Mühle auch. Kongehl ist rege und hat noch mehr Kinderbücher, Kurzgeschichten und sogar Krimis geschrieben. Sie finden einen Überblick hier.
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Kunst im Bunker
26.10.2009 von Tom T. Köhler.
Der Kunstverein Harburger Bahnhof zeigt eine Installation von Julia Bünnagel unter dem Motto: All Thoose Tomorrows. Die Kölnerin präsentiert ihr Kunstwerk im Vorraum des Zivilschutzbunkers Harburg. Eine Begehung mit Eindrücken von Tom T. Köhler.
Foto: Eingang zum Bunker in der S-Bahn-Station Harburg-Rathaus. (Tom T. Köhler)
Hamburg-Harburg – Was macht einen Raum zu einem Raum? Vier Wände, Boden, Decke, Innenleben. Was macht ein Raum in einem Raum? Ein solches Innenleben irritiert nicht nur den Betrachter – soll dazu dienen, unser Leben zu reflektieren.
Goldene Blöcke, dem Vernehmen nach geformt wie Wohnblöcke von Trabantenstädte, stehen dicht an dicht im Vorkeller des Harburger Schutzbunkers. Umgeben sind sie von hässlichen metallenen Wänden. Es wirkt, als sei eine Stadt eingesperrt – nicht nur in einem Keller, sondern in diesem Keller – nochmals in Verhauen, abschließbar.
Foto: Blick in die Installation von Julia Bünnagel im Vorkeller des Bunkers. (Tom T. Köhler)
Der Kontrast wirkt. Stahlbeton bietet Schutz im Katastrophenfall, ist zweckmäßig. Es graut dem Betrachter grün-grau entgegen. An der recht üppigen Treppe, die in einer ernsten Situation 5.000 Menschen in die neuzeitlichen Katakomben geleitet, geht der Blick tief unter den Harburger Shopping-Bezirk. Die Treppe hat den Vorteil, dass sich der verwunderte Mensch festhält am Geländer und sich gleichsam einen Überblick verschafft – aus sicherer Entfernung. Denn die bedrückende Enge zwischen den goldenen übermannshohen Klötzen lässt sich erahnen. Im Raum ergreift sie den Besucher. Vor Augen haben wir das goldene Gefängnis in dem wir leben.
Kleinklein, Cocooning genannt, verstecken wir uns im Wohlstandsbüdchen, dritter Stock rechts, Tiefgaragenplatz, Fahrstuhl inklusive. Wir sind froh, wenn wir unsere Höhle erreicht haben, hinter uns die Tür schließen können. Innen ist es warm und sicher. Draußen dagegen laut, dreckig, unsicher, kalt.
Foto: Kunst im Bau. Mit Goldfolie eingepackte Regale im Vorkeller. (Tom T. Köhler)
Dieser Cocooning-Wohlfühleffekt tritt auch in den Gängen des goldenen Labyrinths von Julia Bünnagel zutage. Lehnen wir uns an eine Wand dieser Edelmonster, entpuppt sich, dank Styropor unter der glänzenden Folie, die Wand als wärmender Ort. Unsere eigen Wärme wird zurückgeworfen. Wir heizen uns – heizen uns auf mit Konsum, Flachbild, Megapixeln, Tausenden von Megabits per Sekunde. Doch die Ernüchterung ist stets warnend vor Augen.
Grüngrau hockt das harte Höhlentier wartend im Halbdunkel. Geduldig. Wenn es etwas genügend hat, so ist es Zeit. Bald muss der Betrachter wieder raus aus seinem Büdchen, ist der Realität ausgeliefert. Kaum hat er den unwirtlichen Ort verlassen, umbraust ihn S-Bahn-Gegrummel, zieht ihm Unterstadtdunst in die Nase. Der Griff zum Jackenkragen. Schlag ihn hoch, Mensch. Das Höhlentier lacht hinter ihm her. Sehr sicher und zufrieden klingt sein Lachen aus der Tür des Bunkers.
Foto: Julia Bünnagel, Köln. (Kunstverein Harburger Bahnhof)
Ausstellung läuft noch
Die Ausstellung ist bis einschließlich 1. November 2009 zu besichtigen. Öffnungszeiten: mittwochs bis sonntags von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Internetauftritt des Kulturvereins Harburger Bahnhof
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Stephen King, Vollstrecker einer Tradition
17.9.2009 von Jens Möller.
Bestseller-Autor Daniel Kehlmann und der Essayist Joachim Kalka widmen sich der Literatur des Schreckens. Ein Besuch beim neuen Literaturfestival Harbourfront.
Hamburg - Die Glocke des Michels schlägt; laut und deutlich ins Dunkle dieser Nacht hinein. Zum Glockenschlag um 20 Uhr herrscht Ruhe im Pressehaus - bei Gruner+Jahr an diesem Dienstagabend, 8. September 2009. Nach einer kurzen Eröffnungsrede, die einleitend das Thema der heutigen Veranstaltung vorstellt, nämlich „Stephen King und andere“, betreten die beiden Protagonisten Daniel Kehlmann und Joachim Kalka die Bühne. Angst als Thema, das wohlige Schauer beim Lesen von Horrorgeschichten auslöst. Daniel Kehlmann wirft entsprechend anfangs sofort die Frage auf, „wieso wir Lust haben an der Angst?“.
Genuss Horror
Um diese Frage und deren Beantwortung dreht sich das folgende Gespräch zwischen den beiden Schriftstellern, gewürzt mit Beispielen aus der vorher sorgsam ausgewählten Literatur. So folgt die Linie der Literaturzitate Blackwood, Lovecraft oder auch der Gebrüdern Grimm, um am Ende des Abends bei Stephen King zu landen. „Was treibt uns zum Genuss von Horror?“, nimmt Joachim Kalka die Eingangsfrage von Daniel Kehlmann wieder auf. Die Beiden einigen sich, dass nur die Distanz zum Unheimlichen als rettender Faktor diesen Genuss ermöglicht. Der Leser nimmt eine Dosis Entsetzen auf, kann sich aber gewiss sein, dass er im Gegensatz zu Personen eines Buchgeschehens am Ende überleben wird. Seine langweilige Welt wird aufgebrochen, wird belebt durch den Horror.
Dunkelheit manifestiert Angst und Schrecken
Der bildhafte Ausdruck des Horrors tritt indes in vielen möglichen Gestalten auf. Beispielhaft wirft Joachim Kalka die unbeantwortete Frage auf, „warum Tote und Gespenster uns zumeist Böses im Horror wollen? Warum ihr Handeln auf ein Erschlagen oder Verstümmeln ausgelegt ist?“. Neben Geistern existieren aber auch realitätsnähere Beispiele, die Horror ausdrücken können, wie exemplarisch genannt: alte Häuser. Oder einfach Erfahrungen von Angst und Schrecken, die schon als Kind gemacht wurden. Die manifestieren sich, wie Daniel Kehlmann anhand der Literaturbeispiele sagt, „besonders in der Dämonisierung der unentdeckten Natur“, wobei der Faktor des Unentdeckten heute auf Dunkelheit übertragbar wäre, die oftmals eine ähnliche Wirkung hat.
Warten auf den nächsten Schreck
Stephen King gilt den beiden Autoren als Bewahrer des Horrors, als „Vollstrecker einer Tradition“, so Kalka. King steht mit seinem Spektrum an Veröffentlichungen heute bereits als Chiffre für die Literatur des Horrors. Diese stelle er, so Daniel Kehlmann, mit großer Lust und Freude dar. Und seine Bekanntheit auf dem Gebiet der Horrorliteratur erzeugt selbst in den Momenten Spannung, in denen das Geschehen einer kingschen Handlung gar keine Spannung erzeugt. Man wartet förmlich auf den Moment, in dem etwas passiert, in dem wieder erschreckt wird. Besonders dann, wenn King in seinen Geschichten nicht jedes Geheimnis aufklärt, bleibe er unvergleichlich, wie die Redner bemerken.
Das Beide kein Geheimnis aus ihrer Begeisterung für das Thema Horror in der Literatur machen, wurde an diesem Abend deutlich, so deutlich, dass man den Wunsch nach einer Portion Entsetzen verspürt, Überlebensgarantie eingeschlossen.
Kontkat zum Autor: hier.
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