Archiv der Kategorie Gesundheit
Die gehetzte Gesellschaft - Ein Leben im Hamsterrad
17.2.2011 von Tom T. Köhler.
Gleichzeitige Prozesse, das Gefühl des Gehetztseins, permanentes Senden und Empfangen - mit diesen Worten beschrieb Dr. Michael Göring von der Zeit-Stiftung in seiner Einführung den Stand der Dinge in unserer Gesellschaft. Die Stiftung und NDR INFO luden am 15.02.11 zum Auftakt einer Reihe an den Rothenbaum. In drei Diskussionsrunden soll unsere Atemlosigkeit, der Run im Hamsterrad beleuchtet werden. Wir kennen die klassischen Sprichworte: „Eile mit Weile“, „In der Ruhe liegt die Kraft“ oder „Wer langsam geht, kommt auch ans Ziel“. Doch scheinbar ist nur noch eine Bewegung in der Gesellschaft zu spüren: Beschleunigung. Um die gehetzte Gesellschaft zu analysieren, trafen sich Karen Heumann, Kreativ-Vorstand der Agentur Jung von Matt, der Diplomaten Dr. Manfred Osten und Soziologie-Professor Dr. Hartmut Rosa. Moderiert wurde der Abend von Ulrike Heckmann.
Gesprächsrunde zur gehetzten Gesellschaft
Wie gehen Menschen mit Stress um?
Wie gehen eine Werberin, ein Diplomat und ein Soziologe mit Zeitstress um? Karen Heumann: “Als Kind nannte man mich Träumerlein. Später wurde ich gegen meine eigene Natur immer schneller.” In Ihrer Branche ist Geschwindigkeit wahrlich keine Hexerei. Online verfügbar und weltweit vernetzt reduziert sich die Zeit in dieser Branche auf den Augenblick des Klicks. Heumann: “Wenn heute ein Kollege 15 Uhr vom Hof fährt, fragen die anderen, ob er einen halben Tag Urlaub hat. Doch ich fühle mich nicht wohl, wenn ich nichts zu tun habe.” Der weitgereiste und welterfahrene Manfred Osten schenkt zwei Aspekten seine Aufmerksamkeit: “Heute ist es so, dass zwei bis drei Stunden drauf gehen, die täglichen E-Mails zu lesen und zu bearbeiten. Doch bei meinen Aufenthalten in anderen Ländern habe ich gesehen, wie andere Kulturen mit Zeit umgehen.” Seine prägenden Erfahrungen kommen aus anderen Kontinenten. Bei den Afrikanern bekam er zu hören: “Wir haben die Zeit, ihr habt die Uhr”. Und in Japan wird ein Stau als wohltuend empfunden, da er im hektischen Alltag Momente der Ruhe ermöglicht. In Deutschland undenkbar, da jede Minute (scheinbar) kostbar und verplant scheint. Dem spricht auch Forscher Rosa das Wort: “Die digitale ist eigentlich eine Revolution der Beschleunigung. Wenn etwas schneller erledigt ist, müsste doch mehr Zeit zur Verfügung stehen. Doch statt dessen haben wir weniger davon.” Stellt sich nach Rosa sich die Frage nach dem Antrieb für unser Tun. Ist es die Gier nach immer mehr oder die Angst, etwas zu verpassen? Warum können wir uns nicht bescheiden? Ihm käme ein Vulkanausbruch oder ein Stromausfall - am Besten beides - wohl zupass. Das wäre die perfekte Entschleunigung.
Dr. Karen Heumann und Ulrike Heckmann
De-Synchronisation und Resonanzräume
Beschleunigung erzeugt Reibung, die wieder Wärme. Sowohl in der Natur als auch in der Gesellschaft ist ein Aufheizen zu verzeichnen. Man sehe sich nur bei der morgendlichen Fahrt ins Büro die Mitreisenden an. Viele mit Knopf im Ohr, immer mehr mit dem Smartphone in der Hand. Und immer weniger Menschen, die die Reise als Ziel sehen, entspannt aus dem Fenster schauen. In der Hafencity stieg letztens ein Prototyp des Homo Hamsterrad aus dem Taxi: Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt, eine Tasche über die Schulter gehangen, geöffnetes Notebook mit UMTS-Stick und den unvermeidlichen Becher Kaffee in den Händen. Ob das auf Dauer gesund ist - fraglich. Doch trifft es nicht nur den einzelnen Menschen. Die Politik ist nach den Worten Rosas auch gefangen in diesem Kreislauf, kann nicht mehr agieren, muss reagieren. Es wird immer schwieriger, sich zu entscheiden. Alles wird zum Müssen. Vielleicht lernen wir von anderen Kulturen, mehr Zeit von der angeblich nicht vorhandenen für Entschleunigung und Resonanzerfahrungen zu nutzen. Dies geht nicht schnell und schon gar nicht zwischendurch. Gleich zu Beginn der Veranstaltung fragte eine Besucherin am Einlass, wie lange sie denn noch warten müsse. Es blieben noch 5 Minuten bis zum Beginn der Diskussion. „Gedulden Sie sich doch!“ war man versucht, zu sagen. Was Schnelligkeit angeht, kam für viele Interessenten schnell zutage. Schon bei Beginn der ersten Veranstaltung waren auch die beiden folgenden ausgebucht. Da waren sie wohl zu langsam. Auf den Seiten von NDR INFO können Sie alle drei Diskussionen als Podcast hören oder downloaden. Oder Sie nutzen die Zeit, einfach mal abzuschalten und aus dem Hamsterrad auszusteigen.
Prof. Dr. Rosa und Dr. Osten im Gespräch (alle Fotos: Tom Koehler, Hamburg)
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Geschrieben in Gesundheit, Medien (D), Deutschland, Hamburg | Drucken | Keine Kommentare »
Die Ohnmacht des Patienten - Machen Ärzte nur Kasse?
3.12.2010 von Tom T. Köhler.
Hamburg - Götter in Weiß, Kranke ohne Wissen, Apparatemedizin, Fortschrittsglaube - es gibt reichlich Schlagwörter zum Thema. Und jeder hat seine Erfahrungen mit dem Aufenthalt im Krankenhaus, der ärztlichen Versorgung. Interessant wird es, wenn zwei ausgewiesene Experten und Insider sich des spannenden Themas annehmen.
Wettstreit der Argumente
In der Agentur Groothuis, Lohfert, Consorten in Hamburg-Altona trafen sich am 01.12.2010 Dr. Christoph Lohfert und Prof. Heinz Lohmann, um zu debattieren. Lohfert kennt den Medizinbetrieb seit 40 Jahren, war Berater großer Krankenhäuser und Generalsekretär des Tumorzentrums Hamburg. Sein Gegenpart Lohmann ist Gesundheitsunternehmer und Berater, war zuletzt Vorstandssprecher des Landesbetriebes Krankenhäuser Hamburg. Die beiden grauhaarigen Herren auf dem Podium sind gut gelaunt und es fällt ihnen schwer, einen Dissens herzustellen. Doch ein Streitgespräch soll es sein und sie spielen sich geschickt rhetorische Bälle zu. Das Thema rief unzählige Gäste in die Gaußstraße, alle Stühle im Saal waren belegt.
Hartes Thema
“Weil du arm bist, musst du früher sterben - Der ohnmächtige Patient”, so der Titel des von Dr. Lohfert herausgegebenen Buches. Seine Thesen: “Es war noch nie so schlimm, wie heute! Wir haben die Medizin von übermorgen in einer Struktur von vorgestern. Eine gute Medizin gibt es nicht in einer schlechten Organisation.” Er muss es wissen, kennt er doch den Medizinbetrieb von innen. Seine Bestandsaufnahme ist zeitgleich mit der Debatte um die Gesundheitsreform auf dem Markt. Ein Kollege konterte schon mit dem Buch “Der ohnmächtige Arzt”. Lohfert wettert: “Wir haben die höchste Arztdichte in Europa, das Gesundheitswesen ist die größte Branche in Deutschland.” Ihm geht es nicht um Pauschalverurteilung, ihm ist an Konsolidierung des Vorhandenen gelegen. Die ständige Ausweitung, die Kostenexplosion und der Fortschrittsglaube machen das System ineffizient und undurchsichtig. “Wir haben einen abnehmenden Grenznutzen. Ein immer höherer Aufwand wird für einen immer geringeren Nutzen betrieben!” Der Patient, von der Medizin stets als Objekt und nun erst - langsam - als Subjekt betrachtet, ist diesem System hilflos ausgeliefert. Sein Leiden legt er in fremde Hände, ungewiss, ob es die richtigen Hände sind. Die Begrifflichkeiten der Ärzte klingen wie eine fremde Sprache, Übersetzungen werden ihm nur auf Nachfrage zuteil.
Struktur und Kostensenkung sind möglich
Professor Lohmann weiß wohl um Zahlen, Personal und Effizienz im Gesundheitsbetrieb. Seine Energie steckte er erfolgreich in die Sanierung des defizitären Landesbetriebes Krankenhäuser Hamburg, der 2004 zu Teilen an das Krankenhausunternehmen Asklepios Kliniken verkauft wurde. Die Effizienz und das Kostenbewusstsein haben längst Einzug gehalten, hält er Lohfert entgegen. Und so unmündig ist der Patient nun auch nicht mehr: “Man kann Patienten zumuten, sich vor einer elektiven (wählbaren) Behandlung vorher zu informieren. Was bei einer Notfallbehandlung nicht geht. Einen Autokauf plant der mündige Bürger monatelang, informiert sich umfassend über alle Vor- und Nachteile.” Doch aus seiner Arbeit als Gesundheitsunternehmer weiß er auch, dass System muss “durchforstet, durchlüftet und durchdacht werden”. Lohfert dazu: “Medizin und auch die Forschung neigen zur Gier. Sie weiten sich immer weiter aus, kosten immer mehr.”
Zu Nebenwirkungen fragen Sie …
Keine Leistung ohne Nebenwirkung, auch nicht im Unternehmen Krankenhaus. Das Häufige, Bewährte ist besser und ausgereifter, als die Spitze der Bewegung, das Hypermodernste. Auch das gilt es zu bedenken, entschließt sich der Patient von heute zu einer Behandlung. Dabei ist Bewährtes nicht mit Routine zu verwechseln.Und schon gar nicht sollte man Tabellen der Art “Die 100 besten Ärzte Deutschlands” glauben. Neben der Vorabinformation im Internet und der Community der Betroffenen empfiehlt Lohfert immer, eine zweite Meinung einzuholen. Der Patient muss aus der devoten Haltung und einer Art Vollkasko-Mentalität ausbrechen. Sein Leben und seine Gesundheit gehören auch in seine Hände. Einen Indikator für das neue Bewusstsein sehen die beiden Experten im Kostendenken der Patienten, welche eine Zusatzversicherung abgeschlossen haben. Denn wer selbst zahlt, schaut sehr genau hin, was er für sein Geld erhält - oder nicht erhält.
Ist Heilung in Sicht?
Gesundheitsunternehmen, Kassen und die Forschung müssen sich auf dem Prüfstand wiederfinden, sicherlich. Bei 18 Millionen stationären Krankenhaus-Patienten pro Jahr muss die Frage nach Effizienz und Struktur gestellt werden. Dass Forschung eine tragende Säule der Gesundheitsindustrie ist, steht außer Frage. Auch in dieser Branche will Deutschland auf dem Weltmarkt agieren. Doch müssen der Fortschritt, die neue Technologie und das aktuelle Medikament zu einem vertretbaren Preis, flächendeckend und qualitativ hochwertig zum Patienten gelangen. Kontinuität und Konsolidierung sind laut Dr. Lohfert die primären Ziele. Eine moderne Fehlerkultur muss Einzug halten, Kontrollmechanismen dürfen nicht versagen. Der Patient, so Lohmann, steht vor einer Kaskade von Informationen. Er schätzt den wirklich informierten Anteil der Menschen auf fünf Prozent. Dieser Anteil muss erhöht werden. Das Internet und die Patientencommunity hält er für einen schlechten Ratgeber. Aus seiner Sicht wäre die Schaffung einer neutralen Informationsstelle ähnlich der Stiftung Warentest ein probates Mittel gegen Unwissen und Informationsüberflutung.
Wir bitten technische Probleme zu entschuldigen. Der Bilder-Upload wird repariert. Ein Foto dazu finden Sie hier.
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Geschrieben in Gesundheit, Bundespolitik, Hamburg | Drucken | Keine Kommentare »