Archiv der Kategorie Hamburg
Die Rolle Deutschlands in einer sich wandelnden Weltwirtschaft
21.1.2012 von Tom T. Köhler.
Im Forum Bundesbank der Niederlassung Hamburg stand der Jahresauftakt der Veranstaltungen am 16.01.2012 unter diesem Thema. Enormes Interesse durch die Hamburger bestätigte die Organisatoren in der Fortsetzung der erfolgreichen Reihe.
Am 01.01.2012 gab es ein Jubiläum: 10 Jahre Euro-Bargeld. (Einen Link dazu finden Sie hier.) Ganze 71500 Tonnen Euro-Münzen wurden seit dem in Umlauf gebracht. Die Menge der Banknoten stieg von damals 200 auf über 800 Milliarden Euro. Doch Geld ist nicht alles. Wo steht Deutschland heute im größten Wirtschaftsraum der Welt? Wohin geht die Reise des Euros? Antworten darauf gab ein profunder Kenner der Materie: Carl-Ludwig Thiele, seit Mai 2010 Mitglied des Vorstandes der Bundesbank und zuständig für die Bereiche Bargeld sowie Zahlungsverkehr und Abwicklungssysteme. In seinem Vortrag erlaubte er einen Blick in die Arbeit der Bundesbank und schilderte seine Sicht auf die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands und Europas.
Lassen Sie sich nicht schlecht reden!
Deutschland stellt ein Prozent der Weltbevölkerung, ist jedoch viertstärkste Wirtschaft der Welt – und sie wächst weiter. Doch leider, so Thiele, „können wir uns über uns selbst gar nicht freuen“. Mehr Mut, optimistisch sein und eine bessere Selbstwahrnehmung fordert Thiele. Aus Kris(ch)en wird in Deutschland schnell eine langandauernde Rezession – so scheint es, betrachtet der interessierte Bürger die Medien. Das beklagt auch der Vorstand der Bundesbank. „Wir nehmen nicht wahr, wer wir sind und wofür wir stehen!“ Dazu kommt, dass Deutschland in der EU 27 (derzeitige Mitgliedsstaaten) im größten Wirtschaftsraum der Welt agiert. Bei allem Blick gen Osten in die aufstrebenden Wirtschaftsnationen, wie China als auch über den großen Teich zu den USA, wird die Kraft und Größe der EU 27 gern übersehen. Damit soll der Ernst der Lage nicht kleingeredet werden. Sicher gibt es europaweit politischen und wirtschaftlichen Handlungsbedarf. Doch mediales „bad news are good news“ dient dem nicht, so Thiele.
Carl-Ludwig Thiele, Deutsche Bundesbank
Rückblick und Ausblick
Einbrüche im Wachstum der Wirtschaft haben stets unmittelbare Folgen. In 2009 schrumpfte das Wachstum um 5 Prozent, einzelne Branchen und Regionen erfuhren aber durch die Krise Einbrüche von bis zu 90 Prozent. Es sah zu dem Zeitpunkt nicht danach aus, dass Besserung in Sicht ist. Thiele dazu: „Auch ich kann keine Vorhersagen machen. Wir wissen am Anfang eines Jahres nicht, wie es sich entwickelt. Aus einem schlechten Start eine düstere Prognose zu erstellen, ist aber nicht richtig.“ Sein optimistischer Blick auf die Dinge lässt auch das Publikum aufmerksam zuhören. Das nunmehr vierte Jahr der Krise, ein stetig steigender Schuldenberg – da vergeht auch dem besten Optimisten das Lachen. Doch gibt es auch andere Zahlen. Innerhalb von 12 Monaten sank die Staatsverschuldung Deutschlands von über 83 auf 79 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Ein erneutes Wachstum trotz moderater Inflation lässt den Einbruch langsam hinter sich. Thieles Meinung dazu: „Es gibt ein Auseinanderdriften von Meinung und Lage!“ Eine Stimmung, die erzeugt und befeuert wird, kann sich zu einer selbstverstärkenden Abwärtsspirale entwickeln. Ein klarer Blick auf die realen Entwicklungen und Vergleiche mit anderen Wirtschaftsräumen / -nationen spricht für seine positive Sicht.
Guter Euro – Schlechter Euro?
Der Euro ist inzwischen zu einer Welt-Reservewährung geworden. In unsicheren Zeiten flüchten Anleger nicht nur in Gold oder Immobilien. Mit den USA und ihrem Dollar halten die Europäer zusammen 90 Prozent der Reserve bei Anlegern. Erst danach kommen abgeschlagen Pfund und Yen. Zu seinem zehnten Geburtstag (als Bargeld) ist der Euro preisstabil und interessant für Anleger. Doch an einer gedeihlichen Entwicklung sind noch mehr Faktoren beteiligt. Banken, so Thiele, brauchen umgehend eine höhere Kapitalisierung, um Ansteckungseffekte a la Lehman Brothers zu vermeiden. Für einen stabilen Euro bedarf es tragfähiger Staatshaushalte. Wenn Stabilitätspakte aufgeweicht oder von Sanktionen entbunden werden, sind die nutzlos. Disziplin, strikte Auflagen und automatische Strafen sind notwendig.
Besucher Forum Bundesbank (alle Fotos: Tom Köhler, Hamburg)
Spannende Fragerunde
Zum Ende des Vortrages gab es für die zahlreichen Besucher die Möglichkeit, Antworten aus berufenem Mund zu bekommen. Fragen, die das überwiegend ältere Publikum bewegten: Was wird aus Griechenland? Ist eine Ausweitung des Rettungsfonds sinnvoll? Gibt es in zehn Jahren den Euro noch? Carl-Ludwig Thiele war bei keiner Frage verlegen. Rettungsfonds kaufen nur Zeit, kein Vertrauen. Doch dieses, so Thiele, ist zwingend notwendig, um die Märkte zu beruhigen. Griechenland hat mit kreativer Buchführung seinen Beitritt zur Eurozone herbeigeführt. Die Griechen sehen es natürlich anders. Doch ihre Politik und das Steuerwesen haben zum Dilemma geführt. Eine Schuldenbremse gab es nicht. Einzige Exportgüter, so scheint es, sind Oliven und Tourismus. Ein Schuldenschnitt wird kommen, ob er das Land damit weiter im Euro hält, ist fraglich. Natürlich wird es den Euro in zehn Jahren noch geben. Eine negative Antwort wäre nach diesem Vortrag auch nicht von Thiele zu erwarten gewesen. Die Aufgaben der Bundesbank als Hüterin der Währung vertritt er in seinem Ressort ebenfalls. Sein Credo: Solidität geht vor Solidarität. Es bleibt also interessant im Forum Bundesbank Hamburg. Die nächste Veranstaltung ist am 12.03.2012 zum Thema der Stabilität des europäischen Finanzsystems.
Kontakt zum Autor hier
Geschrieben in Wirtschaft (EU), Politik aus Europa, Wirtschaft (D), Bundespolitik, Hamburg | Drucken | Keine Kommentare »
Vermögen ist mehr als nur Geld – was motiviert Menschen, zu geben?
12.12.2011 von Tom T. Köhler.
Eine Veranstaltung der Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik im Business Club Hamburg. Philanthropisches Handeln entsteht nicht von allein. Was bewegt Menschen und Mäzene dazu? Ist Vermögen auch Zeit, Wissen, Engagement? Spannende Fragen und interessante Gäste auf dem Podium.
7 Thesen für eine neue Vermögenskultur
Zu Beginn führte Dr. Knut Bergmann in das Thema ein. Als Fellow der Stiftung Neue Verantwortung trug er sieben Thesen für eine neue Vermögenskultur vor. Die haben es in sich. Reich sind nicht nur die anderen. Reich ist jeder Mensch, nicht immer im materiellen Sinne. Wissen, Zeit und Engagement können in der Gesellschaft ebenso wirken und ein lebendiger Beitrag zum Gemeinwohl sein. Die Vermögenskultur braucht Vorbilder. Es ist notwendig, dass sich Menschen mit ihren guten Taten – und dem eingesetzten Geld - in das Licht der Öffentlichkeit stellen. Gerade das Hamburger Understatement gebietet Hilfe abseits der Medienöffentlichkeit. Es gehört zum „guten Ton“. Doch schlägt dieses Verhalten zurück auf die Menschen, die zum „guten Tun“ motiviert werden sollen. Wenn „die da oben“ nichts für „die da unten“ tun, warum soll ich mich dann engagieren? Bergmann: „Sozialstaatslastige Biografien sind keine Antreiber“. Sie fördern auch nicht die Schwarmintelligenz. Schwarm-Verantwortung muss erst wieder erlernt werden. Wozu soll ich geben, wenn Vater Staat alles regelt?
Schmidt, Steinberg Boysen, Krämer, Bergmann
Denn sie wissen, was sie tun
Eine Runde auf dem Podium, die symptomatisch für ein neues Denken in der Gesellschaft ist: Peter Krämer (Reeder und Großspender), Christian Steinberg (Stifter) und Dr. Wolf Schmidt (Anstifter). Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Jacqueline Boysen. Vermögen ist mehr als Geld, wie sehen die guten Werte aus? Krämer: „Ist Staates Kasse leer, privates Engagement muss her.“ Doch so einfach ist es nicht. Die private oder privatwirtschaftliche Hilfe darf kein Ersatz für Staatsaufgaben sein. Er darf sich nicht aus der Verantwortung drücken, sobald sich Mäzene und Großspender einem Problem annehmen. „Der Staat muss elementare Aufgaben wahrnehmen. Dafür sind Steuern da!“ und weiter „Die Spaltung geht so nicht mehr weiter! Die reichste Stadt Deutschlands hat die größte Kinderarmut.“ Krämer ist sauer. Steinberg sekundiert: „Vieles läuft nicht mehr so, wie es soll. Der große Umfang vieler Spenden wird nicht mehr honoriert.“ Doch sind die beiden Herren einer kleinen Gruppe zugehörig. Ihnen ermöglichte die Bundesrepublik einen wirtschaftlichen Aufstieg, der in seiner Größe auch große Spenden zulässt. Die Masse der Spenden sind aber kleine und Kleinstspenden. Und Geld allein macht auch nicht glücklich.
Wir brauchen eine neue Anerkennungskultur
Laut Krämer sind es in der Bundesrepublik ca. 23 Millionen Ehrenamtliche (über 14 Jahre), die sich in Sportvereinen, Hospizen oder der Feuerwehr engagieren. Eine gewaltige Zahl, gemessen an der Bevölkerungsgröße von etwas über 80 Millionen. Diese Menschen geben viel Lebenszeit, Kraft und auch Geld für gemeinnützige Zwecke. Ihr Wissen und Engagement ist ein geldwerter Teil der Hilfe in der Gesellschaft. Und die bedarf einer grundsätzlichen Anerkennungskultur. „Lasst uns ein rauschendes Fest feiern. Auf dem Rathausmarkt. Mit 30.000 Ehrenamtlichen!“ so Steinberg. Es ist tragisch, so Bergmann, „wie wenig verstanden wird, was es heißt, Gutes zu tun!“ Orden sind da nicht die erste Wahl. Und Treff(ch)en beim Bundespräsidenten einmal im Jahr auch nicht. Nochmals Steinberg: „Orden sind Mist!“ Man spürt, wie ihn der Unverstand der öffentlichen Hand ärgert. Helfen muss normal werden. Solange wir staunend davor stehen, ist es unnormal. Vielleicht kann Deutschland, traditionell mit den USA verbunden, auch auf diesem Gebiet etwas von den Menschen dort lernen. Sozialarbeit, Engagement in Vereinen und Kirchen, öffentliche Spenden von Unternehmen – alles selbstverständlich. Und leider auch dort nötig.
Plangesche Villa, Business Club Hamburg (alle Fotos: Tom Koehler, Hamburg)
Dankeschön und Hilflosigkeit
Das Unvermögen der Vermögenslosen nennt Schmidt die Situation, in der Menschen in ihrer momentanen Situation nicht bereit sind, ihren Teil für die Gesellschaft zu tun. Gern sieht er die Starre gewandelt in ein Vermögen der Unvermögenden. Sie können in kleinen und kleinsten Schritten helfen. Und wenn sie das tun, soll ihnen auch klar sein, dass der Dank dafür auch freiwillig ist. Hilfe ist kein Geschäft, keine Rechnung, die man aufmachen kann. Wenn die Gesellschaft aber erkennt, was ihr an Werten entgegengebracht wird, wird sie sehr freiwillig dafür danken. Und dann weckt dies auch in den Menschen, die noch nicht so aktiv sind, den Wunsch nach Selbstwirksamkeit. Ihre Tat, ihr Engagement bewirkt etwas und sie sehen oder spüren es fast ohne Zeitverzug. Eine sehr direkte Art des Dankes. Ob es ein Händedruck ist, glänzende Kinderaugen oder eine lachende Seniorengruppe – der Dank ist vielfältig. Das Wissen über diesen Mechanismus macht Macht in den Köpfen derer, die über die gute Tat berichten. Und bei denen, die über die über die ökonomischen Mittel verfügen. Dann geht es nicht mehr um ein Foto mit dem Bundespräsidenten, sondern um eine ganze Gesellschaft, die verstanden hat, reagiert und sich in ihrer Gesamtheit für den Nachbarn, den Bedürftigen, den Benachteiligten engagiert. Bis das die Politik endlich verstanden hat, braucht es noch die Krämers und Steinbergs in der Bundesrepublik.
Kontakt zum Autor hier
Geschrieben in Bundespolitik, Hamburg | Drucken | 2 Kommentare »
CSR in Hamburg: Neue Verantwortung, oder schon längst an der Tagesordnung?
9.12.2011 von Tom T. Köhler.
In Fortsetzung einer Reihe zu Corporate Social Responsibility (CSR) lud die Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik am 06.12.11 in die Handelskammer Hamburg ein. Sind die Hanseaten Vorreiter im werteorientierten Wirtschaften? Können andere Unternehmen vom Hamburger Kaufmann noch etwas lernen?
Typisch hanseatisch
Hamburgs Handelskultur, das Bild eines ehrbaren Kaufmanns, hanseatisches Understatement – viele Analogien fallen dem Betrachter ein, wenn er Handel und Wandel der Hansestadt meint. Es schimpfte einst Heinrich Heine über die Pfeffersäcke, die Kaufleute, denen Geld durch den Handel mit Gewürzen in Strömen zufloss. In einer globalisierten Welt lässt sich noch mehr Geld verdienen, auch von Hamburg aus. Macht dies die Hanseaten nun zu größeren Pfeffersäcken? Oder nehmen Sie ihre Verantwortung ernst, handeln vorbildlich, verantwortungsvoll und nachhaltig? Diese spannenden Fragen stellte Moderatorin Susanne Kluge-Paustian an Andreas Bartmann (Globetrotter-Ausrüstungen), Inken Hollmann-Peters (Beiersdorf AG) und Cord Wöhlke (Bundikowski GmbH und Co. KG).
Werte? Werte!
Schnelle Fragerunde am Anfang ins Publikum. Welche Werte sind ihnen wichtig? Verbindlichkeit, Transparenz, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Vertrauen, Ethik, Rechtschaffenheit. Das sind eine Menge harter Fakten, denen sich die drei Gäste stellen mussten. Doch, so Cord Wöhlke, ist es das Wichtigste, dies auch zu leben. „Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein!“ Es ist die große Motivation, der Antrieb und die Chance, als Unternehmer etwas bewegen zu wollen. Das Publikum nimmt ihm diese Einstellung ab. Budni, wie die Hamburger sagen, ist eine der ganz großen Marken der Hansestadt. Als Drogeriemarkt in den 50ern gestartet, hat das Unternehmen heute über 140 Filialen. Neben den gängigen Produkten wurde eine eigene Linie aufgebaut, die dem nachhaltigen und ökologischen Wirtschaften gerecht wird. Die Sicht der Dinge wird offenbar, als es um Definitionen geht. Inken Hollmann-Peters spricht in ihren Berichten über die Arbeit von Beiersdorf von Kosten. Wöhlke hält gegen: „Das sind Investitionen!“ Er lebt seine Vision von einem anderen Wirtschaften und dem verantwortungsvollen Umgang mit Mitarbeitern. Werden diese gefragt, warum sie zu Budni wollen, kommen als Antworten vor allem das Weiterbildungsangebot und das soziale Engagement.
Balaceakt Corporate Social Responsibility (CSR)
Laut oder leise?
Corporate Social Responsibility wirft mehr Fragen auf, wenn die Auswirkung, die Außenwirkung betrachtet wird. Gerade den Hamburger Unternehmern und Stiftern gelingt nach Ansicht von Besuchern der Veranstaltung nicht immer, ihr gutes Tun auch herauszustellen. Doch da ist es wieder, das Hamburger Understatement. Es wird geholfen, unterstützt, finanziert, gebaut. Aber leise und effizient. Tue Gutes, und sprich nicht drüber. Auch Andreas Bartmann von lebt unternehmerisch eine Vision. Einen Teil auch öffentlich. Seine Mitarbeiter werden gefördert, wenn sie sich weltweit in Projekten engagieren. Sie bekommen dafür sogar bezahlten Urlaub. 64 Nationen stellen die Menschen, die bei und für Globetrotter arbeiten. Ein weltweiter Konzern, der auch weltweit Lieferanten hat. Mit der Konsequenz, dass bei den Partnern von Globetrotter ein permanentes Monitoring läuft. Bartmann selbst spricht mit den Geschäftsführern der Lieferfirmen. Er erfährt schnell, ob nur das Interesse besteht, mit den Produkten bei der Outdoor-Ausrüsterfirma gelistet zu werden. Oder „ob die Mitarbeiter in ordentlichen Räumen arbeiten, die Kantine sauber ist, die Bezahlung stimmt.“ Da hakt einer nach, schaut hin und kann damit etwas bewegen. Das ist weit mehr, als nur ein Projekt zu finanzieren oder eine Spende abzuliefern. Nachhaltiges Wirtschaften zieht Kreise, verändert längerfristig die Art des Handels, den Umgang mit Ressourcen und Mitarbeitern. Leitlinien für Lieferanten und die Chance auf Veränderung sorgen für einen neuen Umgang von Unternehmen. Werden Werte transportiert, werden eigene Messlatten auch an andere gelegt, entsteht bei Missständen der Druck, etwas zu ändern. Und die Chance, weiterhin gelistet, weiter Lieferant zu sein.
Podium Stiftung für Wirtschaftsethik
Ohne Moos nix los
Um Gutes zu tun, heißt es, gut zu wirtschaften. Ein Unternehmen muss sich um die Produkte, die Strategie und Liquidität sorgen. So werden Arbeitsplätze gesichert, entsteht verwendbares Vermögen für die gute Tat. Dem sind sich die Gäste auf dem Podium wohl bewusst. Nur ein gesundes Unternehmen kann es sich leisten, Geld, Ressourcen, Logistik oder gar Personal für gemeinnützige Zwecke bereitzustellen. Das Wirtschaften haben die Hamburger in Jahrhunderten gelernt. Die CSR in ein paar Jahren. Die Auswirkungen werden unsere Kinder oder Enkel spüren. Und sie können dann gar nicht nachvollziehen, warum ein Mann namens Heine so über die Hamburger herzog.
Um dem Thema CSR gerecht zu werden, organisiert die Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik gemeinsam mit der Hamburg School of Business Administration weitere Termine für Gespräche zu CSR: Am 27.03.12 in der Schnittke Akademie, am 21.06.12 in der Handelskammer, am 27.09.12 in der Akademie und am 04.12.12 wieder in der Handelskammer. Anmeldung per Mail erforderlich.
Kontakt zum Autor hier
Geschrieben in Wirtschaft (D), Hamburg | Drucken | Keine Kommentare »
Finanzplatz Hamburg: Occupy, Börsentag, Regionalwährung
6.11.2011 von Tom T. Köhler.
Hamburg - Ein Thema, drei Antworten: Wie geht es weiter mit der Weltwirtschaft, den Finanzen? Der 16. Hamburger Börsentag, traf auf Menschen der Occupy-Bewegung, die es nicht mehr länger hinnehmen wollen, dass „Bankster“ Milliarden verheizen. Gleichzeitig hat eine Hamburger Regionalwährung den Startschuss für ein anderes finanzielles Miteinander gelegt.
Über den großen Teich
Menschen in Amerika, die ein gänzlich anderes Sozialsystem als Deutsche haben, leben eher nach dem Motto „Machen!“. Der amerikanische Weg der persönlichen und wirtschaftlichen Entwicklung unterscheidet sich vom organisierten Leben mitten in Europa. Trotz einer hohen Toleranz bei sozialen Unterschieden – toll, der hat es geschafft – war auch bei den Amerikanern vor Kurzem Schluss mit lustig. Banker frönten dem Zins, verjubelten Millionen und Milliarden. Das brachte immer mehr Menschen auf die Straße: Occupy Wallstreet! Mit diesem Schlachtruf ging es gegen selbstgefällige, scheinbar unantastbare Manager und Geldhäuser. Ein Funke, der schnell auch auf Europa übersprang. Auch in Hamburg demonstrierten aufgebrachte Bürger gegen die Allmacht der Banken und ihrer Führungskräfte. Eine Diskussion ist im Gang, die vor wenigen Monaten so noch nicht denkbar war.
Der 16. Hamburger Börsentag
In der ehrwürdigen Hamburger Handelskammer trafen sich wieder einmal Handelshäuser, Banken und Anlage-Experten: Hochglanz, Messeflair, Nadelstreifen. Draußen die Demonstranten, die mit Schaden aus einer Anlage herausgegangen sind, mit schlechter Beratung, Lehman-Opfer. Doch dies ficht die Vertreter der Finanzwelt nicht an. Es wird angeboten, gelobt, gezockt, als gäbe es keine Finanzkrise und kein Griechenland. Im Saal eine Welt in dieser Welt. Zwischen Graphen und Zahlenreihen lebt es sich gut, ist das nötige Kleingeld und das Wissen um Put und Call reichlich vorhanden. Doch gearbeitet wird mit einem nichtdinglichen Wert. Geld ist digital, maximal ein Stück bedrucktes Papier. Der „Wert“ entsteht durch Spekulation auf steigende oder fallende Kurse, Zinsen, Optionen.
Hamburger Regionalwährung: Der Hummel
Eine kleine Schar versucht, eine andere Antwort auf brennende Themen dieser Tage zu geben. Mit der ersten Sitzung des Vorstandes von „Der Hummel e.V.“ beginnt am 05.11.11 ein neues Zeitalter für die Metropolregion Hamburg. Der Hummel ist die Regionalwährung, mit der Verbraucher regional einkaufen und Unternehmen und Dienstleister regional verkaufen können. Die Reichweite des neuen Geldes ist geografisch begrenzt. Der Vorteil: Es kann nicht abwandern. Der Kreislauf ist geschlossen. Eine Anlage lohnt sich nicht, da dieses Regio-Geld mit der Zeit an Wert verliert. Doch ist es mehr, als nur Zahlungsmittel. Ein kleiner Teil des getätigten Umsatzes wird gemeinnützigen Zwecken zur Verfügung gestellt. Der Wert des Geldes findet eine reale Umsetzung, da wo es gebraucht wird. Der Verbraucher unterstützt damit seinen Verein, seinen Kindergarten oder eine Organisation. Unternehmen signalisieren: Wir sind aus der Region, bieten hier an und kaufen hier unsere Waren ein. Eine Stärkung der regionalen Wirtschaft und Lieferanten. Dieses Geld gibt es als digitales via EC-Karte und natürlich auch in einer Papierform. Vorn ist der Wert aufgedruckt, auf der Rückseite können Unternehmen werben. Weitere Informationen erhalten Sie hier.
Der selbstbewusste Bürger
In der Politik spielt sich völlig neues ab. Parteien zersplittern, Wähler wandern, neue Gruppierungen entstehen. Interessen des Volkes nimmt das Volk nun in die eigenen Hände, den „denen da oben“ traut so recht keiner mehr über den Weg. Kein Wunder, dass Piraten von sich reden machen. Ein neues Selbstbewusstsein wird auch durch die neuen Medien gefördert. Die Organisation von Menschen per Internet, die Artikulation der eigenen Meinung geht rasant und direkt. Occupy ist Ausdruck des Unmutes vieler Bürger. Und es ist ein Signal an Politik und Wirtschaft: Wir lassen uns nicht länger für doof erklären. Achtung, denkender Bürger! Und wenn es gelingt, auch eine nachhaltige Wirtschaft, ein regionales, vor dem Crash sicheres Geldsystem zu etablieren, können sich Lehman und Co. warm anziehen.
Kontakt zum Autor hier
Geschrieben in Weltwirtschaft, Wirtschaft (EU), Wirtschaft (D), Hamburg | Drucken | 1 Kommentar »
Überschuldung und Geldschwemme - Inflation als unvermeidbare Konsequenz
5.9.2011 von Tom T. Köhler.
Eine Veranstaltung der Kapitalwerkstatt am 25.08.11 in Zusammenarbeit mit Honorarberatung select, der VSP AG (Finanzdienstleister) und Sachwertpartner (Immobilienexperten) im Hotel GEORGE, Hamburg-St. Georg.
Der schlechte Ruf der Finanzberater rührt oft aus dem Bemühen, Abschlüsse der Provision wegen zu erzielen. Die objektive Kundenberatung stand im Hintergrund. Statt dessen: Zeit und Wissen vergüten, unabhängig und fair beraten, keine versteckten Gebühren oder Provisionen - ein Modell, das in Deutschland Schule macht. Einer der Veranstalter, Daniel Schlingelhof aus Hamburg, hat dies erkannt und bietet eine transparente Honorar-Beratung zu Anlageprodukten an. Und gemessen an den Summen, die bei der Anlage benutzt werden oder entstehen, ist diese Beratung vergleichsweise günstig. Anlageberatung ist bitter nötig, gehen Deutschland und die Euro-Zone doch mit großen Schritten einer Rezession entgegen. Panik ist nicht angebracht, aber zügiges Handeln. Die Veranstaltung diente dem Zweck, Anleger für die kommenden Probleme zu sensibilisieren.
Schlechte und gute Nachrichten für Anleger
Bei der wirtschaftlichen und (zögerlichen) politischen Entwicklung, die derzeit zu verzeichnen ist, besteht die Gefahr einer länger dauernden, tiefgreifenden Rezession. “Der Euro wird 2012 nicht überleben!” so Hannes Zipfel von der VSP AG. “Doch, was kommt, wenn die D-Mark wieder Zahlungsmittel ist?” Eine Frage, die aufschreckt. Rezession, Inflation, Massenarbeitslosigkeit - Begriffe, die aus dem Wortschatz der Großeltern stammen. Die Generation Wohlstand der Neuzeit, konsumfreudig und (scheinbar) abgesichert unterwegs, kann mit diesen Begriffen nichts anfangen. Der aktuelle Bericht der GFK zum Konsumklima in Deutschland unterstreicht dies. Obwohl die Erwartungen an die Konjunktur gesunken sind, ist „die Konsumneigung der Deutschen trotz der aktuellen Krisenstimmung an den Finanzmärkten erstaunlich robust …“. Aber es zeigen sich schon laut GFK erste Tendenzen, „durch Kauf von werthaltigen Gütern einer instabilen Währung zuvorzukommen“. Die Gefahren und drastischen Konsequenzen werde aber, so Zipfel, die Gesellschaft in zwei Lager spalten. Die Eigentümer von Grundbesitz, Edelmetallen, Kunst und anderen dinglichen Werten überstehen die Zeit von 10-15 Jahren Rezession (Zipfel) mit dem Erhalt oder geringem Schwund an Werten. Anlagen in Rohstoffe sind derzeit der Renner auf dem Markt. Die Bank Goldman Sachs ist der zweitgrößte Lagerhausbetreiber der Welt. Doch liegen in den Speichern nicht Dollar und Gold, sondern Rohstoffe, die in riesigen Mengen eingekauft und gehortet werden. Die Menschen, die ihr Vermögen in Geld und Lebensversicherungen gesteckt haben, werden es verlieren. Sie und die Gruppe der Gesellschaft, die keine liquiden Mittel zur Anlage in sichere Werte hat, gehören zu den Verlierern.
Angst ist kein guter Ratgeber
Das Vermögen sicher über die anstehenden wirtschaftlichen und politischen Zäsuren zu bringen, ist eine Aufgabe mit Anspruch. Die mangelnde politische Entscheidungsfähigkeit, das immer neue Befüllen eines Fasses ohne Boden und die Krise der EURO-Gemeinschaft sorgen für einen radikalen Umbruch. Griechenland hat den Anfang gemacht und trotz der Bemühungen der Euro-Länder ist der Abwärtstrend ungebrochen. “Das Geld für Griechenland sehen wir nie wieder! Siemens bekommt allein aus öffentlichen Aufträgen dort noch 7 Milliarden. Woher?” Als weiteres Beispiel führte Zipfel Weißrussland an. Bei einer Inflationsrate von 64% und steter Mangelwirtschaft kaufen die Menschen alles Mögliche, nur um ihr Geld in Dinge (mit Wert) umzutauschen. Nun hat Deutschland derzeit noch eine Teuerung von 2,6 Prozent, laut Zipfel keine Inflation im herkömmlichen Sinne. Im Vergleich mit dem Euro-Raum steht Deutschland besser da, die Wirtschaft hat die letzte Krise gut überstanden und die Staatsverschuldung wird durch geschaffene Werte relativiert. Doch die Zeichen stehen auf Sturm. Ob OECD oder IFO Institut, der Graph zeigt nach unten und Besserung ist nicht in Sicht. Was also tun? In Amerika ist der Plan von Bernanke, dem FED-Chef: 10 Jahre Inflation und die Schulden sind weg. Ein Zahlenspiel auf Zeit. Welche Lösung gibt es für Anleger in Deutschland?
Wohin mit der Liquidität?
Verfügbare Mittel sollten Anleger umgehend in Werte stecken. Reichen diese nicht aus, zum Beispiel ein Haus oder eine Wohnung zu erwerben? Dann macht es Sinn, sich zügig einem Kredit zu besorgen, um Eigentum erwerben zu können. Wie vorhandenes Kapital als Hebel verwendet werden kann, zeigte Björn Peickert von Sachwertpartner Hamburg am Beispiel der Hausfinanzierung. “Kaufen Sie keine Staatsanleihen! Bei negativer Realverzinsung besteht die Gefahr schleichender Enteignung.” Das vermeintliche sichere Staats-Papier wird zur Falle - im Falle eines Falles. Und eine Mitschuld trägt die Politik, die den Abwärtstrend noch durch massive Sparmaßnahmen unterstützt. Massivst antizyklisch investieren ist die Devise - sicherlich reiner Keynesianismus. Doch es bleibt aus Sicht der Experten nichts weiter übrig, als wirklich viel (gedrucktes) Geld in die Hand zu nehmen und Konjunkturprogramme anzuschieben. Sonst stehen viele wieder an - nicht um einzukaufen, sondern um stempeln zu gehen.
Kontakt zum Autor hier
Geschrieben in Weltwirtschaft, Wirtschaft (EU), Politik aus Europa, Wirtschaft (D), Hamburg | Drucken | 1 Kommentar »
Bundesbank in Hamburg - Gold aus währungspolitischer Sicht
18.8.2011 von Tom T. Köhler.
Am 15.08.11. lud die Bundesbank in ihre Filiale Hamburg, um Anleger und Interessenten zum Thema Gold zu informieren. Es wurden keine Aussagen zu Anlagestrategien gemacht, sondern die Sicht der Hüterin der Währung dargestellt.
„Nach Golde drängt,/ Am Golde hängt/ Doch alles. Ach, wir Armen!“
(Johann Wolfgang von Goethe)
Mit diesen Worten begann André Bartholomae seinen Vortrag in einem voll besetzten Saal an der Willy-Brandt-Straße in der Hamburger City. Er ist Leiter des Zentralbereichs Märkte der Deutschen Bundesbank, Frankfut am Main. Nach dem Höhenflug des Goldpreises von 2007 an (Januar bei 550 USD pro Feinunze) bis heute (im Juli 2011 wurde die Marke von 1800 USD erreicht) war das Interesse an seiner Bedeutung für die Bundesrepublik und ihre Währung groß. Die Kauforder für physisches Gold und Goldanlagen wuchs proportional mit der ansteigenden Unsicherheit der Anleger. Ist ein Ende der Preisspirale abzusehen? Welche Auswirkungen hat dies für Käufer und Besitzer?
Reges Interesse beim Vortrag der Bundesbank in Hamburg
Das Tafelsilber der Bundesrepublik
Es rostet nicht, kann nicht brennen, verbraucht wenig Platz, kein Schwund - gute Eigenschaften einer Anlage, die keinen Zinsen erwirtschaftet. Doch Gold hat weitere gute Eigenschaften, so Bartholomae: “Es ist ein Schutz vor hohen Inflationsraten, robust gegenüber (finanziellen) Schocks und ein Zahlungsmittel in Zeiten unvorhergesehener Krisen.” Wiegt die Sicherheit mehr als der Ertrag? Der Mensch hat eine rational kaum erklärbare Beziehung zum Edelmetall. Es begleitet die Menschheit seit dem 6. Jahrhundert vor Christi. Ein lydischer König lies die erste Goldmünze prägen. Sein Name, wie wir ihn heute kennen: Krösus.
Die Deutschen haben zweimal eine Hyperinflation erlebt. Eine vor dem ersten Weltkrieg und eine verdeckte im zweiten Weltkrieg. Ihnen ist ein sicherer Hafen mehr wert, als Ertrag. Die Händler kamen zeitweise nicht hinterher, physisches Gold bereitzustellen. Die Bundesrepublik besitzt derzeit 3400 Tonnen, die an verschiedenen Orten der Welt (Ford Knox, USA; Paris, London, Frankfurt/M.)gelagert werden. Ist es noch da? Mehrfach kam die bange Frage nach dem wirklichen Verbleib und der Kontrolle durch Menschen. Doch Bartholomae konnte die Gemüter beruhigen. Es werden regelmäßige Revisionen durchgeführt und die gesamten Bestände befinden sich noch an Ort uns Stelle. Berechtigte Frage aus dem Publikum: “Warum liegt der Schatz der Bundesrepublik weltweit verstreut?” Bartholomae dazu: “Gold zu transportieren, ist ein Problem. Es ist sehr schwer durch seine hohe Dichte und ein Sicherheitsproblem.” Und weiter “Es wechselt der Besitzer, selten der Lagerort. Außerdem ist zum Beispiel London der Goldhandelsplatz Nummer 1.”
Ist das Gold noch da? Reserven der Bundesbank
Gold und Währung
Bis 1971 gab es eine Goldpreisbindung des US-Dollars. Andere Währungen orientierten sich daran. Die Goldpreiskonvertibilität wurde aufgegeben und der Preis der Währungen dem Markt überlassen. In Krisenzeiten machte dies Stützungskäufe notwendig, die durch andere Staaten und den Emittenten der Währung selbst getätigt wurden. Das Gold lag seit dem wohlverwahrt in den sichersten Tresoren der Welt. Warum ist es wertvoll? Es ist ein knappes Gut. Der Abbau in den Minen hat ein stagnierendes, leicht rückgängiges Volumen. Größter Abnehmer ist die Schmuckindustrie, die etwa 52 Prozent der Weltproduktion benötigt. Indien und China sind die Länder mit dem höchsten Anteil an Schmuckverkauf weltweit. Insitutionelle Anleger (z.B. Banken, Investmentgesellschaften, Staaten) halten etwa 20%. Die privaten Anleger folgen mit 16% und die Verwendung in Kunstwerken (auch Restaurierung) benötigt 12% der Weltproduktion. Der institutionelle Besitz ist seit 1990 rückläufig. Die Menge an Gold, die durch die Bundesbank verwaltet wird, weckte stets Begehrlichkeiten aus der Politik. Doch reicht das Volumen (derzeitiger Wert etwa 115 MRD Euro) nicht aus, um ein Projekt auch nur annähernd zu finanzieren. Bartholomae dazu: “Die Wahrscheinlichkeit, dass der Erlös nicht zum Schuldenabbau verwendet wird, sondern zum Konsum, ist sehr hoch. Wahlgeschenke lassen sich so finanzieren. Eine solide Geldpolitik ist das nicht.”
André Bartholomae, Bundesbank Frankfurt
Eine Frage der Anlage
Ein Leiter des Zentralbereichs Märkte an der Bundesbank sollte es doch wissen.
Also musste die Frage nach der Anlageempfehlung kommen. Doch Bartholomae winkte ab. Genau so wenig, wie er über die weitere Preisentwicklung - oder den Absturz - etwas sagen kann, würde er sich darüber äußern, ob, wann und wie viel ein Anleger kaufen sollte. Er und seine Kollegen sehen sich als Bewahrer. Gold schafft Vertrauen, der Preisanstieg ist ein Indiz dafür. Der reale Preis allerdings liege seit Jahrzehnten um die 200 USD per Feinunze. Es ist also ein Börsenwert, die Flucht in ein Metall. Dessen Menge in den Köpfen der Menschen - unfassbar groß. Doch alles Gold der Welt, etwa 153.000 Tonnen, ergibt eingeschmolzen gerade mal einen Quader von 20 Metern Kantenlänge. Ein größeres Schwimmbad voll. Die Bundesbank hält außer dem Gold Einlagen in Form von Währungen (US-Dollar und japanische YEN), Wertpapiere und Forderungen an den Internationalen Währungsfond IWF. Ihre Aufgabe ist es, für eine stabile, solide Fiskalpolitik zu sorgen. Angriffe auf den vermeintlichen, alles bereinigenden Schatz Gold, währte sie stets ab.
Mit einem Schmunzeln antworte André Bartholomae auf die Frage: Was tut die Bundesbank in der Krise? “Ihr Bestes!” Der Beifall und das Lachen im Publikum hatten auch etwas Erleichterndes. Des Anlegers Sorge ist gebändigt, die Barren liegen noch im Tresor und der Herr im Anzug auf dem Podium selbst bürgt für eine konservative, sichere Geldpolitik der Bundesbank. Wie beruhigend.
Kontakt zum Autor hier
Geschrieben in Weltwirtschaft, Wirtschaft (EU), Wirtschaft (D), Deutschland, Hamburg | Drucken | Keine Kommentare »
Braucht die Meinungsfreiheit im Web 2.0 Grenzen?
18.5.2011 von Tom T. Köhler.
Nachwuchsjournalisten, ein Blogger und ein Politiker diskutierten mit dem stellvertretenden Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung am 05.05.2011 in der Hamburger Körber-Stiftung ein Thema mit Ecken und Kanten.
Stimme der Gesellschaft
Zwischen den jungen Journalisten des Printmagazins FREIHAFEN aus Hamburg und Wolfgang Kraft von der Süddeutschen gibt es außer dem Arbeitsplatz kaum Unterschiede. Alle arbeiten für ein Produkt, dessen Leser journalistische Qualität, Wahrheit und Klarheit verlangen. Doch artikuliert sich der Leser heute online, schnell und direkt. Seine Meinung kommt ungefiltert von Redakteuren an die Öffentlichkeit. Das findet auch Markus Beckedahl von www.netzpolizik.org gut. Er vertritt mit seinem tausendfach gelesenen Blog die Auffassung: “Die Zivilgesellschaft ist die fünfte Gewalt und hat das Recht auf Meinungsfreiheit”. Burkhardt Müller-Sönksen, medienpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, ist einer der Politiker, der selbst online aktiv ist. Er sieht einen Spagat zwischen Online-Verweigerung vieler Politiker und den negativen Möglichkeiten des Web 2.0. Für ihn ist Social Media die 5. Gewalt, mit guten und schlechten Seiten.
Ist das WWW seriös?
Beckedahl macht an einem Beispiel klar, wir virulent und direkt die fünfte Gewalt agiert. “Eine Petition gegen Kinderpornografie erreichte innerhalb von drei Tagen die geforderte Anzahl von 50.000 Stimmen. Andere Petitionen benötigen auf dem Offline-Weg Wochen dazu”. Doch ist es seriös, wenn ein Nutzer mit einem Klick seine Stimme für ein Projekt gibt? Dem spricht Müller-Sönksen das Wort. Eine digitale Oberflächlichkeit sieht er heranwachsen. Für ihn ist der schnelle Klick zwischendurch nicht repräsentativ. Als Beispiel führt auch Kraft an, dass in den Beiträgen der Leser im Online-Forum der SZ eher singuläre Meinungen stünden. “Eine Diskussion findet eher selten statt. Das Internet verleitet, schnell etwas hinzurotzen”. Und doch ist es heute keine Einbahnstraße in der Kommunikation mehr. Ein Rückkanal ermöglicht die direkte Reaktion von Menschen. “Früher”, so Beckedahl “haben die Menschen die Fernbedienung vollgequatscht!” Heute könne er via Smartphone oder Laptop umgehend reagieren.
Fotos Körber-Stiftung: Tom Koehler, Hamburg
Im Internet sind alle gleich
Es gibt keine Benachteiligung, es sei denn, der Nutzer macht selbst einen Fehler. Eine Meinungskonkurrenz ist also möglich, das reine Konsumieren war früher. Die regen Aktivitäten bei Großprojekten, wie Stuttgart 21, sind ein sehr gutes Beispiel für das partizipative Netz. Doch machen, so Müller-Sönksen, sich Kompetenzgrenzen bemerkbar. Es gibt beim Nutzungsverhalten eine Bildungskonkurrenz. Eine weitere Frage beschäftigte die Runde auf dem Podium. Ist das Netz transparent? Wenn alle die gleichen Rechte haben, so haben auch alle das Recht auf die gleichen Informationen. Klingt erst einmal gut, doch wo zieht wer die Grenzen? Ein demokratisiertes Herrschaftswissen (Beckedahl) versus diskursfreien Räumen, in denen Staatsgeheimnisse liegen. Ihm geht es darum, anders mit Informationen umzugehen. Besser wäre es, mehr Informationen öffentlich zu stellen. Am Beispiel der Stadt Kassel sei dies gut gelungen. Die veröffentliche den gesamten Haushaltsplan im Netz und die Bürger konnten Vorschläge zu
Einsparungen machen. Daraus wurden Empfehlungen an die Politik, die sich der Mehrheit der Bürger versichern konnte. Gelebtes Web 2.0, Partizipation und Öffentlichkeit lassen auch größere Projekte mit Volkes Stimme versehen.
Datenflut statt Wissenszuwachs
Nachteil dieser und anderer Projekte, wie OPEN DATA, ist die Menge der freigesetzten Daten. Die keiner liest, oder dafür sorgt, dass der Suchende in den Datenmengen ertrinkt. Und das wirklich Wichtige bleibt ungelesen. Eine überschaubare Datenmenge, wie die Diplomarbeit von Ex-Minister zu Guttenberg lässt sich behandeln. Doch wer hat Wikileaks gelesen? Ein Gesetz zur Informationsfreiheit gibt es, dessen Umsetzung in der Praxis ist laut Beckedahl alles andere als leicht. Bürokratische Hürden machen aus dem Gesetz mehr ein Problem als eine Lösung. Weitere Krux der Offenlegung: die Grenzziehung zwischen allgemein interessierenden und privaten Daten. Private Daten schützen und öffentliche nützen - klingt vernünftig, bedarf aber einer
Kontrollinstanz. Und wer kontrolliert die Kontrolleure?
Wenn Facebook mit dem Staate …
Was ist, wenn zur Abwehr von realen oder fiktiven Gefahren aus den privaten Räumen im Netz öffentliche werden? Arbeiten Social Networks mit staatlichen Autoritäten zusammen, kehrt sich der Gedanke des freien Web 2.0 in sein Gegenteil um. Kritische Stimme aus dem Kurznachrichtendienst Twitter dazu: “Wozu Volkszählung, schaut doch auf Facebook!” Auch Herrschende nutzen das Internet. Im schlechten Fall Diktatoren, die sich umfassend über Gegenbewegungen im Lande informieren, sie gar steuern. Hiesige Politiker sind, so Müller-Sönksen, noch deutlich im Zugzwang. Ihre Kommunikation 2.0 lässt oft zu wünschen übrig. Oder sie stellen Studenten ein, die der Öffentlichkeit eine aktive Online-Arbeit vorgaukeln. Entschließt sich der Regierungssprecher Seibert dazu, selbst zu twittern, verursacht das unter den Berliner Politik-Journalisten einen mittleren Tumult …
Pro und Contra
Die jungen Macher von FREIHAFEN sind selbst in ihrer Gruppe unterschiedlich eingestellt. Von Nutzern, Aussteigern und Nichtnutzern bei Facebook gab es Vertreter bei den sympathischen Jungjournalisten. Ihnen machen andere Dinge Sorgen. Sei es der Identitätsklau, bei dem Personen über Accounts und Bilder “gespiegelt” werden und unter falscher Flagge Unsinn - im schlimmsten Fall Unheil - angerichtet wird. Ein Rufmord, da haben sie recht, können aber auch in den Printmedien geschehen. Was also sind die Aufgaben der Zukunft? Junge Menschen brauchen Medienbildung. Und es braucht gut ausgebildete Ausbilder, die sich in der Komplexität des Netzes zuhause fühlen. Bildung ist der Zugang zu Informationen, zur Formung einer staatsbürgerlichen Meinung und zu gesellschaftlichem Engagement. Die Redakteure der kleinen Zeitung vom Elbufer geben mit ihrem Engagement ein wunderbares Beispiel, wie so etwas funktionieren kann.
Kontakt zum Autor hier
Geschrieben in Medien (D), Bundespolitik, Feuilleton, Hamburg | Drucken | Keine Kommentare »
Die gehetzte Gesellschaft - Ein Leben im Hamsterrad
17.2.2011 von Tom T. Köhler.
Gleichzeitige Prozesse, das Gefühl des Gehetztseins, permanentes Senden und Empfangen - mit diesen Worten beschrieb Dr. Michael Göring von der Zeit-Stiftung in seiner Einführung den Stand der Dinge in unserer Gesellschaft. Die Stiftung und NDR INFO luden am 15.02.11 zum Auftakt einer Reihe an den Rothenbaum. In drei Diskussionsrunden soll unsere Atemlosigkeit, der Run im Hamsterrad beleuchtet werden. Wir kennen die klassischen Sprichworte: „Eile mit Weile“, „In der Ruhe liegt die Kraft“ oder „Wer langsam geht, kommt auch ans Ziel“. Doch scheinbar ist nur noch eine Bewegung in der Gesellschaft zu spüren: Beschleunigung. Um die gehetzte Gesellschaft zu analysieren, trafen sich Karen Heumann, Kreativ-Vorstand der Agentur Jung von Matt, der Diplomaten Dr. Manfred Osten und Soziologie-Professor Dr. Hartmut Rosa. Moderiert wurde der Abend von Ulrike Heckmann.
Gesprächsrunde zur gehetzten Gesellschaft
Wie gehen Menschen mit Stress um?
Wie gehen eine Werberin, ein Diplomat und ein Soziologe mit Zeitstress um? Karen Heumann: “Als Kind nannte man mich Träumerlein. Später wurde ich gegen meine eigene Natur immer schneller.” In Ihrer Branche ist Geschwindigkeit wahrlich keine Hexerei. Online verfügbar und weltweit vernetzt reduziert sich die Zeit in dieser Branche auf den Augenblick des Klicks. Heumann: “Wenn heute ein Kollege 15 Uhr vom Hof fährt, fragen die anderen, ob er einen halben Tag Urlaub hat. Doch ich fühle mich nicht wohl, wenn ich nichts zu tun habe.” Der weitgereiste und welterfahrene Manfred Osten schenkt zwei Aspekten seine Aufmerksamkeit: “Heute ist es so, dass zwei bis drei Stunden drauf gehen, die täglichen E-Mails zu lesen und zu bearbeiten. Doch bei meinen Aufenthalten in anderen Ländern habe ich gesehen, wie andere Kulturen mit Zeit umgehen.” Seine prägenden Erfahrungen kommen aus anderen Kontinenten. Bei den Afrikanern bekam er zu hören: “Wir haben die Zeit, ihr habt die Uhr”. Und in Japan wird ein Stau als wohltuend empfunden, da er im hektischen Alltag Momente der Ruhe ermöglicht. In Deutschland undenkbar, da jede Minute (scheinbar) kostbar und verplant scheint. Dem spricht auch Forscher Rosa das Wort: “Die digitale ist eigentlich eine Revolution der Beschleunigung. Wenn etwas schneller erledigt ist, müsste doch mehr Zeit zur Verfügung stehen. Doch statt dessen haben wir weniger davon.” Stellt sich nach Rosa sich die Frage nach dem Antrieb für unser Tun. Ist es die Gier nach immer mehr oder die Angst, etwas zu verpassen? Warum können wir uns nicht bescheiden? Ihm käme ein Vulkanausbruch oder ein Stromausfall - am Besten beides - wohl zupass. Das wäre die perfekte Entschleunigung.
Dr. Karen Heumann und Ulrike Heckmann
De-Synchronisation und Resonanzräume
Beschleunigung erzeugt Reibung, die wieder Wärme. Sowohl in der Natur als auch in der Gesellschaft ist ein Aufheizen zu verzeichnen. Man sehe sich nur bei der morgendlichen Fahrt ins Büro die Mitreisenden an. Viele mit Knopf im Ohr, immer mehr mit dem Smartphone in der Hand. Und immer weniger Menschen, die die Reise als Ziel sehen, entspannt aus dem Fenster schauen. In der Hafencity stieg letztens ein Prototyp des Homo Hamsterrad aus dem Taxi: Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt, eine Tasche über die Schulter gehangen, geöffnetes Notebook mit UMTS-Stick und den unvermeidlichen Becher Kaffee in den Händen. Ob das auf Dauer gesund ist - fraglich. Doch trifft es nicht nur den einzelnen Menschen. Die Politik ist nach den Worten Rosas auch gefangen in diesem Kreislauf, kann nicht mehr agieren, muss reagieren. Es wird immer schwieriger, sich zu entscheiden. Alles wird zum Müssen. Vielleicht lernen wir von anderen Kulturen, mehr Zeit von der angeblich nicht vorhandenen für Entschleunigung und Resonanzerfahrungen zu nutzen. Dies geht nicht schnell und schon gar nicht zwischendurch. Gleich zu Beginn der Veranstaltung fragte eine Besucherin am Einlass, wie lange sie denn noch warten müsse. Es blieben noch 5 Minuten bis zum Beginn der Diskussion. „Gedulden Sie sich doch!“ war man versucht, zu sagen. Was Schnelligkeit angeht, kam für viele Interessenten schnell zutage. Schon bei Beginn der ersten Veranstaltung waren auch die beiden folgenden ausgebucht. Da waren sie wohl zu langsam. Auf den Seiten von NDR INFO können Sie alle drei Diskussionen als Podcast hören oder downloaden. Oder Sie nutzen die Zeit, einfach mal abzuschalten und aus dem Hamsterrad auszusteigen.
Prof. Dr. Rosa und Dr. Osten im Gespräch (alle Fotos: Tom Koehler, Hamburg)
Kontakt zum Autor hier
Geschrieben in Gesundheit, Medien (D), Deutschland, Hamburg | Drucken | Keine Kommentare »
Die Ohnmacht des Patienten - Machen Ärzte nur Kasse?
3.12.2010 von Tom T. Köhler.
Hamburg - Götter in Weiß, Kranke ohne Wissen, Apparatemedizin, Fortschrittsglaube - es gibt reichlich Schlagwörter zum Thema. Und jeder hat seine Erfahrungen mit dem Aufenthalt im Krankenhaus, der ärztlichen Versorgung. Interessant wird es, wenn zwei ausgewiesene Experten und Insider sich des spannenden Themas annehmen.
Wettstreit der Argumente
In der Agentur Groothuis, Lohfert, Consorten in Hamburg-Altona trafen sich am 01.12.2010 Dr. Christoph Lohfert und Prof. Heinz Lohmann, um zu debattieren. Lohfert kennt den Medizinbetrieb seit 40 Jahren, war Berater großer Krankenhäuser und Generalsekretär des Tumorzentrums Hamburg. Sein Gegenpart Lohmann ist Gesundheitsunternehmer und Berater, war zuletzt Vorstandssprecher des Landesbetriebes Krankenhäuser Hamburg. Die beiden grauhaarigen Herren auf dem Podium sind gut gelaunt und es fällt ihnen schwer, einen Dissens herzustellen. Doch ein Streitgespräch soll es sein und sie spielen sich geschickt rhetorische Bälle zu. Das Thema rief unzählige Gäste in die Gaußstraße, alle Stühle im Saal waren belegt.
Hartes Thema
“Weil du arm bist, musst du früher sterben - Der ohnmächtige Patient”, so der Titel des von Dr. Lohfert herausgegebenen Buches. Seine Thesen: “Es war noch nie so schlimm, wie heute! Wir haben die Medizin von übermorgen in einer Struktur von vorgestern. Eine gute Medizin gibt es nicht in einer schlechten Organisation.” Er muss es wissen, kennt er doch den Medizinbetrieb von innen. Seine Bestandsaufnahme ist zeitgleich mit der Debatte um die Gesundheitsreform auf dem Markt. Ein Kollege konterte schon mit dem Buch “Der ohnmächtige Arzt”. Lohfert wettert: “Wir haben die höchste Arztdichte in Europa, das Gesundheitswesen ist die größte Branche in Deutschland.” Ihm geht es nicht um Pauschalverurteilung, ihm ist an Konsolidierung des Vorhandenen gelegen. Die ständige Ausweitung, die Kostenexplosion und der Fortschrittsglaube machen das System ineffizient und undurchsichtig. “Wir haben einen abnehmenden Grenznutzen. Ein immer höherer Aufwand wird für einen immer geringeren Nutzen betrieben!” Der Patient, von der Medizin stets als Objekt und nun erst - langsam - als Subjekt betrachtet, ist diesem System hilflos ausgeliefert. Sein Leiden legt er in fremde Hände, ungewiss, ob es die richtigen Hände sind. Die Begrifflichkeiten der Ärzte klingen wie eine fremde Sprache, Übersetzungen werden ihm nur auf Nachfrage zuteil.
Struktur und Kostensenkung sind möglich
Professor Lohmann weiß wohl um Zahlen, Personal und Effizienz im Gesundheitsbetrieb. Seine Energie steckte er erfolgreich in die Sanierung des defizitären Landesbetriebes Krankenhäuser Hamburg, der 2004 zu Teilen an das Krankenhausunternehmen Asklepios Kliniken verkauft wurde. Die Effizienz und das Kostenbewusstsein haben längst Einzug gehalten, hält er Lohfert entgegen. Und so unmündig ist der Patient nun auch nicht mehr: “Man kann Patienten zumuten, sich vor einer elektiven (wählbaren) Behandlung vorher zu informieren. Was bei einer Notfallbehandlung nicht geht. Einen Autokauf plant der mündige Bürger monatelang, informiert sich umfassend über alle Vor- und Nachteile.” Doch aus seiner Arbeit als Gesundheitsunternehmer weiß er auch, dass System muss “durchforstet, durchlüftet und durchdacht werden”. Lohfert dazu: “Medizin und auch die Forschung neigen zur Gier. Sie weiten sich immer weiter aus, kosten immer mehr.”
Zu Nebenwirkungen fragen Sie …
Keine Leistung ohne Nebenwirkung, auch nicht im Unternehmen Krankenhaus. Das Häufige, Bewährte ist besser und ausgereifter, als die Spitze der Bewegung, das Hypermodernste. Auch das gilt es zu bedenken, entschließt sich der Patient von heute zu einer Behandlung. Dabei ist Bewährtes nicht mit Routine zu verwechseln.Und schon gar nicht sollte man Tabellen der Art “Die 100 besten Ärzte Deutschlands” glauben. Neben der Vorabinformation im Internet und der Community der Betroffenen empfiehlt Lohfert immer, eine zweite Meinung einzuholen. Der Patient muss aus der devoten Haltung und einer Art Vollkasko-Mentalität ausbrechen. Sein Leben und seine Gesundheit gehören auch in seine Hände. Einen Indikator für das neue Bewusstsein sehen die beiden Experten im Kostendenken der Patienten, welche eine Zusatzversicherung abgeschlossen haben. Denn wer selbst zahlt, schaut sehr genau hin, was er für sein Geld erhält - oder nicht erhält.
Ist Heilung in Sicht?
Gesundheitsunternehmen, Kassen und die Forschung müssen sich auf dem Prüfstand wiederfinden, sicherlich. Bei 18 Millionen stationären Krankenhaus-Patienten pro Jahr muss die Frage nach Effizienz und Struktur gestellt werden. Dass Forschung eine tragende Säule der Gesundheitsindustrie ist, steht außer Frage. Auch in dieser Branche will Deutschland auf dem Weltmarkt agieren. Doch müssen der Fortschritt, die neue Technologie und das aktuelle Medikament zu einem vertretbaren Preis, flächendeckend und qualitativ hochwertig zum Patienten gelangen. Kontinuität und Konsolidierung sind laut Dr. Lohfert die primären Ziele. Eine moderne Fehlerkultur muss Einzug halten, Kontrollmechanismen dürfen nicht versagen. Der Patient, so Lohmann, steht vor einer Kaskade von Informationen. Er schätzt den wirklich informierten Anteil der Menschen auf fünf Prozent. Dieser Anteil muss erhöht werden. Das Internet und die Patientencommunity hält er für einen schlechten Ratgeber. Aus seiner Sicht wäre die Schaffung einer neutralen Informationsstelle ähnlich der Stiftung Warentest ein probates Mittel gegen Unwissen und Informationsüberflutung.
Wir bitten technische Probleme zu entschuldigen. Der Bilder-Upload wird repariert. Ein Foto dazu finden Sie hier.
Kontakt mit dem Autor hier
Geschrieben in Gesundheit, Bundespolitik, Hamburg | Drucken | Keine Kommentare »
Holger-Cassens-Preis 2010 für Kinder-Leseclub in Hamburg
28.10.2010 von Tom T. Köhler.
Die Mara und Holger Cassens-Stiftung verlieh am 26.10.2010 den Holger-Cassens-Preis für den Leseclub Kölibri in Hamburg-St.Pauli. Eine Preisverleihung ist naturgegeben eine trockene Sache. Reden werden geredet, das Publikum erscheint bürgerlich gekleidet. Doch kann so ein Termin durchaus eine Erfahrung für´s Leben werden, wenn das Kulturprogramm einem den Kopf verdreht. Es geht um Kinder, das Lesen, die Musik.
Stiftung stiftet Bildung
Um einen Preis, zumal den einer Stiftung, zu erhalten, muss der Bewerber sich gehörig in die Ruder legen. Die Mara und Holger Cassens-Stiftung schrieb einen Preis zur Förderung eines Kooperationsprojektes aus, welches sich in seiner Arbeit an einem umfassenden Bildungsbegriff orientiert. Integriert im Stadtteil und dessen Ressourcen nutzend, soll der Preisträger Kindern den Zugang zu Bildung ermöglichen. Die Ausschreibung würde den Rahmen des Artikels sprengen - soviel sei berichtet: Die Befähigung zu einer eigenständigen Lebensführung, sozial, kulturell und politisch eingebunden, war gefordert. Die Lösung von Problemen der Benachteiligung findet vor Ort statt. Vernetzte Projekte und bürgerschaftliches Engagement bewirken eine Bildungsarbeit am Ort des Geschehens, mitten im Stadtteil und unter Einbeziehung von Kind und Eltern. Die Cassens-Stiftung wurde von der Patriotischen Gesellschaft von 1765 Hamburg bei der Ausschreibung und Bewertung der eingegangenen Anträge unterstützt. Es ist der zweite Preis, den die Stiftung auslobte.
Leseclub Kölibri Hambur-St.Pauli
Die glücklichen Gewinner
Die Sonne meint es an diesem Morgen mit St. Pauli gut. Am Hein-Köllisch-Platz, mitten im Kiez Hamburgs: unscheinbare Schaufenster, die fast bis auf den Boden reichen, eine Beschriftung über der Tür, drinnen ein Frühstücktreff mit Müttern und Kindern. Der Leseclub Kölibri - Wortwerk aus dem Köllischplatz und Libri, dem Buch. In den Räumen lesen Kinder, lernen lesen, gestalten ihre Freizeit. Der Leseclub gehört zum Verbund Gemeinwesenarbeit St. Pauli (GWA). Marianne Heidebruch, Projektleiterin, empfängt den Stifter Holger Cassens, die ehemalige Senatorin Ingrid Nümann-Seidewinkel und Journalisten zur Pressekonferenz. Inmitten quiekender Kinder und neben endlosen Bücherregalen berichtet sie über den Tag der Entscheidung. “Ich bekam Post von der Patriotischen Gesellschaft, war ganz aufgeregt. Erst wollte ich noch eine Runde um den Block laufen - doch dann hab ich den Brief aufgemacht.” Mit strahlenden Augen blickt sie zu Holger Cassens, einem unscheinbaren älteren Herrn, der entspannt in der Runde sitzt. Heidebruch: “Jetzt kann es weitergehen. Jedes Mal zum Jahresende kommt der Druck, die Frage nach den Mitteln für das nächste Jahr!” Hamburg sparte die gegenüberliegende Bücherhalle 2005 ein, die Mittel sind knapp.
H. Cassens, M. Heidebruch, I. Nümann-Seidewinkel vor dem Kölibri
Raum zur Bildung
Stolz führt die Projektleiterin die Besucher durch die Räume. Ein Saal für Aufführungen, ein Computerzimmer, eine Küche, in der die Kinder auch selbst kochen. Und natürlich: Bücher, Bücher, Bücher. An jeder verfügbaren Wand stehen Regale. Die Kinder fanden ein ganz eigenes Ordnungssystem. Die Bücher mit wenig Bildern und viel Text wanderten in die oberen Reihen, die bildreichen nach unten. Das macht Sinn, denn die Kleinsten können gerade erst lesen. Die Altersstruktur reicht von 6-14 Jahren. Das Programm des Kölibri ist auch dem angepasst: Gedichte für Wichte, Lesenächte (inkl. Übernachtung), Lesewettbewerbe und Ausfahrten in die Stadt und den Hafen sorgen für steten Zustrom der kleinen Leseratten. Und der Club ist die ganze Woche nachmittags geöffnet.
Ohne Unterstützung geht es nicht
Alles Engagement der GWA und des Kölibri in Ehren, doch auch sie sind auf externe Hilfe angewiesen. Die zeigt sich in regelmäßigen Spenden von Gruner + Jahr, der Bürgerstiftung Hamburg oder dem Lions Club Blankenese. Die Mitarbeiter von Adobe, deren Büros gar nicht weit weg sind, spendeten Ihre Gratifikationen - wieder konnten Bücher gekauft werden. Das ist es wohl auch, was Stifter und Kuratorium überzeugte. Ein Netzwerk aus Träger, Stadtteil, Behörden, dem bürgerschaftlichen Engagement vieler Bewohner und Eltern der Kinder schuf ein kontinuierliches Programm. Die Einbindung von Firmen vor Ort, die unkomplizierte Unterstützung lässt kleine Wünsche wahr werden. Kinder schmökern stundenlang in bequemen Leseecken. Alles sorgt für Bildung vor Ort, baut Strukturen auf, die verlässlich sind.
Spielfreudiges Ensemble von Musica Altona (alle Fotos: Tom Koehler, Hamburg)
Preisverleihung bei der Patriotischen Gesellschaft
Am Abend desselben Tages sammeln sich im ehrwürdigen Gebäude an der Trostbrücke im Herzen Hamburgs das Stifterpaar, das Kuratorium und zahlreiche Gäste. Senatorin Christa Goetsch freut sich in Ihrem Grußwort über die Unterstützung der Bildungsarbeit. Die Laudatio hält Prof. Dr. Timm Kunstreich aus dem Kuratorium. Und dann sind noch Kinder im Spiel. Und zwar im Geigenspiel. Die quietschfidele Truppe um den freundlichen Leiter Gino Romero-Ramirez erspielt sich in Minuten das Herz der Gäste. Sicher, mal geht Ton daneben und ein Geigenbogen gehorcht der Schwerkraft, fällt herunter. Doch was ist das schon gegen die wirkliche Lust am musizieren. Selbstbewusst und selbstvergessen fiedelten die Kinder, was die Geige hergab. Sie waren die Stars des Abends, wie sie es auch bei Kölibri sind. Sie müssen auch unsere Stars sein, denn sie sind unsere Zukunft. Und die gehört in gebildete, belesene und musische Hände.
Kontakt zum Autor hier
Geschrieben in Bildung (HH), Kultur (HH), Landespolitik (HH), Bezirke (HH), Hamburg | Drucken | Keine Kommentare »