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Holger-Cassens-Preis 2010 für Kinder-Leseclub in Hamburg
28.10.2010 von Tom T. Köhler.
Die Mara und Holger Cassens-Stiftung verlieh am 26.10.2010 den Holger-Cassens-Preis für den Leseclub Kölibri in Hamburg-St.Pauli. Eine Preisverleihung ist naturgegeben eine trockene Sache. Reden werden geredet, das Publikum erscheint bürgerlich gekleidet. Doch kann so ein Termin durchaus eine Erfahrung für´s Leben werden, wenn das Kulturprogramm einem den Kopf verdreht. Es geht um Kinder, das Lesen, die Musik.
Stiftung stiftet Bildung
Um einen Preis, zumal den einer Stiftung, zu erhalten, muss der Bewerber sich gehörig in die Ruder legen. Die Mara und Holger Cassens-Stiftung schrieb einen Preis zur Förderung eines Kooperationsprojektes aus, welches sich in seiner Arbeit an einem umfassenden Bildungsbegriff orientiert. Integriert im Stadtteil und dessen Ressourcen nutzend, soll der Preisträger Kindern den Zugang zu Bildung ermöglichen. Die Ausschreibung würde den Rahmen des Artikels sprengen - soviel sei berichtet: Die Befähigung zu einer eigenständigen Lebensführung, sozial, kulturell und politisch eingebunden, war gefordert. Die Lösung von Problemen der Benachteiligung findet vor Ort statt. Vernetzte Projekte und bürgerschaftliches Engagement bewirken eine Bildungsarbeit am Ort des Geschehens, mitten im Stadtteil und unter Einbeziehung von Kind und Eltern. Die Cassens-Stiftung wurde von der Patriotischen Gesellschaft von 1765 Hamburg bei der Ausschreibung und Bewertung der eingegangenen Anträge unterstützt. Es ist der zweite Preis, den die Stiftung auslobte.
Leseclub Kölibri Hambur-St.Pauli
Die glücklichen Gewinner
Die Sonne meint es an diesem Morgen mit St. Pauli gut. Am Hein-Köllisch-Platz, mitten im Kiez Hamburgs: unscheinbare Schaufenster, die fast bis auf den Boden reichen, eine Beschriftung über der Tür, drinnen ein Frühstücktreff mit Müttern und Kindern. Der Leseclub Kölibri - Wortwerk aus dem Köllischplatz und Libri, dem Buch. In den Räumen lesen Kinder, lernen lesen, gestalten ihre Freizeit. Der Leseclub gehört zum Verbund Gemeinwesenarbeit St. Pauli (GWA). Marianne Heidebruch, Projektleiterin, empfängt den Stifter Holger Cassens, die ehemalige Senatorin Ingrid Nümann-Seidewinkel und Journalisten zur Pressekonferenz. Inmitten quiekender Kinder und neben endlosen Bücherregalen berichtet sie über den Tag der Entscheidung. “Ich bekam Post von der Patriotischen Gesellschaft, war ganz aufgeregt. Erst wollte ich noch eine Runde um den Block laufen - doch dann hab ich den Brief aufgemacht.” Mit strahlenden Augen blickt sie zu Holger Cassens, einem unscheinbaren älteren Herrn, der entspannt in der Runde sitzt. Heidebruch: “Jetzt kann es weitergehen. Jedes Mal zum Jahresende kommt der Druck, die Frage nach den Mitteln für das nächste Jahr!” Hamburg sparte die gegenüberliegende Bücherhalle 2005 ein, die Mittel sind knapp.
H. Cassens, M. Heidebruch, I. Nümann-Seidewinkel vor dem Kölibri
Raum zur Bildung
Stolz führt die Projektleiterin die Besucher durch die Räume. Ein Saal für Aufführungen, ein Computerzimmer, eine Küche, in der die Kinder auch selbst kochen. Und natürlich: Bücher, Bücher, Bücher. An jeder verfügbaren Wand stehen Regale. Die Kinder fanden ein ganz eigenes Ordnungssystem. Die Bücher mit wenig Bildern und viel Text wanderten in die oberen Reihen, die bildreichen nach unten. Das macht Sinn, denn die Kleinsten können gerade erst lesen. Die Altersstruktur reicht von 6-14 Jahren. Das Programm des Kölibri ist auch dem angepasst: Gedichte für Wichte, Lesenächte (inkl. Übernachtung), Lesewettbewerbe und Ausfahrten in die Stadt und den Hafen sorgen für steten Zustrom der kleinen Leseratten. Und der Club ist die ganze Woche nachmittags geöffnet.
Ohne Unterstützung geht es nicht
Alles Engagement der GWA und des Kölibri in Ehren, doch auch sie sind auf externe Hilfe angewiesen. Die zeigt sich in regelmäßigen Spenden von Gruner + Jahr, der Bürgerstiftung Hamburg oder dem Lions Club Blankenese. Die Mitarbeiter von Adobe, deren Büros gar nicht weit weg sind, spendeten Ihre Gratifikationen - wieder konnten Bücher gekauft werden. Das ist es wohl auch, was Stifter und Kuratorium überzeugte. Ein Netzwerk aus Träger, Stadtteil, Behörden, dem bürgerschaftlichen Engagement vieler Bewohner und Eltern der Kinder schuf ein kontinuierliches Programm. Die Einbindung von Firmen vor Ort, die unkomplizierte Unterstützung lässt kleine Wünsche wahr werden. Kinder schmökern stundenlang in bequemen Leseecken. Alles sorgt für Bildung vor Ort, baut Strukturen auf, die verlässlich sind.
Spielfreudiges Ensemble von Musica Altona (alle Fotos: Tom Koehler, Hamburg)
Preisverleihung bei der Patriotischen Gesellschaft
Am Abend desselben Tages sammeln sich im ehrwürdigen Gebäude an der Trostbrücke im Herzen Hamburgs das Stifterpaar, das Kuratorium und zahlreiche Gäste. Senatorin Christa Goetsch freut sich in Ihrem Grußwort über die Unterstützung der Bildungsarbeit. Die Laudatio hält Prof. Dr. Timm Kunstreich aus dem Kuratorium. Und dann sind noch Kinder im Spiel. Und zwar im Geigenspiel. Die quietschfidele Truppe um den freundlichen Leiter Gino Romero-Ramirez erspielt sich in Minuten das Herz der Gäste. Sicher, mal geht Ton daneben und ein Geigenbogen gehorcht der Schwerkraft, fällt herunter. Doch was ist das schon gegen die wirkliche Lust am musizieren. Selbstbewusst und selbstvergessen fiedelten die Kinder, was die Geige hergab. Sie waren die Stars des Abends, wie sie es auch bei Kölibri sind. Sie müssen auch unsere Stars sein, denn sie sind unsere Zukunft. Und die gehört in gebildete, belesene und musische Hände.
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Computer für Bedürftige
4.12.2009 von Tom T. Köhler.
Am morgigen Sonnabend findet der Internationale Tag des Ehrenamts statt. Die Vereinten Nationen begehen ihn seit 1986 immer am 5. Dezember. Aus Anlass dieses Tages stellt der Autor eine Initiative aus Rahlstedt vor – die „Hamburger Computer Spende“. Sie gibt komplette Computersysteme kostenlos an Bedürftige weiter. Damit sollen diese Menschen auf dem Stand der Zeit bleiben und sich besser Arbeit suchen können.
Foto: Horst Matzen in seiner Büro-Werkstatt in der heimischen Wohnung. (Thomas Köhler)
Hamburg-Rahlstedt – Es ist ein regnerischer Abend, „bestes Hamburger Schmuddelwetter“, nennen das die Hanseaten von der Elbe. Ein Hochhaus in Rahlstedt steht etwas verloren zwischen mehreren Viergeschossern. Ein junger Mann betritt das Haus, fährt im Fahrstuhl nach oben. Er trägt eine Tasche bei sich, sucht eine Tür, die Wohnungstür der Familie Matzen. Er findet sie schnell, denn sie ist eingerahmt von Computergehäusen mit der Aufschrift Schrott, und ein bemaltes Waschbrett verkündet, wer hier wohnt.
Horst Matzen, der Hausherr öffnet, begrüßt den Mann. Sie beschauen sich gemeinsam den Inhalt der mitgebrachten Tasche: Ein Notebook, diverse Computerprogramme, Kabel, Computermaus, Bedienungsanleitung – schöne Bereicherung für die Sammlung von Horst Matzen. Er betreibt die „Hamburger Computer Spende“, vormals „Hamburger Computer Tafel“. Der gemeinnützige Verein versorgt Menschen, die es sich nicht leisten können, mit einer kompletten Computeranlage, inklusive Drucker und Lautsprechern, zum Nulltarif. Die Geräte stammen aus Spenden von Privatpersonen und Unternehmen. Horst Matzen (57) repariert die Geräte, rüstet sie auf, macht sie WindowsXP-fähig und gibt sie auf Antrag an Bedürftige ab. Seine Ehefrau Angelika (52) verwaltet die Anträge, managt den Papierkram.
Trotz eigener Bedürftigkeit Hilfe für andere Menschen
Der junge Spender wird nach der Übergabe der Geräte mit freundlichen Worten verabschiedet, das Notebook und die anderen Mitbringsel werden von Matzens erst einmal im Flur abgestellt – auf einer Galerie von Computern. Überall in der Wohnung wartet Technik darauf, instand gesetzt zu werden. Trotz der Platznot in ihrer Wohnung haben sich die Matzens ihr sonniges Gemüt erhalten. Sie sind gastfreundlich, bitten Besucher in die Stube. Sie erzählen ihre Geschichte, ihre Geschichte von Hartz-IV. Denn sie leben selbst von dieser staatlichen Transferleistung, dem Schreckgespenst des Bürgertums. „Vor zwei Jahren haben wir uns entschlossen, das zu machen. Wir nehmen gebrauchte PCs aus der Bevölkerung an, machen sie XP-fähig.“ Die Bemühungen der Familie führten zu einem eingetragenen Verein, der betreibt die „Hamburger Computer Spende“. Horst Matzen: „Unsere Arbeit hat sich inzwischen überall herumgesprochen. Inzwischen haben wir 120 Menschen auf unserer Warteliste“. Sogar in der guten Stube stehen neben dem Fernseher Computer. Das Paradies für Technik-Freaks, wird zum Platzproblem. „Die Spendenbereitschaft der Hamburger ist enorm. 90 Geräte müssen noch nachgeschaut werden. Jeden Tag werden es mehr. Eine Hamburger Firma hat uns auf einen Schlag 80 PCs zur Verfügung gestellt und versprochen, dass immer wieder welche nachkommen“.
Foto: Die Computer stapeln sich in der kleinen Wohnung. (Thomas Köhler)
Entsorgung ein Problem
Inzwischen hat der Verein bei einem befreundeten Handwerker einen Kellerraum angemietet, um die vielen Geräte überhaupt unterzubringen. Horst Matzen ist umtriebig, hat sich an eine große Wohnungsgesellschaft gewandt und um Unterstützung gebeten. Denn es sind nicht nur die Räumlichkeiten für die Lagerung, sondern auch für die Schulung nötig. Der Verein bietet seinen Mitgliedern Kurse an, die dazu dienen, sich in der für sie gewöhnungsbedürftigen Materie Computer und Internet besser zurechtzufinden. „Die Bedürftigen müssen nicht Mitglied des Vereines sein, wir Verlangen nur den Nachweis der Bedürftigkeit – also den Hartz-IV-Bescheid zum Beispiel“, so Matzen. „Wer möchte, kann gern für zwei Euro im Monat Mitglied werden. Dann besteht auch die Möglichkeit, unter Anleitung seinen PC selbst zu reparieren“. Der Platzmangel, so Familie Matzen, rührt auch aus einem anderen Grund. Durch die große Anzahl an auseinandergenommenen Geräten ist ihm eine private Entsorgung in Recyclinghöfen problematisch.
Ausweitung nach Kiel geplant
Zwischen den aufgetürmten Gehäusen spazieren Kater und Katze. Das Büro, das auch Werkstatt ist, ist vollgestopft mit Technik und Ordnern. Zwei Arbeitsplätze mit Computern und Regale mit ungezählten ausgebauten Komponenten. Ein mehrtüriger Schrank bewahrt die kostbaren Ersatzteile in Kisten und Schachteln auf. Horst Matzen kann sich genau genommen nicht richtig rühren. Es ist ein Wunder, auf welch geringer Fläche dort gearbeitet wird. Die Matzens wollen diese Art der Hilfe für Bedürftige auf das ganze Bundesgebiet ausdehnen. Eine Kieler Vertretung ist schon in Planung. Tochter und Schwiegersohn sollen die dortigen Bedürftigen der Stadt und Umgebung mit den aufgerüsteten und reparierten Geräten versorgen.
Wissen selbst angeeignet
Matzen ist in Sachen Computerreparatur ein Quereinsteiger, eigentlich ist er gelernter Sanitärinstallateur von Beruf. Sein erster PC gab prompt nach Ablauf der Garantie den Geist auf. Eine Woche, so Matzen, habe er nach der Ursache gesucht – und sie gefunden. Das war der Anfang seiner Leidenschaft für Bits und Bytes. Damals, in den 1980er Jahren, besaß er noch einen C 64, der erste Mode-PC für daheim. „Wenn ich heute wieder so einen bekäme, wäre ich sehr froh“, sagt er mit etwas Wehmut. Sein heutiges Wissen hat er sich über die Jahre selbst angeeignet – ist „firm bei Hard- und Software“, sagt er. Und all seine Arbeit werde entschädigt, wenn er und seine Frau in die leuchtenden Augen der Empfänger der Computer schauen können. Doch die Wartelisten seien inzwischen lang. Ein Viertel Jahr Wartezeit müssten die Interessenten aufbringen. Deshalb könnte Matzen noch jemanden gebrauchen, der sich um die peripheren Aufgaben kümmert. Doch es gibt bisher niemanden, der sich intensiv für andere einbringen möchte.
Foto: Karen F. hat einen neuwertigen PC von Horst Matzen erhalten. (Thomas Köhler)
Dank Internet mehr Chancen bei der Arbeitssuche
Eine der Beschenkten ist Karen F. aus Norderstedt. In einem kleinen Zimmer ihrer Wohnung steht die Anlage des Vereins aus Rahlstedt. „Ich sah den Aushang beim Amt“, so die Hartz-IV-Empfängerin, „und hab’ da angerufen. Ich konnte gar nicht glauben, dass es die Computer kostenlos gibt.“. Sie trinkt einen Kaffee und freut sich, dass es Menschen wie die Matzens mit ihrem Verein gibt. Ihre Kinder sind fast alle aus dem Haus, nur der Jüngste ist noch bei ihr. Das hat Konsequenzen. Sie muss sich nun eine kleinere Wohnung suchen und Arbeit suchen. „Wo kann man da besser gucken, als im Internet?“, sagt sie. „Deshalb hab’ ich mich so gefreut, als Herr Matzen schon drei Wochen nach meiner Anfrage anrief.“ Dann musste sie eine Transportgelegenheit organisieren, um die Geräte nach Hause zu bringen. Nun steht eine moderne Anlage bei Familie F. – dank der Bemühungen der rührigen Familie Matzen, die trotz eigener Not für andere Menschen da ist – ehrenamtlich.
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Alles ordentlich im Quartier
7.10.2009 von Tom T. Köhler.
Der Bürgernahe Reporter (Bünare©) Tom T. Köhler ist unterwegs im Quartier Neuwiedenthal.
Foto: Nebel über Neuwiedenthal. (Tom T. Köhler)
Hamburg-Harburg – Die Wohngebiete im Hamburger Süden werden oft abfällig als soziale Brennpunkte abgetan – doch es gibt Ausnahmen. Das lange Zeit verrufene Neuwiedenthal hat sich gewandelt. Es ist ein grüner Stadtteil, der bei näherer Betrachtung eine gewisse Beschaulichkeit ausstrahlt. Die meisten Menschen leben gerne dort, seit vielen Jahrzehnten. Der zeitweise vorherrschende Vandalismus ist deutlich zurückgegangen. Mit einfachen Mitteln sorgte die Wohnungsbaugenossenschaft Süderelbe für Abhilfe. Die Hausverwalter tun alles, um den Mietern zur Seite zu stehen. Ein Ortstermin an einem nebeligen Vormittag.
Drei Telefone klingeln unaufhörlich
Die Hausverwalter Claus Schweder und Heiko Deml sitzen an einem Montagmorgen in ihrem großzügigen Büro im Keller eines Wohnhauses. Die Eingangstür zur Außentreppe ist weit geöffnet, denn es ist Sprechstunde im Verwalterbüro der Wohnungsbaugenossenschaft Süderelbe in Neuwiedenthal. An der Wand fällt die mannshohe Schlüsselwand auf – dort aufgereiht und wohl sortiert: Hunderte Schlüssel. „Da darf keiner falsch hängen, dann gäbe es Chaos“, sagt der 57 Jahre alte Schweder. Die drei Telefone auf den zwei Schreibtischen klingeln unaufhörlich, fast zwanzig Mal in einer Stunde. Doch das bringt die beiden Hausverwalter nicht aus der Ruhe.
Maler müssen warten
Während Schweder die Anrufe beantwortet, kümmert sich sein Kollege Heiko Deml (43) emsig um die Ablage. Während dieser in den Akten wühlt, stehen plötzlich zwei Maler im Büro. Sie wollen die nächsten Renovierungsarbeiten mit den Hausverwaltern absprechen. Doch sie müssen erst einmal warten. Die Mieterinteressen gehen vor. Deshalb holen sie sich Kaffee und einen Aschenbecher aus der Küche. Sie kennen sich hier aus, denn sie sind nicht zum ersten Mal in diesem Büro.
Hausverwalter sind keine Hausmeister
Die beiden sind für etwa 1.000 Mieter zuständig. Da ist immer viel zu tun. „Meine Arbeit teilt sich in etwa zu je einem Drittel so auf: Verwaltungsarbeiten, Menschen, Technik“, sagt Schweder, ein großer, kräftiger Mann mit zurückgekämmtem Haar und einer feinen Brille auf der Nase. Gelegentlich wird er von Mietern als Hausmeister bezeichnet. Das stört ihn ein wenig, schaut drüber hinweg. Er ist derjenige, der die Hausmeister und Handwerker einsetzt, damit sich die Mieter wohlfühlen.
Hobby: Kaninchenzucht
Neben der Organisation kleiner und großer Reparaturen ist er für die Wohnungsübergaben bei Aus- und Einzug der Mieter zuständig. Er vergibt die begehrten Garagenplätze. Schweder und Deml sind Bindeglied zwischen Mieter und Wohnungsbaugenossenschaft. Sie verstehen sich als Partner beider. Deshalb telefonieren sie täglich mit der Süderelbe. Der gelernte Tischler und Elektriker Schweder geht in seinem Beruf auf – seit 25 Jahren. Doch auch seinem Hobby, der Kaninchenzucht, geht er mit großer Leidenschaft nach. Seit 45 Jahren züchtet er Kaninchen. Sehr erfolgreich sogar. Im vergangenen Jahr wurde er mit seiner Zucht Deutscher Meister.
Silberfischchen sind ungefährlich
Seine Mieter kennt er alle mit Namen. „Als ich hier anfing, dachte ich, das schaffe ich nie.“ Inzwischen ist es 8.30 Uhr. Nach einer Stunde ist die Sprechstunde zu Ende. Die Telefone hören auf zu klingeln. Schweder berichtet vom spannendsten Fall des Tages. Ein aufgeregter Mieter wollte Hilfe bei der Jagd nach Silberfischchen haben. „Da musste ich ihn erst einmal ausreden lassen und ihm sagen, dass er als Mieter selbst zuständig ist. Er müsse sich Fallen im Drogeriemarkt kaufen und sie bei sich aufstellen.“ Dann lacht Schweder: „Vor allem musste ich ihm erklären, dass die Tierchen nicht gefährlich sind.“ Er lacht überhaupt viel, hat Spaß an der Arbeit und immer einen Gag auf Lager. Jetzt kommen die Maler dran. Ein Keller in einem Wohnhaus braucht neue weiße Farbe an den Wänden und eine Wohnung wartet auf die komplette Renovierung. Aufträge werden gewälzt und Rechnungen unterschrieben. Die Männer sind nach vielen Jahren Zusammenarbeit ein eingespieltes Team, frotzeln sich an, wissen, was sie aneinander haben.
Foto: Hausverwalter Claus Schweder beim Telefonieren. (Tom T. Köhler)
Hausverwalter Schweder kennt jeden Mieter
Schließlich geht es nach draußen. Inzwischen ist es 9.30 Uhr. Claus Schweder zeigt sein Revier. Und er kennt tatsächlich alle Mieter mit Namen. Der Hamburger grüßt jeden, ist nie um einen Zuruf verlegen. Auf einem Parkdeck blinken die orangefarbenen Warnleuchten eines abgestellten Autos. Schweder geht zielstrebig auf ein Haus an der Straße Thiemannhof zu, klingelt bei den richtigen Besitzern des Fahrzeugs. „Eure Warnblinker sind an, schaut da mal nach!“, ruft er in die Sprechanlage. Die Mieter bedanken sich freundlich. Er geht weiter. Sein Ziel: das Hochhaus am Rehrstieg, zehn Minuten Fußweg entlang der gepflegten Grünanlagen. Ein Markenzeichen dieser Wohngegend. Hier fühlen sich die Mieter wohl.
Pförtner sorgen für Sicherheit
Im Eingangsbereich des Hochhauses gibt es eine Pförtnerloge, sie ist vom frühen Nachmittag bis zum Abend besetzt. „Süderelbe beschäftigt hier Mitarbeiter. Es sind keine Ein-Euro-Jobs, wie anderswo“, stellt Schweder klar, „seit wir die Pförtner haben, gibt es keine Randale mehr. Es ist Ruhe eingezogen.“ Er freut sich mit den Mietern und weiß die Pförtner zu schätzen. Kleine Reparaturen übernehmen sie, wechseln auch mal die Mülltonnen aus, die unter dem zentralen Müllschlucker stehen, der von jeder Etage aus genutzt werden kann.
Neue Breitbandtechnik hält Einzug
Im Keller des Hochhauses, der voller weißer Kabel liegt, sind Handwerker zugange. Schweder: „Hier kommt das neue Breitbandkabel für Fernsehen, Telefon und Internet hin. Das ist eine Arbeit, oh Mann!“ Schweder öffnet eine Tür. Dahinter befindet sich die sogenannte Druckerhöhung. „Die brauchen wir, wenn alle gleichzeitig Wasser nehmen. Oder wenn die Feuerwehr löschen muss. Da muss auch im zehnten Stock noch Wasser ankommen“, erklärt Claus Schweder.
Schmierereien werden schnell beseitigt
Der Fahrstuhl bringt den Hausverwalter ganz nach oben in den 12. Stock. Nach draußen führt eine Stahltür. Dort liegt ein dicker Morgennebel im Wohngebiet. „Deshalb ist die Aussicht heute nicht so schön wie sonst“, sagt der Hobbykaninchenzüchter. Plötzlich fällt sein Blick auf eine Veranda, die mit Schmierereien bemalt ist. Das gefällt ihm überhaupt nicht. „Warum machen die das? In ihrem Zimmer tun die das doch auch nicht!“, knurrt er böse. Das wird die Maler bald beschäftigen. Solche Verschandelungen werden sofort beseitigt. Das ist Konzept. Wird das nicht getan, motiviert das weitere Schmierfinken mitzumachen. In der Heizungszentrale im 12. Obergeschoss steht die Überwachungstechnik, mit der Schweder den Eingangsbereich des Hauses und den Fahrstuhl im Blick hat. Die Videoaufzeichnungen werden für kurze Zeit gespeichert. „Das schreckt Übeltäter ab“, ist sich Schweder sicher.
Mädchen für alles
Sein täglicher Gang durchs Quartier führt in weitere Häuser. An einer Wohnungstür im Twistering empfängt ihn eine alte Dame mit einem kleinen Hund, der ihn freudig begrüßt. Der Schlauch ihrer Dusche sei nicht mehr dicht, sagt sie. Schweder verspricht Hilfe. In einer anderen Wohnung verunzieren Wasserflecke die Decke. „Das ist beim Einbau von Heizkörpern in der Wohnung oben drüber passiert. Ich kümmere mich drum!“ Schweder merkt sich alles, er muss nichts aufschreiben. Er ist das Mädchen für alles. Sein Motto: „Mensch bleiben, dann läuft das auch alles rund.“
Foto: Schlüsselwand der Hausverwalter mit Hunderten Schlüsseln. (Tom T. Köhler)
Noch sieben Jahre bis zur Rente
Nach knapp einer Stunde ist sein heutiger Rundgang beendet. Morgen wird er wiederkommen und nach dem Rechten sehen. Das Kellerbüro am Thiemannhof ist indes leer. Kollege Heiko Deml ist gerade mit dem Rad auf dem Weg in sein Revier. Der Blick fällt wieder auf die Schlüsselwand. Hier wird Schweder in sieben Jahren seinen Schlüssel hinhängen, wenn er seinen Beruf aufgibt, um in Rente zu gehen. Dann wird sich der Nachfolger die vielen Namen der Mieter merken müssen, und wird wohl auch denken, „dass schaffe ich nie“, bevor es auch für ihn leicht werden wird.
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Informationen über das Bünare-Konzept©: hier.
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Nur ein Direktkandidat bei Jungwählern
18.9.2009 von Detlef Struckhof.
Foto: Danial Ilkhanipour (SPD) bei der Podiumsdiskussion. (dest)
Hamburg-Eimsbüttel – Als einziger von insgesamt sieben Direktkandidaten des Stadtbezirks Eimsbüttel kam am Donnerstagabend Danial Ilkhanipour (SPD) zu einer Podiumsdiskussion ins Corvey-Gymnasium. Alle anderen Bundestagskandidaten ließen sich vor den über 200 Jungwählern von Parteifreunden entschuldigen und vertreten – sie hätten andere Termine. Unter den Mitbewerbern Ilkhanipours sind immerhin die beiden Spitzenpolitiker Krista Sager (Grüne) und Burkhart Müller-Sönksen (FDP). So erfuhren die Gymnasiasten die Wahlversprechen ihrer Bezirkskandidaten nur aus zweiter Hand, konnten ihre möglichen Abgeordneten nicht zu Themen des Bezirks befragen. An der Diskussion nahmen neben Ilkhanipour Vertreter der CDU, FDP, Die Linke, Grüne und der Piratenpartei teil.
Ilkhanipour führt bürgernahen Wahlkampf
Deshalb konnte Ilkhanipour bei den jungen Leuten punkten. „Ich kenne die Probleme Eimsbüttels sehr genau. Ich bin hier aufgewachsen. Ich stehe jeden Tag zwei Stunden mit dem Auto im Stau. Deshalb weiß ich, was geändert werden muss“, sagte der 27-Jährige mit iranischem Migrationshintergrund. Der gebürtige Elmshorner führt in diesen Wochen aus seiner Sicht einen bürgernahen Wahlkampf, denn er wolle jeden Eimsbüttler bis zur Wahl mindestens einmal getroffen haben. „Dazu stehe ich morgens um 6.30 Uhr an den U-Bahn-Stationen.“ Jeder Wähler solle die Möglichkeit zu einem Gespräch erhalten, „damit sie sehen, dass ich viel netter bin, als sie es in der Zeitung über mich gelesen haben“.
SPD-Kandidat benötigt die meisten Erststimmen
Ilkhanipour hatte sich im November 2008 gegen den derzeitigen und bundesweit bekannten SPD-Bundestagsabgeordneten Niels Annen in einer geheimen Wahl mit 45:44 Stimmen durchgesetzt. Dies führte über Monate zu einem Streit in der Eimsbüttler SPD. Sie gilt seitdem bei vielen Parteimitgliedern und in der Öffentlichkeit als zerstritten. In den Bundestag wird Ilkhanipour nur als direkt gewählter Kandidat einziehen können, weil er keinen Platz auf der SPD-Landesliste erhalten hat.
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