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Worthülsen und Neusprech - Journalismus oder PR

Hamburg - Auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche e.V. am 9. und 10. Juli 2010 in Hamburg sprachen Wortexperten über den deutschen Neusprech und die Bequemlichkeit des Journalismus.

Man füllt in der Tat eine Zeitschiene mit Inhalten, bündelt, verstetigt Ansätze und tariert Lücken aus. Strukturen der sozialen Sicherheit werden effizienter gemacht. Die Kernenergie ist eine Brückentechnologie. Bürgergeld gibt es bald, die Umweltprämie gab es schon.

Rede zur Lage der Sprache

Worte, bei denen Frank A. Meyer, Chefpublizist bei RINGIER (Schweiz), die eidgenössischen Haare zu Berge stehen. In einer engagierten Rede zur Lage der Sprache eiferte er für die Lust am Schreiben. “Der Journalismus soll mit seiner Sprachmacht die Sprachmacht der Politik aufdecken!” und weiter “Sprachverachtung ist Verachtung der Demokratie.” Am Beispiel des sogenannten Küchenzurufs versinnbildlichte Meyer die Hohlheit des Politiksprech. Die Erfindung von Henri Nannen konzentriert den Inhalt eines Artikels auf einen einzigen Zuruf. Der Leser informiert seine Gattin in der heimischen Küche mit der Essenz. In diesem Falle, so Meyer: “Du, stell Dir vor, die Merkel will bündeln!”

Gauck als authentische Persönlichkeit

Neben Meyer stritten für das Wort Dr. Tobias Korenke (Publizist) und Dr. Kai Gniffke (leitender Chefredakteur von ARD-aktuell). Als Vertreter der Public Relation war Axel Weber von Ketchum Pleon anwesend. Moderiert wurde die äußerst kurzweilige Runde von Prof. Dr. Thomas Leif vom Netzwerk Recherche. Am Beispiel Joachim Gauck und dem jetzigen Bundespräsidenten Christian Wulff verglich Korenke die Glaubwürdigkeit durch Authentizität. Gauck hat zum einen etwas zu sagen, zum anderen ist er durch seine Normalität geradezu grandios. Es herrscht eine tiefe Sehnsucht nach Normalsprech, so Korenke. Er empfahl: “Vergleichen Sie die beiden Reden. Gauck seine im Deutschen Theater und die Antrittsrede von Wulff!” Letzterer ist nicht glaubwürdig, während Gauck ein tiefes Empfinden, eine wirkliche Verbundenheit mit dem Begriff “Freiheit” spürbar machte. Sprache IST die Persönlichkeit.

Gruppendruck und  Leichtfertigkeit

Es zeigt sich derzeit eine unglaubliche Bequemlichkeit im Journalismus. Begriffe werden einfach übernommen, die Distanz zur Politik geht oft verloren. Es bedarf der Bereitschaft, so Gniffke, auch einen Schritt zurückzugehen und zu reflektieren. Die Nähe zum Kollegen baut einen Gruppendruck auf, dem sich kaum einer entzieht. Der Politik-Journalismus-Berlin-Betrieb: Alle reden so, also mache ich das auch. Es gibt sogar eine SOKO Sprache bei ARD-aktuell. Kollegen denken über den Gebrauch der Begrifflichkeiten nach und ändern Formulierungen. Leider arbeitet die Soko mit Material, das schon gesendet ist.

Kann sich das Blatt wenden?

Im Journalismus herrscht eine stete Akademisierung. Die universitäre Vorbildung ist wichtiger, als der Lebenshintergrund. „Wir brauchen Knastbrüder, Weltumsegler, junge Leute, die nichts anderes können als schreiben“ so Meyer. “Gauck hat einen Lebenshintergrund, deswegen ist er authentisch.” Die Forderung nach einem wachen, kritischen Journalismus ist sicherlich nicht neu, doch in Zeiten von Plastikworten und ideologisch imprägnierten Begriffen mehr als nötig. Dass dazu eine saubere Recherche gehört, ist selbstverständlich. Und das Gute daran: Leser verstehen es und verlinken dies.

Unser Mann in Hamburg-Süd

Hamburg-Finkenwerder - “Nehmen Sie Kontakt zu unserem Mann in Hamburg-Süd auf!” Der Redaktionsleiter schob bei dem leise gesagten Satz den Hut tief in die Stirn. Es lag etwas Beschwörendes in seiner Stimme, hier ging es um Wichtiges. Wie den Mann finden, was kann er mir sagen kann - alles mein Problem. Auf die Redaktion war kein Verlass. Da mussten alte Kontakte bemüht werden. Bei der Stackmeisterei Finkenwerder, einem Hafenbetrieb, hatte ich noch ein Eisen im Feuer. Einige Telefonate und Mails später wehte mir der Winterwind an der Pier am Köhlfleet um die Nase.

 Warten in der Halle / Balkenhol (c) www.abendfarben.de Balkenhol-Männer im Winterquartier (Foto: Tom Köhler, Hamburg)

In einer Halle traf ich meinen Kontakt. Wir waren allein und keiner sprach ein Wort. Er war einer dieser wettergegerbten, rauhen, wortkargen Typen, die man im Norden oft findet. Es ist das Naturell der Norddeutschen und nicht bös gemeint. Seinen Kompagnon hatte er mitgebracht. Der stand genau so still und mit einem Blick gen nirgendwo neben ihm. Wir schwiegen uns an. Beide waren ziemlich heruntergekommen, ihre Kleidung bedurfte eines Tausches. Ihre Haut war spröde. Der Blick und die Haltung sprachen Bände. Was sie wohl schon alles erlebt hatten? Wetter - besser Unwetter, drückende Hitze, die ersten Fröste auf dem Wasser und ungezählte Boote, Schiffe, Kutter und Barkassen. Alle zogen an ihnen vorüber, ohne anzuhalten. Die Passagiere schauten meist erst ungläubig, später staunend zu ihnen. Ganz am Anfang, als sie neu waren, gab es sogar Notrufe bei der Polizei wegen ihnen. Kein Wunder, sie machen ganz schön was her und das noch an so ungewöhnlichen Orten. Große Worte waren mit den beiden nicht zu wechseln. Nach einigen Versuchen gelangen dann ein paar passable Fotoaufnahmen - für´s Archiv. Viel zu holen war hier nicht. Was nur der Redaktionsleiter dazu sagen würde …

 Morgen im Hafen (c) www.abendfarben.deMorgen im Hafen (Foto: Tom Köhler, Hamburg)

Wochen später kam aus Finkenwerder Nachricht. Es ist soweit, die Männer sollen weggebracht werden. Der eine nach Neumühlen, der andere an die Süderelbe-Brücken kurz vor Harburg. Nun musste ich mich sputen. In der Redaktion war das Thema längst in Vergessenheit geraten. Jetzt hieß es, wieder wettzumachen, was vorher misslang. Auf zum Köhlfleet, der Morgendunst will nicht weichen und die Sonne kämpft mühsam um Aufmerksamkeit. Die Kollegen vom Hamburg Journal sind auch schon da und schleppen sich mit ihrer Fernsehtechnik ab. Bei dem Gewimmel entlock ich den Typen kein Wort, so “gesprächig”, wie sie sich bisher angestellt haben.

 Grosses Medieninteresse / Balkenhol (c) www.abendfarben.de Medieninteresse an Balkenhol-Mann (Foto: Tom Köhler, Hamburg)

Die Barkasse RICHARD KRANZ bringt uns stromauf nach Neumühlen. Ein Ponton mit Kran und dem Spezi meines Mannes aus Hamburg-Süd ist an der Barkasse vertäut. Wir fahren in das Morgenlicht, die Elbe spiegelt silberhell. Hinter uns holt ein Riesenpott mit einem Containerberg auf. Wir wechseln auf die Neumühlener Seite der Elbe und tasten uns langsam an den Zielort. Eine weitere Barkasse bringt einen Amtsträger, der höchstselbst und per GPS den genauen Standort festlegt. Ein großer Steinblock rauscht ins kalte Elbwasser, an seiner Kette hängt nun eine Boje. Die, so groß wie ein Kleinwagen, trägt den Neumühlen-Mann. Der steht immer noch so ruhig und bestimmt mit Blick gen nirgendwo. Allerdings hat er sich wohl zwischenzeitlich neue Klamotten besorgt. Jedenfalls ist sein Hemd strahlend weiß und die Hose schön schwarz. Seiner Haut gönnte er ein Make Up. Ohne lange zu warten, kehren wir um. Eine Barkasse nimmt den GPS-Amt-Mann wieder an Bord und entschwindet.

 Balkenhol-Mann vor Neumühlen (c) www.abendfarben.de Balkenhol-Mann vor Neumühlen (Foto: Tom Köhler, Hamburg)

In Finkenwerder kurze Pause. Die nutze ich, zu unserem Mann aus Hamburg-Süd etwas Vertrauen aufzubauen. Treib mich in seiner Nähe rum, mach ein freundliches Gesicht und schöne Morgensonnenfotos - doch nichts passiert. Wenn das so weitergeht, ist mir der Redaktionsrüffel sicher. Dasselbe Spiel von vorn. Barkasse, Ponton, Mann, Boje und elbaufwärts. Die Fahrt dauert etwas länger. Ich richte mich häuslich in der RICHARD KRANZ ein.

Kleiner Mann auf grosse Fahrt / Balkenhol (c) www.abendfarben.de Balkenhol-Mann unterwegs (Foto: Tom Köhler, Hamburg)

Der brummelige 170 PS-Motor bestimmt die Geräuschkulisse. Zwei junge Burschen sind souverän am Werk. Einer steuert gelassen den Verband, blickt aufmerksam nach vorn und achtern. Der Tiefenmesser zeigt 18 Meter. Sein Kollege macht Inventur. Aus den Lautsprechern tönt es “In deiner Urkraft liegt es, durch den Sturm zu geh´n”. Doch Obacht, wir nähern uns dem DOCKLAND. Hier biegen wir ab Richtung Köhlbrandbrücke. Ohne Anmeldung per Funk geht das nicht. Die Brücke kommt näher, wirkt durch die grauen und niedrigen Wolken sehr bedrohlich. Vorbei am Container-Terminal Altenwerder, unter der Kattwykbrücke durch und am Kraftwerk Moorwerder längs geht es stromaufwärts.

Kurz vor den Süderelbebrücken steigt der GPS-Amt-Mann wieder zu und dirigiert den Verband vorsichtig zur gewünschten Stelle. Dabei erzählt er lachend über das erste Mal, als die Männer verbracht wurden. “Mit Senatsbarkasse und Kapelle, oh man, was für ein Spektakel!” Die Vorbereitungen dauern. Ein letzter Versuch, noch mehr Informationen zu bekommen, lässt mein Mann gelassen abblitzen. Er steht, die Hände verschränkt, auf seiner Boje und blickt gelassen zum Horizont. Dann geht alles schnell. Der Kran versenkt den Steinklotz, die Kette wird an der Boje befestigt, ein kurzer Ruck geht durch den Ponton. Der Mann dreht sich auf seinem Reich weg von uns, ist scheinbar froh, seinen ständigen Begleitern nicht mehr ausgeliefert zu sein. Wir legen ab. Die S-Bahn Richtung Hamburg donnert über die Brücke, zum Greifen nah.

 Balkenhol-Mann vor Harburg (c) www.abendfarben.de Balkenhol-Mann vor Harburg (Foto: Tom Köhler, Hamburg)

Langsam, ganz langsam, dreht sich mein Mann aus Hamburg Süd in unsere Richtung und ich meine, er hat gelächelt. Unsere Rückfahrt stromab gelingt schnell, doch wird es auf der Elbe noch mal kabbelig. So ist es recht. Die Gischt platscht über den Bug, wir schaukeln wild und eines Seemannes Herz geht auf. Was ich der Redaktion erzählen soll, weiß ich noch nicht. Wenn Sie aber mal Interesse haben, meinen Mann aus Hamburg-Süd zu treffen, machen Sie folgendes: Fahren Sie mit der S-Bahn von Harburg Richtung Hamburg. Gleich nach der Abfahrt erreichen Sie die Süderelbe, schauen Sie auf der rechten Seite aus dem Fenster. Dort sehen sie ihn. Sie können auch im Sommer den Badestrand am Finkenrieker Hauptdeich aufsuchen. Dann erblicken Sie den Typen aus nächster Nähe.

 

Die vier Hamburger Bojenmänner: Seit 1993 schwimmen an vier verschiedenen Orten in der Hansestadt Bojen, auf denen Skulpturen aus Holz stehen. Sie sind das Werk des Künstlers Stephan Balkenhol (geb. 1957). Die 4 männlichen, farbigen Figuren aus Eichenholz sind täuschend echt angefertigt. Sie befinden sich auf der Außenalster (östliche Uferpromenade, Höhe Schwanenwyk), der Elbe (Elbstrand / Höhe Schulberg), der Süderelbe, östlich der Brücke des 17. Juni in Harburg sowie auf einem kleinen Flüsschen (Höhe Alte Holstenstraße) in Bergedorf. Der Künstler, der auch in Hamburg Kunst studierte, fertigte weitere Figuren. So steht vor dem Tierpark Hagenbeck eine Giraffe, an deren Hals ein Mann emporklettert. Zwei Skulpturen mit überlangen Beinen stehen vor der Öffentlichen Bücherhalle, Nähe Hauptbahnhof.

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Blogger Stefan Niggemeier über die Zukunft der Öffentlichkeit

Hamburg-Altona - Die Zukunft der Öffentlichkeit, so lautete das Thema am 06.05.2010. Die Printmedien werden sterben und Blogger sind die Journalisten der Zukunft. Eine derart zugespitzte Diskussion gab es lange nicht mehr in Deutschland.

Fragen zur Zeit

Die zahlreichen Zuhörer begrüßten den Journalisten freundlich und erwarteten Antworten auf die Fragen der Zeit. Niggemeier (40), leger bekleidet und das Podium als Kanzel nutzend, äußerte zu Beginn Unmut über seine Vortragstätigkeit. Sie sei nicht sein natürlicher Lebensraum, der befinde sich am Schreibtisch vor dem Computer. Was für eine Spezies sind Blogger? Kann ein Blogger Journalist sein? Kann ein Journalist Blogger sein? Wie viele Irrtümer gibt es über das Internet? Fragen über Fragen. Die Agentur GLCONS in Hamburg lud ein, um diese Fragen zu beantworten.

S. Niggemeier 1 Foto: Tom Köhler, Hamburg S. Niggemeier (Foto: Tom Köhler, Hamburg)

Digitale Leserbriefe

Leserbriefe in Sütterlin an den ehemaligen Redakteur der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sind heute eher die Ausnahme. Rasant steigende Nutzerzahlen auf seinem bildblog.de und der eigenen Internetseite dagegen die Regel. Ist das die Zukunft des schreibenden Journalisten? Kann dieser durch Nutzerzahlen ausreichend Werbung auf die Seite ziehen, die ihm ein auskömmliches Leben ermöglicht? Nach eigenem Bekunden geht es auch bei Blogger Niggemeier nicht. Was also ist los in Internetdeutschland? Wieso sind ganze Berufsgruppen am barmen, wieso sanieren sich große Verlage via Qualitätsverzicht? Eines nach dem Anderen.

Was ist das Netz?

Das Netz, so der Journalist, bedingt die Anwesenheit des Anderen. Kommentare, Feedback, Auseinandersetzung sind die Antworten auf Tätigkeiten im WWW. Reaktionen, die unmittelbar und unzensiert erfolgen. Niggemeier zitiert den Blogger LOBO: “Diktatur des Kommentariats”. Das Netz ermöglicht nicht nur eine Einbeziehung vieler Interessenten, sondern auch die Kontrolle durch Tausende Augen. “Der Leser ist klüger, als ich!” Eine schmerzende Erkenntnis für selbstverliebte, elitäre Journalisten. Sie stellen fest, dass es eine große Zahl von Aktiven und Interessierten zu manchen Themen qualifizierter Auskunft geben können. Dies funktioniert, weil diese Leser vor Ort, beruflich oder gesellschaftlich qualifiziert, Fachleute für diese Themen sind. Aus Lesern werden Erzeuger von Content, neudeutsches Wort für Inhalt oder Gehalt in Medien.

S. Niggemeier 2 Foto: Tom Köhler, Hamburg S. Niggemeier (Foto: Tom Köhler, Hamburg)

Zeitung oder Computer

Den Zeitungen laufen die Leser weg. Sie gehen vom Papier zum Computer, holen sich Informationen, wann und wo sie gebraucht werden. Kostenlos. Die Versuche, dem durch Bezahlschranken Einhalt zu gebieten, sind nach Niggemeier sehr unbeholfene. Es sind geradezu horrende Kosten für einen einzigen Artikel, den man zum einmaligen Lesen freigeschaltet bekommt. Verschärfend sei, dass die Qualität der Online-Erzeugnisse der Medienhäuser stetig sinke. Der Blogger vermutet, dass das Internet als Labor genutzt wird. „Kosten und Qualität werden gedrückt - mal schauen, was wir dem Leser so zumuten können.“ Heerscharen von Praktikanten, die Meldungen aus Agenturen netztauglich machen, können nicht die Zukunft von Medien und Lesern sein.

Qualität und Journalismus

Die Vertreter eines einst geschätzten Berufsstandes habe die Chance, wieder ihrer Profession gerecht zu werden. Sie sollen verlässliche Informationen liefern, Spreu vom Weizen trennen, dem Leser Mehrwert bieten. Mehr Service für den Leser, als endlose Klick-Strecken. Letztere, wie der Name vermuten lässt, dienen nur der Manipulation von Nutzerzahlen. Sauber recherchierte und vor allem verlinkte Quellen sowie Korrekturen als Selbstverständlichkeit sollen das Ziel sein. Korrigiert sollen nicht nur die vermehrt auftretenden Schreibfehler, sondern auch falsche Meldungen. Diese werden ohne zu prüfen übernommen und fröhlich weiter getragen.

S. Niggemeier 3 Foto: Tom Köhler, Hamburg S. Niggemeier (Foto: Tom Köhler, Hamburg)

Was bloggt da?

Die regen Nachfragen des Publikums bewiesen: Es ist noch nichts so, wie es sein soll. Und was ist das nun noch mal mit dem Blog und den Bloggern? Die persönlichen Empfehlungen und das Vertrauen der User / Leser sind das Kapital, von dem Blogger leben. Einerseits sehen sie den digitalen Schreiberling als seriöse Quelle, andererseits liefern sie ihm auch ungezählte Informationen. Diesen Strom an helfenden Links, Texten und Hinweisen nutzt Blogger Niggemeier selbst in seinem bildblog.de ausgiebig. Journalisten sollen sich auf Neue Medien einlassen. Warum nicht mal einen Blick auf Twitter werfen, selbst dort schreiben - wenn auch nur 140 Zeichen lang. Das zwingt zum Destillat - kommt auf den Punkt.

Nachtrag

Auf dem ominösen Twitter sagt ein Blogger namens FR31H31T: “Wenn die Verlage sterben, dann gibt es keine Journalisten mehr. Und wenn die Zoos sterben, dann gibt es keine Löwen mehr. Kein Kommentar.

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Wohin gehört die Kunst?

Hamburg - Wohin die Kunst soll, erörterten Experten der Kunst, zusammen mit Kultursenatorin Prof. Karin v. Welck und dem Präsidenten der Hochschule für bildende Künste Hamburg, Martin Köttering. Der Kunstverein Harburger Bahnhof lud am 29.4.10 zusammen mit der “Akademie einer anderen Stadt” ein. Die Akademie ist die Kunstplattform der Internationalen Bauausstellung (IBA) Hamburg.

Kunst am Bau (c) Tom Koehler, Hamburg Kunst am Bau (Foto:Tom Koehler, Hamburg)

Künstler und Stadt

„Die Akademie einer anderen Stadt“,so deren künstlerische Leiterin Ute Vorkoeper „plane in 2010 einen Kunstparcours entlang der S-Bahn-Linie 3 quer durch die Stadt“. Eine sehr zugängliche Form der Präsentation. Dies will die Akademie “mit aller gebotenen Widerspenstigkeit” auf der einen und der Unterstützung der Kultursenatorin auf der anderen Seite erreichen. Prof. v. Welck, selbst dem Kulturbetrieb verbunden, engagiere sich gern und ist sich doch der begrenzten Mittel bewusst. Am Gelde hängts, zum Gelde drängt doch alles. Leider. Sie versteht aber “Kultur als Ferment der Gesellschaft”. Die Schaffung von Quartieren für Künstler, das Angebot zur Vernetzung sei ihr ein wichtiges Anliegen.

Raum und Zeit

Eine andere Form des Zugangs zur Kunst stellte Dr. Kurt Wettengl, Direktor des Museums Ostwall in Dortmund, vor. Er sieht im Museum ein Kraftwerk. Jüngstes Projekt: Ein Archiv der Zukunft. Zusammen mit Kollegen anderer Museen ermöglichte er den Zugang zu Kunst für Schüler in NRW. Kunst entwickelt sich dort, wo sie Gehör findet. Hören und gehören - das zusammen ergibt eine gute Mischung. Dies postuliert Martin Köttering. Jeder Ort sei für Kunst geeignet. Im vergangenen Jahr sei als Beispiel die Hafencity genannt, in der sich Künstler aus 20 Ländern unter dem Titel “subvision” in einem Containerdorf präsentierten.

Kunst im Bau (c) Tom Koehler, Hamburg Kunst im Bau (Foto: Tom Koehler, Hamburg)

Für und Wider

Gibt es eine Opposition von Öffentlichem und Kunstraum? Schafft Kunst, die Menschen mit einzubeziehen, wie es die Akademie plant? Ist die Stadtplanung ein Feind der Kunst oder kann sie helfen? Das Gespräch hat nicht alle Fragen beantworten können, eher noch mehr aufgeworfen. Einig sind sich Experten und Publikum: Die Kunst hat überall ihren Platz. Sie zu fördern, nicht nur finanziell, ist sicherlich das Anliegen aller, die im Gespräch waren.

Einblick und Ausblick

Das rege Interesse der Besucher zeigte sich bei der anschließenden Fragerunde. Bleibt zu hoffen, dass künstlerisches Engagement, erfolgreiches Netzwerk der Stadtkultur und ein wohlwollender Stadtkämmerer eine optimale Mischung ergibt. Damit es nicht getreu dem vielzitierten Spruch heißt: Ist das Kunst, oder kann das weg?

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Heinzelmann versus Katholizismus

Hamburg-Harburg: Mit ohrenbetäubendem Lärm arbeiten zwei Staubsauger gegeneinander. In dem großen Raum kann sich der Schall frei entfalten. Sie können nicht anders, sie sind aneinander gefesselt. Ihre Rüssel sind miteinander verbunden. Neben ihnen liegt ihre eigentliche Aufgabe: Ein Häufchen Dreck, allerdings wohlgeschichtet und in Signalrot. Die beiden scheren sich gar darum und arbeiten unermüdlich gegeneinander an. Unbändig drängt sich der Loriot`sche Heinzelmann-Vertreter auf, der mit seinem Saugblaser die Hausfrau auf den technisch neuesten Stand bringen will.

Staubsauger im Kampf (Foto: Tom Köhler, Hamburg) Staubsauger im Kampf *1 (Foto: Tom Köhler)

Wa sich anhört, wie aus einem Panoptikum, ist Teil der am 28.02.2010 eröffneten Ausstellung im Kunstverein Harburger Bahnhof. Künstlerförderung der besonderen Art findet im ehemaligen Wartesaal über den Gleisen 3/4 ihren Platz. Der Verein, als sehr rege bekannt, hat wieder einen Magneten für Freunde der zeitgenössischen Werke im Süden Hamburgs geschaffen.

Kunst-Schmutz (Foto: Tom Köhler, Hamburg) Kunst-Schmutz *1 (Foto: Tom Köhler)

Das katholische Cusanuswerk lud 36 junge Künstler aus alle Teilen des Landes ein, sich mit ihren Werken für ein Stipendium zu bewerben. Sie treten mit ihrer Kunst bis zum 20. März auf - und gegeneinander an. Sie kuratieren die Ausstellung selbst und wissen, das nur wenige von Ihnen in den Genuss der Förderung kommen. Das Cusanuswerk selbst wurde von seinem Leiter, Prof. Wohlgemuth, vorgestellt. Es ist eines der 11 Begabtenförderungswerke der Bundesrepublik. Begabung, Leistung, Engagement - das fordert das Werk, um zu fördern. Namensgeber ist ein Gelehrter des späten Mittelalters, der sich unversell bildete und mit Leidenschaft Kirche und Gesellschaft gestaltete.

Besucher vor Kunstwerk (Foto: Tom Köhler, Hamburg) Besucher vor Kunstwerk *2 (Foto: Tom Köhler)

Doch sind nicht nur lärmende Installationen zu sehen, sondern auch filigrane oder raumgreifende Werke der jungen Künstler. Bilder verschiedener Stile haben ebenfalls ihren Platz. Wer sich einen Eindruck von jungen zeitgenössischen Künstlern verschaffen möchte, sei auf die Schau verwiesen.

*1 Ohne Titel; Romina Abate, Kassel

*2 Carry me home little bear; Thomas Taube

Kontakt zum Autor: hier

Link zur Ausstellung: hier

Fotostrecke: Hamburg in Abendfarben

Hamburg – Die Fotostrecke zeigt Hamburg und Umgebung im Morgen- und Abendlicht.

Die acht Fotos der Fotostrecke stammen aus dem Jahr 2009 von Tom Köhler. Sie können bei ihm käuflich erworben werden.

Kontakt zum Fotografen: hier.

Computer für Bedürftige

Am morgigen Sonnabend findet der Internationale Tag des Ehrenamts statt. Die Vereinten Nationen begehen ihn seit 1986 immer am 5. Dezember. Aus Anlass dieses Tages stellt der Autor eine Initiative aus Rahlstedt vor – die „Hamburger Computer Spende“. Sie gibt komplette Computersysteme kostenlos an Bedürftige weiter. Damit sollen diese Menschen auf dem Stand der Zeit bleiben und sich besser Arbeit suchen können.

Horst Matzen in seiner PC-Werkstatt des Vereins Hamburger Computer Spende. Fotograf: Thomas Köhler Foto: Horst Matzen in seiner Büro-Werkstatt in der heimischen Wohnung. (Thomas Köhler)

Hamburg-Rahlstedt – Es ist ein regnerischer Abend, „bestes Hamburger Schmuddelwetter“, nennen das die Hanseaten von der Elbe. Ein Hochhaus in Rahlstedt steht etwas verloren zwischen mehreren Viergeschossern. Ein junger Mann betritt das Haus, fährt im Fahrstuhl nach oben. Er trägt eine Tasche bei sich, sucht eine Tür, die Wohnungstür der Familie Matzen. Er findet sie schnell, denn sie ist eingerahmt von Computergehäusen mit der Aufschrift Schrott, und ein bemaltes Waschbrett verkündet, wer hier wohnt.

Horst Matzen, der Hausherr öffnet, begrüßt den Mann. Sie beschauen sich gemeinsam den Inhalt der mitgebrachten Tasche: Ein Notebook, diverse Computerprogramme, Kabel, Computermaus, Bedienungsanleitung – schöne Bereicherung für die Sammlung von Horst Matzen. Er betreibt die „Hamburger Computer Spende“, vormals „Hamburger Computer Tafel“. Der gemeinnützige Verein versorgt Menschen, die es sich nicht leisten können, mit einer kompletten Computeranlage, inklusive Drucker und Lautsprechern, zum Nulltarif. Die Geräte stammen aus Spenden von Privatpersonen und Unternehmen. Horst Matzen (57) repariert die Geräte, rüstet sie auf, macht sie WindowsXP-fähig und gibt sie auf Antrag an Bedürftige ab. Seine Ehefrau Angelika (52) verwaltet die Anträge, managt den Papierkram.

Trotz eigener Bedürftigkeit Hilfe für andere Menschen

Der junge Spender wird nach der Übergabe der Geräte mit freundlichen Worten verabschiedet, das Notebook und die anderen Mitbringsel werden von Matzens erst einmal im Flur abgestellt – auf einer Galerie von Computern. Überall in der Wohnung wartet Technik darauf, instand gesetzt zu werden. Trotz der Platznot in ihrer Wohnung haben sich die Matzens ihr sonniges Gemüt erhalten. Sie sind gastfreundlich, bitten Besucher in die Stube. Sie erzählen ihre Geschichte, ihre Geschichte von Hartz-IV. Denn sie leben selbst von dieser staatlichen Transferleistung, dem Schreckgespenst des Bürgertums. „Vor zwei Jahren haben wir uns entschlossen, das zu machen. Wir nehmen gebrauchte PCs aus der Bevölkerung an, machen sie XP-fähig.“ Die Bemühungen der Familie führten zu einem eingetragenen Verein, der betreibt die „Hamburger Computer Spende“. Horst Matzen: „Unsere Arbeit hat sich inzwischen überall herumgesprochen. Inzwischen haben wir 120 Menschen auf unserer Warteliste“. Sogar in der guten Stube stehen neben dem Fernseher Computer. Das Paradies für Technik-Freaks, wird zum Platzproblem. „Die Spendenbereitschaft der Hamburger ist enorm. 90 Geräte müssen noch nachgeschaut werden. Jeden Tag werden es mehr. Eine Hamburger Firma hat uns auf einen Schlag 80 PCs zur Verfügung gestellt und versprochen, dass immer wieder welche nachkommen“.

Computerstapel in der Wohnung von Horst Matzen. Fotograf: Thomas Köhler Foto: Die Computer stapeln sich in der kleinen Wohnung. (Thomas Köhler)

Entsorgung ein Problem

Inzwischen hat der Verein bei einem befreundeten Handwerker einen Kellerraum angemietet, um die vielen Geräte überhaupt unterzubringen. Horst Matzen ist umtriebig, hat sich an eine große Wohnungsgesellschaft gewandt und um Unterstützung gebeten. Denn es sind nicht nur die Räumlichkeiten für die Lagerung, sondern auch für die Schulung nötig. Der Verein bietet seinen Mitgliedern Kurse an, die dazu dienen, sich in der für sie gewöhnungsbedürftigen Materie Computer und Internet besser zurechtzufinden. „Die Bedürftigen müssen nicht Mitglied des Vereines sein, wir Verlangen nur den Nachweis der Bedürftigkeit – also den Hartz-IV-Bescheid zum Beispiel“, so Matzen. „Wer möchte, kann gern für zwei Euro im Monat Mitglied werden. Dann besteht auch die Möglichkeit, unter Anleitung seinen PC selbst zu reparieren“. Der Platzmangel, so Familie Matzen, rührt auch aus einem anderen Grund. Durch die große Anzahl an auseinandergenommenen Geräten ist ihm eine private Entsorgung in Recyclinghöfen problematisch.

Ausweitung nach Kiel geplant

Zwischen den aufgetürmten Gehäusen spazieren Kater und Katze. Das Büro, das auch Werkstatt ist, ist vollgestopft mit Technik und Ordnern. Zwei Arbeitsplätze mit Computern und Regale mit ungezählten ausgebauten Komponenten. Ein mehrtüriger Schrank bewahrt die kostbaren Ersatzteile in Kisten und Schachteln auf. Horst Matzen kann sich genau genommen nicht richtig rühren. Es ist ein Wunder, auf welch geringer Fläche dort gearbeitet wird. Die Matzens wollen diese Art der Hilfe für Bedürftige auf das ganze Bundesgebiet ausdehnen. Eine Kieler Vertretung ist schon in Planung. Tochter und Schwiegersohn sollen die dortigen Bedürftigen der Stadt und Umgebung mit den aufgerüsteten und reparierten Geräten versorgen.

Wissen selbst angeeignet

Matzen ist in Sachen Computerreparatur ein Quereinsteiger, eigentlich ist er gelernter Sanitärinstallateur von Beruf. Sein erster PC gab prompt nach Ablauf der Garantie den Geist auf. Eine Woche, so Matzen, habe er nach der Ursache gesucht – und sie gefunden. Das war der Anfang seiner Leidenschaft für Bits und Bytes. Damals, in den 1980er Jahren, besaß er noch einen C 64, der erste Mode-PC für daheim. „Wenn ich heute wieder so einen bekäme, wäre ich sehr froh“, sagt er mit etwas Wehmut. Sein heutiges Wissen hat er sich über die Jahre selbst angeeignet – ist „firm bei Hard- und Software“, sagt er. Und all seine Arbeit werde entschädigt, wenn er und seine Frau in die leuchtenden Augen der Empfänger der Computer schauen können. Doch die Wartelisten seien inzwischen lang. Ein Viertel Jahr Wartezeit müssten die Interessenten aufbringen. Deshalb könnte Matzen noch jemanden gebrauchen, der sich um die peripheren Aufgaben kümmert. Doch es gibt bisher niemanden, der sich intensiv für andere einbringen möchte.

Karen F. aus Norderstedt an ihrem PC, den sie von Horst Matzen bekommen hat. Fotograf: Thomas Köhler Foto: Karen F. hat einen neuwertigen PC von Horst Matzen erhalten. (Thomas Köhler)

Dank Internet mehr Chancen bei der Arbeitssuche

Eine der Beschenkten ist Karen F. aus Norderstedt. In einem kleinen Zimmer ihrer Wohnung steht die Anlage des Vereins aus Rahlstedt. „Ich sah den Aushang beim Amt“, so die Hartz-IV-Empfängerin, „und hab’ da angerufen. Ich konnte gar nicht glauben, dass es die Computer kostenlos gibt.“. Sie trinkt einen Kaffee und freut sich, dass es Menschen wie die Matzens mit ihrem Verein gibt. Ihre Kinder sind fast alle aus dem Haus, nur der Jüngste ist noch bei ihr. Das hat Konsequenzen. Sie muss sich nun eine kleinere Wohnung suchen und Arbeit suchen. „Wo kann man da besser gucken, als im Internet?“, sagt sie. „Deshalb hab’ ich mich so gefreut, als Herr Matzen schon drei Wochen nach meiner Anfrage anrief.“ Dann musste sie eine Transportgelegenheit organisieren, um die Geräte nach Hause zu bringen. Nun steht eine moderne Anlage bei Familie F. – dank der Bemühungen der rührigen Familie Matzen, die trotz eigener Not für andere Menschen da ist – ehrenamtlich.

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Busch-Ausstellung eröffnet

Busch-Illustration, Fotograf: Thomas Köhler, Hamburg Foto: Illustration von Wilhelm M. Busch (Thomas Köhler)

Hamburg-Bergedorf – Eine Ausstellung zum 100. Geburtstag von Wilhelm Martin Busch ist gestern im Bergedorfer Schloss von Museumsleiter Dr. Olaf Matthes eröffnet worden. Noch bis zum 28. Februar können in der Schau die Werke des Hamburger Illustrators, Zeichners und Lehrers, der 1987 verstarb, besichtigt werden. Die Ausstellung ist eine umfangreiche Schau aus verschiedenen Schaffensperioden Buschs. Skizzen, farbige Szenen aus dem Leben sowie Porträts von bekannten Personen, wie dem Clown Charles Rivel, spannen einen großen Bogen. Die Retrospektive ist Höhepunkt einer Ausstellungsreise seiner zahllosen Zeichnungen im nord- und mitteldeutschen Raum.

Vor der Eröffnung am Donnerstagabend sorgte die Entdeckung einer aufmerksamen Kunstkennerin für Heiterkeit. Sie wies darauf hin, dass ein Bild aus dem Zyklus Stierkampf in der Ausstellung verkehrt herum hing. Die Schwerelosigkeit des Bildes lies allerdings durchaus diese Interpretation zu. Die Aussteller behoben den Fehler umgehend.

Stierkampf von Wilhelm M. Busch verkehrt herum, Fotograf: Thomas Köhler   Stierkampf von Wilhelm M. Busch richtig herum, Fotograf: Thomas Köhler Stierkampf von Wilhelm M. Busch, links: verkehrt, rechts: richtig. (Thomas Köhler)

Busch war sorgender Lehrmeister

Gudrun Hildebrandt, Textilrestauratorin am Museum für Hamburgische Geschichte, ließ die Anwesenden in einer kurzen Rückschau an ihren Erlebnissen mit dem Künstler teilhaben. Als Studentin lernte sie Busch Anfang der 1970er Jahre kennen, lobte den Menschen Wilhelm M. Busch. Doch nicht nur zu seinen Schülern, auch zu seinen Modellen habe er ein inniges Verhältnis gepflegt. „Haste auch warm genug?“, zitierte Hildebrandt den stark berlinernden Busch, der sich um ein damals anwesendes Aktmodell sorgte. Busch sei immer auch der fordernde Lehrer gewesen, der seine Studenten zu genauem Hinsehen anhielt. Er monierte den Erfinder des Radiergummis. Der, so Hildebrandt, gehöre erschossen, seien starke Worte Buschs gewesen, der sich ansonsten liebevoll und geduldig bemühte, aus seinen Schülern präzise Beobachter zu machen.

Clownzeichnung von Wilhelm M. Busch, Fotograf: Thomas Köhler  Foto: Clownzeichnung von Wilhelm M. Busch (Thomas Köhler)

Menschen haben in Buschs Zeichnungen die Hauptrolle

Professor Bernd Küster, Direktor der Museumslandschaft Hessen aus Kassel berichtete von seinem Freund: „Busch kam aus einer Epoche in der die bildende Kunst allen Ansprüchen genügen musste. Menschen hatten in seinen Zeichnungen und Skizzen immer die Hauptrolle inne. Busch unterstellte der menschlichen Natur nie etwas Schlechtes.“ Der Zeichner habe trotz seiner fortschreitenden Gebrechlichkeit bis ins hohe Alter alle Aufträge bereitwillig angenommen, erledigte sie stets mit höchster Aufmerksamkeit. Er erfüllte, so Küster, „die noble Aufgabe der Illustration stets gewissenhaft“. Dabei habe Busch in seinem viel zu kleinen Arbeitszimmer über der Elbe am Süllberg in Hamburg-Blankenese rauchend an seinen Zeichnungen und Skizzen gearbeitet.

Ermöglicht hat diese Ausstellung maßgeblich das Wilhelm-M-Busch-Archiv, ansässig in Hamburg-Wandsbek. Dessen Leiterin Ursula Müller stellte eine Auswahl aus mittlerweile über 40.000 Zeichnungen und Skizzen zur Verfügung. Geöffnet ist die Retrospektive außer montags und freitags von 10 bis 17 Uhr. Der Eintrittspreis beträgt 3 Euro, ermäßigt 1,50 Euro.

Zum Internetauftritt des Wilhelm-M-Busch-Archivs: hier.

Kontakt zum Autor: hier.

Fotos: Schwedisches Königspaar besuchte Hamburg

Hamburg – Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Schwedischen Handelskammer in Deutschland besuchte das schwedische Königspaar die Hansestadt. Zum Gala-Dinner im Hamburger Grand Elysee Hotel empfing der erste Mann der Stadt, Ole von Beust, König Carl-Gustav und Königin Silvia.

Die drei Fotos der Fotostrecke stammen von Marcus Schmidt. Sie können bei ihm käuflich erworben werden.

Kontakt zum Fotografen: hier.

Die eigene Geschichte erkunden

Dieter Thiele zeigt in der Barmbeker Geschichtswerkstatt Kraniche, Arbeiterkämpfe und das Überleben von jüdischen Mitbürgern des Stadtteils.

Dieter Thiele am Schreibtisch. Fotografin: Frauke Franckenstein Foto: Dieter Thiele zeigt ein SPD-Wahlplakat von 1946. (Frauke Franckenstein)

Hamburg-Barmbek – Manchmal sind es kleine Dinge wie ein Metallkästchen, die ein Schlaglicht auf Dieter Thieles Arbeit werfen. Ein Kästchen, das das Unausgesprochene in einer Familie im Hamburger Stadtteil Barmbek symbolisiert. Dieter Thiele sitzt am Tisch der Geschichtswerkstatt Barmbek, Ecke Wiesendamm/Hufnerstraße. Das Mobiliar ist alt und spartanisch, aber das spielt keine Rolle hier. Viel wichtiger sind die Bücher und Schriftstücke, die Fotos und Bildtafeln. Und, im Nebenzimmer der ehemaligen Konditorei, die Handwerkszeuge, die zur anschaulichen Darstellung von Barmbeker Alltagsexistenzen führen: Tonbandgeräte, Fotokameras, Computer.

Erinnerungen einer Jüdin in einem Kästchen

“Die Geschichte mit dem Kästchen hat mich sehr berührt”, erinnert sich Dieter Thiele. Darin hatte eine alte Barmbeker Jüdin die paar Dinge aufbewahrt, die von ihrer Familie übrig geblieben waren. Ihre Angehörigen waren während des Dritten Reichs fast alle umgebracht worden. “Sie hat das Kästchen in Anwesenheit ihrer Kinder nie geöffnet”, sagt der 74-Jährige. “Und wenn sie außer Haus war, sind die Kinder an das Kästchen gegangen. Aber sie haben niemals miteinander darüber gesprochen.” Das Unsagbare wollte die über 80-Jährige dann aber doch noch mitteilen, Außenstehenden, den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt. “Kurz vor ihrem Tod hat sie uns einbestellt, um zu Protokoll zu geben, was sie in der NS-Zeit erlitten hat”, erzählt Thiele, “ihre Kinder haben aus der Transskription dieses Interviews Dinge erfahren, die ihre Mutter ihnen nie erzählt hat.”

Nicht mal eine halbe Planstelle

Mosaiksteine von Barmbeker Schicksalen. Über den „Skurrilen Garten“ zum Beispiel hat die Geschichtswerkstatt 1997 eine Broschüre gemacht. Und über dessen Gestalter Herrn F. Am ehemaligen Wendebecken der Schiffbauversuchsanstalt hatte er mit überbordender Fantasie, Humor und Schaufensterdekorationsstücken seine Parzelle zu einem Kunstwerk gemacht, das die Mitarbeiter der Barmbeker Werkstatt an die Dschungelbilder von Henri Rousseau erinnerte.

Dieter Thiele und Werkstattkollege Harry, Fotograf und Gestalter, bereiten Barmbeker Geschichte als Angestellte des Trägervereins Heimatmuseum und Geschichtswerkstatt Barmbek “mit jeweils nicht mal ’ner halbe Stelle auf”, so Thiele. Ihnen zur Seite stehen Kollegen wie Christian und Petra mit Zwei-Jahres-Verträgen beim Hamburger Trägerverein Arbeit und Lernen. Petra zum Beispiel transskribiert Interviews – zehn Finger blind. Ansonsten ein Vollzeitjob für den 74-jährigen Dieter Thiele. Er hat auffällig dunkle Schatten unter den Augen. Da er keine Familie hat, ist die Geschichtswerkstatt “ein bisschen wie mein Kind geworden”. Er arbeitet Geschichts-Spaziergänge aus, führt sie zum Teil selbst, bereitet Ausstellungen vor und berät Bürger, die etwas über die Geschichte ihres Hauses oder über größere Zusammenhänge wissen wollen. Die Geschichtswerkstatt hat über die Jahre ein umfangreiches Text- und Bildarchiv aufgebaut – ein Spezialarchiv für Barmbek. “Hier findet man gesammelt, was man sich sonst erst aus allen möglichen Archiven zusammensuchen muss – oder eben gar nicht findet, weil’s aus Privatquellen stammt”, so Thiele.

Videofilm über Niedergang einer Fabrik produziert

Ans Aufhören denkt Dieter Thiele trotz seines Alters nicht: “Menschen dazu zu bewegen, die eigene Geschichte zu erkunden, erscheint mir nach wie vor erstrebenswert.” Ideal sei, dass es mit einer Rückschau auf den Arbeitskampf der Hamburger Metaller um den Untergang der Barmbeker Werkzeugmaschinenfabrik Heidenreich & Harbeck gelungen ist zu zeigen, wie sie 1976 vom Gildemeister-Konzern aus Bielefeld heruntergewirtschaftet wurde. “Wir haben einen alten Film, der darüber gedreht worden war, zur Erinnerung noch mal gezeigt – und zur Aufführung sind erstaunlich viele alte Metaller aus ganz Hamburg gekommen. Die haben daraufhin einen Arbeitskreis gebildet, um ihre Sicht der Vorgänge festzuhalten.” Mit finanzieller Beihilfe der Kulturbehörde entstand daraus ein großer Videofilm: Gewinner waren wir nicht – aber wir haben gekämpft!

Als Berliner in Barmbek heimisch geworden

Auf Umwegen hat sich der gebürtige Berliner Thiele – der noch immer berlinert, obwohl er in Hamburg bereits Abitur gemacht hat – seiner Berufung genähert. Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte verließ er seinen unrsprünglich eingeschlagenen Weg ins Lehramt und Universitätskarriere und “geriet  auf ganz niedriger Ebene in die Politik”. Streitbar war er. Beim Winterhuder Veranstaltungszentrum Goldbekhaus, das er mit aufgebaut hatte, schied er deshalb aus; ebenso aus der SPD, als unter Kanzler Helmut Schmidt der Nachrüstungsbeschluss gefasst wurde. “Heute sehe ich manches vielleicht anders”, kommentiert er, “aber damals war es für mich ein Grund, auszutreten.”

Über eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme half Dieter Thiele beim Aufbau des Barmbeker Museums der Arbeit, und als die Bürgerbewegungen der späten 1970er und frühen 80er Jahre sich in Hamburg der “Geschichte von unten” annahmen und die ersten Geschichtswerkstätten in den Stadtteilen eröffneten, zählte er zu den Gründungsmitgliedern der Geschichtswerkstatt Barmbek. “In Hamburg hatten wir das Glück”, erinnert sich Thiele, “dass Kultursenator von Münch sich persönlich für unsere Arbeit interessierte und als Zweiter Bürgermeister 1990 die Einrichtung eines eigenen Haushaltstitels für die Geschichtswerkstätten durchsetzte – einzigartig in Deutschland.” Im Laufe der Zeit wurden allerdings die Haushaltsmittel in der Hansestadt knapp, und die Gunst der Regierenden wechselte. Heute muss die Geschichtswerkstatt mit der Hälfte des früheren Etats auskommen. Das bedeutet sorgfältige Planung und vollen Einsatz, um ein qualitatives Programmangebot aufrechtzuerhalten.

Dieter Thiele am Schreibtisch. Fotografin: Frauke Franckenstein Foto: Dieter Thiele an seinem Schreibtisch. (Frauke Franckenstein)

Kanalfahrten und Spaziergänge bringen Publikum

Zum Renner haben sich die Kanalfahrten entwickelt, bei denen jeweils drei Mitarbeiter 26 Fahrgästen auf dem kleinen Schiff “Aue” das heutige Barmbek vom Wasser aus zeigen und frühere Zustände mit Hilfe von Bildtafeln verdeutlichen. “Das Interesse daran ist trotz des hohen Preises von 18 Euro so groß, dass wir glatt doppelt so viele veranstalten könnten – trotzdem setzen wir bei jeder Fahrt mindestens 100 Euro zu.” Regen Zulauf haben auch die literarischen Spaziergänge, die den bundesweit bekannten Lebensgeschichten gebürtiger Barmbeker folgen: “Auf den Spuren der Bertinis” nach dem Roman von Ralph Giordano und “Neger, Neger, Schornsteinfeger” nach der Autobiografie des Deutsch-Liberianers Hans-Jürgen Massaquoi.

Bei den übrigen Touren ist das Interesse der Besucher schwankend, obendrein vom Wetter abhängig. Dieter Thiele ist bei jedem Wetter gründlich vorbereitet zur Stelle. Und erlebt gelegentlich, wie neulich zur Tour “Kunst im Barmbeker Stadtraum”, dass sich nur eine einzige ältere Dame einfindet. Immerhin: Der Rundgang “Barmbek basch – vom Leben des Proletariats” erfreut sich mittlerweile steigender Beliebtheit. “Vielleicht hängt das ja damit zusammen, dass Proletariat wieder ein Thema ist, auch wenn es heute Prekariat genannt wird.“

Ihr Publikum erreicht die Barmbeker Geschichtswerkstatt über ihr Programmheft, Ankündigungen im regionalen Wochenanzeigenblatt und, ganz zeitgemäß, übers Internet. Den meisten Menschen im Stadtteil, glaubt Dieter Thiele, ist die Geschichtswerkstatt allerdings durch den sogenannten Geschichtspfad bekannt geworden: Bildtafeln im Straßenbild machen Passanten auf Orte mit Bedeutung aufmerksam. Zum Beispiel auf die schönen Kranich-Skulpturen des Bildhauers Hans-Martin Ruwoldt in der Genossenschaftssiedlung an der Hufnerstraße. “Es muss erwähnt werden, dass vom historischen Barmbek wenig übrig geblieben ist. In einem einzigen nächtlichen Luftangriff vom 29. auf den 30. Juli 1943 wurde vor allem der Süden so stark verwüstet, dass dort schwer vor Augen zu führen ist, wie’s mal aussah”, so Thiele.

Menschen helfen kontinuierlich beim Ausbau der Geschichtswerkstatt

Gelegentlich kommen auch Bürger mit historischen Funden von Dachböden und aus Kellern zum Wiesendamm. Dieter Thiele präsentiert zwei hölzerne handbemalte Schilder aus dem ersten Hamburger Wahlkampf 1946 nach dem Zweiten Weltkrieg. Olga Brandt-Knack, einstmals Ballettmeisterin der Hamburger Staatsoper, die seinerzeit darauf für die SPD kandidierte, hatte er noch persönlich kennengelernt, “deswegen fand ich die Schilder besonders interessant”.

Immer wieder sind es die Menschen, die Barmbeks Geschichte anschaulich machen. Über Heinz D., der öfters in der Geschichtswerkstatt auftauchte und die Mitarbeiter mit Zaubertricks verblüffte, hat Dieter Thiele ein anrührendes kleines Buch geschrieben: “Ich fand sein Leben außergewöhnlich. Nach einer Kindheit jenseits aller Normen des proletarischen und kleinbürgerlichen Milieus wurde er wegen seines auffälligen Verhaltens während der NS-Zeit als sogenannter Gemeinschaftsschädling eingestuft. Nur durch Zufall gelang es ihm, aus einem Bewährungsbataillon in Nordafrika zu desertieren. Aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft brachte er dann sein lebenslanges Interesse an Kultur, Film, Theater, Kabarett und eben am Zaubern mit. Heinzi – den mochte ich gern.”

Kulturbehörde fordert Rechenschaft

Dieter Thiele hat nun keine Zeit fürs Interview mehr, muss sich anderen Aufgaben zuwenden. Die Kulturbehörde lässt zum Beispiel derzeit auch die Arbeit der Hamburger Geschichtswerkstätten evaluieren, um sie zeitgemäß aufzustellen, wie es dort heißt. Da gilt es standardisierte Fragebögen auszufüllen, “auch wenn sie mit der lebendigen Wirklichkeit nicht immer was zu tun haben”.

Wenn dann, neben der Lektüre von Fachliteratur, noch etwas Zeit bleibt, liest Dieter Thiele zu Hause Bücher. Zum Beispiel Marie Luise Kaschnitz’ Beschreibung eines Dorfes, “mit all der Melancholie und Trauer über die zerstörerischen Veränderungen”. Oder Dacia Marainis Bagheria – Eine Kindheit auf Sizilien. “Die schildert mit Bitterkeit und Wut, was in den Nachkriegsjahrzehnten durch die hemmungslose, mafiagelenkte Bebauung aus ihrer Heimat geworden ist.” Ein ganz anderes Sizilienbild als bei dem Barmbeker Ralph Giordano, für den Sizilien durch seinen Großvater zur ideellen Heimat geworden sei.

Kontakt zur Autorin: hier.