Archiv der Kategorie Hamburg

Heinzelmann versus Katholizismus

Hamburg-Harburg: Mit ohrenbetäubendem Lärm arbeiten zwei Staubsauger gegeneinander. In dem großen Raum kann sich der Schall frei entfalten. Sie können nicht anders, sie sind aneinander gefesselt. Ihre Rüssel sind miteinander verbunden. Neben ihnen liegt ihre eigentliche Aufgabe: Ein Häufchen Dreck, allerdings wohlgeschichtet und in Signalrot. Die beiden scheren sich gar darum und arbeiten unermüdlich gegeneinander an. Unbändig drängt sich der Loriot`sche Heinzelmann-Vertreter auf, der mit seinem Saugblaser die Hausfrau auf den technisch neuesten Stand bringen will.

Staubsauger im Kampf (Foto: Tom Köhler, Hamburg) Staubsauger im Kampf *1 (Foto: Tom Köhler)

Wa sich anhört, wie aus einem Panoptikum, ist Teil der am 28.02.2010 eröffneten Ausstellung im Kunstverein Harburger Bahnhof. Künstlerförderung der besonderen Art findet im ehemaligen Wartesaal über den Gleisen 3/4 ihren Platz. Der Verein, als sehr rege bekannt, hat wieder einen Magneten für Freunde der zeitgenössischen Werke im Süden Hamburgs geschaffen.

Kunst-Schmutz (Foto: Tom Köhler, Hamburg) Kunst-Schmutz *1 (Foto: Tom Köhler)

Das katholische Cusanuswerk lud 36 junge Künstler aus alle Teilen des Landes ein, sich mit ihren Werken für ein Stipendium zu bewerben. Sie treten mit ihrer Kunst bis zum 20. März auf - und gegeneinander an. Sie kuratieren die Ausstellung selbst und wissen, das nur wenige von Ihnen in den Genuss der Förderung kommen. Das Cusanuswerk selbst wurde von seinem Leiter, Prof. Wohlgemuth, vorgestellt. Es ist eines der 11 Begabtenförderungswerke der Bundesrepublik. Begabung, Leistung, Engagement - das fordert das Werk, um zu fördern. Namensgeber ist ein Gelehrter des späten Mittelalters, der sich unversell bildete und mit Leidenschaft Kirche und Gesellschaft gestaltete.

Besucher vor Kunstwerk (Foto: Tom Köhler, Hamburg) Besucher vor Kunstwerk *2 (Foto: Tom Köhler)

Doch sind nicht nur lärmende Installationen zu sehen, sondern auch filigrane oder raumgreifende Werke der jungen Künstler. Bilder verschiedener Stile haben ebenfalls ihren Platz. Wer sich einen Eindruck von jungen zeitgenössischen Künstlern verschaffen möchte, sei auf die Schau verwiesen.

*1 Ohne Titel; Romina Abate, Kassel

*2 Carry me home little bear; Thomas Taube

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Link zur Ausstellung: hier

Fotostrecke: Hamburg in Abendfarben

Hamburg – Die Fotostrecke zeigt Hamburg und Umgebung im Morgen- und Abendlicht.

Die acht Fotos der Fotostrecke stammen aus dem Jahr 2009 von Tom Köhler. Sie können bei ihm käuflich erworben werden.

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Computer für Bedürftige

Am morgigen Sonnabend findet der Internationale Tag des Ehrenamts statt. Die Vereinten Nationen begehen ihn seit 1986 immer am 5. Dezember. Aus Anlass dieses Tages stellt der Autor eine Initiative aus Rahlstedt vor – die „Hamburger Computer Spende“. Sie gibt komplette Computersysteme kostenlos an Bedürftige weiter. Damit sollen diese Menschen auf dem Stand der Zeit bleiben und sich besser Arbeit suchen können.

Horst Matzen in seiner PC-Werkstatt des Vereins Hamburger Computer Spende. Fotograf: Thomas Köhler Foto: Horst Matzen in seiner Büro-Werkstatt in der heimischen Wohnung. (Thomas Köhler)

Hamburg-Rahlstedt – Es ist ein regnerischer Abend, „bestes Hamburger Schmuddelwetter“, nennen das die Hanseaten von der Elbe. Ein Hochhaus in Rahlstedt steht etwas verloren zwischen mehreren Viergeschossern. Ein junger Mann betritt das Haus, fährt im Fahrstuhl nach oben. Er trägt eine Tasche bei sich, sucht eine Tür, die Wohnungstür der Familie Matzen. Er findet sie schnell, denn sie ist eingerahmt von Computergehäusen mit der Aufschrift Schrott, und ein bemaltes Waschbrett verkündet, wer hier wohnt.

Horst Matzen, der Hausherr öffnet, begrüßt den Mann. Sie beschauen sich gemeinsam den Inhalt der mitgebrachten Tasche: Ein Notebook, diverse Computerprogramme, Kabel, Computermaus, Bedienungsanleitung – schöne Bereicherung für die Sammlung von Horst Matzen. Er betreibt die „Hamburger Computer Spende“, vormals „Hamburger Computer Tafel“. Der gemeinnützige Verein versorgt Menschen, die es sich nicht leisten können, mit einer kompletten Computeranlage, inklusive Drucker und Lautsprechern, zum Nulltarif. Die Geräte stammen aus Spenden von Privatpersonen und Unternehmen. Horst Matzen (57) repariert die Geräte, rüstet sie auf, macht sie WindowsXP-fähig und gibt sie auf Antrag an Bedürftige ab. Seine Ehefrau Angelika (52) verwaltet die Anträge, managt den Papierkram.

Trotz eigener Bedürftigkeit Hilfe für andere Menschen

Der junge Spender wird nach der Übergabe der Geräte mit freundlichen Worten verabschiedet, das Notebook und die anderen Mitbringsel werden von Matzens erst einmal im Flur abgestellt – auf einer Galerie von Computern. Überall in der Wohnung wartet Technik darauf, instand gesetzt zu werden. Trotz der Platznot in ihrer Wohnung haben sich die Matzens ihr sonniges Gemüt erhalten. Sie sind gastfreundlich, bitten Besucher in die Stube. Sie erzählen ihre Geschichte, ihre Geschichte von Hartz-IV. Denn sie leben selbst von dieser staatlichen Transferleistung, dem Schreckgespenst des Bürgertums. „Vor zwei Jahren haben wir uns entschlossen, das zu machen. Wir nehmen gebrauchte PCs aus der Bevölkerung an, machen sie XP-fähig.“ Die Bemühungen der Familie führten zu einem eingetragenen Verein, der betreibt die „Hamburger Computer Spende“. Horst Matzen: „Unsere Arbeit hat sich inzwischen überall herumgesprochen. Inzwischen haben wir 120 Menschen auf unserer Warteliste“. Sogar in der guten Stube stehen neben dem Fernseher Computer. Das Paradies für Technik-Freaks, wird zum Platzproblem. „Die Spendenbereitschaft der Hamburger ist enorm. 90 Geräte müssen noch nachgeschaut werden. Jeden Tag werden es mehr. Eine Hamburger Firma hat uns auf einen Schlag 80 PCs zur Verfügung gestellt und versprochen, dass immer wieder welche nachkommen“.

Computerstapel in der Wohnung von Horst Matzen. Fotograf: Thomas Köhler Foto: Die Computer stapeln sich in der kleinen Wohnung. (Thomas Köhler)

Entsorgung ein Problem

Inzwischen hat der Verein bei einem befreundeten Handwerker einen Kellerraum angemietet, um die vielen Geräte überhaupt unterzubringen. Horst Matzen ist umtriebig, hat sich an eine große Wohnungsgesellschaft gewandt und um Unterstützung gebeten. Denn es sind nicht nur die Räumlichkeiten für die Lagerung, sondern auch für die Schulung nötig. Der Verein bietet seinen Mitgliedern Kurse an, die dazu dienen, sich in der für sie gewöhnungsbedürftigen Materie Computer und Internet besser zurechtzufinden. „Die Bedürftigen müssen nicht Mitglied des Vereines sein, wir Verlangen nur den Nachweis der Bedürftigkeit – also den Hartz-IV-Bescheid zum Beispiel“, so Matzen. „Wer möchte, kann gern für zwei Euro im Monat Mitglied werden. Dann besteht auch die Möglichkeit, unter Anleitung seinen PC selbst zu reparieren“. Der Platzmangel, so Familie Matzen, rührt auch aus einem anderen Grund. Durch die große Anzahl an auseinandergenommenen Geräten ist ihm eine private Entsorgung in Recyclinghöfen problematisch.

Ausweitung nach Kiel geplant

Zwischen den aufgetürmten Gehäusen spazieren Kater und Katze. Das Büro, das auch Werkstatt ist, ist vollgestopft mit Technik und Ordnern. Zwei Arbeitsplätze mit Computern und Regale mit ungezählten ausgebauten Komponenten. Ein mehrtüriger Schrank bewahrt die kostbaren Ersatzteile in Kisten und Schachteln auf. Horst Matzen kann sich genau genommen nicht richtig rühren. Es ist ein Wunder, auf welch geringer Fläche dort gearbeitet wird. Die Matzens wollen diese Art der Hilfe für Bedürftige auf das ganze Bundesgebiet ausdehnen. Eine Kieler Vertretung ist schon in Planung. Tochter und Schwiegersohn sollen die dortigen Bedürftigen der Stadt und Umgebung mit den aufgerüsteten und reparierten Geräten versorgen.

Wissen selbst angeeignet

Matzen ist in Sachen Computerreparatur ein Quereinsteiger, eigentlich ist er gelernter Sanitärinstallateur von Beruf. Sein erster PC gab prompt nach Ablauf der Garantie den Geist auf. Eine Woche, so Matzen, habe er nach der Ursache gesucht – und sie gefunden. Das war der Anfang seiner Leidenschaft für Bits und Bytes. Damals, in den 1980er Jahren, besaß er noch einen C 64, der erste Mode-PC für daheim. „Wenn ich heute wieder so einen bekäme, wäre ich sehr froh“, sagt er mit etwas Wehmut. Sein heutiges Wissen hat er sich über die Jahre selbst angeeignet – ist „firm bei Hard- und Software“, sagt er. Und all seine Arbeit werde entschädigt, wenn er und seine Frau in die leuchtenden Augen der Empfänger der Computer schauen können. Doch die Wartelisten seien inzwischen lang. Ein Viertel Jahr Wartezeit müssten die Interessenten aufbringen. Deshalb könnte Matzen noch jemanden gebrauchen, der sich um die peripheren Aufgaben kümmert. Doch es gibt bisher niemanden, der sich intensiv für andere einbringen möchte.

Karen F. aus Norderstedt an ihrem PC, den sie von Horst Matzen bekommen hat. Fotograf: Thomas Köhler Foto: Karen F. hat einen neuwertigen PC von Horst Matzen erhalten. (Thomas Köhler)

Dank Internet mehr Chancen bei der Arbeitssuche

Eine der Beschenkten ist Karen F. aus Norderstedt. In einem kleinen Zimmer ihrer Wohnung steht die Anlage des Vereins aus Rahlstedt. „Ich sah den Aushang beim Amt“, so die Hartz-IV-Empfängerin, „und hab’ da angerufen. Ich konnte gar nicht glauben, dass es die Computer kostenlos gibt.“. Sie trinkt einen Kaffee und freut sich, dass es Menschen wie die Matzens mit ihrem Verein gibt. Ihre Kinder sind fast alle aus dem Haus, nur der Jüngste ist noch bei ihr. Das hat Konsequenzen. Sie muss sich nun eine kleinere Wohnung suchen und Arbeit suchen. „Wo kann man da besser gucken, als im Internet?“, sagt sie. „Deshalb hab’ ich mich so gefreut, als Herr Matzen schon drei Wochen nach meiner Anfrage anrief.“ Dann musste sie eine Transportgelegenheit organisieren, um die Geräte nach Hause zu bringen. Nun steht eine moderne Anlage bei Familie F. – dank der Bemühungen der rührigen Familie Matzen, die trotz eigener Not für andere Menschen da ist – ehrenamtlich.

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Busch-Ausstellung eröffnet

Busch-Illustration, Fotograf: Thomas Köhler, Hamburg Foto: Illustration von Wilhelm M. Busch (Thomas Köhler)

Hamburg-Bergedorf – Eine Ausstellung zum 100. Geburtstag von Wilhelm Martin Busch ist gestern im Bergedorfer Schloss von Museumsleiter Dr. Olaf Matthes eröffnet worden. Noch bis zum 28. Februar können in der Schau die Werke des Hamburger Illustrators, Zeichners und Lehrers, der 1987 verstarb, besichtigt werden. Die Ausstellung ist eine umfangreiche Schau aus verschiedenen Schaffensperioden Buschs. Skizzen, farbige Szenen aus dem Leben sowie Porträts von bekannten Personen, wie dem Clown Charles Rivel, spannen einen großen Bogen. Die Retrospektive ist Höhepunkt einer Ausstellungsreise seiner zahllosen Zeichnungen im nord- und mitteldeutschen Raum.

Vor der Eröffnung am Donnerstagabend sorgte die Entdeckung einer aufmerksamen Kunstkennerin für Heiterkeit. Sie wies darauf hin, dass ein Bild aus dem Zyklus Stierkampf in der Ausstellung verkehrt herum hing. Die Schwerelosigkeit des Bildes lies allerdings durchaus diese Interpretation zu. Die Aussteller behoben den Fehler umgehend.

Stierkampf von Wilhelm M. Busch verkehrt herum, Fotograf: Thomas Köhler   Stierkampf von Wilhelm M. Busch richtig herum, Fotograf: Thomas Köhler Stierkampf von Wilhelm M. Busch, links: verkehrt, rechts: richtig. (Thomas Köhler)

Busch war sorgender Lehrmeister

Gudrun Hildebrandt, Textilrestauratorin am Museum für Hamburgische Geschichte, ließ die Anwesenden in einer kurzen Rückschau an ihren Erlebnissen mit dem Künstler teilhaben. Als Studentin lernte sie Busch Anfang der 1970er Jahre kennen, lobte den Menschen Wilhelm M. Busch. Doch nicht nur zu seinen Schülern, auch zu seinen Modellen habe er ein inniges Verhältnis gepflegt. „Haste auch warm genug?“, zitierte Hildebrandt den stark berlinernden Busch, der sich um ein damals anwesendes Aktmodell sorgte. Busch sei immer auch der fordernde Lehrer gewesen, der seine Studenten zu genauem Hinsehen anhielt. Er monierte den Erfinder des Radiergummis. Der, so Hildebrandt, gehöre erschossen, seien starke Worte Buschs gewesen, der sich ansonsten liebevoll und geduldig bemühte, aus seinen Schülern präzise Beobachter zu machen.

Clownzeichnung von Wilhelm M. Busch, Fotograf: Thomas Köhler  Foto: Clownzeichnung von Wilhelm M. Busch (Thomas Köhler)

Menschen haben in Buschs Zeichnungen die Hauptrolle

Professor Bernd Küster, Direktor der Museumslandschaft Hessen aus Kassel berichtete von seinem Freund: „Busch kam aus einer Epoche in der die bildende Kunst allen Ansprüchen genügen musste. Menschen hatten in seinen Zeichnungen und Skizzen immer die Hauptrolle inne. Busch unterstellte der menschlichen Natur nie etwas Schlechtes.“ Der Zeichner habe trotz seiner fortschreitenden Gebrechlichkeit bis ins hohe Alter alle Aufträge bereitwillig angenommen, erledigte sie stets mit höchster Aufmerksamkeit. Er erfüllte, so Küster, „die noble Aufgabe der Illustration stets gewissenhaft“. Dabei habe Busch in seinem viel zu kleinen Arbeitszimmer über der Elbe am Süllberg in Hamburg-Blankenese rauchend an seinen Zeichnungen und Skizzen gearbeitet.

Ermöglicht hat diese Ausstellung maßgeblich das Wilhelm-M-Busch-Archiv, ansässig in Hamburg-Wandsbek. Dessen Leiterin Ursula Müller stellte eine Auswahl aus mittlerweile über 40.000 Zeichnungen und Skizzen zur Verfügung. Geöffnet ist die Retrospektive außer montags und freitags von 10 bis 17 Uhr. Der Eintrittspreis beträgt 3 Euro, ermäßigt 1,50 Euro.

Zum Internetauftritt des Wilhelm-M-Busch-Archivs: hier.

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Fotos: Schwedisches Königspaar besuchte Hamburg

Hamburg – Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Schwedischen Handelskammer in Deutschland besuchte das schwedische Königspaar die Hansestadt. Zum Gala-Dinner im Hamburger Grand Elysee Hotel empfing der erste Mann der Stadt, Ole von Beust, König Carl-Gustav und Königin Silvia.

Die drei Fotos der Fotostrecke stammen von Marcus Schmidt. Sie können bei ihm käuflich erworben werden.

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Die eigene Geschichte erkunden

Dieter Thiele zeigt in der Barmbeker Geschichtswerkstatt Kraniche, Arbeiterkämpfe und das Überleben von jüdischen Mitbürgern des Stadtteils.

Dieter Thiele am Schreibtisch. Fotografin: Frauke Franckenstein Foto: Dieter Thiele zeigt ein SPD-Wahlplakat von 1946. (Frauke Franckenstein)

Hamburg-Barmbek – Manchmal sind es kleine Dinge wie ein Metallkästchen, die ein Schlaglicht auf Dieter Thieles Arbeit werfen. Ein Kästchen, das das Unausgesprochene in einer Familie im Hamburger Stadtteil Barmbek symbolisiert. Dieter Thiele sitzt am Tisch der Geschichtswerkstatt Barmbek, Ecke Wiesendamm/Hufnerstraße. Das Mobiliar ist alt und spartanisch, aber das spielt keine Rolle hier. Viel wichtiger sind die Bücher und Schriftstücke, die Fotos und Bildtafeln. Und, im Nebenzimmer der ehemaligen Konditorei, die Handwerkszeuge, die zur anschaulichen Darstellung von Barmbeker Alltagsexistenzen führen: Tonbandgeräte, Fotokameras, Computer.

Erinnerungen einer Jüdin in einem Kästchen

“Die Geschichte mit dem Kästchen hat mich sehr berührt”, erinnert sich Dieter Thiele. Darin hatte eine alte Barmbeker Jüdin die paar Dinge aufbewahrt, die von ihrer Familie übrig geblieben waren. Ihre Angehörigen waren während des Dritten Reichs fast alle umgebracht worden. “Sie hat das Kästchen in Anwesenheit ihrer Kinder nie geöffnet”, sagt der 74-Jährige. “Und wenn sie außer Haus war, sind die Kinder an das Kästchen gegangen. Aber sie haben niemals miteinander darüber gesprochen.” Das Unsagbare wollte die über 80-Jährige dann aber doch noch mitteilen, Außenstehenden, den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt. “Kurz vor ihrem Tod hat sie uns einbestellt, um zu Protokoll zu geben, was sie in der NS-Zeit erlitten hat”, erzählt Thiele, “ihre Kinder haben aus der Transskription dieses Interviews Dinge erfahren, die ihre Mutter ihnen nie erzählt hat.”

Nicht mal eine halbe Planstelle

Mosaiksteine von Barmbeker Schicksalen. Über den „Skurrilen Garten“ zum Beispiel hat die Geschichtswerkstatt 1997 eine Broschüre gemacht. Und über dessen Gestalter Herrn F. Am ehemaligen Wendebecken der Schiffbauversuchsanstalt hatte er mit überbordender Fantasie, Humor und Schaufensterdekorationsstücken seine Parzelle zu einem Kunstwerk gemacht, das die Mitarbeiter der Barmbeker Werkstatt an die Dschungelbilder von Henri Rousseau erinnerte.

Dieter Thiele und Werkstattkollege Harry, Fotograf und Gestalter, bereiten Barmbeker Geschichte als Angestellte des Trägervereins Heimatmuseum und Geschichtswerkstatt Barmbek “mit jeweils nicht mal ’ner halbe Stelle auf”, so Thiele. Ihnen zur Seite stehen Kollegen wie Christian und Petra mit Zwei-Jahres-Verträgen beim Hamburger Trägerverein Arbeit und Lernen. Petra zum Beispiel transskribiert Interviews – zehn Finger blind. Ansonsten ein Vollzeitjob für den 74-jährigen Dieter Thiele. Er hat auffällig dunkle Schatten unter den Augen. Da er keine Familie hat, ist die Geschichtswerkstatt “ein bisschen wie mein Kind geworden”. Er arbeitet Geschichts-Spaziergänge aus, führt sie zum Teil selbst, bereitet Ausstellungen vor und berät Bürger, die etwas über die Geschichte ihres Hauses oder über größere Zusammenhänge wissen wollen. Die Geschichtswerkstatt hat über die Jahre ein umfangreiches Text- und Bildarchiv aufgebaut – ein Spezialarchiv für Barmbek. “Hier findet man gesammelt, was man sich sonst erst aus allen möglichen Archiven zusammensuchen muss – oder eben gar nicht findet, weil’s aus Privatquellen stammt”, so Thiele.

Videofilm über Niedergang einer Fabrik produziert

Ans Aufhören denkt Dieter Thiele trotz seines Alters nicht: “Menschen dazu zu bewegen, die eigene Geschichte zu erkunden, erscheint mir nach wie vor erstrebenswert.” Ideal sei, dass es mit einer Rückschau auf den Arbeitskampf der Hamburger Metaller um den Untergang der Barmbeker Werkzeugmaschinenfabrik Heidenreich & Harbeck gelungen ist zu zeigen, wie sie 1976 vom Gildemeister-Konzern aus Bielefeld heruntergewirtschaftet wurde. “Wir haben einen alten Film, der darüber gedreht worden war, zur Erinnerung noch mal gezeigt – und zur Aufführung sind erstaunlich viele alte Metaller aus ganz Hamburg gekommen. Die haben daraufhin einen Arbeitskreis gebildet, um ihre Sicht der Vorgänge festzuhalten.” Mit finanzieller Beihilfe der Kulturbehörde entstand daraus ein großer Videofilm: Gewinner waren wir nicht – aber wir haben gekämpft!

Als Berliner in Barmbek heimisch geworden

Auf Umwegen hat sich der gebürtige Berliner Thiele – der noch immer berlinert, obwohl er in Hamburg bereits Abitur gemacht hat – seiner Berufung genähert. Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte verließ er seinen unrsprünglich eingeschlagenen Weg ins Lehramt und Universitätskarriere und “geriet  auf ganz niedriger Ebene in die Politik”. Streitbar war er. Beim Winterhuder Veranstaltungszentrum Goldbekhaus, das er mit aufgebaut hatte, schied er deshalb aus; ebenso aus der SPD, als unter Kanzler Helmut Schmidt der Nachrüstungsbeschluss gefasst wurde. “Heute sehe ich manches vielleicht anders”, kommentiert er, “aber damals war es für mich ein Grund, auszutreten.”

Über eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme half Dieter Thiele beim Aufbau des Barmbeker Museums der Arbeit, und als die Bürgerbewegungen der späten 1970er und frühen 80er Jahre sich in Hamburg der “Geschichte von unten” annahmen und die ersten Geschichtswerkstätten in den Stadtteilen eröffneten, zählte er zu den Gründungsmitgliedern der Geschichtswerkstatt Barmbek. “In Hamburg hatten wir das Glück”, erinnert sich Thiele, “dass Kultursenator von Münch sich persönlich für unsere Arbeit interessierte und als Zweiter Bürgermeister 1990 die Einrichtung eines eigenen Haushaltstitels für die Geschichtswerkstätten durchsetzte – einzigartig in Deutschland.” Im Laufe der Zeit wurden allerdings die Haushaltsmittel in der Hansestadt knapp, und die Gunst der Regierenden wechselte. Heute muss die Geschichtswerkstatt mit der Hälfte des früheren Etats auskommen. Das bedeutet sorgfältige Planung und vollen Einsatz, um ein qualitatives Programmangebot aufrechtzuerhalten.

Dieter Thiele am Schreibtisch. Fotografin: Frauke Franckenstein Foto: Dieter Thiele an seinem Schreibtisch. (Frauke Franckenstein)

Kanalfahrten und Spaziergänge bringen Publikum

Zum Renner haben sich die Kanalfahrten entwickelt, bei denen jeweils drei Mitarbeiter 26 Fahrgästen auf dem kleinen Schiff “Aue” das heutige Barmbek vom Wasser aus zeigen und frühere Zustände mit Hilfe von Bildtafeln verdeutlichen. “Das Interesse daran ist trotz des hohen Preises von 18 Euro so groß, dass wir glatt doppelt so viele veranstalten könnten – trotzdem setzen wir bei jeder Fahrt mindestens 100 Euro zu.” Regen Zulauf haben auch die literarischen Spaziergänge, die den bundesweit bekannten Lebensgeschichten gebürtiger Barmbeker folgen: “Auf den Spuren der Bertinis” nach dem Roman von Ralph Giordano und “Neger, Neger, Schornsteinfeger” nach der Autobiografie des Deutsch-Liberianers Hans-Jürgen Massaquoi.

Bei den übrigen Touren ist das Interesse der Besucher schwankend, obendrein vom Wetter abhängig. Dieter Thiele ist bei jedem Wetter gründlich vorbereitet zur Stelle. Und erlebt gelegentlich, wie neulich zur Tour “Kunst im Barmbeker Stadtraum”, dass sich nur eine einzige ältere Dame einfindet. Immerhin: Der Rundgang “Barmbek basch – vom Leben des Proletariats” erfreut sich mittlerweile steigender Beliebtheit. “Vielleicht hängt das ja damit zusammen, dass Proletariat wieder ein Thema ist, auch wenn es heute Prekariat genannt wird.“

Ihr Publikum erreicht die Barmbeker Geschichtswerkstatt über ihr Programmheft, Ankündigungen im regionalen Wochenanzeigenblatt und, ganz zeitgemäß, übers Internet. Den meisten Menschen im Stadtteil, glaubt Dieter Thiele, ist die Geschichtswerkstatt allerdings durch den sogenannten Geschichtspfad bekannt geworden: Bildtafeln im Straßenbild machen Passanten auf Orte mit Bedeutung aufmerksam. Zum Beispiel auf die schönen Kranich-Skulpturen des Bildhauers Hans-Martin Ruwoldt in der Genossenschaftssiedlung an der Hufnerstraße. “Es muss erwähnt werden, dass vom historischen Barmbek wenig übrig geblieben ist. In einem einzigen nächtlichen Luftangriff vom 29. auf den 30. Juli 1943 wurde vor allem der Süden so stark verwüstet, dass dort schwer vor Augen zu führen ist, wie’s mal aussah”, so Thiele.

Menschen helfen kontinuierlich beim Ausbau der Geschichtswerkstatt

Gelegentlich kommen auch Bürger mit historischen Funden von Dachböden und aus Kellern zum Wiesendamm. Dieter Thiele präsentiert zwei hölzerne handbemalte Schilder aus dem ersten Hamburger Wahlkampf 1946 nach dem Zweiten Weltkrieg. Olga Brandt-Knack, einstmals Ballettmeisterin der Hamburger Staatsoper, die seinerzeit darauf für die SPD kandidierte, hatte er noch persönlich kennengelernt, “deswegen fand ich die Schilder besonders interessant”.

Immer wieder sind es die Menschen, die Barmbeks Geschichte anschaulich machen. Über Heinz D., der öfters in der Geschichtswerkstatt auftauchte und die Mitarbeiter mit Zaubertricks verblüffte, hat Dieter Thiele ein anrührendes kleines Buch geschrieben: “Ich fand sein Leben außergewöhnlich. Nach einer Kindheit jenseits aller Normen des proletarischen und kleinbürgerlichen Milieus wurde er wegen seines auffälligen Verhaltens während der NS-Zeit als sogenannter Gemeinschaftsschädling eingestuft. Nur durch Zufall gelang es ihm, aus einem Bewährungsbataillon in Nordafrika zu desertieren. Aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft brachte er dann sein lebenslanges Interesse an Kultur, Film, Theater, Kabarett und eben am Zaubern mit. Heinzi – den mochte ich gern.”

Kulturbehörde fordert Rechenschaft

Dieter Thiele hat nun keine Zeit fürs Interview mehr, muss sich anderen Aufgaben zuwenden. Die Kulturbehörde lässt zum Beispiel derzeit auch die Arbeit der Hamburger Geschichtswerkstätten evaluieren, um sie zeitgemäß aufzustellen, wie es dort heißt. Da gilt es standardisierte Fragebögen auszufüllen, “auch wenn sie mit der lebendigen Wirklichkeit nicht immer was zu tun haben”.

Wenn dann, neben der Lektüre von Fachliteratur, noch etwas Zeit bleibt, liest Dieter Thiele zu Hause Bücher. Zum Beispiel Marie Luise Kaschnitz’ Beschreibung eines Dorfes, “mit all der Melancholie und Trauer über die zerstörerischen Veränderungen”. Oder Dacia Marainis Bagheria – Eine Kindheit auf Sizilien. “Die schildert mit Bitterkeit und Wut, was in den Nachkriegsjahrzehnten durch die hemmungslose, mafiagelenkte Bebauung aus ihrer Heimat geworden ist.” Ein ganz anderes Sizilienbild als bei dem Barmbeker Ralph Giordano, für den Sizilien durch seinen Großvater zur ideellen Heimat geworden sei.

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Fotostrecke: Hamburger Herbst

Fotos von: Claus Gieseler, Nina Groth, Eva Jakubowski, Tom T. Köhler, Joaquin Marquez-Schmidt und Detlef Struckhof

Die Fotos dieser Strecke können Sie kaufen. E-Mail-Kontakt: hier.

Bringen weniger Polizisten mehr Sicherheit?

Hamburg schafft die sogenannte Präsenzschicht ab.

Kommentar von Tom T. Köhler

Polizeikommissariat 47, Hamburg-Neugraben. Fotograf: Thomas Köhler Foto: Polizeikommissariat 47 Hamburg-Neugraben. (Tom T. Köhler)

Hamburg-Harburg –  Die Harburger Polizei muss jetzt Beamte an andere Wachen abgeben, damit die Kollegen dort Peterwagen besetzen können. Das klang vor der Wahl noch anders. Den Harburgern wurde versprochen, dass dort alles beim Alten bleibt. Die Folge der jetzigen Entscheidung: In Harburg bleibt einer der sechs Peterwagen unbesetzt. Die sogenannten Präsenzschichten werden in der ganzen Hansestadt aufgelöst. Schade! Diese Beamten waren gut informierte Ansprechpartner des Bürgers. Sie kannten sich aus, waren deshalb vorbeugend tätig. Sie hatten ihre Pappenheimer im Griff, waren bei Personalengpässen die „Feuerwehr“ bei personalintensiven Einsätzen.

Die Ankündigung vom September, die Präsenzschichten aufzulösen, sorgt bei den Menschen, aber auch bei den Beamten für Unmut. Nun sagt die Harburger CDU, sie habe eine Zusage des Parteifreundes und Innensenators Christoph Ahlhaus, dass Harburg keine Beamten abgeben müsse. Doch dem ist offensichtlich nicht so. Deshalb kam der Rückzieher von der Bezirks-CDU prompt. Statt „nicht abgeben müssen“ heißt es  nunmehr „sie kommen bald wieder“.  Einige sogar „schnell“ was auch immer das heißen mag?

Das klingt nach kurzfristigen taktischen Erwägungen. Das mögen die meisten Bürger jedoch nicht. Sie wollen Vertrauen in die Sicherheit auf ihren Straßen haben. Dafür sind die Politiker gewählt worden. So sollten sie auch handeln.

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Alles ordentlich im Quartier

Der Bürgernahe Reporter (Bünare©) Tom T. Köhler ist unterwegs im Quartier Neuwiedenthal.

Nebel über Neuwiedenthal Fotograf: Thomas Köhler, Hamburg Foto: Nebel über Neuwiedenthal. (Tom T. Köhler)

Hamburg-Harburg – Die Wohngebiete im Hamburger Süden werden oft abfällig als soziale Brennpunkte abgetan – doch es gibt Ausnahmen. Das lange Zeit verrufene Neuwiedenthal hat sich gewandelt. Es ist ein grüner Stadtteil, der bei näherer Betrachtung eine gewisse Beschaulichkeit ausstrahlt. Die meisten Menschen leben gerne dort, seit vielen Jahrzehnten. Der zeitweise vorherrschende Vandalismus ist deutlich zurückgegangen. Mit einfachen Mitteln sorgte die Wohnungsbaugenossenschaft Süderelbe für Abhilfe. Die Hausverwalter tun alles, um den Mietern zur Seite zu stehen. Ein Ortstermin an einem nebeligen Vormittag.

Drei Telefone klingeln unaufhörlich

Die Hausverwalter Claus Schweder und Heiko Deml sitzen an einem Montagmorgen in ihrem großzügigen Büro im Keller eines Wohnhauses. Die Eingangstür zur Außentreppe ist weit geöffnet, denn es ist Sprechstunde im Verwalterbüro der Wohnungsbaugenossenschaft Süderelbe in Neuwiedenthal. An der Wand fällt die mannshohe Schlüsselwand auf – dort aufgereiht und wohl sortiert: Hunderte Schlüssel. „Da darf keiner falsch hängen, dann gäbe es Chaos“, sagt der 57 Jahre alte Schweder. Die drei Telefone auf den zwei Schreibtischen klingeln unaufhörlich, fast zwanzig Mal in einer Stunde. Doch das bringt die beiden Hausverwalter nicht aus der Ruhe.

Maler müssen warten

Während Schweder die Anrufe beantwortet, kümmert sich sein Kollege Heiko Deml (43) emsig um die Ablage. Während dieser in den Akten wühlt, stehen plötzlich zwei Maler im Büro. Sie wollen die nächsten Renovierungsarbeiten mit den Hausverwaltern absprechen. Doch sie müssen erst einmal warten. Die Mieterinteressen gehen vor. Deshalb holen sie sich Kaffee und einen Aschenbecher aus der Küche. Sie kennen sich hier aus, denn sie sind nicht zum ersten Mal in diesem Büro.

Hausverwalter sind keine Hausmeister

Die beiden sind für etwa 1.000 Mieter zuständig. Da ist immer viel zu tun. „Meine Arbeit teilt sich in etwa zu je einem Drittel so auf: Verwaltungsarbeiten, Menschen, Technik“, sagt Schweder, ein großer, kräftiger Mann mit zurückgekämmtem Haar und einer feinen Brille auf der Nase. Gelegentlich wird er von Mietern als Hausmeister bezeichnet. Das stört ihn ein wenig, schaut drüber hinweg. Er ist derjenige, der die Hausmeister und Handwerker einsetzt, damit sich die Mieter wohlfühlen.

Hobby: Kaninchenzucht

Neben der Organisation kleiner und großer Reparaturen ist er für die Wohnungsübergaben bei Aus- und Einzug der Mieter zuständig. Er vergibt die begehrten Garagenplätze. Schweder und Deml sind Bindeglied zwischen Mieter und Wohnungsbaugenossenschaft. Sie verstehen sich als Partner beider. Deshalb telefonieren sie täglich mit der Süderelbe. Der gelernte Tischler und Elektriker Schweder geht in seinem Beruf auf – seit 25 Jahren. Doch auch seinem Hobby, der Kaninchenzucht, geht er mit großer Leidenschaft nach. Seit 45 Jahren züchtet er Kaninchen. Sehr erfolgreich sogar. Im vergangenen Jahr wurde er mit seiner Zucht Deutscher Meister.

Silberfischchen sind ungefährlich

Seine Mieter kennt er alle mit Namen. „Als ich hier anfing, dachte ich, das schaffe ich nie.“ Inzwischen ist es 8.30 Uhr. Nach einer Stunde ist die Sprechstunde zu Ende. Die Telefone hören auf zu klingeln. Schweder berichtet vom spannendsten Fall des Tages. Ein aufgeregter Mieter wollte Hilfe bei der Jagd nach Silberfischchen haben. „Da musste ich ihn erst einmal ausreden lassen und ihm sagen, dass er als Mieter selbst zuständig ist. Er müsse sich Fallen im Drogeriemarkt kaufen und sie bei sich aufstellen.“ Dann lacht Schweder: „Vor allem musste ich ihm erklären, dass die Tierchen nicht gefährlich sind.“ Er lacht überhaupt viel, hat Spaß an der Arbeit und immer einen Gag auf Lager. Jetzt kommen die Maler dran. Ein Keller in einem Wohnhaus braucht neue weiße Farbe an den Wänden und eine Wohnung wartet auf die komplette Renovierung. Aufträge werden gewälzt und Rechnungen unterschrieben. Die Männer sind nach vielen Jahren Zusammenarbeit ein eingespieltes Team, frotzeln sich an, wissen, was sie aneinander haben.

Hausverwalter Claus Schweder beim Telefonieren. Fotograf: Thomas Köhler, Hamburg Foto: Hausverwalter Claus Schweder beim Telefonieren. (Tom T. Köhler)

Hausverwalter Schweder kennt jeden Mieter

Schließlich geht es nach draußen. Inzwischen ist es 9.30 Uhr. Claus Schweder zeigt sein Revier. Und er kennt tatsächlich alle Mieter mit Namen. Der Hamburger grüßt jeden, ist nie um einen Zuruf verlegen. Auf einem Parkdeck blinken die orangefarbenen Warnleuchten eines abgestellten Autos. Schweder geht zielstrebig auf ein Haus an der Straße Thiemannhof zu, klingelt bei den richtigen Besitzern des Fahrzeugs. „Eure Warnblinker sind an, schaut da mal nach!“, ruft er in die Sprechanlage. Die Mieter bedanken sich freundlich. Er geht weiter. Sein Ziel: das Hochhaus am Rehrstieg, zehn Minuten Fußweg entlang der gepflegten Grünanlagen. Ein Markenzeichen dieser Wohngegend. Hier fühlen sich die Mieter wohl.

Pförtner sorgen für Sicherheit

Im Eingangsbereich des Hochhauses gibt es eine Pförtnerloge, sie ist vom frühen Nachmittag bis zum Abend besetzt. „Süderelbe beschäftigt hier Mitarbeiter. Es sind keine Ein-Euro-Jobs, wie anderswo“, stellt Schweder klar, „seit wir die Pförtner haben, gibt es keine Randale mehr. Es ist Ruhe eingezogen.“ Er freut sich mit den Mietern und weiß die Pförtner zu schätzen. Kleine Reparaturen übernehmen sie, wechseln auch mal die Mülltonnen aus, die unter dem zentralen Müllschlucker stehen, der von jeder Etage aus genutzt werden kann.

Neue Breitbandtechnik hält Einzug

Im Keller des Hochhauses, der voller weißer Kabel liegt, sind Handwerker zugange. Schweder: „Hier kommt das neue Breitbandkabel für Fernsehen, Telefon und Internet hin. Das ist eine Arbeit, oh Mann!“ Schweder öffnet eine Tür. Dahinter befindet sich die sogenannte Druckerhöhung. „Die brauchen wir, wenn alle gleichzeitig Wasser nehmen. Oder wenn die Feuerwehr löschen muss. Da muss auch im zehnten Stock noch Wasser ankommen“, erklärt Claus Schweder.

Schmierereien werden schnell beseitigt

Der Fahrstuhl bringt den Hausverwalter ganz nach oben in den 12. Stock. Nach draußen führt eine Stahltür. Dort liegt ein dicker Morgennebel im Wohngebiet. „Deshalb ist die Aussicht heute nicht so schön wie sonst“, sagt der Hobbykaninchenzüchter. Plötzlich fällt sein Blick auf eine Veranda, die mit Schmierereien bemalt ist. Das gefällt ihm überhaupt nicht. „Warum machen die das? In ihrem Zimmer tun die das doch auch nicht!“, knurrt er böse. Das wird die Maler bald beschäftigen. Solche Verschandelungen werden sofort beseitigt. Das ist Konzept. Wird das nicht getan, motiviert das weitere Schmierfinken mitzumachen. In der Heizungszentrale im 12. Obergeschoss steht die Überwachungstechnik, mit der Schweder den Eingangsbereich des Hauses und den Fahrstuhl im Blick hat. Die Videoaufzeichnungen werden für kurze Zeit gespeichert. „Das schreckt Übeltäter ab“, ist sich Schweder sicher.

Mädchen für alles

Sein täglicher Gang durchs Quartier führt in weitere Häuser. An einer Wohnungstür im Twistering empfängt ihn eine alte Dame mit einem kleinen Hund, der ihn freudig begrüßt. Der Schlauch ihrer Dusche sei nicht mehr dicht, sagt sie. Schweder verspricht Hilfe. In einer anderen Wohnung verunzieren Wasserflecke die Decke. „Das ist beim Einbau von Heizkörpern in der Wohnung oben drüber passiert. Ich kümmere mich drum!“ Schweder merkt sich alles, er muss nichts aufschreiben. Er ist das Mädchen für alles. Sein Motto: „Mensch bleiben, dann läuft das auch alles rund.“

Schlüsselwand der Hausverwalter mit Hunderten Schlüsseln. Fotograf: Thomas Köhler, Hamburg Foto: Schlüsselwand der Hausverwalter mit Hunderten Schlüsseln. (Tom T. Köhler)

Noch sieben Jahre bis zur Rente

Nach knapp einer Stunde ist sein heutiger Rundgang beendet. Morgen wird er wiederkommen und nach dem Rechten sehen. Das Kellerbüro am Thiemannhof ist indes leer. Kollege Heiko Deml ist gerade mit dem Rad auf dem Weg in sein Revier. Der Blick fällt wieder auf die Schlüsselwand. Hier wird Schweder in sieben Jahren seinen Schlüssel hinhängen, wenn er seinen Beruf aufgibt, um in Rente zu gehen. Dann wird sich der Nachfolger die vielen Namen der Mieter merken müssen, und wird wohl auch denken, „dass schaffe ich nie“, bevor es auch für ihn leicht werden wird.

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Cosma Shiva Hagen, schönste Botschafterin im Land

Hamburg - Nach dem Ende der diesjährigen Hamburger Zukunftswochen spricht Joaquin Marquez-Schmidt mit der Baumwollpatin und Schauspielerin Cosma Shiva Hagen über Fairtrade, ihr ehrenamtliches Engagement und die beendete Zusammenarbeit mit dem Otto-Versand.

Cosma Shiva Hagen im Gespräch. Foto: Karsten Woelk, Fotocredit Foto: Cosma Shiva Hagen im Gespräch. (Karsten Woelk, Fotocredit)

Frau Hagen, die Hamburger Zukunftswochen 2009 sind am gestrigen Sonntag zu Ende gegangen. Dabei haben Sie im Rahmen der Fairen Woche Fairtrade unterstützt. Wie kam es dazu?

Ich war die letzten acht Jahre viel für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) in Afrika unterwegs. Und vor zwei Jahren wurde ich von Fairtrade gefragt, ob ich Baumwollbotschafterin für Afrika werden möchte. Das passte eben thematisch gut zusammen. Und als ich meine Bar aufgemacht habe, war die erste Ausstellung über unsere Reise in Afrika. Wir hatten eine Fairtrade Modenschau, eine afrikanische Band und zeigten Fotos aus Burkina Faso. Außerdem verkaufen wir hier auch Fairtrade Produkte.

Neben Baumwollpatin für Fairtrade, wurden Sie von Lesern der Illustrierten Bunte auch zur schönsten Frau Deutschlands gewählt. Wie kommen Sie mit diesen doch sehr unterschiedlichen Titel zu Recht?

Den einen habe ich mir ausgesucht, den anderen nicht. Ich glaube auch, mit diesem “Die schönste Frau”, da werden Sympathiepunkte vergeben, und dass das sehr viel damit zusammen hängt, wie präsent man gerade ist. Das ist alles mehr oder weniger Zufall. Da darf man sich nicht so dran aufhängen.

Sie haben sich schon einige Male über Oberflächlichkeiten des Starrummels in der Filmbranche beklagt…

Beklagt nicht. Das wird immer gleich so hoch gepusht. Natürlich bin ich auch eine Frau, die gerne Designer-Klamotten anzieht. Aber es wird dem einfach in der Medienlandschaft ein zu hoher Stellenwert gegeben, wobei man wirklich über andere Sachen sprechen sollte. Im Grunde genommen ist es schön, dass sich alle chic machen, aber dieses “Was tragen sie heute Abend?”, da denke ich manchmal, habt ihr euch mal die Frage auf der Zunge zergehen lassen. Das regt mich auf, weil ich dann denke, die jungen Leute sehen das und glauben, dass es das Wichtigste ist, während auf der Welt so viel los ist. Das heißt nicht, dass ich total gegen Designer und Mode bin. Im Gegenteil, ich find es super, bloß man muss gucken welchen Stellenwert das bekommt.

Nun, in der Filmbranche sind Äußerlichkeiten doch sehr gewichtig.

Auch, aber wozu sind wir in der Öffentlichkeit, wenn wir nicht auch über andere Sachen sprechen können, außer über “Haben sie gerade Schuhe von Galliano an?”, das nervt mich! Viel zu viele lassen sich davon beeinflussen und denken, sie müssen unbedingt dieses Spiel mitspielen, um dazu zu gehören.

Kommen wir zurück zu Ihrer Rolle als Botschafterin für die gute Sache. Sie reisen gerne und viel, um wie sie sagen, selbst zu erleben was sich abseits unserer Welt abspielt. Haben sie dafür noch Zeit?

Aber ja, ich war vor kurzem in Burkina Faso, das war die letzte größere Reise. Und demnächst bin  ich für das Kosmetikunternehmen Annemarie Börlind unterwegs. Die starten gerade ein neues karitatives Projekt in Mali und ich bin jetzt neue Botschafterin für Börlind. Das sind immer so Sachen, da brauch’ ich selbst nicht viel auf Reisen gehen und  kann trotzdem viel von der Welt sehen. Und wenn ich mal Urlaub mache, fahre ich nach Hause nach Ibiza, da bin ich viel zu selten.

Sie werden also von verschiedenen Unternehmen zur Botschafterin erkoren? Oder suchen sie Ihre Projekte selber aus?

Ich schaue mir das immer erst mal an, ob es passt oder nicht, und sage dann entweder ja oder nein.

Haben Sie nicht das Gefühl, dass Sie etwas verschwenderisch mit ihren Titeln als Botschafterin umgehen - und dass jeder gerne Cosma Shiva Hagen als Zugpferd einspannen möchte?

Nein, weil für mich immer ein Zusammenhang da sein muss und der Schwerpunkt auf Afrika liegt. Und solange die Sachen zusammenpassen, ist das okay.

Passte denn Ihr Engagement für den Otto-Konzern dazu?

Nein, da habe ich auch gesagt, ich würde gerne nur die Reihe Cotton made in Africa vorstellen, die Öko-Linie von Otto. Das Problem war, Cotton made in Africa ist nicht Fairtrade, das ist nicht dasselbe. Für mich war es dann aber so, dass ich mir dachte, ich habe dann trotzdem eine Plattform, wo man über Fairtrade sprechen kann und wollte danach versuchen, Otto zur Herstellung einer Fairtrade-Linie zu bewegen. Ich denke auch immer, es ist besser sich ein bisschen einzumischen und zu gucken was man machen kann, als direkt nein zu sagen.

Haben Sie Otto dahin gehend beeinflussen können?

Ja, aber die Zusammenarbeit ist ja nun beendet. Otto ist schon seit Jahren sehr umweltbewusst, aber ich weiß nicht wie das überprüft wird. Bei Cotton made in Africa haben die mir das so erklärt, dass sie da sehr gute Überprüfungsmöglichkeiten
haben. Ich selbst kann es nicht überprüfen und bei Fairtrade gibt es kein Drumherum.

Das heißt, Sie verlassen sich ganz auf die Aussagen von Otto?

Nein, ich recherchiere auch, aber es ist nicht immer alles schwarz-weiß. Manchmal möchte ich den Leuten nicht immer nur was Schlechtes unterstellen. Und das Problem ist, ich brauche auch irgendwann Geld, um Sachen voran zu treiben. Ich mach so viele karitative Sachen, das kostet schon viel Zeit.

Gibt es bei all den Projekten noch Zeit für Film und Fernsehen?

Ja, ich habe gerade für meinen Lieblingsregisseur Lars Becker eine weitere Folge Nachtschicht abgedreht, das lief jetzt am 1. Oktober beim Hamburger Filmfest. Dann habe ich zwei Filme synchronisiert, Schatz im Silbersee und Is no good, ein französischer Film. Jetzt dreh’ ich Alarm für Cobra 11 und Ende des Jahres probe ich für ein Theaterstück in Berlin – im Schlosspark Theater, dem neuen Theater von Dieter Hallervorden. Am 17. Oktober bin ich noch in der ZDF-Krimi-Reihe Lutter zu sehen.

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