Archiv der Kategorie Kultur (HH)
Unser Mann in Hamburg-Süd
7.6.2010 von Tom T. Köhler.
Hamburg-Finkenwerder - “Nehmen Sie Kontakt zu unserem Mann in Hamburg-Süd auf!” Der Redaktionsleiter schob bei dem leise gesagten Satz den Hut tief in die Stirn. Es lag etwas Beschwörendes in seiner Stimme, hier ging es um Wichtiges. Wie den Mann finden, was kann er mir sagen kann - alles mein Problem. Auf die Redaktion war kein Verlass. Da mussten alte Kontakte bemüht werden. Bei der Stackmeisterei Finkenwerder, einem Hafenbetrieb, hatte ich noch ein Eisen im Feuer. Einige Telefonate und Mails später wehte mir der Winterwind an der Pier am Köhlfleet um die Nase.
Balkenhol-Männer im Winterquartier (Foto: Tom Köhler, Hamburg)
In einer Halle traf ich meinen Kontakt. Wir waren allein und keiner sprach ein Wort. Er war einer dieser wettergegerbten, rauhen, wortkargen Typen, die man im Norden oft findet. Es ist das Naturell der Norddeutschen und nicht bös gemeint. Seinen Kompagnon hatte er mitgebracht. Der stand genau so still und mit einem Blick gen nirgendwo neben ihm. Wir schwiegen uns an. Beide waren ziemlich heruntergekommen, ihre Kleidung bedurfte eines Tausches. Ihre Haut war spröde. Der Blick und die Haltung sprachen Bände. Was sie wohl schon alles erlebt hatten? Wetter - besser Unwetter, drückende Hitze, die ersten Fröste auf dem Wasser und ungezählte Boote, Schiffe, Kutter und Barkassen. Alle zogen an ihnen vorüber, ohne anzuhalten. Die Passagiere schauten meist erst ungläubig, später staunend zu ihnen. Ganz am Anfang, als sie neu waren, gab es sogar Notrufe bei der Polizei wegen ihnen. Kein Wunder, sie machen ganz schön was her und das noch an so ungewöhnlichen Orten. Große Worte waren mit den beiden nicht zu wechseln. Nach einigen Versuchen gelangen dann ein paar passable Fotoaufnahmen - für´s Archiv. Viel zu holen war hier nicht. Was nur der Redaktionsleiter dazu sagen würde …
Morgen im Hafen (Foto: Tom Köhler, Hamburg)
Wochen später kam aus Finkenwerder Nachricht. Es ist soweit, die Männer sollen weggebracht werden. Der eine nach Neumühlen, der andere an die Süderelbe-Brücken kurz vor Harburg. Nun musste ich mich sputen. In der Redaktion war das Thema längst in Vergessenheit geraten. Jetzt hieß es, wieder wettzumachen, was vorher misslang. Auf zum Köhlfleet, der Morgendunst will nicht weichen und die Sonne kämpft mühsam um Aufmerksamkeit. Die Kollegen vom Hamburg Journal sind auch schon da und schleppen sich mit ihrer Fernsehtechnik ab. Bei dem Gewimmel entlock ich den Typen kein Wort, so “gesprächig”, wie sie sich bisher angestellt haben.
Medieninteresse an Balkenhol-Mann (Foto: Tom Köhler, Hamburg)
Die Barkasse RICHARD KRANZ bringt uns stromauf nach Neumühlen. Ein Ponton mit Kran und dem Spezi meines Mannes aus Hamburg-Süd ist an der Barkasse vertäut. Wir fahren in das Morgenlicht, die Elbe spiegelt silberhell. Hinter uns holt ein Riesenpott mit einem Containerberg auf. Wir wechseln auf die Neumühlener Seite der Elbe und tasten uns langsam an den Zielort. Eine weitere Barkasse bringt einen Amtsträger, der höchstselbst und per GPS den genauen Standort festlegt. Ein großer Steinblock rauscht ins kalte Elbwasser, an seiner Kette hängt nun eine Boje. Die, so groß wie ein Kleinwagen, trägt den Neumühlen-Mann. Der steht immer noch so ruhig und bestimmt mit Blick gen nirgendwo. Allerdings hat er sich wohl zwischenzeitlich neue Klamotten besorgt. Jedenfalls ist sein Hemd strahlend weiß und die Hose schön schwarz. Seiner Haut gönnte er ein Make Up. Ohne lange zu warten, kehren wir um. Eine Barkasse nimmt den GPS-Amt-Mann wieder an Bord und entschwindet.
Balkenhol-Mann vor Neumühlen (Foto: Tom Köhler, Hamburg)
In Finkenwerder kurze Pause. Die nutze ich, zu unserem Mann aus Hamburg-Süd etwas Vertrauen aufzubauen. Treib mich in seiner Nähe rum, mach ein freundliches Gesicht und schöne Morgensonnenfotos - doch nichts passiert. Wenn das so weitergeht, ist mir der Redaktionsrüffel sicher. Dasselbe Spiel von vorn. Barkasse, Ponton, Mann, Boje und elbaufwärts. Die Fahrt dauert etwas länger. Ich richte mich häuslich in der RICHARD KRANZ ein.
Balkenhol-Mann unterwegs (Foto: Tom Köhler, Hamburg)
Der brummelige 170 PS-Motor bestimmt die Geräuschkulisse. Zwei junge Burschen sind souverän am Werk. Einer steuert gelassen den Verband, blickt aufmerksam nach vorn und achtern. Der Tiefenmesser zeigt 18 Meter. Sein Kollege macht Inventur. Aus den Lautsprechern tönt es “In deiner Urkraft liegt es, durch den Sturm zu geh´n”. Doch Obacht, wir nähern uns dem DOCKLAND. Hier biegen wir ab Richtung Köhlbrandbrücke. Ohne Anmeldung per Funk geht das nicht. Die Brücke kommt näher, wirkt durch die grauen und niedrigen Wolken sehr bedrohlich. Vorbei am Container-Terminal Altenwerder, unter der Kattwykbrücke durch und am Kraftwerk Moorwerder längs geht es stromaufwärts.
Kurz vor den Süderelbebrücken steigt der GPS-Amt-Mann wieder zu und dirigiert den Verband vorsichtig zur gewünschten Stelle. Dabei erzählt er lachend über das erste Mal, als die Männer verbracht wurden. “Mit Senatsbarkasse und Kapelle, oh man, was für ein Spektakel!” Die Vorbereitungen dauern. Ein letzter Versuch, noch mehr Informationen zu bekommen, lässt mein Mann gelassen abblitzen. Er steht, die Hände verschränkt, auf seiner Boje und blickt gelassen zum Horizont. Dann geht alles schnell. Der Kran versenkt den Steinklotz, die Kette wird an der Boje befestigt, ein kurzer Ruck geht durch den Ponton. Der Mann dreht sich auf seinem Reich weg von uns, ist scheinbar froh, seinen ständigen Begleitern nicht mehr ausgeliefert zu sein. Wir legen ab. Die S-Bahn Richtung Hamburg donnert über die Brücke, zum Greifen nah.
Balkenhol-Mann vor Harburg (Foto: Tom Köhler, Hamburg)
Langsam, ganz langsam, dreht sich mein Mann aus Hamburg Süd in unsere Richtung und ich meine, er hat gelächelt. Unsere Rückfahrt stromab gelingt schnell, doch wird es auf der Elbe noch mal kabbelig. So ist es recht. Die Gischt platscht über den Bug, wir schaukeln wild und eines Seemannes Herz geht auf. Was ich der Redaktion erzählen soll, weiß ich noch nicht. Wenn Sie aber mal Interesse haben, meinen Mann aus Hamburg-Süd zu treffen, machen Sie folgendes: Fahren Sie mit der S-Bahn von Harburg Richtung Hamburg. Gleich nach der Abfahrt erreichen Sie die Süderelbe, schauen Sie auf der rechten Seite aus dem Fenster. Dort sehen sie ihn. Sie können auch im Sommer den Badestrand am Finkenrieker Hauptdeich aufsuchen. Dann erblicken Sie den Typen aus nächster Nähe.
Die vier Hamburger Bojenmänner: Seit 1993 schwimmen an vier verschiedenen Orten in der Hansestadt Bojen, auf denen Skulpturen aus Holz stehen. Sie sind das Werk des Künstlers Stephan Balkenhol (geb. 1957). Die 4 männlichen, farbigen Figuren aus Eichenholz sind täuschend echt angefertigt. Sie befinden sich auf der Außenalster (östliche Uferpromenade, Höhe Schwanenwyk), der Elbe (Elbstrand / Höhe Schulberg), der Süderelbe, östlich der Brücke des 17. Juni in Harburg sowie auf einem kleinen Flüsschen (Höhe Alte Holstenstraße) in Bergedorf. Der Künstler, der auch in Hamburg Kunst studierte, fertigte weitere Figuren. So steht vor dem Tierpark Hagenbeck eine Giraffe, an deren Hals ein Mann emporklettert. Zwei Skulpturen mit überlangen Beinen stehen vor der Öffentlichen Bücherhalle, Nähe Hauptbahnhof.
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Blogger Stefan Niggemeier über die Zukunft der Öffentlichkeit
7.5.2010 von Tom T. Köhler.
Hamburg-Altona - Die Zukunft der Öffentlichkeit, so lautete das Thema am 06.05.2010. Die Printmedien werden sterben und Blogger sind die Journalisten der Zukunft. Eine derart zugespitzte Diskussion gab es lange nicht mehr in Deutschland.
Fragen zur Zeit
Die zahlreichen Zuhörer begrüßten den Journalisten freundlich und erwarteten Antworten auf die Fragen der Zeit. Niggemeier (40), leger bekleidet und das Podium als Kanzel nutzend, äußerte zu Beginn Unmut über seine Vortragstätigkeit. Sie sei nicht sein natürlicher Lebensraum, der befinde sich am Schreibtisch vor dem Computer. Was für eine Spezies sind Blogger? Kann ein Blogger Journalist sein? Kann ein Journalist Blogger sein? Wie viele Irrtümer gibt es über das Internet? Fragen über Fragen. Die Agentur GLCONS in Hamburg lud ein, um diese Fragen zu beantworten.
S. Niggemeier (Foto: Tom Köhler, Hamburg)
Digitale Leserbriefe
Leserbriefe in Sütterlin an den ehemaligen Redakteur der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sind heute eher die Ausnahme. Rasant steigende Nutzerzahlen auf seinem bildblog.de und der eigenen Internetseite dagegen die Regel. Ist das die Zukunft des schreibenden Journalisten? Kann dieser durch Nutzerzahlen ausreichend Werbung auf die Seite ziehen, die ihm ein auskömmliches Leben ermöglicht? Nach eigenem Bekunden geht es auch bei Blogger Niggemeier nicht. Was also ist los in Internetdeutschland? Wieso sind ganze Berufsgruppen am barmen, wieso sanieren sich große Verlage via Qualitätsverzicht? Eines nach dem Anderen.
Was ist das Netz?
Das Netz, so der Journalist, bedingt die Anwesenheit des Anderen. Kommentare, Feedback, Auseinandersetzung sind die Antworten auf Tätigkeiten im WWW. Reaktionen, die unmittelbar und unzensiert erfolgen. Niggemeier zitiert den Blogger LOBO: “Diktatur des Kommentariats”. Das Netz ermöglicht nicht nur eine Einbeziehung vieler Interessenten, sondern auch die Kontrolle durch Tausende Augen. “Der Leser ist klüger, als ich!” Eine schmerzende Erkenntnis für selbstverliebte, elitäre Journalisten. Sie stellen fest, dass es eine große Zahl von Aktiven und Interessierten zu manchen Themen qualifizierter Auskunft geben können. Dies funktioniert, weil diese Leser vor Ort, beruflich oder gesellschaftlich qualifiziert, Fachleute für diese Themen sind. Aus Lesern werden Erzeuger von Content, neudeutsches Wort für Inhalt oder Gehalt in Medien.
S. Niggemeier (Foto: Tom Köhler, Hamburg)
Zeitung oder Computer
Den Zeitungen laufen die Leser weg. Sie gehen vom Papier zum Computer, holen sich Informationen, wann und wo sie gebraucht werden. Kostenlos. Die Versuche, dem durch Bezahlschranken Einhalt zu gebieten, sind nach Niggemeier sehr unbeholfene. Es sind geradezu horrende Kosten für einen einzigen Artikel, den man zum einmaligen Lesen freigeschaltet bekommt. Verschärfend sei, dass die Qualität der Online-Erzeugnisse der Medienhäuser stetig sinke. Der Blogger vermutet, dass das Internet als Labor genutzt wird. „Kosten und Qualität werden gedrückt - mal schauen, was wir dem Leser so zumuten können.“ Heerscharen von Praktikanten, die Meldungen aus Agenturen netztauglich machen, können nicht die Zukunft von Medien und Lesern sein.
Qualität und Journalismus
Die Vertreter eines einst geschätzten Berufsstandes habe die Chance, wieder ihrer Profession gerecht zu werden. Sie sollen verlässliche Informationen liefern, Spreu vom Weizen trennen, dem Leser Mehrwert bieten. Mehr Service für den Leser, als endlose Klick-Strecken. Letztere, wie der Name vermuten lässt, dienen nur der Manipulation von Nutzerzahlen. Sauber recherchierte und vor allem verlinkte Quellen sowie Korrekturen als Selbstverständlichkeit sollen das Ziel sein. Korrigiert sollen nicht nur die vermehrt auftretenden Schreibfehler, sondern auch falsche Meldungen. Diese werden ohne zu prüfen übernommen und fröhlich weiter getragen.
S. Niggemeier (Foto: Tom Köhler, Hamburg)
Was bloggt da?
Die regen Nachfragen des Publikums bewiesen: Es ist noch nichts so, wie es sein soll. Und was ist das nun noch mal mit dem Blog und den Bloggern? Die persönlichen Empfehlungen und das Vertrauen der User / Leser sind das Kapital, von dem Blogger leben. Einerseits sehen sie den digitalen Schreiberling als seriöse Quelle, andererseits liefern sie ihm auch ungezählte Informationen. Diesen Strom an helfenden Links, Texten und Hinweisen nutzt Blogger Niggemeier selbst in seinem bildblog.de ausgiebig. Journalisten sollen sich auf Neue Medien einlassen. Warum nicht mal einen Blick auf Twitter werfen, selbst dort schreiben - wenn auch nur 140 Zeichen lang. Das zwingt zum Destillat - kommt auf den Punkt.
Nachtrag
Auf dem ominösen Twitter sagt ein Blogger namens FR31H31T: “Wenn die Verlage sterben, dann gibt es keine Journalisten mehr. Und wenn die Zoos sterben, dann gibt es keine Löwen mehr. Kein Kommentar.
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Wohin gehört die Kunst?
30.4.2010 von Tom T. Köhler.
Hamburg - Wohin die Kunst soll, erörterten Experten der Kunst, zusammen mit Kultursenatorin Prof. Karin v. Welck und dem Präsidenten der Hochschule für bildende Künste Hamburg, Martin Köttering. Der Kunstverein Harburger Bahnhof lud am 29.4.10 zusammen mit der “Akademie einer anderen Stadt” ein. Die Akademie ist die Kunstplattform der Internationalen Bauausstellung (IBA) Hamburg.
Kunst am Bau (Foto:Tom Koehler, Hamburg)
Künstler und Stadt
„Die Akademie einer anderen Stadt“,so deren künstlerische Leiterin Ute Vorkoeper „plane in 2010 einen Kunstparcours entlang der S-Bahn-Linie 3 quer durch die Stadt“. Eine sehr zugängliche Form der Präsentation. Dies will die Akademie “mit aller gebotenen Widerspenstigkeit” auf der einen und der Unterstützung der Kultursenatorin auf der anderen Seite erreichen. Prof. v. Welck, selbst dem Kulturbetrieb verbunden, engagiere sich gern und ist sich doch der begrenzten Mittel bewusst. Am Gelde hängts, zum Gelde drängt doch alles. Leider. Sie versteht aber “Kultur als Ferment der Gesellschaft”. Die Schaffung von Quartieren für Künstler, das Angebot zur Vernetzung sei ihr ein wichtiges Anliegen.
Raum und Zeit
Eine andere Form des Zugangs zur Kunst stellte Dr. Kurt Wettengl, Direktor des Museums Ostwall in Dortmund, vor. Er sieht im Museum ein Kraftwerk. Jüngstes Projekt: Ein Archiv der Zukunft. Zusammen mit Kollegen anderer Museen ermöglichte er den Zugang zu Kunst für Schüler in NRW. Kunst entwickelt sich dort, wo sie Gehör findet. Hören und gehören - das zusammen ergibt eine gute Mischung. Dies postuliert Martin Köttering. Jeder Ort sei für Kunst geeignet. Im vergangenen Jahr sei als Beispiel die Hafencity genannt, in der sich Künstler aus 20 Ländern unter dem Titel “subvision” in einem Containerdorf präsentierten.
Kunst im Bau (Foto: Tom Koehler, Hamburg)
Für und Wider
Gibt es eine Opposition von Öffentlichem und Kunstraum? Schafft Kunst, die Menschen mit einzubeziehen, wie es die Akademie plant? Ist die Stadtplanung ein Feind der Kunst oder kann sie helfen? Das Gespräch hat nicht alle Fragen beantworten können, eher noch mehr aufgeworfen. Einig sind sich Experten und Publikum: Die Kunst hat überall ihren Platz. Sie zu fördern, nicht nur finanziell, ist sicherlich das Anliegen aller, die im Gespräch waren.
Einblick und Ausblick
Das rege Interesse der Besucher zeigte sich bei der anschließenden Fragerunde. Bleibt zu hoffen, dass künstlerisches Engagement, erfolgreiches Netzwerk der Stadtkultur und ein wohlwollender Stadtkämmerer eine optimale Mischung ergibt. Damit es nicht getreu dem vielzitierten Spruch heißt: Ist das Kunst, oder kann das weg?
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Heinzelmann versus Katholizismus
1.3.2010 von Tom T. Köhler.
Hamburg-Harburg: Mit ohrenbetäubendem Lärm arbeiten zwei Staubsauger gegeneinander. In dem großen Raum kann sich der Schall frei entfalten. Sie können nicht anders, sie sind aneinander gefesselt. Ihre Rüssel sind miteinander verbunden. Neben ihnen liegt ihre eigentliche Aufgabe: Ein Häufchen Dreck, allerdings wohlgeschichtet und in Signalrot. Die beiden scheren sich gar darum und arbeiten unermüdlich gegeneinander an. Unbändig drängt sich der Loriot`sche Heinzelmann-Vertreter auf, der mit seinem Saugblaser die Hausfrau auf den technisch neuesten Stand bringen will.
Staubsauger im Kampf *1 (Foto: Tom Köhler)
Wa sich anhört, wie aus einem Panoptikum, ist Teil der am 28.02.2010 eröffneten Ausstellung im Kunstverein Harburger Bahnhof. Künstlerförderung der besonderen Art findet im ehemaligen Wartesaal über den Gleisen 3/4 ihren Platz. Der Verein, als sehr rege bekannt, hat wieder einen Magneten für Freunde der zeitgenössischen Werke im Süden Hamburgs geschaffen.
Kunst-Schmutz *1 (Foto: Tom Köhler)
Das katholische Cusanuswerk lud 36 junge Künstler aus alle Teilen des Landes ein, sich mit ihren Werken für ein Stipendium zu bewerben. Sie treten mit ihrer Kunst bis zum 20. März auf - und gegeneinander an. Sie kuratieren die Ausstellung selbst und wissen, das nur wenige von Ihnen in den Genuss der Förderung kommen. Das Cusanuswerk selbst wurde von seinem Leiter, Prof. Wohlgemuth, vorgestellt. Es ist eines der 11 Begabtenförderungswerke der Bundesrepublik. Begabung, Leistung, Engagement - das fordert das Werk, um zu fördern. Namensgeber ist ein Gelehrter des späten Mittelalters, der sich unversell bildete und mit Leidenschaft Kirche und Gesellschaft gestaltete.
Besucher vor Kunstwerk *2 (Foto: Tom Köhler)
Doch sind nicht nur lärmende Installationen zu sehen, sondern auch filigrane oder raumgreifende Werke der jungen Künstler. Bilder verschiedener Stile haben ebenfalls ihren Platz. Wer sich einen Eindruck von jungen zeitgenössischen Künstlern verschaffen möchte, sei auf die Schau verwiesen.
*1 Ohne Titel; Romina Abate, Kassel
*2 Carry me home little bear; Thomas Taube
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Link zur Ausstellung: hier
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Busch-Ausstellung eröffnet
23.11.2009 von Tom T. Köhler.
Foto: Illustration von Wilhelm M. Busch (Thomas Köhler)
Hamburg-Bergedorf – Eine Ausstellung zum 100. Geburtstag von Wilhelm Martin Busch ist gestern im Bergedorfer Schloss von Museumsleiter Dr. Olaf Matthes eröffnet worden. Noch bis zum 28. Februar können in der Schau die Werke des Hamburger Illustrators, Zeichners und Lehrers, der 1987 verstarb, besichtigt werden. Die Ausstellung ist eine umfangreiche Schau aus verschiedenen Schaffensperioden Buschs. Skizzen, farbige Szenen aus dem Leben sowie Porträts von bekannten Personen, wie dem Clown Charles Rivel, spannen einen großen Bogen. Die Retrospektive ist Höhepunkt einer Ausstellungsreise seiner zahllosen Zeichnungen im nord- und mitteldeutschen Raum.
Vor der Eröffnung am Donnerstagabend sorgte die Entdeckung einer aufmerksamen Kunstkennerin für Heiterkeit. Sie wies darauf hin, dass ein Bild aus dem Zyklus Stierkampf in der Ausstellung verkehrt herum hing. Die Schwerelosigkeit des Bildes lies allerdings durchaus diese Interpretation zu. Die Aussteller behoben den Fehler umgehend.
Stierkampf von Wilhelm M. Busch, links: verkehrt, rechts: richtig. (Thomas Köhler)
Busch war sorgender Lehrmeister
Gudrun Hildebrandt, Textilrestauratorin am Museum für Hamburgische Geschichte, ließ die Anwesenden in einer kurzen Rückschau an ihren Erlebnissen mit dem Künstler teilhaben. Als Studentin lernte sie Busch Anfang der 1970er Jahre kennen, lobte den Menschen Wilhelm M. Busch. Doch nicht nur zu seinen Schülern, auch zu seinen Modellen habe er ein inniges Verhältnis gepflegt. „Haste auch warm genug?“, zitierte Hildebrandt den stark berlinernden Busch, der sich um ein damals anwesendes Aktmodell sorgte. Busch sei immer auch der fordernde Lehrer gewesen, der seine Studenten zu genauem Hinsehen anhielt. Er monierte den Erfinder des Radiergummis. Der, so Hildebrandt, gehöre erschossen, seien starke Worte Buschs gewesen, der sich ansonsten liebevoll und geduldig bemühte, aus seinen Schülern präzise Beobachter zu machen.
Foto: Clownzeichnung von Wilhelm M. Busch (Thomas Köhler)
Menschen haben in Buschs Zeichnungen die Hauptrolle
Professor Bernd Küster, Direktor der Museumslandschaft Hessen aus Kassel berichtete von seinem Freund: „Busch kam aus einer Epoche in der die bildende Kunst allen Ansprüchen genügen musste. Menschen hatten in seinen Zeichnungen und Skizzen immer die Hauptrolle inne. Busch unterstellte der menschlichen Natur nie etwas Schlechtes.“ Der Zeichner habe trotz seiner fortschreitenden Gebrechlichkeit bis ins hohe Alter alle Aufträge bereitwillig angenommen, erledigte sie stets mit höchster Aufmerksamkeit. Er erfüllte, so Küster, „die noble Aufgabe der Illustration stets gewissenhaft“. Dabei habe Busch in seinem viel zu kleinen Arbeitszimmer über der Elbe am Süllberg in Hamburg-Blankenese rauchend an seinen Zeichnungen und Skizzen gearbeitet.
Ermöglicht hat diese Ausstellung maßgeblich das Wilhelm-M-Busch-Archiv, ansässig in Hamburg-Wandsbek. Dessen Leiterin Ursula Müller stellte eine Auswahl aus mittlerweile über 40.000 Zeichnungen und Skizzen zur Verfügung. Geöffnet ist die Retrospektive außer montags und freitags von 10 bis 17 Uhr. Der Eintrittspreis beträgt 3 Euro, ermäßigt 1,50 Euro.
Zum Internetauftritt des Wilhelm-M-Busch-Archivs: hier.
Kontakt zum Autor: hier.
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Lachen bleibt im Halse stecken
2.10.2009 von Saskia Jauß.
Dominique Schnizer inszeniert die Tragikomödie „Immer nie am Meer“ im Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Eine Rezension.
Foto: Szene aus dem Stück “Immer nie am Meer” im Schauspielhaus Hamburg. (Thomas Köhler)
Hamburg - Ein Autounfall im Wald. Wow, was für ein Crash! Der Wagen landet direkt zwischen zwei Bäumen. Drei Männer sitzen eingepfercht im Fahrzeug. Ob denen was passiert ist? Nein, sie sind nur leicht verletzt. Hoppla, die Türen und Fenster lassen sich nicht mehr öffnen. Allein können sich die drei nicht befreien. Ach, der Junge da hinten hat das Auto auch schon entdeckt. Er wird sicher gleich Hilfe holen. Da muss man ja nichts mehr machen, oder?
Zuschauer fühlen qualvolle Enge
Nein, denn der Beobachter des Unfalls sitzt im Theater, und das Drama spielt sich auf der Bühne ab. Dominique Schnizer hat die Tragikomödie „Immer nie am Meer“ von Bernd Steets im Hamburger Schauspielhaus inszeniert. Aber nicht im großen Saal, sondern im kleinen Rangfoyer. Und so lässt der Regisseur sein Publikum die qualvolle Enge im Auto mitfühlen: In nur drei Sitzreihen drängen sich die Zuschauer dicht aneinander.
Wald auf der Leinwand
Über die gesamte Länge der Bühne erstreckt sich eine Videoleinwand, auf die der Wald, der Unfallort, projiziert ist. Unterbrochen wird das Bild von einer Ausstanzung, die Einblick gewährt in das Innere des verunglückten Autos. Dort sitzen Professor Raffael Baisch (dargestellt von Jürgen Uter), sein Schwager Manfred Anzengruber (Hanns Jörg Krumpholz) und der Kleinkünstler Bernhard Schwanenmeister (Martin Pawlowsky).
Unterhaltungen statt Angst
Nachdem die Männer ihre hilflose Lage erkannt haben, versuchen sie so zu tun, als sei nichts passiert. Angst zeigt keiner, obwohl Rettung nicht in Sicht ist. Mutmaßungen darüber, was passiert, wenn sie nicht gefunden werden, unterbleiben. So unterhalten sich die Eingeschlossenen zunächst über alltägliche Themen. Schnell wechseln sie jedoch zu Privatem wie die ersten erotischen Erlebnisse.
Urinieren in eine Flasche
Schnizer verlangt nicht nur seinen Schauspielern, die das gesamte Stück über sitzen müssen, sondern auch dem Zuschauer einiges ab. Anfangs ist es noch komisch anzusehen, wie die Männer ihre Situation meistern, etwa wenn Schwanenmeister in eine Flasche uriniert. Doch immer öfter bleibt das Lachen im Halse stecken. Als Baisch seine Notdurft geräuschvoll in eine Handtasche verrichtet, kommt mehr Ekel als Spaß auf. Zudem plagen stickige Luft und zunehmende Hitze das Publikum.
Kind degradiert Männer zu Laborratten
Auf der Bühne spitzt sich die Lage zu, als der Junge (Timur Carstensen) die Unfallopfer entdeckt und keine Hilfe holt. Vielmehr betätigt er einen Schalter und breitet Dunkelheit über den Raum. Plötzlich blendet grelles Licht die Insassen, sie finden sich in einer Garage wieder. Dort beginnt der Junge, das Verhalten der drei zu studieren, degradiert die Männer zu Labortieren, spielt seine Macht aus, indem er eine Polizeisirene simuliert und damit Hoffnung bei den Gefangenen weckt. Im Lauf des Stücks wächst der Junge, wird größer und größer, bis er am Ende riesig ist und die Männer so klein wie Ratten im Käfig vor ihm sitzen.
Zuschauer ertragen Brutalität bereitwillig
Zur Erleichterung des Publikums lässt Schnizer den Jungen ausschließlich im Video auftreten. So nimmt man ihm sein beängstigend herzloses Verhalten weniger übel. Es ist ja nur ein Film. Da erträgt der Zuschauer von heute bereitwillig einiges an Brutalität und bleibt stets in dem beruhigenden Zustand, nicht eingreifen zu müssen. Denn in der Realität erfordert eine solche Situation ja sofortige Hilfeleistung.
Zuschauen immer unerträglicher
Das macht das Stück so allgemeingültig wie aktuell. Immer wieder liest man von Menschen, die lieber zugucken statt zu helfen, wenn andere in Gefahr schweben. Ein Beispiel hierfür ist der schlimme Vorfall vor einigen Wochen in einer Münchner S-Bahn. Jugendliche bedrohten Kinder. Fast alle Fahrgäste sahen zu, nur ein Mann half und bezahlte seinen Mut mit dem Leben. Diesen Horror vor Augen, gerät im Theater das Zuschauen immer unerträglicher.
Inszenierung führt Zuschauer vor
Nach 70 Minuten endet die Vorstellung. Zum Glück, denn die Männer in ihrer verzweifelten Lage beziehungsweise sich selbst beim tatenlosen Zuschauen zu betrachten ist länger schwer auszuhalten. Mit seiner Inszenierung hat Schnizer nicht nur ein beklemmend aktuelles Stück auf-, sondern auch den Zuschauer – sich selbst – vorgeführt.
Kontakt zur Autorin: hier.
Link zum Deutschen Schauspielhaus Hamburg
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