Archiv der Kategorie Bildung (HH)

Holger-Cassens-Preis 2010 für Kinder-Leseclub in Hamburg

Die Mara und Holger Cassens-Stiftung verlieh am 26.10.2010 den Holger-Cassens-Preis für den Leseclub Kölibri in Hamburg-St.Pauli. Eine Preisverleihung ist naturgegeben eine trockene Sache. Reden werden geredet, das Publikum erscheint bürgerlich gekleidet. Doch kann so ein Termin durchaus eine Erfahrung für´s Leben werden, wenn das Kulturprogramm einem den Kopf verdreht. Es geht um Kinder, das Lesen, die Musik.

Leseclub Kölibri Hamburg-St.Pauli (c) www.abendfarben.de Bücherwand im Kölibri

Stiftung stiftet Bildung

Um einen Preis, zumal den einer Stiftung, zu erhalten, muss der Bewerber sich gehörig in die Ruder legen. Die Mara und Holger Cassens-Stiftung schrieb einen Preis zur Förderung eines Kooperationsprojektes aus, welches sich in seiner Arbeit an einem umfassenden Bildungsbegriff orientiert. Integriert im Stadtteil und dessen Ressourcen nutzend, soll der Preisträger Kindern den Zugang zu Bildung ermöglichen. Die Ausschreibung würde den Rahmen des Artikels sprengen - soviel sei berichtet: Die Befähigung zu einer eigenständigen Lebensführung, sozial, kulturell und politisch eingebunden, war gefordert. Die Lösung von Problemen der Benachteiligung findet vor Ort statt. Vernetzte Projekte und bürgerschaftliches Engagement bewirken eine Bildungsarbeit am Ort des Geschehens, mitten im Stadtteil und unter Einbeziehung von Kind und Eltern. Die Cassens-Stiftung wurde von der Patriotischen Gesellschaft von 1765 Hamburg bei der Ausschreibung und Bewertung der eingegangenen Anträge unterstützt. Es ist der zweite Preis, den die Stiftung auslobte.

Leseclub Kölibri Hamburg-St.Pauli (c) www.abendfarben.de Leseclub Kölibri Hambur-St.Pauli

Die glücklichen Gewinner

Die Sonne meint es an diesem Morgen mit St. Pauli gut. Am Hein-Köllisch-Platz, mitten im Kiez Hamburgs: unscheinbare Schaufenster, die fast bis auf den Boden reichen, eine Beschriftung über der Tür, drinnen ein Frühstücktreff mit Müttern und Kindern. Der Leseclub Kölibri - Wortwerk aus dem Köllischplatz und Libri, dem Buch. In den Räumen lesen Kinder, lernen lesen, gestalten ihre Freizeit. Der Leseclub gehört zum Verbund Gemeinwesenarbeit St. Pauli (GWA). Marianne Heidebruch, Projektleiterin, empfängt den Stifter Holger Cassens, die ehemalige Senatorin Ingrid Nümann-Seidewinkel und Journalisten zur Pressekonferenz. Inmitten quiekender Kinder und neben endlosen Bücherregalen berichtet sie über den Tag der Entscheidung. “Ich bekam Post von der Patriotischen Gesellschaft, war ganz aufgeregt. Erst wollte ich noch eine Runde um den Block laufen - doch dann hab ich den Brief aufgemacht.” Mit strahlenden Augen blickt sie zu Holger Cassens, einem unscheinbaren älteren Herrn, der entspannt in der Runde sitzt. Heidebruch: “Jetzt kann es weitergehen. Jedes Mal zum Jahresende kommt der Druck, die Frage nach den Mitteln für das nächste Jahr!” Hamburg sparte die gegenüberliegende Bücherhalle 2005 ein, die Mittel sind knapp.

Holger Cassens, Marianne Heidebruch, Ingrid Nümann-Seidewinkel (c) www.abendfarben.de H. Cassens, M. Heidebruch, I. Nümann-Seidewinkel vor dem Kölibri

Raum zur Bildung

Stolz führt die Projektleiterin die Besucher durch die Räume. Ein Saal für Aufführungen, ein Computerzimmer, eine Küche, in der die Kinder auch selbst kochen. Und natürlich: Bücher, Bücher, Bücher. An jeder verfügbaren Wand stehen Regale. Die Kinder fanden ein ganz eigenes Ordnungssystem. Die Bücher mit wenig Bildern und viel Text wanderten in die oberen Reihen, die bildreichen nach unten. Das macht Sinn, denn die Kleinsten können gerade erst lesen. Die Altersstruktur reicht von 6-14 Jahren. Das Programm des Kölibri ist auch dem angepasst: Gedichte für Wichte, Lesenächte (inkl. Übernachtung), Lesewettbewerbe und Ausfahrten in die Stadt und den Hafen sorgen für steten Zustrom der kleinen Leseratten. Und der Club ist die ganze Woche nachmittags geöffnet.

Ohne Unterstützung geht es nicht

Alles Engagement der GWA und des Kölibri in Ehren, doch auch sie sind auf externe Hilfe angewiesen. Die zeigt sich in regelmäßigen Spenden von Gruner + Jahr, der Bürgerstiftung Hamburg oder dem Lions Club Blankenese. Die Mitarbeiter von Adobe, deren Büros gar nicht weit weg sind, spendeten Ihre Gratifikationen - wieder konnten Bücher gekauft werden. Das ist es wohl auch, was Stifter und Kuratorium überzeugte. Ein Netzwerk aus Träger, Stadtteil, Behörden, dem bürgerschaftlichen Engagement vieler Bewohner und Eltern der Kinder schuf ein kontinuierliches Programm. Die Einbindung von Firmen vor Ort, die unkomplizierte Unterstützung lässt kleine Wünsche wahr werden. Kinder schmökern stundenlang in bequemen Leseecken. Alles sorgt für Bildung vor Ort, baut Strukturen auf, die verlässlich sind.

Ensemble von Musica Altona auf der Preisverleihung (c) www.abendfarben.de Spielfreudiges Ensemble von Musica Altona (alle Fotos: Tom Koehler, Hamburg)

Preisverleihung bei der Patriotischen Gesellschaft

Am Abend desselben Tages sammeln sich im ehrwürdigen Gebäude an der Trostbrücke im Herzen Hamburgs das Stifterpaar, das Kuratorium und zahlreiche Gäste. Senatorin Christa Goetsch freut sich in Ihrem Grußwort über die Unterstützung der Bildungsarbeit. Die Laudatio hält Prof. Dr. Timm Kunstreich aus dem Kuratorium. Und dann sind noch Kinder im Spiel. Und zwar im Geigenspiel. Die quietschfidele Truppe um den freundlichen Leiter Gino Romero-Ramirez erspielt sich in Minuten das Herz der Gäste. Sicher, mal geht Ton daneben und ein Geigenbogen gehorcht der Schwerkraft, fällt herunter. Doch was ist das schon gegen die wirkliche Lust am musizieren. Selbstbewusst und selbstvergessen fiedelten die Kinder, was die Geige hergab. Sie waren die Stars des Abends, wie sie es auch bei Kölibri sind. Sie müssen auch unsere Stars sein, denn sie sind unsere Zukunft. Und die gehört in gebildete, belesene und musische Hände.

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Meisterstücke der Tischlerinnung in Hamburger Handwerkskammer ausgestellt

Vom 16. - 22.08.2010 bot die Handwerkskammer ganz besonderen Menschen eine Bühne. TISCHLERMEISTERSTÜCKE hieß die hochinteressante Ausstellung. Die Hamburger Meisterschule Tischlerhandwerk ließ Ihre Favoriten auffahren. Die Schule ist eine Abteilung im Harburger Elbcampus, dem Kompetenzzentrum der Handwerkskammer Hamburg.

Immenser Andrang

Alle Jahre wieder werden die ausgewählten Prüfungsarbeiten für den Tischlermeister der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dem versierten Heimwerker - vulgo Holzwurm - stockt der Atem. Dem Handwerksmeister nebst Gesellen gehen die Augen über. Doch auch Interessenten ohne fachlichen Hintergrund sind Gäste in der Handwerkskammer und bestaunen die Ideen und Materialien. Ehrfurcht verlangen einige Zahlen: Von der Idee bis zum fertigen Objekt vergehen bis zu 8 Monate. Reine Fertigungszeit für ein solches Stück: 180 Stunden. Doch die immense Arbeit, die in den Meisterwerken steckt, ist ein Augenschmaus! Die hohen Besucherzahlen führten zu etwas noch nie dagewesenem. Herwig Kathke, Bildungsmanager im Elbcampus: “So einen Andrang hatten wir noch nicht. Die reichlich gedruckten Begleithefte waren innerhalb von zwei Tagen vergriffen. Wir mussten nachdrucken lassen!”

Kickertisch Stefan Brink Oststeinbeck (c) www.abendfarben.de Kickertisch von Stefan Brink, Oststeinbeck (Foto: Tom Köhler, Hamburg)

Berühren verboten

Leider ist es nicht gestattet, die Stücke zu berühren. Doch danach verlangt es einem unbändig, wenn Maserungen und Rundungen vor einem stehen. Also ist es eine optische Reise, angenehm unterstützt durch den intensiven Duft nach Eiche, Nuss, Kirsche und Zebrano. Der Betrachter braucht erst mal einige Minuten, um die Sinneseindrücke zu verarbeiten. Die scheinbar geringe Zahl der Stücke lässt die Zeit elegant verstreichen. Oft klebt der Blick an Details, umschleicht der Besucher das Objekt immer und immer wieder. Verschiedene Hölzer versprühen ihren Charme und für jeden Geschmack ist etwas dabei. Der Kickertisch aus Nussbaum steht geradezu im Weg. Sich ihm zu entziehen ist unmöglich. Die verchromten Stäbe mit schwarzen Griffen kontrastieren wunderbar mit dem edlen Holz. Der Clou: Ein Auszug an jedem Kopfende dient der Aufnahme der für ein Kickerturnier notwendigen Getränke. Der Begriff Lackaffe bekommt eine völlig neue Bedeutung, stellt sich der Besucher die Stunden vor, in denen der Tischler die Oberflächen behandelt. Durch unzählige Schichten entsteht eine Brillianz und Tiefe der Maserung, die ihresgleichen sucht.

Anrichte Per Völkel Hamburg (c) www.abendfarben.de Anrichte von Per Völkel, Hamburg (Foto: Tom Koehler, Hamburg)

Meisterwerke der Tischlerinnung

Die Stars der Besucher sind aber eine Anrichte aus Cocobolo und Ahorn - und ein unglaublicher Waschtisch aus Eiche mit atemberaubender Maserung. Doch eines nach dem anderen.Die Anrichte hat eine schachbrettartige Front mit erhabenen und vertieften Elementen. Ein genialer Mechanismus lässt die Türen durch leichten Druck nach außen schwenken. Das dunkle Holz strahlt eine Wärme und Behaglichkeit aus, die ein ungeübter Betrachter mich dem Schlagwort “Eiche rustikal” versehen würde. Doch die beiden Hölzer kooperieren hervorragend und der rotbraune Ton gewinnt seine Verehrer im Handumdrehen. Der Waschtisch zog jeden Besucher magisch an. Immer wieder die starke Versuchung, mit der Hand das Material zu erkunden - oh Folter, verboten! Es sind zwei Becken in das mehrfach verklebte Material gefräst. Das kleinere Becken dient den Händen und verfügt über eine sensorgesteuerte Wasserzufuhr. Dahinter verbirgt sich ein Fach, welches durch Druck darauf nach oben fährt. Das große Becken könnte einem Taufbecken zur Ehre gereichen. Die Oberflächen sind mit Hartöl behandelt und würden im heimischen Bad einen zauberhaften Duft verbreiten.

Waschtisch Mathias Wendt Norderstedt (c) www.abendfarben.de Waschtisch von Mathias Wendt, Norderstedt (Foto: Tom Koehler, Hamburg)

Alle Jahre wieder

Allen Stücken die ihnen gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, sprengt leider den Platz. Allen angehenden Tischlermeistern sei beschieden, dass sie ihre Profession mit höchstem Einsatz und gelungener Kreativität ausüben. Die Liebe zum Detail, aber auch zum Material ist spürbar, erfahrbar. Dank gilt der Handwerkskammer, die ihr schönes Treppenhaus für die Ausstellung bereitstellte. Allen, die dem Material Holz mehr als nur den Brennwert abgewinnen können, sei empfohlen, im nächsten Jahr wieder mit staunenden Augen und offenen Mündern zu den Objekten der ganz besonderen Art zu pilgern.

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