Archiv der Kategorie Medien (D)
Joachim, Horst, Christian
19.12.2011 von Tom T. Köhler.
Hat Deutschland das verdient? In einem Amt, dessen repräsentative Wirkung oft über der tatsächlichen Einflussnahme auf Richtungen, Diskussionen, Entscheidungen steht, ist der Wurm drin. Neben Wirtschafts-, Euro- und Bildungskrise nun auch noch eine Bundespräsidentenkrise.
In Krisen sind die Teutonen Spitze. Zum einen, weil Sie gern leiden, zum anderen, weil es so schön ablenkt. Von den tatsächlichen Problemen. Das Politikum zum höchsten Amt des Staates wird befeuert von all denen, die damit über ihre eigenen, hausgemachten Probleme hinwegsehen können. Schon bei Joachim Gauck ging es nicht ums Amt, sondern um die Person. Und um das Parteibuch. Der gefühlte Präsident Gauck musste dem installierten Horst Köhler weichen. Der schmiss hin, weil ihm irgendwas nicht passte. Genaues weiß man bis heute nicht. Zu vermuten ist, dass auch da wieder parteipolitischtaktische Spielchen gespielt wurden. Und nun haben wir auch noch den Fall Christian Wulff. Ein Kreditchen da, ein Urlaub dort, eine Reise nach irgendwo. Und die Opposition wetzt die Messer. Muss sie doch eine Diskussion gegen die derzeitige Koalition am Laufen halten. Weil, siehe oben, es so schön vom eigenen Versagen ablenkt. Ehemals an der Macht, hätte ja so manches besser laufen können.
Politische Kleingeistigkeit, mediales Perpetuum Mobile und Profilierungssucht sind wichtiger, als die Entscheidungen zu einer langfristigen Entwicklung von Deutschland in Europa. Sie sind wichtiger, als grundlegende Weichenstellungen zu einer Nation, die in soziale Differenzen und Bildungsmangel abrutscht. Eine Möglichkeit wäre, wenn der Bundespräsident jetzt eine Ruck-Rede hält. Eine, die aufhorchen lässt. In der er klarstellt, dass die Verbindungen als Minister zu Personen nichts mit seiner Arbeit als Präsident zu tun haben. Und die unsägliche Diskussion zu seinem Amt durch eine andere ersetzt. Eine Diskussion über unser Land und seine Zukunft. So wird er dem Amt gerecht und seinem Land.
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Autorenportal SUITE101 schließt und die NZZ setzt auf Paywall
25.11.2011 von Tom T. Köhler.
Journalisten, Autoren und Leser bekommen zwei schlechte Nachrichten an einem Tag. Ein gut durch Suchmaschinen zu findendes Autorenportal schließt seine Deutschland-Redaktion. Und die renommierte Neue Zürcher Zeitung stellt im ersten Quartal 2012 eine Paywall vor seine redaktionellen Inhalte.
Drei Jahre, nun ist bald Schluss
In einem Artikel des Portals SUITE101 heißt es: „Die Klage ist das Lied der Medienunternehmen und Journalisten. Ersteren geht es chronisch schlecht und Letztere haben nicht genug zum Leben.“ Die Suche von Schreibern und Unternehmern nach Modellen zur Monetarisierung ist im vollen Gange. Erstere versuchen sich mit ihrer eigenen Zeitung – auch Blog genannt. Suchmaschinen bestätigen die Überlegung. Legen Sie doch nach Updates deutlich mehr Wert auf aktuellen und vor allem relevanten Inhalt. Die Zeit zwischen den Suchläufen hat sich drastisch verkürzt. Inhalte erscheinen schon nach Minuten im Index von Google und Co. Doch wie die ganze Mühe zu Geld machen? Wie lässt sich die viele Zeit vor der Tastatur versilbern? Eine Möglichkeit bot sich schon vor Jahren bei SUITE101. Das Portal aus Kanada eröffnete mit Erfolg seinen deutschen Ableger und viele Autoren – auch Journalisten – nutzten die Blog-Plattform. Deren aktive Bemühung für eine gute Findung durch Suchmaschinen katapultierte viele Artikel auf Seite 1 der Suchergebnisse. Eine Redaktion beobachtete die Arbeit der Autoren, griff bei unseriösen Autoren ein, half bei der Optimierung oder entdeckte Fehler und schrieb die Autoren an. Angelockt durch die Wirksamkeit und Reichweite versuchten sich die 3000 deutschen Autoren am Aufbau einer Webpräsenz, die durch Klick per Anzeige auch noch etwas Geld in die Taschen der Schreiber brachte. Sicherlich nicht in die Taschen aller. Aber wer es verstand, aktuelle Ereignisse oder relevante (!) Themen aufzunehmen, die Regeln des Schreibens für Leser UND Suchmaschinen beherrschte, der konnte mit einer kleinen, regelmäßigen Aufbesserung seines Taschengeldes rechnen. Ergebnis des Fleißes der Autoren: 70.000 Artikel in drei Jahren, eine stolze Bilanz für das Portal. Derzeitiger Grund für die Schließung der deutschen Redaktion – NICHT des Portals – soll ein Update von Google sein. In einem Artikel des Blogs basicthinking.de wird notiert, das PANDA-Update habe den Traffic der Seite reduziert. Die Einnahmen der Plattform waren durch die passend geschalteten Anzeigen in den Artikeln realisiert worden. Sinkender Traffic (seit Oktober) ist gleich sinkende Einnahmen und Tantiemen für die Autoren. Ein Wegfall der Redaktion, so die Vermutung von basicthinking, lässt auch bald das Niveau der Artikel sinken. Die Reputation ist dann dahin, das Portal wertlos. Eine Flucht der Autoren zu eigenen Blogs oder Blog-Gemeinschaften ist die Folge.
Paywall – funktioniert sie wirklich?
In einer Meldung des Nachrichtenportals NEWSROOM wurde aus Gerüchten Realität. Eine der renommiertesten Tageszeitungen der Welt, die Neue Zürcher Zeitung, beschloss, eine Paywall vor den digitalen Inhalten zu errichten. Eine Bezahlschranke verhindert, dass Online-Leser ungehindert auf die Artikel der Zeitung im Internet zugreifen können. Die Konsequenz: Leser müssen zahlen. Paid Content heißt das Zauberwort, mit dem Verleger liebäugeln. Ist es doch eine Möglichkeit, endlich im Internet Geld zu verdienen. Zwei Reaktionen hat eine solche Überlegung stets zur Folge: Einmal flüchten Leser, lassen sich auf anderen Seiten (kostenlos) informieren. Um dem zu entgehen, machen zweitens Internetzeitungen den Schritt zu einer löchrigen Paywall. Dies geht über den Weg, den das Hamburger Abendblatt beschreitet. Dessen Artikel werden über die Google -Suche gefunden und können dann online und kostenlos gelesen werden. Weitere Möglichkeit: Dem Leser wird die Möglichkeit eingeräumt, eine bestimmte Anzahl Artikel kostenlos zu lesen. Dann wird er aufgefordert, ein Online-Abonnement abzuschließen. In der New York Times hat der Aufbau einer Paywall funktioniert. Die Leserzahlen und die Reichweite blieben fast gleich. Im deutschsprachigen Raum muss sich der Erfolg nicht wiederholen. Bei der letzten Messe der Verleger und Zeitungshäuser WAN IFRA 2010 in Hamburg gab es einen Einblick in die Bemühungen, mit Inhalten und zielgerichteter Werbung Geld zu verdienen. Wohin die Reise geht, wird sich in Monaten, gar Jahren zeigen.
Für die schreibfleißigen Deutschen heißt es: Selbst machen, zur Marke werden, Reichweite aufbauen. Wenn sie etwas Glück haben, kommen Werbetreibende dann zu ihnen und nicht umgekehrt.
Für die Leser heißt es: Holen sie sich Ihre Informationen da, wo sie beim Lesen einen Mehrwert haben. Welche Plattform das ist, entscheiden sie selbst. Wo für sie geschrieben wird, da lassen sie sich nieder.
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Moral? Ethik? Haltung?
1.7.2011 von Tom T. Köhler.
Hamburg - Eine Diskussion zur Lage des deutschen Journalismus 2011 auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche in Hamburg.
Es ist 11 Jahre her, da bezeichnete Hans Leyendecker (SZ) die vierte Gewalt als viertklassig. Wie ist es heute um den Berufsstand bestellt, der die objektive, sauber recherchierte Berichterstattung zur Aufgabe hat? Auf dem Podium ein Alphatier-Gehege, so Ines Pohl, Chefredakteurin der TAZ. Sie war in illustrer Runde: Georg Mascolo, SPIEGEL-Chefredakteur; Giovanni di Lorenzo, ZEIT-Chefredakteur; Hans Leyendecker (SZ). Und Tom Schimmeck, Mitgründer der TAZ, moderierte die Diskussion.
Giovanni die Lorenzo, Hans Leyendecker
Raus aus dem Büro!
Ist es denn immer noch so, dass vom Schreibtisch aus recherchiert wird? Ersetzt Google die aktive Suche und Ansprache von Menschen? Leyendecker: „Heute erzählen wir mehr Geschichten. Früher wurden schrecklich viele Fakten aufgezählt.“ Es braucht, so der Investigativ-Redakteur der Süddeutschen Zeitung, eine Kombination aus Reportern und Informations-Beschaffern. Und in Zeiten der Unsicherheit ist es Aufgabe des Verlegers, für diese guten Geschichten und Qualitäts-Journalismus zu sorgen. Die Bequemlichkeit des Schreibtischs ist im Gegenzug kein Garant für tolle Geschichten. Dicht dran am Geschehen – und nicht nur darüber schreiben, wie es unlängst einem Kollegen „gelang“, als er Seehofer porträtierte. Ein Preis, der nur Stunden einer war, weil andere Journalisten die Fiktion entlarvten. Dies schadete, unbenommen einer Auseinandersetzung über Personen, dem Berufsstand.
Rendite versus Qualität
Graue Flanellmenschen, so di Lorenzo in einem Zitat, schauen derzeit auf die Rendite. Die liegt bei den großen Verlagsgruppen zwischen 20 und 30 Prozent. Gesucht wird der wahre Verleger, dem es vorrangig um das Produkt geht, dem es an journalistischer Qualität gelegen ist. Wer die Krise und / oder das Internet benutzt, um weiter Sparmaßnahmen durchzusetzen, ist nicht glaubwürdig anhand der doch recht komfortablen Lage der Zeitungshäuser. Sicher geht es nicht allen gleich gut, doch haben auch die Medienarbeiter jahrelang ihren Teil zum Überleben der Verlage beigetragen. Rendite ist, so Mascolo, für journalistische Unabhängigkeit notwendig. Und die Menschen interessieren sich heute mehr denn je für Nachrichten und Information. Mobile Geräte vereinfachen und vervielfachen den Zugang zu Zeitungen und Zeitschriften, Radios und TV-Stationen. Das ach so viel gescholtene Internet ist heute ein wichtiges Standbein für die Medienhäuser geworden.
Tom Schimmeck, Giovanni die Lorenzo
Und die Moral von der Geschicht?
Woher rührt es, dass in Umfragen der Berufsstand der Journalisten unter den letzten Plätzen rangiert? Ist es die Willkür bei öffentlichen „Hinrichtungen“ a la Kachelmann oder das elitäre Auftreten? Es fehlt an Haltung, an Geradlinigkeit und an Menschen, denen eine sauber von Anfang bis zum Ende recherchierte Geschichte wichtig ist. Die reißerisch befeuerte Auflage ist ein mediales Strohfeuer Morgen eine Geschichte, an die keiner mehr denkt. Doch die intensive, gut geschriebene Reportage, oder der Bericht, der die Illusion erzeugt, dabei zu sein – diese Schriftstücke bleiben den Menschen in Erinnerung. Der Einwand, dass Recherchen Geld und Zeit kosten, ist berechtigt. Doch ist es Aufgabe der Unternehmen, ihren Rechercheuren und Reportern diese Arbeit zu ermöglichen.
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Mit Zukunftsforschern auf Zeitreise in eine unsichere Ökonomie
16.6.2011 von Tom T. Köhler.
Heute sind Zeitreisen möglich - auf dem Zukunftskongress des Think!Tank 2b.AHEAD. Dessen zehnte Auflage fand vom 14.-15.06.2011 in Destedt nahe Braunschweig statt. Die Reiseroute führte in eine unsichere Ökonomie. Gesellschaft und Wirtschaft werden sich dramatisch verändern.
Der etwas spleenige Doc und sein junger Freund Marty reisten im Dreiteiler “Zurück in die Zukunft” kreuz und quer duch die Zeit. Der Erfolg der Filme beruhte auch auf der Sehnsucht der Menschen, nicht nur ihre Geschichte, sondern auch ihre Zukunft zu ergründen. So war auch das Interesse an einem der innovativsten ThinkTanks Deutschland sehr groß. 200 Gäste aus Forschung, Wirtschaft, Politik und Religion debattierten auf einem idyllisch gelegenen Gut mitten in Niedersachsen, wie ein Deutschland im Jahr 2021 sein könnte. Allerdings war es keine entspannte Reise, sondern eine den Kopf fordernde, intellektuell anspruchsvolle Vorausschau in unsere gemeinsame Zukunft.
Brücke in eine unsichere Zukunft
Das Hirn wird Lösungen finden
Prof. Dr. Gerald Hüther von der Uni Göttingen muss es wissen: “Das Hirn wird Lösungen finden!” Unsicherheiten sorgen für einen Zwang, sich selbst und neu zu organisieren. Von außen dringen nur Warnsignale und schlechte Nachrichten auf den Menschen ein. In grauer Vorzeit waltete ein archaisches Notfallprogramm und sorgte für die Ur-Reaktionen. Der Angriff, die Flucht oder eine ohnmächtige Erstarrung. Letztere, so Hüther, hat die Menschen derzeit im Griff. Die rasante Entwicklung einer globalen Wirtschaft, die Umwälzungen ganzer Gesellschaften und die Infragestellung der bisherigen Sozialsysteme - zu viel für Menschen, die in Strukturen und Abläufen lebten und dachten. Menschen müssen Vertrauen in den Sinn ihres Tuns haben. Sie müssen durch Erwerb oder Aufbau von Kompetenzen Vertrauen in sich selbst entwickeln. Und Menschen brauchen tiefes Vertrauen in andere Menschen. Wie das geht? Durch Begeisterung an einer Sache, durch Intuition im Bauch und Erfahrungen, die unter die Haut gehen. Das, so Hüther, unterscheidet uns explizit von Robotern und Computern. Die haben ja nicht mal Hunger …
Gäste des 2b AHEAD Kongresses beim Denksport
Leben mit dem Blechkollegen
Eine Vision lässt manchen auf dem Zukunftskongress erschauern: der Kollege aus Blech im Büro, an der Werkbank. Oder gar ein Roboter als Chef. Dr. Natascha Esau von der Uni Paderborn denkt noch weiter. 2121 diskutieren wir über eine Roboterquote vs. Menschenquote bei der Besetzung von Stellen oder Führungsaufgaben. Sie muss es wissen, arbeitet sie doch in der Forschung, die aus dem kalten, steifen Roboter einen emotionalen, empfindungsfähigen Zeitgenossen macht. Sie möchte ihn mit Sensoren ausstatten, die unsere Regungen, unsere Stimmlage und die Gesichtszüge analysieren und daraus auf unseren Gefühlszustand schließen. Auch wenn das noch Zukunftsmusik ist, im pflegerischen Bereich und in der Altenversorgung sind andere Länder schon einen großen Schritt weiter. Dort sind die Helfer-Maschinen eine Entlastung bei schwerer oder Routinearbeit. Sogar einen Kuschelroboter aus Plüsch gibt es schon.
Open Government statt Volks-Ersetzer
Anke Domscheit-Berg, Vorstand von opengov.me, sprach einer realen Demokratie und Transparenz der öffentlichen Verwaltung das Wort. “In zehn Jahren gibt es den gläsernen Staat. In zehn Jahren sind Parlamentarier Volks-Vertreter, und nicht Volks-Ersetzer!” Kleiner Mann ganz groß, dass gleiche gilt für Lieschen Müller. Meinungsbildungsprozesse finden in rasanter Geschwindigkeit und digital statt. Die Fakten auf den Tisch zu bekommen, ist keine Illusion mehr. Verwaltungen werden ihre Prozesse und Entscheidungen offenlegen müssen. Das Volk will wissen, was in seinem Namen geschieht. Die kollaborativen Elemente einer neuen digitalen Gesellschaft ermöglicht weltweite Kooperationen. Nach Fukushima und dem Kommunikationsdesaster von TEPCO organisierten Menschen Geigerzähler und stellte die gemessenen Daten unverzüglich ins Netz. “Der Wutbürger wird zum Mut-Bürger. Und König von Deutschland kann jeder sein.”, so Domscheit-Berg. Engagement, Partizipation und technische Möglichkeiten wälzen ein ganzes System um.
Gut Destedt bei Braunschweig (alle Fotos: Tom Koehler, Hamburg)
Sozialer Raum, Intransparenz und Selbstkontrolle
Schon heute, weiß Sam Mandel von TWEET DECK, sind meine digitalen Daten überall verfügbar. Versicherungen, Banken und Dienstleister wissen so gut wie alles über uns. Menschen tun ihren Teil dazu, die Datensammlung zu vergrößern. Sie bewegen sich im virtuellen sozialen Raum, hinterlassen Spuren und Informationen zu ihrem Leben sowie ihrer Person. Doch dieses Ende der Privatheit lässt alte Ängste hervorkommen. Big Brother, der Überwacher an sich, ist wieder möglich. Nicht nur der Staat (und autoritäre Systeme) wittern umfangreichen Zugang zu jedem Einzelnen, auch Geheimdienste entwickeln professionelle Instrumente zur Überwachung. Was dann mit zusammengeführten massiven Datenbergen geschieht, ist nicht mehr transparent. Prof. Dr. Schildhauer von der UNI Berlin ahnt eine Zweiteilung der Menschen: Die Elite, die gelernt hat damit umzugehen und ein Bürgertum, welches nur Daten liefert und nicht reflektiert, was mit diesen geschieht. Einen AUS-Knopf gibt es nicht. Die Entscheidung, was von einem Selbst im globalen Gedächtnis bleibt, liegt zum Teil auch in der Hand eines jeden Menschen. Technologien der Zukunft werden von Menschen gemacht. Und der Umgang damit muss erlernt und trainiert werden.
Ausführliche Berichte zum 10. Zukunftskongress 2b.AHEAD finden Sie auf http://abendfarben.wordpress.com/
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Braucht die Meinungsfreiheit im Web 2.0 Grenzen?
18.5.2011 von Tom T. Köhler.
Nachwuchsjournalisten, ein Blogger und ein Politiker diskutierten mit dem stellvertretenden Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung am 05.05.2011 in der Hamburger Körber-Stiftung ein Thema mit Ecken und Kanten.
Stimme der Gesellschaft
Zwischen den jungen Journalisten des Printmagazins FREIHAFEN aus Hamburg und Wolfgang Kraft von der Süddeutschen gibt es außer dem Arbeitsplatz kaum Unterschiede. Alle arbeiten für ein Produkt, dessen Leser journalistische Qualität, Wahrheit und Klarheit verlangen. Doch artikuliert sich der Leser heute online, schnell und direkt. Seine Meinung kommt ungefiltert von Redakteuren an die Öffentlichkeit. Das findet auch Markus Beckedahl von www.netzpolizik.org gut. Er vertritt mit seinem tausendfach gelesenen Blog die Auffassung: “Die Zivilgesellschaft ist die fünfte Gewalt und hat das Recht auf Meinungsfreiheit”. Burkhardt Müller-Sönksen, medienpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, ist einer der Politiker, der selbst online aktiv ist. Er sieht einen Spagat zwischen Online-Verweigerung vieler Politiker und den negativen Möglichkeiten des Web 2.0. Für ihn ist Social Media die 5. Gewalt, mit guten und schlechten Seiten.
Ist das WWW seriös?
Beckedahl macht an einem Beispiel klar, wir virulent und direkt die fünfte Gewalt agiert. “Eine Petition gegen Kinderpornografie erreichte innerhalb von drei Tagen die geforderte Anzahl von 50.000 Stimmen. Andere Petitionen benötigen auf dem Offline-Weg Wochen dazu”. Doch ist es seriös, wenn ein Nutzer mit einem Klick seine Stimme für ein Projekt gibt? Dem spricht Müller-Sönksen das Wort. Eine digitale Oberflächlichkeit sieht er heranwachsen. Für ihn ist der schnelle Klick zwischendurch nicht repräsentativ. Als Beispiel führt auch Kraft an, dass in den Beiträgen der Leser im Online-Forum der SZ eher singuläre Meinungen stünden. “Eine Diskussion findet eher selten statt. Das Internet verleitet, schnell etwas hinzurotzen”. Und doch ist es heute keine Einbahnstraße in der Kommunikation mehr. Ein Rückkanal ermöglicht die direkte Reaktion von Menschen. “Früher”, so Beckedahl “haben die Menschen die Fernbedienung vollgequatscht!” Heute könne er via Smartphone oder Laptop umgehend reagieren.
Fotos Körber-Stiftung: Tom Koehler, Hamburg
Im Internet sind alle gleich
Es gibt keine Benachteiligung, es sei denn, der Nutzer macht selbst einen Fehler. Eine Meinungskonkurrenz ist also möglich, das reine Konsumieren war früher. Die regen Aktivitäten bei Großprojekten, wie Stuttgart 21, sind ein sehr gutes Beispiel für das partizipative Netz. Doch machen, so Müller-Sönksen, sich Kompetenzgrenzen bemerkbar. Es gibt beim Nutzungsverhalten eine Bildungskonkurrenz. Eine weitere Frage beschäftigte die Runde auf dem Podium. Ist das Netz transparent? Wenn alle die gleichen Rechte haben, so haben auch alle das Recht auf die gleichen Informationen. Klingt erst einmal gut, doch wo zieht wer die Grenzen? Ein demokratisiertes Herrschaftswissen (Beckedahl) versus diskursfreien Räumen, in denen Staatsgeheimnisse liegen. Ihm geht es darum, anders mit Informationen umzugehen. Besser wäre es, mehr Informationen öffentlich zu stellen. Am Beispiel der Stadt Kassel sei dies gut gelungen. Die veröffentliche den gesamten Haushaltsplan im Netz und die Bürger konnten Vorschläge zu
Einsparungen machen. Daraus wurden Empfehlungen an die Politik, die sich der Mehrheit der Bürger versichern konnte. Gelebtes Web 2.0, Partizipation und Öffentlichkeit lassen auch größere Projekte mit Volkes Stimme versehen.
Datenflut statt Wissenszuwachs
Nachteil dieser und anderer Projekte, wie OPEN DATA, ist die Menge der freigesetzten Daten. Die keiner liest, oder dafür sorgt, dass der Suchende in den Datenmengen ertrinkt. Und das wirklich Wichtige bleibt ungelesen. Eine überschaubare Datenmenge, wie die Diplomarbeit von Ex-Minister zu Guttenberg lässt sich behandeln. Doch wer hat Wikileaks gelesen? Ein Gesetz zur Informationsfreiheit gibt es, dessen Umsetzung in der Praxis ist laut Beckedahl alles andere als leicht. Bürokratische Hürden machen aus dem Gesetz mehr ein Problem als eine Lösung. Weitere Krux der Offenlegung: die Grenzziehung zwischen allgemein interessierenden und privaten Daten. Private Daten schützen und öffentliche nützen - klingt vernünftig, bedarf aber einer
Kontrollinstanz. Und wer kontrolliert die Kontrolleure?
Wenn Facebook mit dem Staate …
Was ist, wenn zur Abwehr von realen oder fiktiven Gefahren aus den privaten Räumen im Netz öffentliche werden? Arbeiten Social Networks mit staatlichen Autoritäten zusammen, kehrt sich der Gedanke des freien Web 2.0 in sein Gegenteil um. Kritische Stimme aus dem Kurznachrichtendienst Twitter dazu: “Wozu Volkszählung, schaut doch auf Facebook!” Auch Herrschende nutzen das Internet. Im schlechten Fall Diktatoren, die sich umfassend über Gegenbewegungen im Lande informieren, sie gar steuern. Hiesige Politiker sind, so Müller-Sönksen, noch deutlich im Zugzwang. Ihre Kommunikation 2.0 lässt oft zu wünschen übrig. Oder sie stellen Studenten ein, die der Öffentlichkeit eine aktive Online-Arbeit vorgaukeln. Entschließt sich der Regierungssprecher Seibert dazu, selbst zu twittern, verursacht das unter den Berliner Politik-Journalisten einen mittleren Tumult …
Pro und Contra
Die jungen Macher von FREIHAFEN sind selbst in ihrer Gruppe unterschiedlich eingestellt. Von Nutzern, Aussteigern und Nichtnutzern bei Facebook gab es Vertreter bei den sympathischen Jungjournalisten. Ihnen machen andere Dinge Sorgen. Sei es der Identitätsklau, bei dem Personen über Accounts und Bilder “gespiegelt” werden und unter falscher Flagge Unsinn - im schlimmsten Fall Unheil - angerichtet wird. Ein Rufmord, da haben sie recht, können aber auch in den Printmedien geschehen. Was also sind die Aufgaben der Zukunft? Junge Menschen brauchen Medienbildung. Und es braucht gut ausgebildete Ausbilder, die sich in der Komplexität des Netzes zuhause fühlen. Bildung ist der Zugang zu Informationen, zur Formung einer staatsbürgerlichen Meinung und zu gesellschaftlichem Engagement. Die Redakteure der kleinen Zeitung vom Elbufer geben mit ihrem Engagement ein wunderbares Beispiel, wie so etwas funktionieren kann.
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Die gehetzte Gesellschaft - Ein Leben im Hamsterrad
17.2.2011 von Tom T. Köhler.
Gleichzeitige Prozesse, das Gefühl des Gehetztseins, permanentes Senden und Empfangen - mit diesen Worten beschrieb Dr. Michael Göring von der Zeit-Stiftung in seiner Einführung den Stand der Dinge in unserer Gesellschaft. Die Stiftung und NDR INFO luden am 15.02.11 zum Auftakt einer Reihe an den Rothenbaum. In drei Diskussionsrunden soll unsere Atemlosigkeit, der Run im Hamsterrad beleuchtet werden. Wir kennen die klassischen Sprichworte: „Eile mit Weile“, „In der Ruhe liegt die Kraft“ oder „Wer langsam geht, kommt auch ans Ziel“. Doch scheinbar ist nur noch eine Bewegung in der Gesellschaft zu spüren: Beschleunigung. Um die gehetzte Gesellschaft zu analysieren, trafen sich Karen Heumann, Kreativ-Vorstand der Agentur Jung von Matt, der Diplomaten Dr. Manfred Osten und Soziologie-Professor Dr. Hartmut Rosa. Moderiert wurde der Abend von Ulrike Heckmann.
Gesprächsrunde zur gehetzten Gesellschaft
Wie gehen Menschen mit Stress um?
Wie gehen eine Werberin, ein Diplomat und ein Soziologe mit Zeitstress um? Karen Heumann: “Als Kind nannte man mich Träumerlein. Später wurde ich gegen meine eigene Natur immer schneller.” In Ihrer Branche ist Geschwindigkeit wahrlich keine Hexerei. Online verfügbar und weltweit vernetzt reduziert sich die Zeit in dieser Branche auf den Augenblick des Klicks. Heumann: “Wenn heute ein Kollege 15 Uhr vom Hof fährt, fragen die anderen, ob er einen halben Tag Urlaub hat. Doch ich fühle mich nicht wohl, wenn ich nichts zu tun habe.” Der weitgereiste und welterfahrene Manfred Osten schenkt zwei Aspekten seine Aufmerksamkeit: “Heute ist es so, dass zwei bis drei Stunden drauf gehen, die täglichen E-Mails zu lesen und zu bearbeiten. Doch bei meinen Aufenthalten in anderen Ländern habe ich gesehen, wie andere Kulturen mit Zeit umgehen.” Seine prägenden Erfahrungen kommen aus anderen Kontinenten. Bei den Afrikanern bekam er zu hören: “Wir haben die Zeit, ihr habt die Uhr”. Und in Japan wird ein Stau als wohltuend empfunden, da er im hektischen Alltag Momente der Ruhe ermöglicht. In Deutschland undenkbar, da jede Minute (scheinbar) kostbar und verplant scheint. Dem spricht auch Forscher Rosa das Wort: “Die digitale ist eigentlich eine Revolution der Beschleunigung. Wenn etwas schneller erledigt ist, müsste doch mehr Zeit zur Verfügung stehen. Doch statt dessen haben wir weniger davon.” Stellt sich nach Rosa sich die Frage nach dem Antrieb für unser Tun. Ist es die Gier nach immer mehr oder die Angst, etwas zu verpassen? Warum können wir uns nicht bescheiden? Ihm käme ein Vulkanausbruch oder ein Stromausfall - am Besten beides - wohl zupass. Das wäre die perfekte Entschleunigung.
Dr. Karen Heumann und Ulrike Heckmann
De-Synchronisation und Resonanzräume
Beschleunigung erzeugt Reibung, die wieder Wärme. Sowohl in der Natur als auch in der Gesellschaft ist ein Aufheizen zu verzeichnen. Man sehe sich nur bei der morgendlichen Fahrt ins Büro die Mitreisenden an. Viele mit Knopf im Ohr, immer mehr mit dem Smartphone in der Hand. Und immer weniger Menschen, die die Reise als Ziel sehen, entspannt aus dem Fenster schauen. In der Hafencity stieg letztens ein Prototyp des Homo Hamsterrad aus dem Taxi: Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt, eine Tasche über die Schulter gehangen, geöffnetes Notebook mit UMTS-Stick und den unvermeidlichen Becher Kaffee in den Händen. Ob das auf Dauer gesund ist - fraglich. Doch trifft es nicht nur den einzelnen Menschen. Die Politik ist nach den Worten Rosas auch gefangen in diesem Kreislauf, kann nicht mehr agieren, muss reagieren. Es wird immer schwieriger, sich zu entscheiden. Alles wird zum Müssen. Vielleicht lernen wir von anderen Kulturen, mehr Zeit von der angeblich nicht vorhandenen für Entschleunigung und Resonanzerfahrungen zu nutzen. Dies geht nicht schnell und schon gar nicht zwischendurch. Gleich zu Beginn der Veranstaltung fragte eine Besucherin am Einlass, wie lange sie denn noch warten müsse. Es blieben noch 5 Minuten bis zum Beginn der Diskussion. „Gedulden Sie sich doch!“ war man versucht, zu sagen. Was Schnelligkeit angeht, kam für viele Interessenten schnell zutage. Schon bei Beginn der ersten Veranstaltung waren auch die beiden folgenden ausgebucht. Da waren sie wohl zu langsam. Auf den Seiten von NDR INFO können Sie alle drei Diskussionen als Podcast hören oder downloaden. Oder Sie nutzen die Zeit, einfach mal abzuschalten und aus dem Hamsterrad auszusteigen.
Prof. Dr. Rosa und Dr. Osten im Gespräch (alle Fotos: Tom Koehler, Hamburg)
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Journalismus nach der Krise - Aufbruch oder Ausverkauf?
10.1.2011 von Tom T. Köhler.
Eine Rezension des gleichnamigen Buches aus der edition medienpraxis, Köln
Hamburg - Der Buchtitel irritiert, da die Krise des Journalismus noch nicht vorbei ist - doch der absolut lesenswerte Inhalt bietet Antworten auf die Frage. Noch nie gab es so rasante und vor allem tiefgreifende Umwälzungen im Sektor der sogenannten vierten Gewalt, von der nichts im Grundgesetz steht. Für viele ist es ein Fluch, für manche ist es ein Segen. Zwei junge Journalisten befragten Menschen, die als Verleger, Journalisten, Wissenschaftler und Chefredakteure mitten im Geschehen stehen. Anne Kunze und Felix Rohrbeck, in den 1980ern geboren, stehen am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn. Sie arbeiteten bei Zeitungen, Zeitschriften und im TV und nun befragten sie Experten in Form von Interviews. Ihre Gesprächspartner waren 22 intime Kenner der Materie: Medienwissenschaftler, wie Volker Lilienthal und Siegfried Weischenberg oder Chefredakteure, wie Kai Diekmann und Giovanni di Lorenzo und Vertreter der Medienarbeiter, wie Kai Schächtele und Michael Konken. So komplex das Thema ist, so spannend sind die Aussagen der Medienmacher und Medienarbeiter. In ihrer täglichen Arbeit sind sie Zeuge des Prozesses, der aus Zeitungen, Verlagen, Radio- und Fernsehsendern etwas Neues formt.
Wie geht es weiter
Ein Zwiespalt zieht sich durch das ganze Buch. Journalismus muss unabhängig sein und muss bezahlt werden. Doch je weniger Journalisten Beschäftigung bei Verlagen und Redaktionen finden, um so mehr drängen sie in den Markt der Public Relations (PR). Sie schreiben also für Unternehmen und Produkte, verlieren damit ihre Unabhängigkeit. Der notwendige Anspruch, sich als Journalist vor keinen Karren spannen zu lassen (Lilienthal), wird ökonomisch ausgehöhlt. Die Höhe von Druckauflagen sinkt, Leser suchen die digitale Weite, Anzeigen wandern ins Netz, Redaktionen werden dramatisch zusammengestrichen. Leidtragende sind die Journalisten, die Redakteure. Entweder haben sie das Glück, noch einen der raren festen Stellen ergattert zu haben, oder sie arbeiten als Freie auf einem Markt, der von ihresgleichen überschwemmt ist. Können Sie so noch unabhängige Arbeit leisten, intensive Recherche betreiben, Themen aufnehmen, die Ecken und Kanten haben?
Technischer Fortschritt und Monetarisierung
Ein weiterer Dissens herrscht zwischen der schnelllebigen Technisierung, den unglaublichen Möglichkeiten der Verbreitung und der momentanen Unmöglichkeit, damit Geld zu verdienen. Das bisherige Geschäftsmodell hat sich überholt. Die Technik treibt die Marke, der Leser kommuniziert auf Augenhöhe mit den Medien. Tilman Prüfer (Zeit, vormals FTD) sieht das entspannt: “Für eine Nachricht … ist es egal, auf welchem Medium sie gedruckt oder gesendet wird, wenn sie die Menschen begeistert und interessiert.” Qualität setzt sich durch, Leserinteressen werden bedient und das Medium bekommt so die Aufmerksamkeit, die es für sein Überleben braucht. Doch was tun, wen die Kassen knapp sind? Preiserhöhungen oder Finanzierung via Stiftung, gar Staatsknete? Der erste Vorschlag (drei Euro per Ausgabe, H. Prantl) macht z. B. aus einer Zeitung noch schneller ein elitäres Produkt mir noch kleinerer Leserzahl. Ein paar Geldreiche finanzieren das Geistreiche (auch Prantl) ist eine Möglichkeit, via Stiftung einem Blatt das Überleben zu sichern. Der letzte Vorschlag bringt sofort die Kritiker auf den Plan. Mit Geld des Staates, analog der Förderung von Museen und Theatern, den Pressebetrieb zu stützen, ist anrüchig. Gehören doch inzwischen nicht unerhebliche Teile parteinahen Unternehmen.
Zukunftsaussichten
Pressefreiheit ist da Brot der Demokratie, ein unverzichtbarer Bestandteil, um Machenschaften aus Politik und Wirtschaft aufzudecken. Ob es ein Bürgerreporter schafft, die Qualitätskriterien und beruflichen Standards einzuhalten, ist fraglich. Also sind die hauptamtlichen, in Berufsverbänden organisierten Journalisten und Journalistinnen gefragt. Denn es geht um den Fortbestand des Berufes, die Wertigkeit von Informationen und die Erfüllung journalistischer Standards. Dem sprechen auch viele der Befragten das Wort. Prüfer dazu: “Qualität ist das, was die Leser bewegt. Durch noch mehr Regeln ist der Journalismus nicht zu retten. Nur durch Bewegung.” Es ist eigentlich ein alter Hut: Gute Geschichten erzählen, sich für das Thema wirklich interessieren, Begeisterung zu formulieren. Nun muss dieser alte Hut auf einen neuen Kopf, der bereit ist für eine neue Zeit. Die Wege zum Leser, Seher oder Hörer sind anders geworden. Professor Wolfgang Donsbach dazu: “Die Zeitung … war eine Instanz, in der kluge Leute kluge Dinge über Politik, Wirtschaft und Kultur schrieben.” In der Vergangenheitsform zu schreiben, ist drastisch, doch nicht ohne Grund. Er sieht den Königsweg der Journalisten darin, sich den veränderten Rezeptionsgewohnheiten der Menschen anzupassen. Wenn heute Artikel-Hopping (Florian Rötzer) Stand der Dinge ist, lässt sich das nicht ändern. Eine Differenzierung des Produkts ist nötig, wenn der Redakteur oder Reporter überleben will. Er muss sich zur Marke entwickeln, um wahrgenommen zu werden. Und immer noch hat der die Aufgabe der “händischen Aggregation” (Thierry Chervel) von Informationen wahrzunehmen. Dies ist ein explizites Berufsfeld der Journalisten, gerade in Zeiten des Überangebotes von Informationen. Die Herausforderungen unserer Zeit bedarf nicht weniger, sondern mehr guter Journalisten, so Prantl. Ein Journalist braucht eine Haltung, eine Meinung und Rückgrat. Ihn müssen Neugier und das Empfinden für Gerechtigkeit bewegen, so Hans-Jürgen Börner und weiter “Die Menschen werden nur dann bezahlen, wenn die journalistischen Produkte wieder aggressiver, polarisierender, und unverwechselbarer werden. In einem weiteren Absinken der Qualität lauert der Tod. Man kann auch im Seichten ertrinken.”
Das Buch
Es ist nicht nur ein Buch für die Beteiligten, also die Medienmacher und Journalisten, sondern auch für den interessierten Leser, der die Wandlung in diesem Sektor miterlebt und sich dafür interessiert. Und es ist auf jeden Fall lesenswert für alle jungen Menschen, die ernsthaft erwägen, den interessanten Beruf des Journalisten zu ergreifen. Sie können und müssen in den Antworten der Befragten ihre Entscheidung reflektieren. Geschrieben sind die 230 Seiten von Kunze und Rohrbeck erfrischend und vermitteln einen guten Einblick in das Innenleben einer Branche im Umbruch. Zu den interviewten Personen gibt es einige Informationen am Ende der Abschnitte. Zur Illustration dienen Zeichnungen der interviewten Personen von Emanuel Alaniz und Alesar Mustar. Das Buch aus der edition medienpraxis wurde durch die Hamburger Stiftung Wertevolle Zukunft gefördert und erschien 2010 im Kölner Halem-Verlag.
*alle Zitate sind dem Buch entnommen
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Bürgermacht – Partizipation in Echtzeit
26.11.2010 von Tom T. Köhler.
Am 24.11.2010 debattierten im Hamburger Körberforum drei Menschen, denen die Demokratie persönlich und aus wissenschaftlicher Sicht sehr am Herzen lag: der Schweizer und Abgeordnete des Nationalrates, Andreas Gross; der Demokratieforscher und Buchautor Roland Roth sowie Knut Bergmann, Vertreter der Stiftung Neue Verantwortung. Durch den Abend führte Melinda Crane von Deutsche Welle TV.
Deutsche Befindlichkeit
Lange fabulierten Experten über die Politikmüdigkeit, die stille Mehrheit der Wähler, die verdrossen über ihre Politiker lästerte und die Allmacht des Politikapparates. Nach Gorleben und Stuttgart ist das anders. Doch sind diese beiden Ereignisse nur der sichtbare Teil einer Entwicklung. Die Vernetzung der Interessengruppen geht rasant voran, die Kommunikation zwischen den Beteiligten verläuft inzwischen in Echtzeit via Web. Wer vormals allein auf weiter Flur ein regionales Problem erkannte und zu beseitigen versucht, ist sich dank moderner Technik der zügigen Unterstützung Anderer sicher. Das ist die technische Seite der Medaille. Die politische, die wahrhaft demokratische Seite, eine andere. Die Bürger der Republik haben erkannt, dass nur durch ihr eigenes Tun, ihr persönliches Engagement etwas in Bewegung gerät. Es zeigt Erfolge, das freut den erwachten deutschen Michel und verschreckt die Profipolitiker, die sich ihrer Sache sicher wähnten.
Alternativloser Begründungszwang
Der Politiksprech und die Automatismen des Staatsbetriebes erregen zunehmend Widerstand. Es ist eben nicht mehr die stark motivierte Minderheit, die durch großes Geschrei der Mehrheit ihre Ideen aufzwingt. “Die Bürger werden lauter.” so Forscher Roth, und weiter “Der Bürger hat das Recht, gefragt zu werden, wenn ihm Fortschrittszumutungen aufgebürdet werden!” Ein NEIN zu etwas zog stets den Begründungszwang hinter sich her. Ein Argument mit geballter Macht. Der im politischen Betrieb unerfahrene Bürger unterlag den Lobbyprofis, den Vollzeitpolitikern. Doch die Organisation der Menschen, der gemeinsame Wille gegen - und auch für - eine Sache erzeugt den Gegendruck und die Intelligenz des Schwarmes, die jene Sachwalter des Alltags aufhorchen lassen. Es ist eben nicht mehr alles alternativlos!
Von der Wiege bis zur Bahre
Gross: “Wir möchten unser Leben selbst in der Hand behalten.” Das Entgegennehmen von Entscheidungen neigt sich dem Ende. “Es gibt einen Überschuss an gesellschaftlichem Können,” so der Abgeordnete, “ein Bürger-Know-How könnte man das nennen.” Die Bürger können viel mehr, als nur einmal aller vier Jahre zu wählen. Und das haben sie inzwischen auch erkannt. Ihnen wurde Unmündigkeit unterstellt. Im Gegenzug registrierten die Menschen eine Abnahme der Leistungsfähigkeit des Politikbetriebes. Ihr Fazit: Dann müssen wir es selbst machen! Das Selbermachen ist aber ein konstruktiver Gedanke. Die Bürger bringen sich ein in die Community, engagieren sich auf kommunaler, regionaler und Bundesebene. Sie sind zupackend und ideenreich, erkennen ihre Bürgermacht. Während die Politik mit medialer Unterstützung ein Klima der Angst verbreitet, die - sicherlich echte - Gefahr von Terrorismus instrumentalisiert, halten Menschen dagegen. Innerhalb von 24 Stunden entstand eine Webseite mit dem Titel wirhabenkeineangst.de und zahlreiche Kommentare und Bekundungen zeigen, wie die Menschen wirklich denken. Unverzerrt durch Presse und Fernsehen.
Neue Formen der Beteiligung
Aus dem dumpfen Trott erwacht, der eigenen Fähigkeiten bewusst, tritt der Bürger - auch das Bürgertum - auf den Plan. Bieten das politische System, die Parteien und Organisationen keine Lösungen und Beteiligung an, verschafft sich der mündige, mächtige Bürger seine eigenen Strukturen und Plattformen. Aus dem früheren “Dagegensein” entwickelt sich ein “Wir versammeln uns und denken gemeinsam in die Zukunft”. Dabei müssen nicht immer Großprojekte der Auslöser sein. In jeder Kommune gibt es Schwachstellen, eingeschliffene Strukturen. Bürgerbeteiligung bei Bebauungsplänen, Straßenverlegungen sind Standard, müssen Standard werden, wo dies noch nicht der Fall ist. Neue Ideen entwickeln sich im Austausch, in der Kommunikation. Und nicht im passiven “Wir sollen bei der Demokratie nur zugucken!”, wie Kabarettist Richling treffend formulierte.
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Unesco-Welttag des audiovisuellen Erbes
27.10.2010 von Tom T. Köhler.
Sagen Ihnen Hi8, 16mm, VHS oder Cinemascope etwas? Muss man Cineast oder Hobbyfilmer sein, um mit diesen Begriffen etwas zu verbinden? Wir leben schon so in der digitalen Welt, dass uns Filme im Fotoapparat oder der Videokamera als sehr rückständig vorkommen. So sind Filme, die sich über Rollen bewegten und Maschinen mit dem charakteristischen Klackern nur noch aus Filmen bekannt. Die Unesco erinnert heute daran – mit dem Welttag des audiovisuellen Erbes. Er erinnert an die Erhaltung von Fotos, Tonaufnahmen, Filmen und Videos, die in den letzten 100 Jahren geschaffen wurden.
Kinokultur
Als es noch keine Fernseher gab, war das Kino eine kulturelle Institution. Heute versuchen die verbliebenen Lichtspielhäuser der Neuzeit, mit reichlich Dolby, 3D und anderem technischen Instrumentarium den Niedergang aufzuhalten. Wer erinnert sich noch an Vaters oder Großvaters Bemühen, den schweren Projektor auf den Stubentisch zu hieven und die Metall- oder Pappschachteln zu sortieren, in denen das familiäre Celluloid verwahrt wurde. Die Filmabende bei knatterndem Gerät und Stummfilm waren das Kino des kleinen Mannes. Später entwickelten findige Ingenieure den Film in der Kassette – das Video ward geboren. Die Kameras wurden handlicher, die Akkus hielten immer länger und ohne anderes Gerät konnte der Film in den heimischen Fernseher transportiert werden. Ein Kabel namens Scart sorgte dafür.
Ton und Bild
Am Tag des audiovisuellen Erbes soll aber auch der Tonaufnahmen und Fotos gedacht werden. Erste Tonaufnahmen wurden gepresst und eine Nadel entlockte den schwarzen Scheiben den Klang der Zeit. Die Schallplatten wurden nach dem Krieg bald von Tonbändern abgelöst. Von den Plattenkameras und Magnesiumlichtern bis zu den heutigen digitalen Wunderdingern liegen 100 Jahre. Die Fotografie, einst im abgedunkelten Dachboden oder Keller mit Chemikalien betrieben, findet heute am Computer statt.
Teure Vergangenheit
Die Technik wird immer noch auf Trödelmärkten oder elektronischen Marktplätzen zu horrenden Preisen angeboten. Wer heute seine AGFA-Kamera-Sammlung erweitern will oder noch Schellack-Platten sucht, weiß, wovon hier die Rede ist. Den Produkten der Technik, den Tonbändern, Schmalfilmen und den Kisten voller Familien-Bilder wird diese Aufmerksamkeit nicht zuteil. Schauen Sie doch am Wochenende mal wieder in den Keller oder auf den Dachboden. Vielleicht wird das verregnete Wochenende zu einer wunderbaren Zeitreise – in die eigene Vergangenheit und völlig analog.
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IFRA Expo - Leitmesse der Zeitungsindustrie in Hamburg eröffnet
4.10.2010 von Tom T. Köhler.
Am Montag, 4. Oktober, um 10 Uhr im Media Port der Hamburg Messe: Der Senator für Wirtschaft und Arbeit der Freien und Hansestadt Hamburg, Ian Karan, WAN-IFRA-Präsident Gavin O’Reilly, und Bernd Aufderheide, CEO der Hamburg Messe, durchschneiden ein blaues Band. Die 40. Leistungsschau der Zeitungs- und Medienindustrie ist eröffnet. Erwartet werden fast 10.000 Besucher.
Stark für Pressefreiheit
Der Weltverband der Zeitungen und Nachrichtenmedien (WAN-IFRA) forderte afrikanische Nationen auf, unverzüglich Gesetze abzuschaffen, die Kritik am System zum Schweigen bringt. Unter dem Vorwand der Diffamierung und Beleidigung existieren Rechtsverordnungen, die einschüchtern und die freie Berichterstattung über den Kontinent verhindern. Die Presse soll als Garant der öffentlichen Rechenschaftspflicht arbeiten können, ohne Angst vor Inhaftierung oder anderen Repressionen. In einem Land, welches demokratisch und der Pressefreiheit verpflichtet ist, können sich hiesige Journalisten die unglaublich schwierigen Verhältnisse und den Druck auf die Medien kaum vorstellen.
Technologie ist der Treiber der Branche
An den Ständen der 340 Aussteller aus 33 Ländern finden die Fachbesucher die neuesten Trends bei Druckmaschinen, Redaktions- und Anzeigensystemen sowie in der Zuliefererindustrie. Ein hoher Anteil (über 90 Prozent) der Besucher sind Entscheider, Chefredakteure und redaktionelle Führungskräfte. Großes Augenmerk richtet sich auf die neuen Vertriebskanäle, wie Tablets, den mobilen Geräten und Paid-Content-Services. Wie sehr alte und neue Technologien nebeneinander ihre Positionen suchen, machte Hamburgs Senator für Wirtschaft und Arbeit klar. Ian Karan: “Die Tageszeitung beim Frühstück oder in der Bahn, der Krimi abends im Bett zum Einschlafen - sie sind nach meiner Auffassung durch digitale Medien nicht zu ersetzen. Oder können Sie sich vorstellen, am Bett ihres Kindes zu sitzen und Schneewittchen vom Laptop vorzulesen?“ Neben den zahlreichen Ständen gibt es auch ein laufendes Programm im Media Port. Vorträge und Präsentationen begleiten die drei Messetage.
Hyperlokal und Geokontext
Moderne Technologie und überall verfügbare Informationen formen ein völlig neues Denken in der Medienindustrie. Dienstleister wie Queport oder die DPA zeigten ihre Angebote in Vorträgen. Mit GoLocal wurde eine unterstützende Plattform für regionale oder lokale Verlagshäuser geschaffen. Der Schritt von global über lokal bis hin zu hyperlokal stellte die Betreiber der Plattform vor völlig neue Aufgaben. Queport sieht sich als intelligenter Informationsbroker. Die Aggregation des Contents ist die Aufgabe. Doch wollen die Mitarbeiter nicht nur den verlagseigenen Content einbinden, sondern auch Fremdcontent, der sich durch hohe Relevanz in regionalen Umfeld auszeichnet, aufnehmen. “Der Klebstoff dazu ist die Such-Technologie”, so Thomas Herbst von Queport. Anerkennen müssen aber auch Spezialisten, dass ein rein technisches, automatisches Verfahren noch nicht funktioniert. Der Mensch ist als Entscheider gefragt. Er stellt Themen manuell heraus.
Der Leiter des dpa-newslab, Dr. Gerd Kamp, erläuterte die Möglichkeiten, mittel Metadaten eine genaue Geokodierung von Ereignissen vorzunehmen. Eingebunden in die Redaktionssysteme können so Karten wie Google Maps den Themen zugeordnet werden. Kamp und seine Kollegen sehen sich als Brückenbauer zwischen den Redaktionen und der Technik. “Saubere Metadaten sind die essentielle Voraussetzung” so Kamp. Mit denen ermöglicht die Technik eine Aggregation über Zeit, Postleitzahl oder Ortsname. Der Pin, den so mancher schon einmal auf eine virtuelle Karte gepiekt hat, wird wohl unser Begleiter werden.
E-Reader und Tablets
Kennen Sie den NEWTON noch? Er war der erste Versuch der Firma APPLE, ein handliches Gerät zur Informationsbeschaffung und -darstellung zu bauen. Sein Makel: Zu früh auf dem Markt, kaum Inhalte zum Anzeigen. 1994 kommt uns heute vor, wie die Steinzeit. WAN-IFRA Managerin Dr. Kristina Sabelström Möller spannt einen Bogen vom NEWTON bist zum IPad. Die ständige Verfügbarkeit des schnellen Internets ermöglicht mit einer Fingerberührung eine Suche, eine Bestellung oder eine Verabredung in einem sozialen Netzwerk zu realisieren. Die Managerin sieht darin die Chance für Unternehmen, eine Art Ökosystem mit den Verbrauchern via Kommunikation aufzubauen. Vorteil der Tablets: Ihre Handhabung ist intuitiver, auch für ältere Menschen schneller zu erlernen, als Laptop oder Netbook. Neben den Tablets gibt es mittlerweile allein 5 Millionen KINDLE. Lesegeräte (Reader) erobern nach und nach den Markt. Auch das Nutzungsverhalten ist anders. Die reine Lesezeit - ohne Bedienung von Elementen - beträgt stolze 95 Prozent. Beim Tablet ist die Tätigkeit im Vordergrund.
Blättern, vergrößern, aufrufen, schließen - alles Vorgänge, die auf dem Hypergerät der Messe Assoziationen zur ENTERPRISE oder zukunftsgeladenen Krimiserien wecken. Ein 100.000-Euro-Tisch steht auf der Messe mit den Namen sedna touch T6.7. Menschen umringen fasziniert das Gerät, Finger schieben auf einem fast schreibtischgroßen Fenster Bilder hin und her. Finger auseinanderziehen: Das Bild wird groß. Rasend schnell werden selbst Bilder mit zweistelliger MB-Zahl geöffnet und verschoben. Ein Tennisball hüpft über die Platte, hinterlässt spannenden Spuren auf dem sensitiven Tisch. Alleine dafür lohnt es sich, die Messe zu besuchen. Sie hat noch bis Mittwoch geöffnet.
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