Archiv der Kategorie Kultur (HH)

Heinzelmann versus Katholizismus

Hamburg-Harburg: Mit ohrenbetäubendem Lärm arbeiten zwei Staubsauger gegeneinander. In dem großen Raum kann sich der Schall frei entfalten. Sie können nicht anders, sie sind aneinander gefesselt. Ihre Rüssel sind miteinander verbunden. Neben ihnen liegt ihre eigentliche Aufgabe: Ein Häufchen Dreck, allerdings wohlgeschichtet und in Signalrot. Die beiden scheren sich gar darum und arbeiten unermüdlich gegeneinander an. Unbändig drängt sich der Loriot`sche Heinzelmann-Vertreter auf, der mit seinem Saugblaser die Hausfrau auf den technisch neuesten Stand bringen will.

Staubsauger im Kampf (Foto: Tom Köhler, Hamburg) Staubsauger im Kampf *1 (Foto: Tom Köhler)

Wa sich anhört, wie aus einem Panoptikum, ist Teil der am 28.02.2010 eröffneten Ausstellung im Kunstverein Harburger Bahnhof. Künstlerförderung der besonderen Art findet im ehemaligen Wartesaal über den Gleisen 3/4 ihren Platz. Der Verein, als sehr rege bekannt, hat wieder einen Magneten für Freunde der zeitgenössischen Werke im Süden Hamburgs geschaffen.

Kunst-Schmutz (Foto: Tom Köhler, Hamburg) Kunst-Schmutz *1 (Foto: Tom Köhler)

Das katholische Cusanuswerk lud 36 junge Künstler aus alle Teilen des Landes ein, sich mit ihren Werken für ein Stipendium zu bewerben. Sie treten mit ihrer Kunst bis zum 20. März auf - und gegeneinander an. Sie kuratieren die Ausstellung selbst und wissen, das nur wenige von Ihnen in den Genuss der Förderung kommen. Das Cusanuswerk selbst wurde von seinem Leiter, Prof. Wohlgemuth, vorgestellt. Es ist eines der 11 Begabtenförderungswerke der Bundesrepublik. Begabung, Leistung, Engagement - das fordert das Werk, um zu fördern. Namensgeber ist ein Gelehrter des späten Mittelalters, der sich unversell bildete und mit Leidenschaft Kirche und Gesellschaft gestaltete.

Besucher vor Kunstwerk (Foto: Tom Köhler, Hamburg) Besucher vor Kunstwerk *2 (Foto: Tom Köhler)

Doch sind nicht nur lärmende Installationen zu sehen, sondern auch filigrane oder raumgreifende Werke der jungen Künstler. Bilder verschiedener Stile haben ebenfalls ihren Platz. Wer sich einen Eindruck von jungen zeitgenössischen Künstlern verschaffen möchte, sei auf die Schau verwiesen.

*1 Ohne Titel; Romina Abate, Kassel

*2 Carry me home little bear; Thomas Taube

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Link zur Ausstellung: hier

Busch-Ausstellung eröffnet

Busch-Illustration, Fotograf: Thomas Köhler, Hamburg Foto: Illustration von Wilhelm M. Busch (Thomas Köhler)

Hamburg-Bergedorf – Eine Ausstellung zum 100. Geburtstag von Wilhelm Martin Busch ist gestern im Bergedorfer Schloss von Museumsleiter Dr. Olaf Matthes eröffnet worden. Noch bis zum 28. Februar können in der Schau die Werke des Hamburger Illustrators, Zeichners und Lehrers, der 1987 verstarb, besichtigt werden. Die Ausstellung ist eine umfangreiche Schau aus verschiedenen Schaffensperioden Buschs. Skizzen, farbige Szenen aus dem Leben sowie Porträts von bekannten Personen, wie dem Clown Charles Rivel, spannen einen großen Bogen. Die Retrospektive ist Höhepunkt einer Ausstellungsreise seiner zahllosen Zeichnungen im nord- und mitteldeutschen Raum.

Vor der Eröffnung am Donnerstagabend sorgte die Entdeckung einer aufmerksamen Kunstkennerin für Heiterkeit. Sie wies darauf hin, dass ein Bild aus dem Zyklus Stierkampf in der Ausstellung verkehrt herum hing. Die Schwerelosigkeit des Bildes lies allerdings durchaus diese Interpretation zu. Die Aussteller behoben den Fehler umgehend.

Stierkampf von Wilhelm M. Busch verkehrt herum, Fotograf: Thomas Köhler   Stierkampf von Wilhelm M. Busch richtig herum, Fotograf: Thomas Köhler Stierkampf von Wilhelm M. Busch, links: verkehrt, rechts: richtig. (Thomas Köhler)

Busch war sorgender Lehrmeister

Gudrun Hildebrandt, Textilrestauratorin am Museum für Hamburgische Geschichte, ließ die Anwesenden in einer kurzen Rückschau an ihren Erlebnissen mit dem Künstler teilhaben. Als Studentin lernte sie Busch Anfang der 1970er Jahre kennen, lobte den Menschen Wilhelm M. Busch. Doch nicht nur zu seinen Schülern, auch zu seinen Modellen habe er ein inniges Verhältnis gepflegt. „Haste auch warm genug?“, zitierte Hildebrandt den stark berlinernden Busch, der sich um ein damals anwesendes Aktmodell sorgte. Busch sei immer auch der fordernde Lehrer gewesen, der seine Studenten zu genauem Hinsehen anhielt. Er monierte den Erfinder des Radiergummis. Der, so Hildebrandt, gehöre erschossen, seien starke Worte Buschs gewesen, der sich ansonsten liebevoll und geduldig bemühte, aus seinen Schülern präzise Beobachter zu machen.

Clownzeichnung von Wilhelm M. Busch, Fotograf: Thomas Köhler  Foto: Clownzeichnung von Wilhelm M. Busch (Thomas Köhler)

Menschen haben in Buschs Zeichnungen die Hauptrolle

Professor Bernd Küster, Direktor der Museumslandschaft Hessen aus Kassel berichtete von seinem Freund: „Busch kam aus einer Epoche in der die bildende Kunst allen Ansprüchen genügen musste. Menschen hatten in seinen Zeichnungen und Skizzen immer die Hauptrolle inne. Busch unterstellte der menschlichen Natur nie etwas Schlechtes.“ Der Zeichner habe trotz seiner fortschreitenden Gebrechlichkeit bis ins hohe Alter alle Aufträge bereitwillig angenommen, erledigte sie stets mit höchster Aufmerksamkeit. Er erfüllte, so Küster, „die noble Aufgabe der Illustration stets gewissenhaft“. Dabei habe Busch in seinem viel zu kleinen Arbeitszimmer über der Elbe am Süllberg in Hamburg-Blankenese rauchend an seinen Zeichnungen und Skizzen gearbeitet.

Ermöglicht hat diese Ausstellung maßgeblich das Wilhelm-M-Busch-Archiv, ansässig in Hamburg-Wandsbek. Dessen Leiterin Ursula Müller stellte eine Auswahl aus mittlerweile über 40.000 Zeichnungen und Skizzen zur Verfügung. Geöffnet ist die Retrospektive außer montags und freitags von 10 bis 17 Uhr. Der Eintrittspreis beträgt 3 Euro, ermäßigt 1,50 Euro.

Zum Internetauftritt des Wilhelm-M-Busch-Archivs: hier.

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Lachen bleibt im Halse stecken

Dominique Schnizer inszeniert die Tragikomödie „Immer nie am Meer“ im Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Eine Rezension.

Immer nie am Meer - Inszenierung im Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Foto: Thomas Köhler, Hamburg Foto: Szene aus dem Stück “Immer nie am Meer” im Schauspielhaus Hamburg. (Thomas Köhler)

Hamburg - Ein Autounfall im Wald. Wow, was für ein Crash! Der Wagen landet direkt zwischen zwei Bäumen. Drei Männer sitzen eingepfercht im Fahrzeug. Ob denen was passiert ist? Nein, sie sind nur leicht verletzt. Hoppla, die Türen und Fenster lassen sich nicht mehr öffnen. Allein können sich die drei nicht befreien. Ach, der Junge da hinten hat das Auto auch schon entdeckt. Er wird sicher gleich Hilfe holen. Da muss man ja nichts mehr machen, oder?

Zuschauer fühlen qualvolle Enge

Nein, denn der Beobachter des Unfalls sitzt im Theater, und das Drama spielt sich auf der Bühne ab. Dominique Schnizer hat die Tragikomödie „Immer nie am Meer“ von Bernd Steets im Hamburger Schauspielhaus inszeniert. Aber nicht im großen Saal, sondern im kleinen Rangfoyer. Und so lässt der Regisseur sein Publikum die qualvolle Enge im Auto mitfühlen: In nur drei Sitzreihen drängen sich die Zuschauer dicht aneinander.

Wald auf der Leinwand

Über die gesamte Länge der Bühne erstreckt sich eine Videoleinwand, auf die der Wald, der Unfallort, projiziert ist. Unterbrochen wird das Bild von einer Ausstanzung, die Einblick gewährt in das Innere des verunglückten Autos. Dort sitzen Professor Raffael Baisch (dargestellt von Jürgen Uter), sein Schwager Manfred Anzengruber (Hanns Jörg Krumpholz) und der Kleinkünstler Bernhard Schwanenmeister (Martin Pawlowsky).

Unterhaltungen statt Angst

Nachdem die Männer ihre hilflose Lage erkannt haben, versuchen sie so zu tun, als sei nichts passiert. Angst zeigt keiner, obwohl Rettung nicht in Sicht ist. Mutmaßungen darüber, was passiert, wenn sie nicht gefunden werden, unterbleiben. So unterhalten sich die Eingeschlossenen zunächst über alltägliche The­men. Schnell wechseln sie jedoch zu Privatem wie die ersten erotischen Erlebnisse.

Urinieren in eine Flasche

Schnizer verlangt nicht nur seinen Schauspielern, die das gesamte Stück über sitzen müssen, sondern auch dem Zuschau­er einiges ab. Anfangs ist es noch komisch anzusehen, wie die Männer ihre Situation meistern, etwa wenn Schwanenmeister in eine Flasche uriniert. Doch immer öfter bleibt das Lachen im Halse stecken. Als Baisch seine Notdurft geräuschvoll in eine Handtasche verrichtet, kommt mehr Ekel als Spaß auf. Zudem plagen stickige Luft und zunehmende Hitze das Publikum.

Kind degradiert Männer zu Laborratten

Auf der Bühne spitzt sich die Lage zu, als der Junge (Timur Carstensen) die Unfallopfer entdeckt und keine Hilfe holt. Vielmehr betätigt er einen Schalter und breitet Dunkelheit über den Raum. Plötzlich blendet grelles Licht die Insassen, sie finden sich in einer Garage wieder. Dort beginnt der Junge, das Verhalten der drei zu studieren, degradiert die Männer zu Labortieren, spielt seine Macht aus, indem er eine Polizeisirene simuliert und damit Hoffnung bei den Gefangenen weckt. Im Lauf des Stücks wächst der Junge, wird größer und größer, bis er am Ende riesig ist und die Männer so klein wie Ratten im Käfig vor ihm sitzen.

Zuschauer ertragen Brutalität bereitwillig

Zur Erleichterung des Publikums lässt Schnizer den Jungen ausschließlich im Video auftreten. So nimmt man ihm sein beängstigend herzloses Verhalten weniger übel. Es ist ja nur ein Film. Da erträgt der Zuschauer von heute bereitwillig einiges an Brutalität und bleibt stets in dem beruhigenden Zustand, nicht eingreifen zu müssen. Denn in der Realität erfordert eine solche Situation ja sofortige Hilfeleistung.

Zuschauen immer unerträglicher

Das macht das Stück so allgemeingültig wie aktuell. Immer wieder liest man von Menschen, die lieber zugucken statt zu hel­fen, wenn andere in Gefahr schweben. Ein Beispiel hierfür ist der schlimme Vorfall vor einigen Wochen in einer Münchner S-Bahn. Jugendliche bedrohten Kinder. Fast alle Fahrgäste sahen zu, nur ein Mann half und bezahlte seinen Mut mit dem Leben. Diesen Horror vor Augen, gerät im Theater das Zuschauen immer unerträglicher.

Inszenierung führt Zuschauer vor

Nach 70 Minuten endet die Vorstellung. Zum Glück, denn die Männer in ihrer verzweifelten Lage beziehungsweise sich selbst beim tatenlosen Zuschauen zu betrachten ist länger schwer auszuhalten. Mit seiner Inszenierung hat Schnizer nicht nur ein beklemmend aktuelles Stück auf-, sondern auch den Zuschauer – sich selbst – vorgeführt.

Kontakt zur Autorin: hier.

Link zum Deutschen Schauspielhaus Hamburg

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