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Holger-Cassens-Preis 2010 für Kinder-Leseclub in Hamburg
28.10.2010 von Tom T. Köhler.
Die Mara und Holger Cassens-Stiftung verlieh am 26.10.2010 den Holger-Cassens-Preis für den Leseclub Kölibri in Hamburg-St.Pauli. Eine Preisverleihung ist naturgegeben eine trockene Sache. Reden werden geredet, das Publikum erscheint bürgerlich gekleidet. Doch kann so ein Termin durchaus eine Erfahrung für´s Leben werden, wenn das Kulturprogramm einem den Kopf verdreht. Es geht um Kinder, das Lesen, die Musik.
Stiftung stiftet Bildung
Um einen Preis, zumal den einer Stiftung, zu erhalten, muss der Bewerber sich gehörig in die Ruder legen. Die Mara und Holger Cassens-Stiftung schrieb einen Preis zur Förderung eines Kooperationsprojektes aus, welches sich in seiner Arbeit an einem umfassenden Bildungsbegriff orientiert. Integriert im Stadtteil und dessen Ressourcen nutzend, soll der Preisträger Kindern den Zugang zu Bildung ermöglichen. Die Ausschreibung würde den Rahmen des Artikels sprengen - soviel sei berichtet: Die Befähigung zu einer eigenständigen Lebensführung, sozial, kulturell und politisch eingebunden, war gefordert. Die Lösung von Problemen der Benachteiligung findet vor Ort statt. Vernetzte Projekte und bürgerschaftliches Engagement bewirken eine Bildungsarbeit am Ort des Geschehens, mitten im Stadtteil und unter Einbeziehung von Kind und Eltern. Die Cassens-Stiftung wurde von der Patriotischen Gesellschaft von 1765 Hamburg bei der Ausschreibung und Bewertung der eingegangenen Anträge unterstützt. Es ist der zweite Preis, den die Stiftung auslobte.
Leseclub Kölibri Hambur-St.Pauli
Die glücklichen Gewinner
Die Sonne meint es an diesem Morgen mit St. Pauli gut. Am Hein-Köllisch-Platz, mitten im Kiez Hamburgs: unscheinbare Schaufenster, die fast bis auf den Boden reichen, eine Beschriftung über der Tür, drinnen ein Frühstücktreff mit Müttern und Kindern. Der Leseclub Kölibri - Wortwerk aus dem Köllischplatz und Libri, dem Buch. In den Räumen lesen Kinder, lernen lesen, gestalten ihre Freizeit. Der Leseclub gehört zum Verbund Gemeinwesenarbeit St. Pauli (GWA). Marianne Heidebruch, Projektleiterin, empfängt den Stifter Holger Cassens, die ehemalige Senatorin Ingrid Nümann-Seidewinkel und Journalisten zur Pressekonferenz. Inmitten quiekender Kinder und neben endlosen Bücherregalen berichtet sie über den Tag der Entscheidung. “Ich bekam Post von der Patriotischen Gesellschaft, war ganz aufgeregt. Erst wollte ich noch eine Runde um den Block laufen - doch dann hab ich den Brief aufgemacht.” Mit strahlenden Augen blickt sie zu Holger Cassens, einem unscheinbaren älteren Herrn, der entspannt in der Runde sitzt. Heidebruch: “Jetzt kann es weitergehen. Jedes Mal zum Jahresende kommt der Druck, die Frage nach den Mitteln für das nächste Jahr!” Hamburg sparte die gegenüberliegende Bücherhalle 2005 ein, die Mittel sind knapp.
H. Cassens, M. Heidebruch, I. Nümann-Seidewinkel vor dem Kölibri
Raum zur Bildung
Stolz führt die Projektleiterin die Besucher durch die Räume. Ein Saal für Aufführungen, ein Computerzimmer, eine Küche, in der die Kinder auch selbst kochen. Und natürlich: Bücher, Bücher, Bücher. An jeder verfügbaren Wand stehen Regale. Die Kinder fanden ein ganz eigenes Ordnungssystem. Die Bücher mit wenig Bildern und viel Text wanderten in die oberen Reihen, die bildreichen nach unten. Das macht Sinn, denn die Kleinsten können gerade erst lesen. Die Altersstruktur reicht von 6-14 Jahren. Das Programm des Kölibri ist auch dem angepasst: Gedichte für Wichte, Lesenächte (inkl. Übernachtung), Lesewettbewerbe und Ausfahrten in die Stadt und den Hafen sorgen für steten Zustrom der kleinen Leseratten. Und der Club ist die ganze Woche nachmittags geöffnet.
Ohne Unterstützung geht es nicht
Alles Engagement der GWA und des Kölibri in Ehren, doch auch sie sind auf externe Hilfe angewiesen. Die zeigt sich in regelmäßigen Spenden von Gruner + Jahr, der Bürgerstiftung Hamburg oder dem Lions Club Blankenese. Die Mitarbeiter von Adobe, deren Büros gar nicht weit weg sind, spendeten Ihre Gratifikationen - wieder konnten Bücher gekauft werden. Das ist es wohl auch, was Stifter und Kuratorium überzeugte. Ein Netzwerk aus Träger, Stadtteil, Behörden, dem bürgerschaftlichen Engagement vieler Bewohner und Eltern der Kinder schuf ein kontinuierliches Programm. Die Einbindung von Firmen vor Ort, die unkomplizierte Unterstützung lässt kleine Wünsche wahr werden. Kinder schmökern stundenlang in bequemen Leseecken. Alles sorgt für Bildung vor Ort, baut Strukturen auf, die verlässlich sind.
Spielfreudiges Ensemble von Musica Altona (alle Fotos: Tom Koehler, Hamburg)
Preisverleihung bei der Patriotischen Gesellschaft
Am Abend desselben Tages sammeln sich im ehrwürdigen Gebäude an der Trostbrücke im Herzen Hamburgs das Stifterpaar, das Kuratorium und zahlreiche Gäste. Senatorin Christa Goetsch freut sich in Ihrem Grußwort über die Unterstützung der Bildungsarbeit. Die Laudatio hält Prof. Dr. Timm Kunstreich aus dem Kuratorium. Und dann sind noch Kinder im Spiel. Und zwar im Geigenspiel. Die quietschfidele Truppe um den freundlichen Leiter Gino Romero-Ramirez erspielt sich in Minuten das Herz der Gäste. Sicher, mal geht Ton daneben und ein Geigenbogen gehorcht der Schwerkraft, fällt herunter. Doch was ist das schon gegen die wirkliche Lust am musizieren. Selbstbewusst und selbstvergessen fiedelten die Kinder, was die Geige hergab. Sie waren die Stars des Abends, wie sie es auch bei Kölibri sind. Sie müssen auch unsere Stars sein, denn sie sind unsere Zukunft. Und die gehört in gebildete, belesene und musische Hände.
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